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Teil 2: 1800-1865: Das "Land der Freien" in der Zerreißprobe

Durch Zukauf, Krieg und Eroberung dehnen sich die USA bald bis zum Pazifik aus. Doch auf dem Weg zur Großmacht schleppt die Nation ein ungelöstes Problem mit: die Sklavenfrage. Der Konflikt entlädt sich im Bürgerkrieg.

Er schnappte sich einen Strick, packte mich roh und versuchte mich zu fesseln. Ich wehrte mich nach Leibeskräften, aber er war der Stärkere, und nach einem heftigen Kampf schaffte er es, mir die Hände zusammenzubinden und mir das Kleid vom Rücken zu reißen.

Dann griff er sich einen Ochsenziemer und ließ ihn voll auf meine Schultern niedersausen. Kräftig holte er mit dem Folterinstrument aus, und mit furchtbarer Wucht klatschte die Peitsche auf das zuckende Fleisch herab. Sie durchschnitt die Haut, schlug breite Striemen, und warmes Blut tropfte meinen Rücken hinunter. O mein Gott, bis heute spüre ich diese Tortur!"

Die Pein, von der die schwarze Sklavin Elizabeth Keckley berichtet, hat ihr ein Freund ihrer Herrschaft in einem Anfall von Sadismus zugefügt. Ohne jeden Anlass. Einfach mal so. Als sich die 18-Jährige bei ihrem Herrn darüber beschwert, schlägt der sie noch mit einem Stuhl nieder. Schließlich ist sie ja nur eine Sklavin. Bewegliches Eigentum wie ein Stück Vieh. Arbeitstier ohne Rechte. Man kann sie weiterverkaufen, bestrafen und - wenn Not am Mann ist - auch beschlafen.

1619 hat ein holländischer Kapitän die ersten schwarzen Sklaven nach Virginia gebracht. Bis 1800 wächst ihre Zahl in den Südstaaten der USA auf eine Million. Sie werden nicht immer so schlecht behandelt wie die junge Elizabeth: ihre Arbeitskraft ist zu wertvoll. Sie halten die Tabak- und die Baumwollproduktion am Laufen, auf die sich der Wohlstand der Plantagenbesitzer von Virginia oder South Carolina gründet.

Doch Negersklaven dürfen nicht wählen und gegen Weiße nicht vor Gericht aussagen. Und für ihr Heiratsgelöbnis, das juristisch nicht bindend ist - man will sie ja als Einzelstücke nach Belieben weiterverhökern können -, hat man die Formulierung gefunden: "Bis dass der Tod oder die Entfernung euch scheide." Vielerorts ist es Schwarzen auch bei Strafe verboten, lesen und schreiben zu lernen.

Wie können die aufgeklärten Geister der amerikanischen Revolution so etwas dulden? Thomas Jefferson etwa, der 1776 für die Unabhängigkeitserklärung die unsterbliche Maxime formulierte, "dass alle Menschen gleich geschaffen" seien?

Der größte Coup des Präsidenten

Im Prinzip lehnt der dritte Präsident der USA die "besondere Einrichtung" - so nennt man im Süden verschleiernd die Sklaverei - als moralisch verwerflich ab. In der Praxis aber ist der Mann aus Virginia selbst Großgrundbesitzer und lässt, wie übrigens auch sein berühmter Vorgänger George Washington, auf seinen Feldern rechtlose Neger arbeiten (siehe Kasten Seite 78). Er fürchtet die Sprengkraft der Sklavenfrage, denn er weiß, dass seine Standesgenossen nur mit Gewalt von der "besonderen Einrichtung" abgebracht werden könnten.

In den nördlichen Staaten ist die Sklaverei zwar geächtet, doch in der Konstitution der Vereinigten Staaten von 1787 wird sie nicht einmal erwähnt. Die Verfassungsväter klammern die flagrante Verletzung ihrer hehren Prinzipien stillschweigend aus. Der Süden bleibt Sklavenland, und der neue Staat schleppt das Problem wie eine schwärende Wunde über Jahrzehnte mit sich. Das wird sich noch bitter rächen.

