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Presseschau zur Krise in Ägypten: "Jeder kocht eigenes Süppchen auf den Flammen Kairos"

Soll man auf einen Dialog zwischen den Muslimbrüdern und dem ägyptischen Militär hoffen oder Sanktionen einleiten und die großzügigen Militärhilfen streichen? Die europäische Presse ist sich uneinig.

Die Welt schaut mit Schrecken nach Ägypten. Nach den gewaltsamen Ausschreitungen mit hunderten Toten bereitet sich das Land auf neue Demonstrationen vor. Unter dem Motto "Freitag der Wut" seien friedliche Kundgebungen geplant, aber niemand könne garantieren, dass es nicht auch zu Gewalt und Brandanschlägen komme, sagte der Generalsekretär der Islamischen Partei, Mohammed Abu Samra, dem Nachrichtenportal der Kairoer Tageszeitung "Al-Masry Al-Youm".

Währenddessen spekuliert die europäische Presse über die Ursachen, die Wirkungen und den weiteren Verlauf der ägyptischen Revolution. Als Schuldiger am Massaker wird der Militärapparat identifiziert. Eine neue Militärdikatatur prophezeit die französische und die norwegische Presse. Doch während die einen noch auf einen Dialog und eine diplomatische Lösung des Konflikts hoffen, beginnen Dänemark und die Niederlanden mit Sanktionen. Auch andere europäischen Staaten sollten diesem Beispiel folgen, fordert die niederländische Zeitung "de Volkskrant".

Die österreichische Zeitung "Die Presse" sieht den Westen in der Mitverantwortung an den blutigen Ausschreitungen. Die Indifferenz, mit der Europa und die USA dem Militärputsch begegneten, habe den Generälen einen Freibrief für ein Blutbad erteilt. Die Schweizer sorgen sich hingegen um die steigenden Ölpreise .

"Le Figaro", Frankreich

Die konservative Pariser Zeitung "Le Figaro" hofft noch auf einen Diolog zwischen den Muslimbrüdern und dem Militär:

"Die vorsätzliche und mörderische Stürmung der Protestlager (der Anhänger des abgesetzten Präsidenten Mohammed Mursi) und die Verhängung des Notstandes können nur einem Zweck dienen: Die Armee stellt damit klar, dass die Islamisten nicht mehr unter dem Vorwand der Revolution in Ägypten die Macht der Armee infrage stellen können. Die Muslimbrüder müssen diesen Schlag verkraften. Durch die Unterdrückung möchten sie zu Märtyrern der Revolution werden. Sie haben sich jedoch als unfähig erwiesen, das Land demokratisch zu regieren. Durch diesen Machtkampf wird ihnen jetzt jede Beteiligung an eine Rückkehr zur Demokratie unter der Führung der Militärs unmöglich gemacht. Man kann nur hoffen, dass sich auf beiden Seiten Stimmen der Vernunft erheben, um einen Dialog zu fordern."

"Libération", Frankreich

Die linksliberale Pariser Zeitung "Libération" warnt am Freitag vor den Folgen der blutigen Ausschreitungen in Ägypten:

"Der Westen, der de facto den Staatsstreich (der Entmachtung von Präsident Mohammed Mursi) unterstützt hat, muss diese gewalttätige Unterdrückung verurteilen, da sie andere Gewalttaten befürchten lässt. Demokraten und Nichtreligiöse, die heute diese Metzelei dulden, machen sich Illusionen, wenn sie glauben, dass sie verschont werden, wenn sie den Militärs in die Quere kommen. Die Armee ist zu allem bereit, um ihre Macht und ihre Privilegien zu verteidigen, sie ist auch bereit, einen Bürgerkrieg loszutreten, wie #link;http://www.stern.de/politik/baschar-al-assad-90282062t.html;Präsident Baschar al Assad# in Syrien. Diese blinde Gewalt kann letztendlich nur den Islamisten in Ägypten und in der gesamten muslimischen Welt nützen. Die ägyptischen Generäle zerstören den Arabischen Frühling."

"Dagsavisen", Norwegen

Die sozialdemokratische #link;http://www.dagsavisen.no/;norwegische Tageszeitung "Dagsavisen"# (Oslo) sieht das Milität in der Hauptverantwortung an dem Massaker und warnt vor einem neuen Militärregime:

"Die ägyptischen Militärputschisten haben am Mittwoch definitiv eine Grenze überschritten. Die wochenlangen Proteste der Muslimbruderschaft waren im Großen und Ganzen friedlich und legitim. Der Angriff des Militär- und Sicherheitsapparates auf das Protest-Camp war klar ein Massaker. Das bedeutet nicht, dass die Anhänger der Muslimbruderschaft reine Helden in diesem Drama sind. Doch es gibt es keinen Zweifel, dass die Hauptverantwortung dafür, dass Ägypten am Abgrund steht, beim Militärregime liegt. Abgrund muss nicht Bürgerkrieg bedeuten, die Bruderschaft ist militärisch zu schwach. Wahrscheinlicher sind die Fortsetzung der brutalen Kampagne gegen die politische Organisation der Bruderschaft, Straßenkämpfe und eine neue Periode unter militärischem Kriegsrecht. Das kann Tage, Wochen oder Jahre dauern."

