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Entführt im Irak: Versichert, aber nicht sicher

Wieder wurden Deutsche im Irak verschleppt, doch diesmal sind sie versichert - mit Policen gegen "Kidnapping und Ransom" von Spezialversicherern. stern.de hat sich in einer sehr verschwiegenen Branche umgehört.

Von Niels Kruse

Je länger sich die Geiselnahme der beiden im Irak entführten Ingenieure hinzieht, desto schweigsamer wird die Bundesregierung. Der Krisenstab des Auswärtigen Amtes möchte auch am Tag sieben der Entführung "keine Angaben" machen - weder über den Verbleib noch über die Forderungen der Täter. "Jeder falsche Zungenschlag in der Öffentlichkeit", so Kanzleramtschef Thomas de Maiziere, könne die Freilassung gefährden. Vor allem soll nichts über mögliche Lösegeldzahlungen bekannt werden.

Versichert?

Dennoch wird diskutiert - vor allem über die Firma Cryotec, die ihre Ingenieure Rene Bräunlich und Thomas Nitschke in den Irak geschickt hatte, um eine Stickstofffabrik aufzubauen. So soll das Unternehmen weder das Auswärtige Amt noch die deutsche Botschaft über den Aufenthalt der beiden Mitarbeiter in der Krisenregion Badschi unterrichtet haben.

Cryotec-Geschäftsführer Peter Bienert wehrt sich gegen Vorwürfe: Einsatzgebiet, Reiseroute und die Situation vor Ort seien im Vorfeld geprüft worden, sagt er. Zudem seien Rene Bräunlich und Thomas Nitzschke gegen Lösegeldforderungen ausreichend versichert. Versichert?

Drei Eingeweihte - maximal

Die niederländische Nassau-Versicherung ist einer der wenigen Unternehmen, die diese so genannten "Kidnapping- und Ransom"-Policen anbietet. Über deren Details schweigt sich die Branche allerdings aus. Entführungsversicherungen dürfen nicht beworben werden, von den geschlossenen Verträgen wissen nur die unmittelbar Beteiligten, außerdem erhält das Vertragswerk einen Codenamen und wird im Safe aufbewahrt. Der Grund für die Geheimniskrämerei liegt auf der Hand: Potentielle Entführer sollen keinesfalls wissen, wer versichert ist - man will schließlich keine Begehrlichkeiten wecken.

Versichert werden vor allem Mitarbeiter großer Firmen, die in oft in riskanten Regionen unterwegs sind - zum Beispiel in Kolumbien, Mexiko oder Brasilien. "Alles Länder in denen sich eine Entführungsindustrie etabliert hat", wie Wolfgang Dinzen, Chef des Krisenmanagements bei Nassau zu stern.de sagt.

Auch der Irak zählt nach den Sturz der Saddam-Regimes zu den risikoreichen Ländern. Als besonders gefährlich gilt die Region Badschi, in der die beiden Ingenieure gereist sind. Eigentlich steht diese Region - wie viele andere auch - auf der schwarzen Liste der Versicherungsfirmen. Aber natürlich lassen sich gegen entsprechend hohe Prämienzahlungen auch Reisen in diese Gebiete versichern.

Nur mit Bodyguards

Zum Teil müssen die Unternehmen sechsstellige Summen für die "Kidnapping- und Ransom"-Policen hinlegen und in Hochrisikoländern zudem einen Katalog an Auflagen für den Schutz der Mitarbeiter erfüllen. "Dazu zählt in den Hochrisikoländern zum Beispiel, dass die Versicherungsnehmer sich nur in Begleitung von Bodyguards bewegen dürfen, Überlandfahrten verboten oder Flüge nur in bestimmten Flugzeugtypen erlaubt sind", so Dinzen.

Vor allem aber verlangen die Versicherungen, dass vor der Reise und im Fall einer Verschleppung ein Krisenberater eingeschaltet wird, der 24 Stunden zur Verfügung steht. "An sie geht ein Teil der Versicherungsprämie ", so Dinzen. Diese Firmen dienen als Makler zwischen den Assekuranzanbietern und Versicherungsnehmern.

"Absolute Ruhe"

Walfried Sauer von der Result-Group, ist Deutschland-Chef einer dieser Krisenberatungsfirmen, sein Unternehmen ist zurzeit auch im arabischen Raum aktiv. Über seine Arbeit möchte er so wenig Einzelheiten wie möglich preisgeben. "Unsere Branche bedarf absoluter Ruhe", sagt Sauer zu stern.de.

Firmen wie die Result-Group stellen oftmals selbst das Sicherheitspersonal, verfügen zudem über Präventiv- und Response-Mitarbeitern. Erstere wägen im Vorfeld die individuellen Risiken für die Reisenden ab, bereiten Ablauf und Routen vor. Die Response-Manager treten auf den Plan, wenn der Entführungsfall eingetreten ist. Für solche Positionen wird oft auf Einheimische oder zumindest Kenner der Region zurückgegriffen. Sie versuchen Kontakt mit Entführern herzustellen und führen unter Umständen auch die Verhandlungen.

Monate oder Stunden

Die Verhandlungen können sich je nach Art und Motivation der Täter Monate hinziehen - wenn sie sich denn gemeldet haben. "In Kolumbien dauert es manchmal bis zu einem halben Jahr, bis man etwas von den Entführern hört", sagt Versicherungsdirektor Dinzen.

Weiter nördlich, in Mexiko, kann es bei den so genannten Express-Entführungen dagegen schnell gehen, genauer gesagt: sehr schnell. Professionelle Banden spionieren dort das Leben gutsituierter Familien aus. Geht zum Beispiel die Tochter für zwei Stunden in Kino, rufen die Kriminellen die Eltern an, geben vor sie entführt zu haben, und verlangen Lösegeld. "Oft genug wird bei 'Express-Entführungen' gezahlt, bevor die Tochter wieder nach Hause kommt, in der Regel zwischen 5000 und 20.000 Dollar", so Dinzen.

Politische Fälle am schwierigsten

Deutlich schwieriger dagegen die Unterredungen mit politisch motivierten Entführern. "Mit denen verhandelt es sich schwerer, weil ihre Forderungen oft nicht erfüllbar sind", sagt Sauer. Lösegeld spielt für solche Geiselnehmer keine große Rolle; stattdessen verlangen sie, wie im Fall der Ingenieure, politische Zugeständnisse - zum Beispiel den Abzug von Soldaten. Doch darüber können oder wollen die jeweiligen Regierungen nicht verhandeln. Die Engländer, so Sauer, seien besonders streng: Sie würden weder verhandeln noch zahlen.

Der Krisenberater teilt im übrigen die die Kritik von de Maiziere und Schäuble an dem öffentlichen Auswalzen von Verschleppungen. "Jede Einzelheit über die Entführung herauszuposaunen ist kontraproduktiv", sagt Sauer. Vor allem das mehr oder weniger offizielle Eingeständnis der Regierung, im Fall Osthoff Lösegeld gezahlt zu haben, kann Sauer nicht verstehen: "Wenn sich herumspricht, dass sie deutsche Regierung Lösegeld zahlt, dann weckt das Begehrlichkeiten - nicht nur im Irak sondern weltweit." Im Fall Bräunlich und Nitzschke wären die Beteiligten wohl froh, wenn es "nur" um Geld ginge - denn dann wäre der Fall relativ schnell zu lösen - auch dank ihrer Versicherung.