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts beschäftigen sich die Präsidenten lieber mit der Frage nach den Grenzen der jungen Republik. Als Jefferson 1801 sein Amt antritt, ist sie durch die Aufnahme von Kentucky und Tennessee schon über den Gebirgskamm der Appalachen hinausgewachsen. Bald kommt das "Northwest Territory" hinzu, das Gebiet bis zu den Großen Seen, wo weitere fünf Bundesstaaten entstehen.

1803 gelingt dem Präsidenten sein größter Coup. Die USA kaufen Frankreich für lächerliche 15 Millionen Dollar Louisiana ab, einen riesigen, von Weißen kaum besiedelten Landstreifen inmitten des Kontinents, der von New Orleans bis zur kanadischen Grenze reicht. Langsam nimmt eine noch utopisch klingende Idee Gestalt an: Warum die USA nicht bis ans Ende der Neuen Welt ausdehnen, bis hinüber zur Pazifikküste?

Jefferson schickt zwei Männer los. Meriwether Lewis und William Clark brauchen 19 Monate, bis sie im Dezember 1805 den Pazifik erreichen. Auf dem Weg werden sie fast von Grizzlybären gefressen, treffen freundliche, aber scheue Indianer und riesige Bisonherden. "Wir aßen gebratenen Büffel, gut gewürzt mit Salz und Pfeffer", vermerkt ihr Tagebuch. Im Angesicht der heranrollenden Pazifikwogen schnitzt Clark eine Botschaft in den Stamm einer Kiefer: "William Clark 3. Dezember 1805. Auf dem Landweg von den Ver.Staaten."

Mit der Rückkehr der beiden Entdecker werden die Großmachtträume der Amerikaner konkreter. "Manifest destiny" heißt das Schlagwort, das alle elektrisiert. Die Expansion von Küste zu Küste als gottgegebener Auftrag, als "offenkundige Bestimmung" der jungen Nation.

Doch vor dem großen Aufbruch führen die USA erneut Krieg gegen England. Er erhält den hochtrabenden Namen "Zweiter Unabhängigkeitskrieg". Dabei ist er überflüssig wie ein Kropf. Weil die englische Marine für ihren Kampf gegen Napoleon immer wieder amerikanische Seeleute mit Gewalt in ihren Dienst presst und London angeblich aufmüpfige Indianer mit Waffen unterstützt, zieht Amerika 1812 gegen Großbritannien ins Feld - ein paar imperialistische Heißsporne im Kongress träumen davon, den ehemaligen Herren jetzt auch noch Kanada wegzunehmen.

Das Capitol in Flammen

Die Kampfhandlungen schleppen sich dahin. Bemerkenswerteste Ereignisse: Die Engländer zünden bei einem Vorstoß auf Washington 1814 das Capitol und das Weiße Haus an. Und Präsident Madison verbringt auf der Flucht vor den Invasoren eine Nacht in einem Hühnerstall. Ende 1814 ist der Krieg aus, und alles bleibt, wie es war. Fast alles.

Die wahren Verlierer der Kämpfe sind die Indianer. Unter dem großen Shawnee-Häuptling Tecumseh unternehmen die vereinigten Stämme zwischen Appalachen und Mississippi einen letzten verzweifelten Versuch, die weißen Siedler zurückzudrängen. Sie verbünden sich mit den Engländern, werden von ihnen aber bitter enttäuscht, denn deren Hilfe kommt fast immer zu spät und zu spärlich. Die Indianer können in den "dunklen und blutigen Landstrichen" von Kentucky bis Mississippi einigen Terror verbreiten, aber den Gewehren der Weißen nichts Gleichwertiges entgegensetzen. In mehreren blutigen Gefechten werden sie besiegt, 1813 fällt Tecumseh. Die Koalition löst sich auf.

