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Zahlreiche Raketentests Nordkorea feuert in beispiellosem Umfang um sich. Dafür gibt es mehrere Gründe, meinen Experten

Kim Jong Un, Machthaber in Nordkorea 
Kim Jong Un, Machthaber in Nordkorea 
© -/kcna/kns / DPA
Pjöngjang veranstaltet eine Waffenschau in großem Stil, allein am Mittwoch schoss Kim Jong Uns Regime mindestens 23 Raketen ab. Warum?

Nordkorea hat es wieder getan. Und wieder und wieder und wieder. Allein am Mittwoch feuerte Kim Jong Uns Regime mindestens 23 Raketen ab, einen Tag später setzte Pjöngjang noch sechs ballistische Raketenabschüsse oben drauf. Auch eine mutmaßlich atomwaffenfähige Interkontinentalrakete (ICBM) mit Tausenden Kilometern Reichweite soll sich darunter befunden haben, wenngleich dieser Test offenbar fehlgeschlagen sein soll. Jedenfalls schießt die selbsterklärte Atommacht in bisher beispiellosem Umfang um sich, so viel ist sicher. Nur: warum eigentlich?

Provokation im großen Stil

Die aggressive Waffenschau ist eine Provokation von neuer Qualität, nicht zuletzt, weil sie nur wenige Tage nach der Massenpanik in Seoul mit mehr als 150 Todesopfern erfolgte und damit die Staatstrauer in Südkorea streifte, die zu diesem Zeitpunkt offiziell herrschte.

Entsprechend scharf verurteilte man dort die "andauernden Drohungen", die auf der "rücksichtslosen Atomwaffen- und Raketenentwicklung" Nordkoreas beruhten, und unternahm als Folge eigene Waffentests. Auch die laufenden Luftwaffenübungen "Vigilant Storm" mit den USA wurde "in Verbindung mit den jüngsten Provokationen" bis Samstag verlängert.

Eine Reihe von Ländern, unter anderem die USA, Frankreich und Großbritannien, beantragten zudem eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates in New York. Das Treffen soll an diesem Freitag stattfinden. 

Die Eskalationsspirale dreht sich – aber wohin? Kein Zweifel besteht in Washington und Seoul, dass Nordkorea kurz davor ist, einen neuen Atomwaffentest zu unternehmen. Dabei wird zumindest nicht ausgeschlossen, dass der Test noch kurz vor oder kurz nach den Zwischenwahlen in den USA in der nächsten Woche erfolgen könnte – sozusagen als Signal an die USA, denen Pjöngjang eine feindselige Politik vorwirft.

Nicht zuletzt die Menschen in der Region befürchten deshalb, dass sich die Lage so zuspitzen könnte wie vor fünf Jahren, als sie Angst vor einem neuen bewaffneten Konflikt auf der koreanischen Halbinsel spürten. Wie gefährlich die Situation ist, zeigten auch die Raketentests am Mittwoch: Eine nordkoreanische Kurzstreckenrakete überquerte dabei nach Angaben Südkoreas zum ersten Mal seit dem Korea-Krieg (1950 bis 1953) die östliche Seegrenzlinie zwischen beiden Ländern, bevor sie in der Nähe des südkoreanischen Territorialgewässers einschlug.

Und, zum Vergleich: Seit Beginn des Jahres gab es bereits mehr als 50 nordkoreanische Raketentests – als Pjöngjang seinen bisher letzten Atomwaffentest im Jahr 2017 durchführte, schoss es insgesamt 23 Raketen über das Jahr verteilt ab. Also warum die neuerlichen militärischen Muskelspiele? Experten sehen dafür einige Gründe, zum Teil auch recht banale. 

Nordkorea testet seine "Spielzeuge"

Während der Corona-Pandemie schottete sich das ohnehin verarmte Land ab, führte auch merklich weniger Raketentests in den Jahren 2020 (vier) und 2021 (acht) durch. Nun ist die Lage eine andere, der Zeitpunkt aus Sicht des Regimes möglicherweise besser: Im August erklärte Machthaber Kim Jong Un die Pandemie offiziell für beendet, derweil stellt sich die (nicht mehr ganz so) neue US-Regierung demonstrativ an die Seite Südkoreas – und plant definitiv keinen Besuch wie einst Ex-US-Präsident Donald Trump.

