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Wikileaks will Millionen Emails veröffentlichen: Assange gegen Assad

Wikileaks hat begonnen, angebliche interne E-Mails der syrischen Regierung und syrischer Firmen zu veröffentlichen. Sie sollen die Doppelzüngigkeit des Westens im Umgang mit dem Regime belegen.

Von Florian Güßgen

Seit dem Vormittag war der Termin über Twitter der Welt mitgeteilt worden. Wikileaks will wieder enthüllen - und hat dafür für 11 Uhr Londoner Zeit, 12 Uhr Mitteleuropäischer Zeit (MEZ), eine Pressekonferenz aus dem Londoner Frontline Club angesetzt. Auch einen Livestream gab es, dessen Aufzeichnung hier auf Youtube zu finden ist.

Was Wikileaks-Sprecherin Sarah Harrison verkündete, könnte es in sich haben. Sie verlas eine Erklärung, in der die Enthüllungsplattform ankündigte, soeben begonnen zu haben, "mehr als zwei Millionen E-Mails von syrischen Politikern, Ministerien und assoziierten Firmen" zu veröffentlichen. Die deutsche Fassung dieser Erklärung können Sie sich hier ansehen. Konkret hieß das: Am Donnerstag wurden zunächst 25 Dokumente veröffentlicht. Die Daten stammen nach Wikileaks-Angaben aus der Zeit zwischen August 2006 und März 2012. Man habe bei der Bearbeitung der Daten mit mehreren Medien zusammengearbeitet, sagte die Sprecherin. Laut Presseerklärung sind dies die libanesische Tageszeitung "Al Akhbar", das ägyptische Blatt "Al Masry Al Youm", die ARD-Anstalt "Norddeutscher Rundfunk" (NDR), die Nachrichtenagentur "Associated Press" in den USA, das Magazin "L'Espresso" in Italien, "Owni" in Frankreich und "Publico.es" in Spanien. In den nächsten zwei Monaten würden Recherchen auf Basis der nun veröffentlichten Daten "ungewöhnliche Einblicke" liefern, verkündete Harrison.

Assange lässt sich zitieren

Der berühmt-berüchtigte Wikileaks-Gründer Julian Assange war nicht bei der Pressekonferenz zugegen. Natürlich nicht. Denn Assange hält sich derzeit mutmaßlich in der Botschaft Ecuadors in London auf, um einer höchstrichterlich verfügten Auslieferung nach Schweden zu entgehen. Dort droht ihm ein Prozess wegen des Vorwurfs von Sexualdelikten. Assange fürchtet die Auslieferung in die USA. Deshalb hat er politisches Asyl in Ecuador beantragt. Trotz seiner Abwesenheit ließ sich Assange in der Pressekonferenz folgendermaßen zitieren: "Die Materialien sind entblößend für Syrien, aber auch entblößend für Syriens Gegner. Es hilft uns nicht bloß die eine oder andere Gruppe zu kritisieren, sondern vor allem, ihre Interessen, Aktionen und Gedanken zu verstehen. Es ist nur durch Verständnis möglich, sich einer Lösung des Konflikts zu nähern."

Welche Sprengkraft die "Syria-Files" entfalten können, ist auf Anhieb kaum einzuschätzen. Es ist grundsätzlich schwer, das Regime von Präsident Baschar al-Assad überhaupt noch zu diskreditieren. Die syrische Regierung hat nicht gezögert, vor den Augen der gesamten Weltöffentlichkeit Teile der eigenen Bevölkerung brutal abzuschlachten und trotzt seit mehr als einem Jahr der internationalen Ächtung - mit russischer Unterstützung. Nach Schätzung von Menschenrechtsgruppen und westlicher Politiker sind bei den Auseinandersetzungen zwischen Regierung und Opposition mehr als 15.000 Menschen getötet worden. Ein Plan des Syrien-Gesandten von Vereinten Nationen (Uno) und Arabischer Liga, Kofi Annan, sieht eine Übergangsregierung aus Vertretern der bisherigen Führung und der Opposition vor. Anders als Russland will der Westen zudem einen Rücktritt Assads.