Durch die Krankheiten der Weißen, gegen die ihr Immunsystem nicht gewappnet ist, noch mehr dezimiert als durch deren Feuerkraft, werden die Ureinwohner der Neuen Welt erbarmungslos betrogen, verdrängt und dazu auch noch dämonisiert. Zwei Präsidenten, die Generäle Andrew Jackson und William H. Harrison, werden nicht zuletzt deshalb gewählt, weil sie als besonders erfolgreiche Indianer-Killer gelten.

Bezeichnenderweise ist es der Hinterwäldler Jackson, der 1830 ohne Rücksicht auf frühere Verträge den "Indianer-Entfernungs-Erlass" durchsetzt. Danach müssen sich alle Indianer hinter den Mississippi zurückziehen.

Der Oberste Gerichtshof erklärt die Maßnahme für illegal. Jackson stört das nicht. Wer nicht "freiwillig" geht, wird vertrieben.

Die Demütigung von Häuptling Schwarzer Habicht

Einige Stämme leisten Widerstand. Etwa die Sauk unter ihrem Häuptling Schwarzer Habicht. Soldaten und Milizen jagen daraufhin die "roten Teufel" und stellen sie am Mississippi. Obwohl die Indianer die weiße Flagge hissen, werden sie samt Frauen und Kindern von Bundestruppen gnadenlos zusammengeschossen.

Schwarzer Habicht wird als Gefangener nach Washington gebracht. Auge in Auge mit Präsident Jackson sagt er: "Ich habe das Kriegsbeil ausgegraben, um die Beleidigungen zu rächen, die mein Volk nicht mehr aushalten konnte. Sie wissen das so gut wie ich. Mehr habe ich nicht zu sagen." 1833 lässt man den alten Häuptling frei - nicht ohne ihn wie ein Schaustück durch die Straßen mehrerer Ostküsten-Städte zu führen.

Wer steht dem Land- und Machthunger der USA noch im Weg? In Florida sitzen die Spanier. Die sind schwach. Ihr riesiges Kolonialreich in Süd- und Mittelamerika zerbröckelt gerade, von Mexiko bis Argentinien gewinnen überall Unabhängigkeitsbewegungen die Oberhand. General Jackson erobert ein paar Städte und vertreibt den spanischen Gouverneur - schon ist die ehemalige Weltmacht mürbe und verkauft Florida 1819 für fünf Millionen Dollar an die Vereinigten Staaten. Wenig später hat man einen viel größeren Brocken im Visier: Texas. Das Gebiet gehört zum eben unabhängig gewordenen Mexiko. Doch seit Anfang des 19. Jahrhunderts strömen immer mehr Siedler aus dem Norden ins nur spärlich bevölkerte Land am Rio Grande, und die wollen sich von der schwachen Regierung im fernen Mexiko-Stadt nicht länger gängeln lassen. 1835 erheben sie sich.

Die "Todesmelodie von Alamo"

Mit einer prächtig gekleideten Armee von 3000 Mann bricht Diktator Santa Anna zu einer Strafaktion auf. Im Missionskloster Alamo verschanzen sich knapp 190 Freiheitskämpfer und halten der feindlichen Übermacht zwölf Tage stand. Dann werden sie im Nahkampf bis zum letzten Mann niedergemacht. Und die Blechmusik von Santa Annas Armee spielt dazu eine getragene Weise, die als "Todesmelodie von Alamo" in Amerika unsterblich ist.

Zwei Monate später jedoch verliert der eitle Herrscher, der sich gern "Napoleon des Westen" nennt, die Schlacht von San Jacinto gegen ein zahlenmäßig weit unterlegenes texanisches Freiwilligenkorps und versucht, sich in der Uniform eines Gefreiten davonzustehlen. Seine Soldaten erkennen ihn trotzdem und salutieren pflichtschuldig. Die Texaner nehmen Santa Anna gefangen. Die Mehrheit will ihn lynchen, doch ihr Oberbefehlshaber Sam Houston lässt ihn laufen (man wird sich nur zu bald auf dem Schlachtfeld wiedersehen). Texas ist unabhängig. Und will amerikanisch werden "wie eine Braut, die sich für ihren Gatten schmückt", so mit poetischem Feuer Sam Houston, jetzt Präsident von Texas.

