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Scheich Ahmed Jassin: Der Terror-Scheich von Gaza

Ariel Sharon ließ einen Gegner töten, den die Strategen Israels einst selbst aufgebaut haben. Scheich Jassin war eine Symbolfigur. Ein gelähmter Greis, körperlich schwach, aber von unbezwingbarem Willen. Sein Tod ist ein Fanal.

Wer Scheich Ahmed Jassin zum ersten Mal traf, war seltsam berührt: Gut, alte Männer mit langen Bärten gehören zur Grundausstattung der Macht in der islamischen Welt. Aber diese Stimme: Als flüsterte eine alte Frau, sprach Jassin mit seinem Fistelfalsett, leise und viel zu hoch für einen Mann, zu den Tausenden, die an seinen Lippen hingen. Und das in Gaza, wo Kampf, Macht, Stärke so viel zählen, wo die jungen Männer stundenlang in verschwitzten Sportklubs Gewichte stemmen, um wenigstens einen kraftvollen Körper zur Schau zu stellen. Wenn sie schon sonst so wenig Stärke aufbringen können gegenüber der Allmacht auf der anderen Seite des Stacheldrahts.

Doch genau dies war es, was Jassin, den obendrein fast blinden, gelähmten alten Mann zum Symbol der stärksten Macht im Elend von Gaza werden ließ: Er war schwach, schwächer als jeder Mann auf der Straße, aber stark in seiner Unbeirrbarkeit. Scheich Jassin war der größte Konkurrent des PLO-Chefs und Palästinenserpräsidenten Jassir Arafat. Als der ihn unter Hausarrest stellen ließ, spottete der Greis nur: "Wohin soll ich denn gehen? Ich bin doch ohnehin zu Hause." Und für Israels Regierung, die schon vergangenen September versucht hatte, den geistigen Paten der Selbstmordattacken zu töten, hatte er nur eine lakonische Erwiderung übrig, bei der er mit den Achseln gezuckt hätte, wenn ihm das möglich gewesen wäre: "Sie können mich töten. Jederzeit. Aber sie werden einen hohen Preis dafür zahlen."

Hunderttausende geleiteten seinen Leichnam durch die Straßen

Vergangenen Montag haben sie ihn getötet, mit drei Raketen, als er gerade in seinem Rollstuhl aus der Moschee geschoben wurde. Sieben Menschen starben mit ihm. Erst Zehn-, dann Hunderttausende geleiteten seinen Leichnam durch die Straßen auf der größten Demonstration, die das protestgewohnte Gaza seit Jahren erlebt hat. Von den Minaretten der Moscheen wurden Koranverse verlesen, selbst die Glocken der zwei Kirchen läuteten. "Das ist ein wahnsinniger und gefährlicher Akt", erklärte der palästinensische Ministerpräsident Ahmed Kurei. "Sie sind die Mörder des Propheten, und heute haben sie ein islamisches Symbol getötet", wütete Hamas-Vetreter Abdel el Rantissi, "das bedeutet Krieg." Stunden später gingen auch die Menschen in Ägypten, im Libanon, in Jordanien auf die Straße. Europas Außenminister verurteilten die Attacke. Nur Israels Regierungssprecher blieben stoisch dabei: Ein entscheidender Drahtzieher des Terrors sei eliminiert worden. Während Hamas-Sprecher verkündeten: Sharon habe das Tor zur Hölle geöffnet.

Jassins Tod ist die vorletzte Etappe in einem jahrzehntelangen Duell zwischen ihm und einem halben Dutzend israelischer Regierungen, die versucht haben, ihn erst zu benutzen, dann mundtot zu machen und schließlich zu töten. Und die ihn, je massiver sie gegen ihn vorgingen, nur mächtiger gemacht haben.

Dabei sah es nicht danach aus, als stünde dem 1936 im Fischerdorf Majdal bei Aschkelon geborenen Ahmed eine große politische Karriere bevor. Nachdem im ersten Krieg 1948 ihr Dorf von der israelischen Armee dem Boden gleichgemacht worden ist, flieht Ahmed Jassins Familie in den Gazastreifen, wo er in den ägyptischen Garnisonen bettelt und die Abfälle nach Essbarem durchwühlt.

