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USA und Russland "Ich glaube nicht, dass Sie eine Seele haben" – warum Biden gegen Putin klare Kante zeigt

Präsidentenzoff: Joe Biden (l.) und Wladimir Putin
Präsidentenzoff mit Ansage: Joe Biden (l.) und Wladimir Putin
© Eric BARADAT and Pavel Golovkin / various sources / AFP
Nach der Kritik von US-Präsident Joe Biden an Kremlchef Wladimir Putin herrscht in Moskau große Aufregung. Dabei hätte Russlands Staatschef ahnen können, was ihn vom neuen Mann im Weißen Haus erwartet.

Die Beziehungen zwischen Washington und Moskau nähern sich gerade rasant dem Gefrierpunkt. Nachdem US-Präsident Joe Biden seinen russischen Amtskollegen Wladimir Putin jüngst als "Mörder" bezeichnete, zeigt sich der Kreml spürbar angefasst.

Biden war in einem Interview mit dem US-Sender ABC News gefragt worden, ob er Putin für einen "Killer" halte. Der US-Präsident hatte darauf geantwortet: "Das tue ich." In Hinblick auf die mutmaßlichen Versuche Russlands, Einfluss auf die US-Präsidentschaftswahl im vergangenen Jahr zu nehmen, drohte Biden, Putin werde dafür "einen Preis bezahlen".

Putin kontert Bidens Attacke

Russlands Präsident feuerte nun ebenso scharf zurück: Man solle nicht von sich auf andere schließen, wies er seinen Amtskollegen in einer im Fernsehen übertragenen Erklärung zurecht. "Wir sehen in einem anderen Menschen immer unsere eigenen Eigenschaften und denken, dass er so sei wie wir selbst. Das ist nicht nur ein kindischer Ausdruck, ein Scherz. Die Bedeutung ist tief und psychologisch."

Putin warf den USA mit Blick auf ihre Geschichte einen "Genozid an den Indianerstämmen" vor und die Vernichtung von Schwarzen. "Die Vereinigten Staaten sind das einzige Land auf der Erde, das eine Atomwaffe abgeworfen hat – noch dazu auf ein Land ohne Kernwaffen: gegen Japan am Ende des Zweiten Weltkrieges, gegen Hiroshima und Nagasaki." Dafür habe es keinen militärischen Grund gegeben. "Das war die direkte Auslöschung der zivilen Bevölkerung."

"Ohne jede Ironie und ohne Scherz" wünschte der 68 Jahre alte Putin dem zehn Jahre älteren Biden auch "gute Gesundheit" und bekräftigte dann, dass Moskau sich nicht von Washington einschüchtern lassen werde. "Wir werden unsere Interessen verteidigen und mit ihnen zu Bedingungen zusammenarbeiten, die für uns vorteilhaft sind."

Wladimir Putin und Joe Biden

Zuvor hatte bereits Kremlsprecher Dmitri Peskow Bidens Aussagen als "sehr schlimm" bezeichnet. "Natürlich hat es so etwas in der Geschichte noch nicht gegeben", konstatierte Peskow der Agentur Interfax zufolge. Die russisch-amerikanischen Beziehungen seien "sehr schlecht", und Biden habe nun eindeutig gezeigt, dass er kein Interesse habe, das Verhältnis zu verbessern.

Bereits am Mittwoch hatte Russland zum ersten Mal seit mehr als 20 Jahren seinen Botschafter in den USA nach Moskau beordert. Der Diplomat Anatoli Antonow werde zu Konsultationen in die russische Hauptstadt zurückkehren, teilte die Botschaft mit und warnte vor einem "Kollaps" der Beziehungen zu Washington. "Gewisse unüberlegte Erklärungen hochrangiger US-Beamter haben die bereits übermäßig konfrontativen Beziehungen an den Rand des Zusammenbruchs gebracht", erklärte die diplomatische Vertretung.