Nach zehn Jahren Liebeswerben - die Gegner der Sklaverei im Kongress sträuben sich gegen die Aufnahme des Sklavenhalterstaates - findet die Braut Gehör. 1845 wird Texas in die USA aufgenommen. Santa Anna fürchtet das Schlimmste. Wie lange werden die Vereinigten Staaten noch Mexikos nördliche Provinzen Kalifornien und New Mexico in Ruhe lassen? US-Präsident James Knox Polk, der gerade dabei ist, sich mit England über den Besitz von Oregon an der nördlichen Pazifikküste zu einigen, will im Namen der "offenkundigen Bestimmung" die USA auch im Süden bis zur Westküste ausweiten. Nach einem undurchsichtigen Grenzzwischenfall am Rio Grande gibt es Krieg.

Die Mexikaner wehren sich tapfer. Doch während die amerikanischen Geschütze schon entsetzliche Verheerungen in ihren Reihen anrichten, können die Kugeln ihrer antiquierten Vorderlader die Stellungen der US-Artillerie nicht einmal erreichen. 1847 nehmen US-Truppen Mexiko-Stadt ein und inszenieren dabei ein makabres Schauspiel: Amerikanische Deserteure müssen dem Endkampf unter dem Galgen zusehen, den Hals schon in der Schlinge. Als die letzte Bastion der Mexikaner gestürmt ist, hängt man sie auf.

Die USA verlieren in diesem Krieg 13 000 Mann, nur 2000 davon durch den Feind, den Rest durch Masern, Sumpffieber und Durchfall. Doch im Frieden von Guadelupe-Hidalgo 1848 gewinnen sie alle mexikanischen Besitzungen nördlich des Rio Grande - 70 Jahre nach ihrer Gründung reichen die USA, so ein populäres Schlagwort, "vom Meer (im Osten) bis zum schimmernden Meer" (im Westen).

Goldrausch in Kalifornien

Der riesige Raum, so groß wie Europa, muss nun mit Leben erfüllt werden. Ein Zufall hilft. Kurz vor dem Friedensschluss mit Mexiko wird im nördlichen Kalifornien Gold gefunden. Eine Flut von Glücksrittern, Strauchdieben, Nutten, Händlern, Handwerkern und Missionaren strömt in Richtung Westen. Und auch der Zug der Siedler, die sich mit ihren Planwagen-Karawanen schon seit zwei Jahrzehnten aufmachen, um in den fruchtbaren Tälern jenseits der Rocky Mountains eine neue Heimat zu finden, schwillt an. 300 000 Einwanderer landen allein 1849 in den USA, längst nicht mehr nur Engländer.

Die Deutschen kommen aus den Hungergebieten der Pfalz oder des Hunsrück. Auch die Iren, bei denen zu Hause sich die Engländer wie Kolonialherren aufführen, wollen nur das eine: der Armut entfliehen. Diese Aufgabe packen sie mit so unbeirrbarer Energie an, dass Alexis de Tocqueville schon 1840 in seiner berühmten Schrift "Über die Demokratie in Amerika" feststellt: "Die Liebe zum Reichtum ist also gewöhnlich der Haupt- oder Nebenantrieb im Handeln der Amerikaner; das verleiht all ihren Leidenschaften einen verwandten Zug." Ein Antrieb, der eine Konstante Amerikas bleiben wird.

Das Tempo, mit dem sich eine behäbige englische Küstenkolonie innerhalb eines Menschenalters in einen der größten Staaten der Welt verwandelt, lässt den Amerikanern kaum Zeit und Atem für theoretisch-philosophische Erwägungen. Pragmatische Lösungen sind gefragt - und werden es im Land der unbegrenzten Möglichkeiten immer bleiben.