Die Wikileaks-Dokumente könnten theoretisch wertvolle Einblick in die Funktionsweise des Regimes und seine Verbindungen vor allem mit westlichen Staaten - aber eben auch mit Russland - liefern. Die Daten zeigten, heißt es auf der Wikileaks-Seite, wie "der Westen und westliche Firmen das eine sagten und das andere täten." Die erste Enthüllung, aufbereitet auch vom italienischen Magazin "L'Espresso", belegt angeblich wie der italienische Rüstungskonzern Finmeccanica den syrischen Präsidenten Assad unterstützte. Sie ist hier zu finden.

Eine gewaltige Datenmenge

Die Datenmenge ist gewaltig. Nach Angaben von Wikileaks besteht sie aus insgesamt 2.434.899 Emails, mit 400.000 in arabischer Sprache verfassten Mails und 68.000 Dokumenten in russischer Sprache. Verglichen mit "Cablegate", der Veröffentlichung von diplomatischer Korrespondenz der USA im Jahr 2010, handele es sich um die achtfache Menge an Dokumenten. Deren Echtheit habe man zwar nich allesamt überprüfen können, man gehe jedoch von einer hohen Authentizität aus. Die Dokumente haben man in ein "multifunktionales und mehrsprachiges Data-Mining-System" eingebaut, so Wikileaks. Damit soll das Auswerten vereinfacht werden, sobald die Menge größer werden. Natürlich macht Wikileaks keine Angaben zur Herkunft der Daten.

Das 2006 gegründete Wikileaks hat durch unzählige Veröffentlichungen für Aufmerksamkeit gesorgt. Für globale Aufmerksamkeit sorgte die Plattform 2010 spätestens mit "Cablegate". Zuvor hatte die Seite unter anderem einen Film über das Vorgehen amerikanischer Soldaten in Irak - Titel: "Collateral Damage" - veröffentlicht. Auch diese Enthüllung hatte international für Aufsehen gesorgt. Allerdings bestanden auch bei Befürwortern der Veröffentlichung geheimer Dokumente zunehmend Vorbehalte gegenüber Wikileaks und dem Postulat der totalen Transparenz - zumal Gründer Assange sich vom globalen Helden immer mehr zur zwielichtigen Gestalt zu entwickeln schien.

Bei der Veröffentlichung der amerikanischen Depeschen hatte Wikileaks mit namhaften Medien zusammengearbeitet, der "New York Times" in den USA, dem "Spiegel" in Deutschland oder dem "Guardian" in Großbritannien. Das sollte dafür sorgen, dass die Rohmaterialen auf verantwortungsvolle Weise gesichtet und ausgewertet würden. Nach einer Panne gerieten jedoch auch unbearbeitete Daten der Cables an die Öffentlichkeit. Kritiker warfen Wikileaks vor, Leib und Leben von Informanten der US-Diplomatie zu gefährden, etwa in Afghanistan. Auch innerhalb der Organisation gab es erhebliche Kritik. So sagte sich der Assange-Vertraute und Wikileaks-Sprecher Daniel Domscheit-Berg von Assange los - und nahm Daten mit. In einem stern-Interview sagte er, die Daten seien damals bei Wikileaks nicht sicher gewesen. Im vergangenen Jahr hat Wikileaks wieder mit mehreren Veröffentlichungen, etwa von internen E-Mails der US-Firma Stratfor, auf sich aufmerksam gemacht.

So ist die Veröffentlichung am Donnerstag auch ein Schritt der Organisation, um die eigene Relevanz zu demonstrieren. Wikileaks hat Finanzierungsprobleme, das Verfahren gegen Assange lastet auf der Organisation. Über die Bedeutung und Aussagekraft der Syrien-Dokumente sagt das alles freilich wenig.

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