Seit dem zwölften Lebensjahr querschnittsgelähmt

Mit zwölf Jahren verletzt er sich beim Sport so unglücklich, dass er fortan querschnittsgelähmt ist. Dennoch gelingt es ihm, als Student an der berühmten Al Azhar-Universität in Kairo angenommen zu werden, wo er sich zum Prediger ausbilden lässt. In Kairo schließt er sich den ersten Islamisten an, einer Muslimbruderschaft. Zurückgekehrt in den Gazastreifen, gründet er dort einen Ableger der Bewegung.

Rasch fällt er den israelischen Militärbehörden auf - aber nicht als ihr Feind, sondern als religiöser Gegenspieler von Arafats PLO. Also bekommt er diskrete Hilfe, darf sogar mit offizieller Genehmigung der Besatzungsmacht sein Sozialwerk im Gazastreifen ausbauen. Zwar wird er 1984 das erste Mal verhaftet, kommt aber bald wieder frei.

Bis sich 1987 die angespannte Lage der Palästinenser in der ersten Intifada entlädt, dem Aufstand der Steinewerfer in Gaza und dem Westjordanland. Aus dem religiösen Netzwerk wird die Hamas, deren Name die Abkürzung für "Islamische Verteidigungsbewegung" ist und außerdem Eifer bedeutet. Jählings wird Israels Militär gewahr, dass es über Jahre kein nützliches Werkzeug zur Schwächung des palästinensischen Widerstands geschaffen, sondern einen unerbittlichen Gegner gepäppelt hat. 1989 wird die Hamas verboten, Jassin von einem israelischen Gericht zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt.

1997 schickt Premier Netanyahu ein Killerkommando

Doch abermals verkehrt sich ein vermeintlicher Schlag Israels gegen den palästinensischen Terrorismus in einen Triumph für Jassin: Im September 1997 schickt Premier Benjamin Netanyahu ein Killerkommando nach Jordanien, den dortigen Hamas-Residenten Chaled Meschal mittels Giftgas umzubringen. Die Operation fliegt auf, die beiden Mossad-Agenten werden festgenommen. Jordaniens König Hussein stellt zornbebend seine Forderungen: ein Gegengift für Meschal - und die Freilassung Jassins. Andernfalls würden die Agenten hingerichtet. Netanyahu gibt klein bei, und Jassin zieht im Triumph in Gaza ein, residiert fortan in seinem schmucklosen Haus in Gaza-Stadt als mächtigster Gegenspieler Jassir Arafats und seiner Autonomiebehörde .

Dabei hatte es zuvor gar nicht rosig ausgesehen für Hamas und die Front der stets Verneinenden. Denn seinen erfolgreichsten Kampf gegen Hamas führte Israel, als es gar nicht kämpfte. Sondern sich Mitte der neunziger Jahre aus Gaza und den Städten der Westbank zurückzog, als - Folge des Osloer Abkommens - Hoffnung auf Frieden, Wohlstand, einen unabhängigen Staat Palästina bestand. Kaum einer wollte weiteres Blutvergießen, und die Aussicht auf eine Herrschaft der Strenggläubigen hatte unter Palästinensern ohnehin nie so viel Anziehungskraft wie der Kampf um Unabhängigkeit. Arafat war unumstrittener Führer, während der Stern von Hamas sank. Hamas benahm sich, wie politische Parteien sich benehmen: Die Führung taktiert und operiert im Rahmen dessen, was bei ihren Anhängern opportun ist, beschränkt sich weitgehend darauf, ihr verzweigtes Hilfswerk am Laufen zu halten, betreibt Schulen, Kindergärten, Kliniken, organisiert Armenspeisungen - und wartet auf schlechtere Zeiten.

Im Sommer 2000, wenige Monate vor Ausbruch der zweiten Intifada, traf ich Ahmed Jassin bei einer Ansprache auf einem staubigen Fußballfeld in Gaza. Zwar waren Tausende gekommen, aber umständlich musste der Scheich erklären, wieso sie eigentlich gegen Oslo seien und trotzdem mit Arafat kooperierten. "Jetzt und hier müssen wir die Realität anerkennen", sprach er in seinem Singsang, wozu er den Kopf schräg legte, den seine Muskeln nicht mehr halten konnten, "und diese Realität heißt Arafat."?

