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STAATSBESUCH: Die bizzare Reise des »geliebten Führers«

Er kommt aus dem Land der roten Schatten, wo der wenige Strom nur zur Beleuchtung der Straßenporträts des »geliebten Führers« dient. Und wo das Fernsehen nur drei Stunden am Tag funktioniert, um ihm ein Loblied zu singen.

Der nordkoreanische Parteichef Kim Jong Il hat am Dienstag von St. Petersburg aus in seinem Sonderzug die etwa 10 000 Kilometer lange Rückfahrt durch Russland nach Hause angetreten. Zuvor hatte er in der nördlichen russischen Metropole die traditionsreiche Kirow-Maschinenbaufabrik besucht und einen Kranz auf dem Gedenkfriedhof für die Opfer des Zweiten Weltkrieges niedergelegt, meldete die Agentur Itar-Tass.

Beim Besuch der Baltika-Brauerei in St. Petersburg am Montag deckte sich Kim nach Angaben der Firma mit »sehr vielen« Bierkästen für die lange Rückfahrt ein. Gegen Dienstagabend wurde Kim zu einem Zwischenstopp ohne offizielle Termine in Moskau erwartet. Dort sollte er eine Nacht in einem Hotel verbringen, während sein Zug auf die Gleise der Transsibirischen Eisenbahn umrangiert werden sollte. Die offiziellen Gespräche in Moskau mit Präsident Wladimir Putin hatte der nordkoreanische Führer bereits am Wochenende geführt.

Russland und Nordkorea vereint gegen US-Abwehrschild

Russland und Nordkorea hatten ihren entschlossenen Widerstand gegen das geplante US-Raketenschild in einer gemeinsamen Erklärung bekräftigt. Beim Besuch des nordkoreanischen Staatschefs Kim Jong Il am Wochenende in Moskau bekannten sich

die beiden Länder klar zum ABM-Vertrag über die Begrenzung der Raketenabwehr aus dem Jahr 1972. Kim und der russische Präsident Wladimir Putin vereinbarten in ihrer »Moskauer Erklärung« außerdem eine enge wirtschaftliche und strategische Zusammenarbeit.

Kim begrüßte die Vereinbarung vom Samstag als »großen Erfolg« seines Besuchs. In der Erklärung betont Nordkorea auch, dass sein Raketenprogramm keine Bedrohung für Länder sei, die die Souveränität Nordkoreas respektierten. Die Entwicklung des Programms solle weiter vorangetrieben werden, hieß es. Bis zum Jahr 2003 wolle Nordkorea aber auf Tests verzichten. Dies hatte Kim bereits im vergangenen Jahr angekündigt. Ein Großteil der »Moskauer Erklärung« bekräftigt die Vereinbarungen, die beide Staaten schon vor einem Jahr getroffen haben. Die Beziehungen hatten zuvor gelitten, nachdem sich Moskau vor rund zehn Jahren an Südkorea angenähert hatte.

Russland sagte Nordkorea weiter Unterstützung beim Wiederaufbau der mit sowjetischer Hilfe etablierten Industrie zu, knüpfte dies jedoch teilweise an die Rückzahlung der nordkoreanischen Schulden. Diese belaufen sich laut Schätzungen auf umgerechnet rund 12,2 Milliarden Mark (62,5 Milliarden Euro). Putin und Kim vereinbarten außerdem eine Zusammenarbeit

beim Anschluss der russischen Eisenbahn an das Schienennetz auf der koreanischen Halbinsel.

Putin will in Korea vermittteln

Kim lud Putin zu einem Gegenbesuch in Pjöngjang ein. Putin nahm den Angaben zufolge an und bot sich zugleich erneut als Vermittler im innerkoreanischen Dialog an, der nach dem historischen Gipfel zwischen Nord- und Südkorea im vergangenen Jahr verstärkt wurde, danach aber ins Stocken geriet.

Vor dem Treffen mit Putin im Kreml legte Kim Kränze am Lenin-Mausoleum auf dem Roten Platz und am Grab des Unbekannten Soldaten nieder. Der 59-Jährige war am Freitagabend nach neun Tagen Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn in Moskau eingetroffen.

Am Sonntag besuchte Kim eine Fertigungsanlage für Raumfahrttechnik nahe Moskau. Auf dem Programm stand außerdem das Kontrollzentrum der russischen Raumfahrtbehörde, bevor Kim am Abend weiter nach St. Petersburg gereist war. Seine Rückreise nach Nordkorea ist für Mittwoch geplant.