Noch vor Deutschland beginnen die USA 1830 mit dem Eisenbahnbau. Bald haben sie mit der Strecke Charleston-Atlanta die längste Bahnstrecke der Welt. Robert Fulton konstruiert 1807 das erste brauchbare Dampfschiff, und in Kürze bevölkern ganze Dampferflotten die Flüsse und Seen. Samuel Morse erfindet den Telegraphen, McCormick ein mechanisches Erntegerät, Remington produziert die Schreibmaschine. Und Samuel Colt lässt den nach ihm benannten Revolver auf eine Weise fabrizieren, die einst die Weltwirtschaft revolutionieren wird: Die Einzelteile der Waffe werden in großer Stückzahl völlig gleich gefertigt und dann Schritt für Schritt zusammengebaut. 1849 glückt auch noch die bahnbrechende Erfindung der Sicherheitsnadel.

Hang zum Isolationismus

Ein weiterer wichtiger Grundzug Amerikas bildet sich heraus: der Hang zum Isolationismus. Das Riesenland ist sich selbst genug. Ein schrankenloser Wirtschaftsraum mit allen wichtigen Bodenschätzen ohne gefährdete Grenzen. Die Mexikaner im Süden sind hoffnungslos unterlegen und weit weg hinter den Steinwüsten ihrer Nordprovinzen. Das bewohnte Kanada ist lediglich ein schmaler Landstreifen am Rand der Arktis, in dem auch noch weitgehend dieselbe Sprache gesprochen wird. Und vom Rest der Welt ist man durch Ozeane getrennt.

Als 1823 US-Präsident Monroe die später nach ihm benannte Doktrin "Amerika den Amerikanern!" verkündet, ist der Satz noch eher eine Bitte. 25 Jahre später klingt er wie ein Befehl. Bei uns habt ihr Europäer nichts mehr zu suchen! Der Rest der Welt ist uns egal. Doch die in den Gründerjahren weise Beschränkung auf die eigene Nation birgt später immer wieder die Gefahr der Beschränktheit.

Die Nabelschau wird zu einem chronischen amerikanischen Defekt.

Gegner und Befürworter

Es sind schließlich innere Probleme, die das Land in seinen Grundfesten erschüttern. Zwar gab es im Kongress jedes Mal, wenn ein neues Mitglied in den Staatenbund aufgenommen wurde, heftigen Streit zwischen Gegnern und Befürwortern der Sklaverei. Doch eine klare Linie wurde nie gefunden. Texas etwa nimmt man mit Sklaven in die Union auf, Kalifornien hingegen nur sklavenfrei. Langsam aber steigt in den Nordstaaten die Empörung über die "besondere Einrichtung". Harriet Beecher Stowe veröffentlicht 1852 ihr Buch "Onkel Toms Hütte". Diese sentimentale Schilderung des miserablen Lebens der Schwarzen auf den Baumwollplantagen rührt Millionen.

Die Reaktion der Sklavenhalter wird schriller und aggressiver. In den Südstaaten kommen auf rund sieben Millionen Weiße knapp vier Millionen Schwarze. Die Plantagenbesitzer fürchten um deren höchst einträgliche Arbeitskraft und damit um ihre halbfeudale, beschauliche Lebensform. Sie sehen darüber hinaus mit Unbehagen, wie die Industrialisierung der Nordstaaten voranschreitet. Und sie erkennen, dass deren Bürger mit ihrem Fleiß, ihrer Wirtschaftsmacht und ihren neuen Lebensformen die Südstaatler an die Wand zu drücken drohen. Die Nordisten, giftet die "New Orleans Daily Delta" 1860, seien eine "im Wesentlichen revolutionäre Partei von Sansculotten, Atheisten und Libertins, durchsetzt mit langbehosten Weibern, flüchtigen Sklaven und Apologeten der Rassenmischung".

