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Interview

Saudischer Blogger Raif Badawi: Ihr Mann wurde zu 1000 Stockhieben verurteilt, sie kämpft seit Jahren um seine Begnadigung

Seit sieben Jahren kämpft Ensaf Haidar um die Begnadigung ihres Mannes, des saudischen Bloggers Raif Badawi. Der wurde 2012 zu zehn Jahren Gefängnis und 1000 Stockhieben verurteilt – weil er öffentlich die Mächtigen in Saudi-Arabien kritisierte.

Ensaf Haidar, die Frau des saudischen Bloggers Raif Badawi

Ensaf Haidargründete die Raif Badawi Stiftung  zur Unterstützung der freien Meinungsäußerung

Picture Alliance

Frau Haidar, was wissen Sie über Ihren Ehemann Raif Badawi?

Ich hoffe, es geht ihm gut. Meine Kinder und ich blättern jeden Tag in einem Fotoalbum, mit Bildern aus den Tagen, als wir noch eine glückliche Familie in Saudi-Arabien waren.

Wann hatten Sie zuletzt Kontakt?

Vor ein paar Wochen konnte ich kurz am Telefon mit ihm sprechen. Ich mache mir große Sorgen um seine Gesundheit.

Können Sie über die Haftbedingungen etwas sagen?

Raif spricht nie über die Verhältnisse im Gefängnis.

Als Sie 2015 mit dem stern sprachen, saß Raif Badawi in einer Zelle mit 600 anderen Gefangenen.

In der Zwischenzeit wurde er in ein anderes Gefängnis gebracht. Dort lebt er mit 124 Häftlingen in einer Zelle.

Wenn Sie telefonieren dürfen, wie lange dauern dann die Gespräche?

Etwa fünf Minuten. Am glücklichsten klingt Raif, wenn er mit den Kindern sprechen darf.

Wie geht es Ihnen?

Ich warte und warte und versuche, die Hoffnung nicht zu verlieren. Ich vermisse Raif jede Minute und jede Sekunde. Mein Handy habe ich immer dabei, damit er mich immer  erreichen kann. Ich habe keine Telefonnummer von ihm. Ich muss warten, bis Raif sich bei mir melden darf. Er fehlt uns so sehr.

Gibt es in Ihrem Leben trotzdem frohe Momente?

Ja, immer wenn ich höre, dass Raif am Leben ist. Es ist auch ein Trost, dass wir in Kanada, in Sherbrooke, wo wir seit sechs Jahren leben, ein neues Zuhause gefunden haben. Ich habe hier echte Freunde, die mich unterstützen, wenn ich Hilfe brauche.

Sie haben Ihren Ehemann seit sechs Jahren nicht mehr gesehen. Können Sie Ihre Gefühle für Raif beschreiben?

Nicht so gut. Es ist etwas sehr Großes. Er ist in Gedanken jeden Tag bei mir. Meine Liebe für Raif ist tief. Ich bin stolz darauf, dass er kämpft und nicht aufgibt. Aber, verdammt, ich brauche ihn auch hier, jetzt in meinem Leben. Ich brauche einen Ehemann, die Kinder brauchen einen Vater.

Wie verkraften es die Kinder, dass ihr Vater im Gefängnis sitzt?

Es ist schwierig. Alle drei leiden sehr. Am Telefon fragen sie Raif: "Papa, wann kommst du denn wieder?" Dann sagt er: "Jetzt gib mir doch bitte die Mama wieder ans Telefon."

Kommen die drei in der Schule gut klar?

Oh ja, alle drei haben gute Noten. Najwa liebt Wissenschaft und Englisch, Miriyam ist gut in Geschichte und Dode ist ein kleiner Mathematiker.

Ensaf Haidar im Interview, die Frau des saudischen Bloggers Raif Badawi

Sie flohen 2012 mit den Kindern über Ägypten und Libanon nach Kanada, wo sie Asyl fanden. Seit dem 1. Juli 2018 sind Sie kanadische Staatsbürger. Was bedeutet der neue Pass für Sie?

Ich bin jetzt eine stolze Kanadierin. Den Tag, an dem ich zum ersten Mal mit einem kanadischen Pass ins Ausland reisen konnte, werde ich nie vergessen. Diese Freiheit!

Gleich am ersten Tag als Kanadierin, forderten Sie in einer öffentlichen Erklärung das Verbot von Nikab und Burka im Bundesstaat Ontario, wo Sie jetzt leben. Warum?

In Kanada habe ich erst realisiert, wie unter dem Recht der Scharia frauenfeindliche Männer über machtlose Frauen herrschen. Nikab und Burka sind Symbole dafür.

Sie haben ein Buch über Ihr Leben geschrieben*, darin sagen Sie, dass Raif Badawi als Sie ihn kennenlernten wenig Interesse an Politik hatte. Wie kam es bei ihm zum Wandel?

Er gehörte nie zu den Konservativen. Nach unserer Hochzeit sind wir viel ins Ausland gereist. Wir haben dort Freiheit kennen gelernt. Raif fing an, Bücher über die Fanzösische Revolution zu lesen und über die Aufklärung. Das hat ihn sehr beeindruckt. Seine Idee von Freiheit hat er dann so formuliert: "Leben und leben lassen."

Sie bitten den saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman immer wieder um Gnade für Ihren Mann. Rechnen Sie damit, dass Raif Badawi die vollen zehn Jahre absitzen muss?

Ich weiß es nicht. Der Gedanke daran macht mir große Angst.

Er käme im Jahr 2022 frei.

Manchmal träume ich von dem Tag, an dem ich ihn wieder sehe. Dann stelle ich mir vor, wie ich und die Kinder ihn am Flughafen in Montreal abholen. Raif weiß nicht, dass ich in Kanada den Führerschein gemacht habe. Ich stelle mir vor, wie wir zum Auto gehen, wie ich mich hinters Steuer setze und losfahre. Raif wird staunen.

*"Freiheit für Raif Badawi, die Liebe meines Lebens", Ensaf Haidar, Bastei Lübbe, 11 Euro

Das Interview führte Norbert Höfler