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Terroranschlag in Spanien: Die Bombenleger geben Rätsel auf

Nach den verheerenden Bombenanschlägen in Madrid stellen die Spanier sich vor allem eine Frage: Wer ist verantwortlich für das Blutbad? Angeblich hat die ETA jetzt jede Verwicklung bestritten. Ermittelt wird aber noch in alle Richtungen.

War es die ETA oder El Kaida? Einen Tag nach den verheerenden Bombenanschlägen auf vier Pendlerzüge in Madrid stellten die Spanier sich vor allem eine Frage: Wer waren die Terroristen, die das Blutbad in der spanischen Hauptstadt angerichtet haben?

Angeblich hat jetzt die ETA jede Verwicklung in die Bombenanschläge bestritten. Dies berichtete am Freitagabend die baskische Zeitung "Gara", die den Separatisten nahe steht, in ihrer Internet-Ausgabe. Ein Anrufer habe im Namen der ETA jede Verantwortung der Organisation für das Blutbad zurückgewiesen.

Die spanische Regierung war sich anfangs sicher, dass nur die baskische Untergrundorganisation ETA für den blutigsten Terroranschlag in der jüngsten Geschichte des Landes verantwortlich sein konnte. Aber dann kamen Ministerpräsident José María Aznar doch Zweifel. "Die Ermittlungen laufen in alle Richtungen. Es wird keine Hypothese ausgeschlossen", sagte der konservative Regierungschef am Freitag.

"Spaniens 11. September"

Steckte am Ende doch die Organisation von Osama bin Laden hinter den Anschlägen, die als "Spaniens 11. September" in die Annalen eingehen dürften? Eigentlich ist es die Aufgabe der Ermittler, darauf eine Antwort zu finden. Aber die Frage der Täterschaft ist in diesem Fall auch eine hoch politische Frage. Sie könnte sogar den Ausgang der Parlamentswahl entscheidend beeinflussen, die in Spanien an diesem Sonntag ansteht.

"Wenn El Kaida die Bomben gelegt hat, bedeutete dies, dass das Terrornetzwerk den Irak-Krieg auf das spanische Staatsgebiet auszudehnen versucht", meint die Zeitung "El País". Dann wäre die Regierung in einer kniffligen Lage. Innenminister Angel Acebes, der die ETA rasch als Täter identifiziert hatte, müsste sich nachsagen lassen, den islamischen Terrorismus nicht auf der Rechnung gehabt zu haben.

In diesem Fall würden die Wähler daran erinnert, dass die Aznar- Regierung gegen den Willen der großen Mehrheit der Spanier die Amerikaner und Briten im Irak-Krieg unterstützt hatte. Politiker der Opposition hegen daher den Verdacht, dass die Regierung vor dem Hintergrund der Wahlen ein Interesse daran haben könnte, dass die ETA und nicht El Kaida die Bomben gelegt hat.

Indizien für Täterschaft von El Kaida

"Die Bürger haben ein Recht darauf, vor der Wahl zu wissen, wer die Hintermänner der Terroristen waren", sagt der Sozialist José Blanco. Für eine mögliche Täterschaft von El Kaida gibt es mehrere Indizien. In Alcalà de Henares wurden in einem gestohlenen Auto Zünder neben Kassetten mit Koran-Versen entdeckt. In London tauchte ein - wenngleich zweifelhaftes - Bekennerschreiben auf.

Zudem ist Spanien seit Jahren ein beliebtes Rückzugsgebiet von El- Kaida-Terroristen. Die "Köpfe" des 11. September hatten in Tarragona an der Costa Blanca auf einem "Terroristengipfel" die Einzelheiten für die Anschläge in den USA abgesprochen.

"Die Anschläge in Madrid entsprechen nicht dem Modus, nach dem die ETA bisher vorgegangen war", sagt der Direktor von Europol, Jürgen Storbeck, nach Angaben der Zeitung "El Mundo". "Die Attentate der ETA richteten sich bisher gegen bestimmte Personen. Wenn eine Gefahr für andere Leute bestand, gab die ETA eine Warnung."