Im Herbst 1860 wird Abraham Lincoln, Rechtsanwalt aus Illinois, zum Präsidenten gewählt. Ironischerweise ist er kein unerbittlicher Gegner der Sklaverei. Seiner Ansicht nach habe sie laut Verfassung dort, wo sie bereits existiere, unangetastet zu bleiben. Nur die Ausbreitung der Sklaverei in neue Bundesstaaten will er mit "der Festigkeit einer Stahlkette" verhindern. Inzwischen aber gehen die Wogen so hoch, dass selbst diese moderate Position für die meisten Südstaaten unerträglich ist. Am 20. Dezember 1860 sagt sich South Carolina von den USA los.

Der Bürgerkrieg beginnt

In den kommenden Monaten folgen zehn weitere Staaten aus dem Süden. Die Rebellen nennen ihren Bund "Konföderierte Staaten von Amerika". Sie wählen Jefferson Davis zu ihrem Präsidenten und machen Richmond in Virginia zu ihrer Hauptstadt. Mit der Beschießung der Bundesfestung Fort Sumter vor der Küste von Charleston/South Carolina beginnt am 12. April 1861 der Amerikanische Bürgerkrieg. Er wird 600 000 Menschenleben kosten, mehr als alle anderen Kriege der amerikanischen Geschichte bis heute zusammen.

Lincolns Hauptanliegen ist es, den Zerfall der Vereinigten Staaten zu verhindern. Die Sklavenfrage kommt für ihn erst an zweiter Stelle. Doch die Rebellen machen "die große Wahrheit, dass der Neger dem weißen Mann nicht ebenbürtig ist", "zum Eckstein ihrer neuen Regierung", so der Vizepräsident der Konföderation, Alexander H. Stephens. Ein anderer Südstaaten-Politiker drückt es drastischer aus: "Ich möchte in keinem Land leben, wo jemand, der meine Stiefel putzt und mein Pferd striegelt, wie meinesgleichen sein soll." Von der empörten öffentlichen Meinung im Norden getrieben, wird Lincoln Schritt um Schritt radikaler und erklärt schließlich die Befreiung der Schwarzen ohne Wenn und Aber zum Kriegsziel.

Von Anfang an sind die Truppen der Nordstaaten dem Aufgebot der Südstaaten an Menschen und Material weit überlegen. Doch die Konföderierten glauben lange Zeit daran, dieses Manko durch individuellen Mut wettmachen zu können. Außerdem haben sie in General Robert E. Lee den genialsten Strategen des Kriegs. Der 54-jährige Offizier aus Virginia, ein Gentleman ohne Fehl und Tadel, ist hin- und hergerissen. Er sieht die Sklaverei als "moralisches und politisches Übel" an und ist ein Gegner der Sezession. Als der Krieg ausbricht, bieten ihm die Nordstaaten sogar den Oberbefehl über die Unionstruppen an. Lee lehnt ab: "Ich kann doch nicht die Hand gegen meinen Geburtsort, mein Heim und meine Kinder erheben." Er entscheidet sich für die Verteidigung der Heimat. Mit düsteren Vorahnungen. "Ich sehe voraus, dass unser Land ein furchtbares Martyrium wird durchmachen müssen."

U-Boote mit Handantrieb

Er behält Recht. Trotz der fast anachronistischen ritterlichen Bravour, mit der Lees Armee zu Beginn des Kriegs vorgeht, führen die beiden Seiten den ersten modernen Krieg. U-Boote, wenn auch noch mit Handkurbeln angetrieben, werden eingesetzt. Eiserne Schlachtschiffe, gegen die herkömmliche hölzerne Fregatten chancenlos sind. Weit tragende Geschütze und schnell feuernde Präzisionsgewehre, die ganze Regimenter hinmähen und Kavallerieangriffe sinnlos machen.

