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Kommentar

Christian Lindner: Die Zockerei des Möchtegern-Macrons

Mit dem Nein zu Jamaika hat FDP-Chef Christian Lindner der Merkel-Republik den Garaus gemacht und zockt mit dem Wohl der Republik - auf eigene Rechnung. Belohnt werden darf er dafür nicht.

Jetzt also, Kreuz durchdrücken, noch einmal durchatmen - und raus ins Licht: "Es ist besser nicht zu regieren, als falsch zu regieren", sagt Christian Lindner.

Mit diesem Satz hat der FDP-Chef nicht weniger getan, als der Merkel-Republik den Garaus gemacht, eine historische Phase der Bundesrepublik beendet – und gleichzeitig das Land in eine Staatskrise gestürzt. Denn in Berlin ist Jamaika nun untergegangen, erstmals in der Geschichte der Republik sind die Parteien offenbar nicht in der Lage, aus eigener Kraft eine Regierung zu bilden.

Christian Lindner erlaubt sich Zockerei mit dem Land

Lindners Kalkül liegt auf der Hand. Lässt sich die sieche SPD mit ihrem schwer lädierten Chef Martin Schulz jetzt tatsächlich wieder in eine Koalition mit der Merkel-Union zwingen, wird er sie im Bundestag als De-Facto-Oppositionsführer vor sich hertreiben.

Und bei Neuwahlen? Dürfte nichts so sein wie im September, denn, wenn man's genau nimmt, müssen CDU, CSU und auch die SPD sich vor allem personell ehrlich machen, wenn sie jetzt wieder vor die Wähler treten wollen. Das würde bedeuten: Merkel weg bei der CDU, Seehofer weg bei der CSU, Schulz weg bei der SPD. Das wäre Neuland und hier könnte Lindner, mit Verweis auf seine inhaltliche Standfestigkeit und mit der neu erwachten Liebe zu rechtskonservativen Positionen in der Flüchtlingsfrage als eine Art Mini-Macron auftreten, als schöpferischer Zerstörer im Schumpeterschen Sinne, als großer "Disruptor", wie sie es im Silicon Valley so gerne nennen - mit der Digitalisierung hat's Lindner ja eh. Soweit, so scheint es, das Kalkül. Dass das riskant ist, weiß Lindner auch. Aber diese Zockerei mit dem Wohl des Landes, die hat er sich jetzt einfach mal erlaubt. Könnte ja klappen.

Es muss Neuwahlen geben

Das Problem: Es wird nicht aufgehen. Denn auch wenn Shades of Jamaika ein Programm der Schmerzen, eher der Hiebe als der Liebe gewesen wäre. Die Mühe hätte sich Lindner schon machen müssen. Da stimmt schon, was jetzt alle so schicksalsschwanger sagen: die Verantwortung ist da, sich zu plagen, selbst wenn das eigene Programm dann leiden muss.

Und jetzt? Muss es Neuwahlen geben. Etwas anderes ist nicht vorstellbar, denn eine Tolerierung von Schwarz-Grün durch die SPD, das wäre in etwa so, als würde man das Schweizer Konkordanzsystem nach Deutschland holen. Bern statt Jamaika in Berlin? Irrsinn.

Am besten ist, die FDP regiert nicht

Und dann? Kann man nur hoffen, dass die neue Kanzlerkandidatin, Ursula von der Leyen oder Annegret Kramp-Karrenbauer, mit dem neuen CSU-Chef Manfred Weber genug Charisma aufbringen, um die AfD durch Glaubwürdigkeit in Schach zu halten, trotz der Störfeuer des neuen bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder. Vielleicht haben die Grünen dann tatsächlich mal Glück und werden dafür belohnt, dass sie in den Sondierungsverhandlungen das gezeigt haben, was die FDP jetzt wieder unter Beweis stellen wollte: Ernsthaftigkeit. Wenn's ganz revolutionär läuft, dann würde es vielleicht sogar für Schwarz-Grün reichen.

Das wäre dann das Erbe, das Christian Lindner nach dieser Nacht verdient hätte. Denn der hat gezeigt: Am besten ist es, wenn die FDP nicht regiert.