Neue US-Regierung zeigt Putin klare Kante

Biden nimmt seit seinem Amtsantritt im Januar eine deutlich härtere Haltung gegenüber Moskau ein als sein Vorgänger Donald Trump, dem eine übergroße Nähe zu Putin vorgeworfen wurde und der sogar öffentlich deutlich machte, dass er Putin mehr vertraut als den eigenen Geheimdiensten. Dagegen hat die neue US-Regierung in ihrer erst zweimonatigen Amtszeit bereits die Menschenrechtslage in Russland kritisiert, ein Ende der Verfolgung Oppositioneller gefordert und die Inhaftierung des Kremlkritikers Alexej Nawalny verurteilt.

Wegen des Giftanschlags auf Nawalny verschärften die USA zudem die Exportbeschränkungen für amerikanische Güter nach Russland. Außerdem will das Weiße Haus wegen der mutmaßlichen Einmischung des Kremls in die Präsidentschaftswahl neue Strafmaßnahmen gegen Moskau verhängen.

Die US-Geheimdienste hatten vor wenigen Tagen einen Bericht veröffentlicht, wonach Russland versucht habe, die Wiederwahl von Donald Trump im vergangenen Jahr zu befördern und dessen Herausforderer Biden zu schaden. Moskau habe den Ausgang der Wahl beeinflussen und Unfrieden im Land stiften wollen, heißt es in dem Papier. Putin und seine Regierung hätten die Maßnahmen "genehmigt und durchgeführt".

Als Vizepräsident von Barack Obama hatte Biden anfangs noch auf eine Verbesserung der angespannten Beziehungen zu Russland gesetzt. "Es ist Zeit, den Resetknopf zu drücken und die vielen Bereiche zu überprüfen, in denen wir zusammenarbeiten können und sollten", mahnte er im Februar 2009 auf der Münchener Sicherheitskonferenz.

Bidens Haltung wurde jedoch rasch kritischer. Nach der Annexion der Krim durch Russland 2014 setzte er sich für harte Sanktionen gegen Moskau ein und kündigte finanzielle und militärische Unterstützung der Ukraine an. Russland stehe "allein" und "nackt" vor der Weltöffentlichkeit, erklärte er 2014 bei einem Besuch in Warschau. Die Isolation Moskaus werde zunehmen, wenn es weiter an seinem Kurs festhalte.

"Die größte Bedrohung für Amerika ist Russland"

Im Jahr darauf mahnte Biden bei einer Rede im ukrainischen Parlament. "Im 21. Jahrhundert können wir nicht zulassen, dass Länder Grenzen gewaltsam verändern. Dies sind die Grundregeln. Wenn wir von ihnen abweichen, werden wir es bereuen. Russland hat diese Grundregeln gebrochen und bricht sie weiterhin."

Im Oktober 2020 deutete der damalige Präsidentschaftskandidat der Demokraten dann bereits an, welchen Kurs er bei einem Wahlsieg gegenüber Moskau fahren werde: "Ich denke, die größte Bedrohung für Amerika ist aktuell Russland, was Angriffe auf unsere Sicherheit und die Spaltung unserer Allianzen angeht", sagte er in einem Interview des US-Senders CBS.

Seit Bidens Einzug ins Weiße Haus sei "klar, dass es eine klare Sprache in Washington geben wird nach Russland", kommentierte Bundesaußenminister Heiko Maas jetzt bei einer Pressekonferenz in Berlin die jüngsten Aussagen des US-Präsidenten.

Wie klar diese Sprache sein kann, zeigt eine Begebenheit aus dem Jahr 2011, von der Biden gerne erzählt: "Ich schaue Ihnen in die Augen und ich glaube nicht, dass Sie eine Seele haben", sagte der damalige Vizepräsident demnach bei einem Besuch in Moskau zu Putin. "Wir verstehen uns", habe dieser lächelnd entgegnet. Mit seinen Worten distanzierte sich Biden von Obamas Vorgänger George W. Bush, der meinte, beim Blick in Putins Augen dessen Seele gesehen zu haben und ihm Vertrauenswürdigkeit und Ehrlichkeit attestierte.

Die Anekdote zeigt, wie tief Bidens Misstrauen gegenüber dem ehemaligen Agenten des sowjetischen Geheimdienstes KGB verwurzelt ist. Und offenbar kann er bis heute keine Seele bei Putin erkennen.

Quellen: CNBCCNN, Friedrich-Ebert-Stiftung"Moskauer Deutsche Zeitung", AFP, DPA

DPA AFP

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