"Sie konnten aufgrund politischer Erwägungen einige Jahre lang keine Tests durchführen, daher gehe ich davon aus, dass nordkoreanische Ingenieure und Generäle sehr darauf bedacht sind, sicherzustellen, dass ihre Spielzeuge funktionieren", sagte Andrei Lankov zu CNN, Professor an der Kookmin Universität in Seoul.

Laut Jeffrey Lewis, Waffenexperte und Professor am Middlebury Institute of International Studies in Kalifornien, könnten auch die Wetterbedingungen eine Rolle spielen. Es sei normal, sagte er dem US-Sender, dass Nordkorea die Raketentests während des stürmischen Sommers unterbreche und wieder aufnehme, sobald sich das Wetter im Herbst bessere.  

Weithin einig sind sich Beobachter darüber, dass Nordkorea sein Waffenarsenal in einer Zeit verschärfter globaler Konflikte bewusst zur Schau stellt – wohl auch mit dem Ziel, im Gespräch zu bleiben.

"Sie wollen die Welt daran erinnern, dass sie nicht ignoriert werden sollten, dass sie existieren und ihre Ingenieure rund um die Uhr daran arbeiten, sowohl Atomwaffen als auch Trägersysteme zu entwickeln", fügte Lankov vor diesem Hintergrund gegenüber CNN hinzu. 

Ähnlich sieht es Carl Schuster, ein ehemaliger Einsatzleiter des Joint Intelligence Center des US Pacific Command auf Hawaii, das Militärgeheimdienste mit Informationen unterstützt. Seiner Ansicht nach schieße Kim Jong Un Raketen ab, "um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen". Außerdem könnte sich Nordkorea ermutigt fühlen, die Raketentests jetzt durchzuführen, während der Westen vor allem mit dem Krieg in der Ukraine beschäftigt sei. 

"Die Raketentests begannen im Januar, ungefähr zu der Zeit, als wir anfingen darüber zu berichten, was der russische Präsident Wladimir Putin vorhaben könnte", so Schuster zu CNN. "Kim Jong Un tut das, womit er glaubt davonkommen zu können – er erwartet keinerlei starke US-Reaktion."  

Was passiert als nächstes? Gute Frage

Trotz der umgehenden Reaktion Washingtons und Seouls gehen Experten nicht von einer baldigen Entspannung der Lage aus. Allein: Die Informationen der Geheimdienste über Nordkorea sind offenbar spärlich, sei das Land technologisch unterentwickelt und liefere damit kaum Gelegenheit zum Abfangen von Informationen. Entsprechend schwierig gestalte sich eine Prognose, was Pjöngjang als nächstes vorhaben könnte.

"Da so viel von dem, was Nordkorea tut, vom Führer selbst vorangetrieben wird, muss man wirklich in seinen Kopf eindringen, und das ist ein schwieriges Geheimdienstproblem", sagte Chris Johnstone zu CNN, ein leitender Berater der Denkfabrik Center for Strategic and International Studies in Washington.

Zahlreiche Raketentests: Nordkorea feuert in beispiellosem Umfang um sich. Dafür gibt es mehrere Gründe, meinen Experten

Und so dreht sich die Eskalationsspirale vorerst weiter. Südkorea hat nach Angaben der Streitkräfte als Vorsichtsmaßnahme wegen militärischer Luftübungen in Nordkorea mehr als 80 Kampfjets aufsteigen lassen. Im nordkoreanischen Luftraum über Land sowie vor der Ost- und Westküste seien am Freitag mehr als 180 nordkoreanische Kampfflugzeuge erfasst worden, teilte der Generalstab in der Hauptstadt Seoul mit. Einige Flugzeuge hätten auch Schießübungen veranstaltet. Kim Jong Un setzt seine Waffenschau unbeirrt fort. 

Quellen:  CNN, "Axios"AP News, "New York Times", mit Material der Nachrichtenagenturen DPA und AFP

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