Osteuropa und die Angst vor Putin "Russland versteht keinen milden Dialog"


Sehen die osteuropäischen Länder eine Kriegsgefahr für Europa? Der stern hat bei Kollegen in Bulgarien, Lettland und Litauen nachgefragt.

Die Nato spielt die Szenarien durch, was passieren könnte, wenn die russische Regierung Unruhen im Baltikum anstiften würde. Das nämlich wäre eine Bedrohung für den Weltfrieden. In modernen Zeiten setzen Strategen in Krisen auf Subversion, nicht auf Invasion. Es geht um die Destabilisierung eines Staates, um die Verunsicherung einer Gesellschaft, um die Schwächung der Wirtschaft. Auf das estnische Netz hat es in der Vergangenheit bereits Cyberangriffe gegeben - dass die Russen dahinterstecken gilt als ausgemacht. Wie nah ist der Krieg? Journalistinnen aus Lettland, Litauen und Bulgarien haben dem stern erzählt, wie die Bedrohung durch die Russen in ihren Heimatländern wahrgenommen werden.

Bulgarien

Die Bulgaren sehen die Situation in der Ukraine recht locker. "Bulgarien hat keine Angst vor Russland", sagt die bulgarische Journalistin Milena Mileva. Die Mehrheit der Bulgaren habe Sympathien für Russland. "Das wird immer so bleiben, historisch bedingt, denn Russland hat Bulgarien 1878 die Selbstständigkeit ermöglicht", sagt Mileva. Wenn sich die Bulgaren bedroht fühlten, dann nur von den Interessen amerikanischer Investoren, die das Land für die Gewinnung von Schiefergas nutzen wollten.

Lettland

Seit Beginn des Konflikts um die Krim nimmt die antirussische Stimmung in Lettland deutlich zu. Das beobachtet die lettische Journalistin Aleksandra Jolkina. Die lettische Regierung fürchte eine Ausweitung der Ukraine-Krise auf die baltischen Staaten. Früher hätte Russland seine militärischen Handlungen im Ausland mit der Verteidigung der dort lebenden russischen Staatsbürger rechtfertigt. Heute würden, laut Jolinka, grundsätzlich alle russischsprachigen verteidigt. Dadurch würden die Sorgen noch verstärkt, denn rund 40 Prozent aller Einwohner Lettlands seien russischsprachig, viele seien kaum integriert. Jolinka erzählt: "Nach dem Absturz von MH 17 hat die anti-russische Stimmung im Staat noch zugenommen. Das spiegelt sich auch in der Politik wieder. Der lettische Außenminister Edgars Rinkevics setzte vor kurzem drei in Russland berühmte Popstars - Oleg Gasmanow, Iosif Kobson und Valerija - wegen ihrer angeblicher kremlfreundlichen Haltung in der Ukrainekrise auf eine schwarze Liste. Dadurch wurde den drei Künstlern die Einreise zu einem internationalen Musikwettbewerb im lettischen Jurmala verweigert." Auch wenn in der Bevölkerung vor allem eine Anti-Russland Stimmung herrsche, schrumpfe der Kampfgeist, wenn es um die realen wirtschaftlichen Sanktionen gegen Russland gehe. "Die baltischen Länder sind wirtschaftlich extrem abhängig von Moskau. Über lettischen Hafen exportiert Russland Öl und Kohle nach Westeuropa. Falls aufgrund der Sanktionen der westliche Import aus Russland deutlich reduziert würde, bleiben die lettischne Häfen leer", sagt Jolinka.

Litauen

Auch in Litauen ist die Angst vor Russland seit Ausbruch der Ukrainekrise gewachsen. "Die Ukraine-Krise ist seit Monaten im Fokus aller Medien und wird auch von den Lesern, Zuschauern und Zuhörern intensiv verfolgt", berichtet die litauische Journalistin Vytene Stasaityte. Spannungen zwischen der litauischen und der russischen Bevölkerung im Land habe sie bislang nicht gespürt. Sie Journalistin findet klare Worte für das Verhältnis Litauens zur Nato: "Viele freuen sich, dass Litauen seit zehn Jahren unter dem Schirm der Nato stehen. Manche sehen die Mitgliedschaft in diesem Bündnis als viel wichtiger an, als in der EU. Der EU vertraut man in Verteidigungsfragen wenig." In Litauen plädiere man für einen strengeren Umgang des Westens mit Russland, denn das Land verstehe keinen höflichen und milden Dialog. Russlands Ziel sei es, die Ukraine zu schwächen. "Nur ganz strenge Sanktionen können den Kurs von Putin ändern. Jetzt ist er in Russland sehr populär, aber das ist eine Frage der Zeit. Wenn die Oligarchen viel Geld verlieren und es dem Staat auch an Einkommen mangelt, wird auch die Unterstützung für Putin abnehmen."

Von Aleksandra Jolkina, Milena Mileva und Vytene Stasaityte

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