"de Volkskrant", Niederlanden

Zur Krise in Ägypten meint die niederländische Zeitung "de Volkskrant" fordert Sanktionen:

"Nach dem Militärputsch haben die USA und die EU die Bedeutung eines Dialogs mit den Muslimbrüdern betont. Nur so gäbe es eine Chance für einen friedlichen politischen Prozess, lautete zu Recht die Analyse. Doch die Übergangsregierung - mit der Armee im Rücken - wollte von Forderungen nach einem Dialog nichts hören. (...) Es ist nun an den USA und der EU, unmissverständlich zu reagieren. Dänemark hat am Donnerstag einen ersten Schritt in die richtige Richtung gemacht, indem es die Hilfe für Ägypten auf Eis legte. Die Niederlande folgten wenig später. Andere europäische Staaten täten gut daran, sich ein Beispiel zu nehmen. Es ist Zeit, mit Sanktionen zu reagieren, wenn gute Ratschläge in den Wind geschlagen werden."

"Die Presse", Österreich

Die österreichische Zeitung "Die Presse" verlangt ebenfalss Sanktionen:

"Kairos neue Militärherrscher sind schlimmer als der #link;http://www.stern.de/politik/ausland/mubarak-90527438t.html;gestürzte Präsident Husni Mubarak#. Die Indifferenz des Westens gegenüber dem Putsch haben die Generäle als Freibrief für ein Blutbad verstanden. (...) Eine Mitschuld trifft letztlich auch die Regierungen im Westen. Nicht nur, dass viele nicht den Willen aufbrachten, den Putsch beim Namen zu nennen. US-Außenminister John Kerry ging sogar so weit, das Vorgehen der Generäle mit "Wiederherstellung der Demokratie" zu umschreiben. Kann man es ihnen übelnehmen, das als Freibrief zu interpretieren? Zumal sie in den Mubarak-Jahrzehnten ja eine wichtige Lektion gelernt haben: Egal, was wir tun, das Geld aus Washington fließt. Hoch an der Zeit, dort den Lehrplan zu ändern und die 1,3 Milliarden Dollar Militärhilfe einzufrieren, denn nur ein Militärmanöver abzusagen, wird in Kairo herzlich wenig Eindruck.

"Wedomosti", Russland

Zu den blutigen Unruhen in Ägypten und der gespannten Lage in der Türkei schreibt die #link;http://www.vedomosti.ru/;Moskauer Tageszeitung "Wedomosti"# am Freitag:

"Die Lehren für Ägypten und die Türkei sind, dass keine Stabilität garantiert ist, wenn ein Machtapparat (Armee, Polizei, Geheimdienst) für den Staat verantwortlich ist. Die Armee ist nur eine der "Parteien", eine Macht mit eigenen Werten (Sicherheit) und Interessen (die Geschäfte der Generäle), und das bedeutet, dass sie nicht jeden repräsentieren kann. Es ist besser, wenn der Garant des Staatswesens eine Institution ist, die mehrere Kräfte und Parteien umfasst, eine Institution, die einen häufigen Machtwechsel sicherstellt - zum Beispiel das Parlament."

"De Morgen", Belgien

Die belgische Zeitung "De Morgen" meint, dass Lösingsansätze aus der arabischen Welt kommen müssen:

"Aus Angst vor den Muslimbrüdern und ihrem missglückten Experiment sind säkulare und koptische Ägypter direkt in die Arme der Streitkräfte gelaufen. Leider hat die Armee nichts vorzuweisen, wenn es um demokratische Freiheit geht, doch genau danach sehnen sich Millionen von Ägyptern. Ist nun jegliche Hoffnung verloren? Nein, aber es muss sofort gehandelt werden. Da es den Ägyptern selbst nicht gelingt, muss die internationale Gemeinschaft die Gegner an einen Tisch bekommen. Europa hat dies in den letzten Wochen ernsthaft versucht, jedoch ohne Erfolg. Da vor allem die Muslimbrüder überzeugt werden müssen, wäre es gut, wenn die Initiative nun aus derarabischen Welt und von den Muslimen selbst käme."

"Neue Zürcher Zeitung", Schweiz

Die "Neue Zürcher Zeitung" kommentiert am Freitag die gestiegenen Erdölpreise im Zuge der blutigen Unruhen in Ägypten:

"Die Erfahrung zeigt, dass geopolitische Verwerfungen immer wieder zu verunsichernden Preisausschlägen führen. Neuestes Beispiel sind wohl die blutigen Ereignisse in Ägypten. Das Augenmerk konzentriert sich im Moment auf die Tatsache, dass Ägypten das Nadelöhr des Suezkanals dominiert und zudem mit der Suez-Mediterranean Pipeline (Sumed) auch über eine wichtige Verbindung zwischen dem Roten Meer und dem Mittelmeer verfügt. Was die Märkte indessen stärker beunruhigt als Ägypten allein ist der Umstand, dass der Nahe Osten einmal mehr ein Ort anhaltender Unsicherheit ist, ist er doch laut Angaben der Internationalen Energieagentur immer noch für rund ein Drittel der globalen Erdölförderung verantwortlich."

"Magyar Nemzet, Ungarn

Zu dem Blutbad in Ägypten schreibt die regierungsnahe Budapester Tageszeitung "Magyar Nemzet" am Freitag:

"Das Mubarak-System wurde gestürzt, und seitdem fließt nur Blut auf den Straßen. Von keiner politischen Gruppierung lässt sich sagen, dass sie vertrauenswürdig wäre, jede ist schon einmal gescheitert, und sie alle haben das Land in eine Lage gebracht, dass es langsam unregierbar wird. Natürlich assistiert dem die ganze Welt mit Freuden, jedes Land kocht sein eigenes Süppchen auf den Flammen Kairos. In Ägypten ging jetzt eine weitere Revolution über die Bühne, auf die vielleicht noch eine weitere folgen wird, und dann noch eine und noch eine. Die große Frage ist freilich nur, ob es dann noch ein Ägypten geben wird, das man in die wahre Glückseligkeit wird führen können."

Ellen Ivits mit AFP/DPA / DPA