ETA als Urheber keineswegs auszuschließen

Allerdings scheint eine mögliche Täterschaft der ETA auch keineswegs auszuschließen zu sein. Die spanische Regierung weist darauf hin, dass die Organisation zu Weihnachten bereits Anschläge auf Züge in Madrid geplant habe und damit gescheitert sei. "Wenn das Massaker wirklich ein Werk der ETA war, hätten wir es mit einer völlig neuen ETA zu tun", sagt ein Ermittler.

Britische Experten brachten noch eine weitere Hypothese ins Spiel. Danach könnte die ETA sich mit islamischen Gruppen zusammengetan haben. Dies wird in Spanien jedoch für ausgeschlossen gehalten. "Es scheint uns nicht plausibel zu sein, dass eine marxistisch- leninistische Bande sich mit islamistischen Fanatikern verbündet", meint "El Mundo".

US-Geheimdienste befürchten "spektakuläre Terrorangriffe"

Aus US-Sicht sind die Anschläge von Madrid nur ein düsteres Vorzeichen für die Zukunft - unabhängig davon, ob nun baskische oder islamistische Terroristen verantwortlich sind. Am Montag erst warnte der Chef des Geheimdienstes CIA, George Tenet, vor neuen "spektakulären Terrorangriffen" auf die USA oder ihre Verbündeten. Das Terrornetzwerk El Kaida sei nach wie entschlossen und in der Lage zu einem schrecklichen Anschlag wie den am 11. September 2001 in New York und Washington, betonte er vor einem Senatsausschuss.

Seit diesem "9/11", wie der Schreckenstag vom 11. September kurz in den USA genannt wird, haben Geheimdienste und Wissenschaftler immer wieder vor neuem Terror gewarnt - bis hin zu möglichen Anschlägen mit chemischen, biologischen oder nuklearen Waffen sowie Entführungen von Riesentankern auf hoher See, die dann in westlichen Häfen in die Luft gesprengt werden könnten. Die Anschläge am "3/11" vom Donnerstag (11. März) in Madrid sind für die US-Regierung nur Bestätigung ihrer Befürchtungen. "Die Anschläge erinnern daran, dass Terrorismus eine weltweite Gefahr ist und nicht allein Problem der USA", schrieb die "New York Times".

Unabhängige und regional organisierte Terrorgruppen

Die gefährlichste der Terrorgruppen, das Netzwerk El Kaida von Osama bin Laden, sei nach der Intervention in Afghanistan und angesichts des verstärkten Kampfes gegen den Terrorismus zwar geschwächt, meint CIA-Chef Tenet. Aber weltweit sei die radikal- islamistische Bewegung eher gestärkt. Unabhängige, nicht zentral koordinierte, sondern regional organisierte Terrorgruppen operierten - durchaus im Namen von El Kaida - gegen die USA und ihre Verbündeten, suchten verstärkt nach Ausrüstung mit Massenvernichtungswaffen.

Der "Christian Science Monitor" zitierte hochrangige US- Geheimdienstexperten, die von einer "neuen Generation" besser ausgebildeter Terroristen sprechen, die von Bin Laden inspiriert seien, nicht aber von ihm geführt würden. Der Direktor der US- Militär-Geheimdienstes DIA, Lowell Jacoby, verwies darauf, dass El Kaida weiterhin viel Unterstützung in der islamischen Welt genieße. Viele in Afghanistan gefangen genommene Terroristen, die oft noch Erfahrungen aus dem Untergrundkampf gegen die frühere sowjetische Besatzungsmacht hätten, würden durch junge Leute ersetzt. Diese hätten zwar weniger Kampferfahrung, seien dafür aber ausgebildet und geschult beispielsweise im Umgang mit moderner Computertechnik.

In dieses Bild von Terroristen mit ausgefeilter Technik passten die heimtückischen Anschläge von Madrid mit ihren zeitlich abgestimmten Explosionen durchaus. Allerdings zweifeln US- Geheimdienste daran, dass die "Abu-Hafs-el-Masri-Brigaden" wirklich für die Bomben in Madrid verantwortlich sind. Diese "Brigade", so ein US-Geheimdienstexperte laut der "Washington Post", habe mehrfach nachweislich falsche Bekennerschreiben geschickt. Auch für den gigantischen Stromausfall im Nordosten der USA im vergangenen Sommer wollten die so genannten Brigaden verantwortlich gewesen sein. Es sei nicht einmal sicher, ob diese angeblich zur El Kaida gehörenden Gruppen überhaupt existierten und nicht nur eine Propagandaerfindung seien.