Die Soldaten lernen die Schrecken moderner Schlachten kennen. "Die markerschütternden Schreie Tausender hatten uns schon in den Ohren gegellt, bevor der Nebel sich lichtete", berichtet ein Nordstaatenoffizier, "jetzt bot sich uns in einer halben Meile Entfernung ein grässliches Schauspiel. Über fünftausend Tote und Verwundete bedeckten den Boden, genügend waren noch am Leben und bewegten sich, was dem ganzen Platz etwas einzigartig Madenhaftes gab." Ein anderer beschreibt das Grauen eines Feldlazaretts, das in einem Gehöft eingerichtet wurde: "Vor dem Haus konnte man die Schweine sehen, die zur Farm gehörten, wie sie Arme und andere amputierte Körperteile fraßen."

Zwei Jahre wogt der Kampf. Im Westen gewinnen die Unionstruppen mehr und mehr die Oberhand. Im Grenzland zwischen Richmond und Washington erringt der brillante Lee zwischen 1861 und 1863 mehrere glänzende Siege. Dann macht er den entscheidenden Fehler. Er fängt an, seine Truppen für unbesiegbar zu halten. "Solche Männer hat es noch in keiner Armee gegeben", sagt er von seinen Soldaten, "wenn sie richtig geführt werden, tun sie alles und gehen überall hin." Er führt 75 000 Mann an Washington vorbei über den Potomac nach Gettysburg in Pennsylvania. Viele Nordstaatenstrategen ergreift Panik. Doch Präsident Lincoln behält kühlen Kopf. "So weit entfernt von ihrer Basis werden wir sie unfehlbar schlagen." Immerhin ist die Unionsarmee, die Lee gegenübertritt, 90000 Mann stark.

Die entscheidende Schlacht

Drei Tage dauert die Schlacht, die den Krieg entscheidet. Lee lässt seine Soldaten frontal eine Anhöhe namens "Cemetery Ridge", Friedhofsgrat, berennen. Am 3. Juli muss er den Angriff nach entsetzlichen Verlusten abbrechen. Als bekannt wird, dass die Union auch im Westen durch die Einnahme von Vicksburg einen entscheidenden Sieg errungen hat, erscheint Lincoln auf dem Balkon des Weißen Hauses und verkündet, die "gigantische Rebellion", die "das Prinzip umstoßen wollte, dass alle Menschen gleich sind", habe einen vernichtenden Schlag hinnehmen müssen. Ein Südstaatengeneral schreibt bitter in sein Tagebuch: "Die Konföderation taumelt ihrer Vernichtung entgegen."

Trotz einzelner Erfolge kann der Süden den Vormarsch des Nordens nicht mehr stoppen. Anfang April 1865 ziehen Unionstruppen in die brennende Konföderiertenhauptstadt Richmond ein. Am 9. April kapituliert Robert E. Lee mit seiner abgerissenen Armee in Virginia. Nordstaatengeneral Ulysses Grant, der die Rebellen zuvor unerbittlich bekämpfte, zeigt Größe. Als seine Soldaten johlen und in die Luft schießen, verbietet er den Freudentaumel. "Die Konföderierten waren jetzt unsere Gefangenen, und wir wollten über ihren tiefen Fall nicht frohlocken", sagt er später. "Der Krieg war vorbei. Die Rebellen waren wieder unsere Landsleute."

Fünf Tage darauf, am Karfreitag, sieht sich Präsident Lincoln mit seiner Frau im Washingtoner Ford?s Theatre das Lustspiel "Unser amerikanischer Cousin" an. Als die Zuschauer eine Pointe besonders laut belachen, schleicht sich der bekannte Schauspieler John Wilkes Booth in die Loge. Booth hat wenige Tage zuvor, als Lincoln in einer Rede mehr Rechte für die Schwarzen anmahnte, wütend ausgerufen: "Bei Gott, dem geh ich an die Gurgel. Das ist die letzte Rede, die er gehalten hat." Der fanatische Südstaatler schießt Lincoln aus nächster Nähe von hinten eine Kugel in den Kopf. Lincoln bricht bewusstlos zusammen und stirbt am 15. April 1865. Bis Anfang Juni ergeben sich die letzten Rebelleneinheiten. Die Einheit der Vereinigten Staaten von Amerika ist damit gerettet. Doch ihr Retter ist tot.

Teja Fiedler / print