Die Attacken der Hamas sind präzise

Doch dann starb Oslo, ging die Hoffnung auf eine bessere Zukunft zugrunde im Aufflammen der zweiten Intifada. Hamas, so erschien es immer mehr Palästinensern, hatte Recht behalten. Die Strategie von Arafats Autonomiebehörde, deren Korruption und Willkür ohnehin viele Palästinenser abstießen, war gescheitert. Schritt für Schritt zerstörte Israels Militär die Anfänge der Selbstverwaltung, und im Gegenzug schickte Hamas wieder Selbstmordattentäter los, Tod und Entsetzen unter Israels Zivilbevölkerung zu verbreiten. Selbst israelische Ermittler, verzweifelt bestrebt, alle Attentäter vor ihrer Tat abzufangen, zollten Hamas bitteren Respekt: Deren Attacken seien präzise, umsichtig geplante Schläge furchtbarsten Ausmaßes.

Während die Freiwilligen der Aksa-Brigaden und des Islamischen Dschihad sich oft im dichten Netz der israelischen Fahndung verfingen und den wirkungsschwächeren Sprengstoff ihrer todbringenden Bombengürtel selbst anrührten, gehe Hamas anders vor: Geduldig warteten ihre Attentäter vor der Tat, manchmal wochenlang, im Versteck, nutzten eingeschmuggelten Semtex-Plastiksprengstoff und seien für die verheerendsten Anschläge mit Dutzenden Toten verantwortlich.

Wie wenig es half, Hamas-Militante umzubringen, musste Israels Sicherheitsdiensten spätestens seit 1996 klar sein: Monatelang war es zuvor ruhig geblieben, Hamas und PLO hatten sich auf einen Waffenstillstand geeinigt, um die ersten palästinensischen Wahlen nicht zu gefährden. Außerdem sank die Zustimmung zu Hamas und ihrer steten Ablehnung aller Kompromisse und Verbesserungen dramatisch. Doch Israels Inlandsgeheimdienst, nach der Ermordung Yitzhak Rabins unter Druck, wollte seine Fähigkeiten unter Beweis stellen. Am 5. Januar 1996 detonierte ein mit Sprengstoff präpariertes Handy per Fernzündung und riss Yahya Ayyash, dem fähigsten Bombenkonstrukteur der Hamas, den Kopf ab. Fünf Selbstmordattacken später waren knapp 60 Israelis tot, das Land am Rand des Notstands, und Shimon Peres, als politischer Erbe haushoher Favorit bei den israelischen Wahlen, verlor gegen Rechtsausleger Benjamin Netanyahu.

Selbstvernichtung der Unterwerfung vorziehen

Hamas hat bisher jede Niederlage abgewendet, mit der ungeheuren Strategie, die Selbstvernichtung der Unterwerfung vorzuziehen. Dass sie dabei mit ihren Suizidattentaten gegen Zivilisten in Bussen, Restaurants und Shopping Malls die israelische Friedensbewegung ins Aus getrieben haben, kommt wiederum Ariel Sharons Kurs der Gewalt und Härte entgegen. Aber die Führer der Hamas mit "gezielten Liquidierungen" zu töten hat nie zur Abnahme der Anschläge geführt, sondern zum Gegenteil. Selbst zwei ehemalige Chefs des israelischen Inlandsgeheimdienstes haben wieder und wieder davor gewarnt, diese Spirale des Mordens weiterzudrehen.

Vergebens. Mit Scheich Ahmed Jassin hat Israels Luftwaffe den - neben Arafat - wichtigsten Führer der Palästinenser getötet. Es ist eine zynische Verkehrung der Wirklichkeit, wenn die israelische Armeesprecherin Ruth Yaron davon spricht, dies sei eine "lebensrettende Maßnahme für viele Israelis gewesen". Die Rache der Hamas wird den Tod Dutzender israelischer Zivilisten bedeuten. Die Eskalation wird Sharon helfen, den Krieg, die ungehemmte Landnahme, den Ausbau der Siedlungen weiterzubetreiben. Der Tod Jassins nützt ihm - und wird, dies ist die letzte Etappe im Duell Jassin versus Israel, der Hamas nützen. Denn sie sei nun, so schreibt es der nüchterne Analytiker Danny Rubinstein von der israelischen Tageszeitung "Ha'aretz", "endgültig immun geworden gegenüber allen Versuchen Arafats, sie zu bändigen".

Christoph Reuter / print