Neue Stufe des Terrors

Die Explosionen von Madrid signalisieren nach verbreiteter US-Ansicht auf jeden Fall eine neue Stufe des Terrors. Selbst wenn El Kaida nichts direkt mit den Anschlägen in Spanien zu tun habe, könne zumindest eine Zusammenarbeit mit der ETA nicht ausgeschlossen werden, so der ehemalige stellvertretende US-Verteidigungsminister Peter Brooks. "Das ganze trägt eher die Handschrift von El Kaida als von der ETA", sagte er in einem Fernsehinterview.

Ein "Albtraum" sei auch die Vorstellung, dass Terrororganisationen in aller Welt von El Kaida "gelernt haben" und nun mit ausgefeilter Technik ihrem Morden nachgehen, kommentierte die "USA Today". FBI- Direktor Robert Mueller warnte am Montag, dass El Kaida auch nach dem Scheitern von Terrorplänen an ursprünglichen Zielen festhalte - die wichtigsten Angriffsziele von El Kaida blieben die Metropolen New York und Washington.

Schmerzhafte Suche nach Vermissten Im Messezentrum am Stadtrand von Madrid, das nach den blutigen Anschlägen zur Leichenhalle umfunktioniert wurde, haben sich verzweifelte Menschen versammelt. Sie warten auf die Namen der Opfer, die noch immer nicht alle identifiziert sind. Viele von ihnen weinen.

Ermattet hocken die 28-jährige Jeanette und ihre zwei Jahre jüngere Schwester Gisela in der zweiten Etage der Messezentrums. Sie rechnen mit dem Schlimmsten, als ein Helfer eine neue Liste mit Namen bringt. Aber weder Jeanettes Zwillingsbruder Luis noch ihr Cousin Angel stehen auf der Liste. "Ich wollte, sie wären nur verletzt und nicht tot", sagt Jeanette. Den ganzen Tag haben die beiden Frauen Krankenhäuser abgegrast, in denen die 1.400 Verletzten behandelt werden. Aber über das Schicksal ihrer Angehörigen war nichts zu erfahren. "Ich muss es rauskriegen. Ich habe solche Angst, weil ich überhaupt nichts weiß", sagt Gisela.

"Es tut so weh"

In der ersten Etage der Messehalle geht der Ausstellungsbetrieb weiter. Ab und zu kommen Studenten oder Geschäftsleute in Anzügen in den zweiten Stock und werfen einen Blick auf die Wartenden. Auch Mercedes Lopezosa harrt dort aus. Die Polizei hatte ihr gesagt, dass ihr Cousin und dessen Frau in den Anschlägen umgekommen seien. Nun ist sie gekommen, um herauszufinden, ob ihre Verwandten wirklich unter den Toten sind. "Die Körper müssen furchtbar entstellt sein", sagt sie. "Es tut so weh."

Die blutigen Terroranschläge in Spanien sind für Bundeskanzler Gerhard Schröder kein Anlass für verschärfte Sicherheitsmaßnahmen in Deutschland. Dies sagte der Kanzler am Freitag in Berlin. Im Bundesrat brachten vier unionsregierte Länder einen Gesetzentwurf für eine Verfassungsänderung ein, die den Abschuss von Terrorflugzeugen durch die Luftwaffe legitimieren soll. Bei den Verhandlungen über einen Zuwanderungskompromiss konnte sich die Union mit ihrer Forderung durchsetzen, auch Sicherheitsaspekte einzubeziehen.

"Keine verschärfte Sicherheitslage in Deutschland"

Schröder ließ sich in einer Koalitionsrunde von seinem Geheimdienstbeauftragten Frank-Walter Steinmeier über die Lage unterrichten. Die Situation werde sehr sorgfältig beobachtet, betonte der Kanzler. "Gegenwärtig gibt es keine Anzeichen für eine verschärfte Sicherheitslage in Deutschland."

Hubert Kahl, Laszlo Trankovits und Seung Hwa Hong / DPA