HOME

Familienministerin Kristina Köhler: Von wegen "Küken"

Kristina Köhler ist als Familienministerin vereidigt. Sie ist der neue Jungstar im Kabinett Merkel und hat viel vor - auch persönlich. Ein Porträt.

Von Sven Becker und Lutz Kinkel

Tusch! Applaus! Glückwünsche! Christdemokratin Kristina Köhler, 32, das "Küken des Kabinetts", ist als Bundesfamilienministerin vereidigt. Als sie den Eid im Bundestag schwört, verhaspelt sie sich anfangs leicht, dann wirkt sie souverän. Nur wenige Meter entfernt, ganz außen auf der Regierungsbank, sitzt der junge parlamentarische Staatsekretär im Innenministerium, Ole Schröder, 38. Er hat die Hände gefaltet und lächelt fein: Köhler ist seine Lebensgefährtin. Doch sie, ganz Profi, schenkt ihm nicht einen Blick. Dann nimmt auch Köhler Platz auf der Regierungsbank, ihre Vorgängerin Ursula von der Leyen gratuliert als Erste.

Von der Leyen hatte Köhler schon am Montag das Ministerium übergeben. Denn die Arbeit wartet - und davon gibt es reichlich. Köhler muss den heiklen Streit ums Betreuungsgeld lösen, schon vor Amtsantritt sagte sie, es gäbe einen "schweren Zielkonflikt", welche Familien für ihre Kinder Barzahlungen und welche nur Gutscheine erhalten sollen. Außerdem hatte sie angekündigt, sich um die rechtliche Besserstellung homosexueller Partnerschaften zu kümmern. Der versprochene Ausbau von Krippenplätzen muss auch in Gang kommen - weiß der Himmel wie, angesichts der leeren Kassen bei Bund und Ländern. Und schließlich, Politik ist ja ein "Menschengeschäft", hat Köhler alle Hände voll mit ihrer Ministerwerdung zu tun. Das wenige, was bisher über sie bekannt ist, hat sich schon zu turmhohen Vorbehalten gegenüber ihrer Person festgebacken.

Konkurrenz für Jungstars Guttenberg und Rösler

Sie fährt privat Mini, sie mag die TV-Serie "Lindenstraße", sie hört gerne "Rosenstolz" und sie ist immer perfekt gestylt: eleganter Hosenanzug, Perle im Ohr, sorgsam frisierte, blonde Haare - allein aufgrund ihres Aussehens klebte ihr schnell der Spitzname "Merkels Mädchen" an. Und dieser Spitzname umreißt eines ihrer Imageprobleme: ein "Mädchen" als Ministerin?

Genau diese Frage ging, etwas höflicher formuliert, am Dienstagnachmittag an CSU-Chef Horst Seehofer. Er saß in der bayerischen Landesvertretung und wollte den Journalisten eigentlich den Steuerstreit der Koalition erklären. Aber dann hieß es: Sagen Sie mal, Herr Seehofer, haben Sie eigentlich ein Problem mit einer Familienministerin, die unverheiratet ist und keine Kinder hat? Der grauhaarige Bayer setzte ein muffiges Gesicht auf und sagte: "Nein." Keine Silbe mehr. Das reichte, um anzudeuten, dass er mit der Wahl Köhlers nicht allzu glücklich ist. Vermutlich deshalb, weil sie beim Betreuungsgeld, spöttisch auch "Herdprämie" genannt, nicht zu 100 Prozent die CSU-Linie fährt. Vermutlich auch deshalb, weil die CDU mit Köhler nun auch einen Jungstar im Kabinett hat, der CSU-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, 37, und FDP-Gesundheitsminister Philipp Rösler, 36, noch überstrahlen könnte. Und schließlich: eine junge, ledige, kinderlose Frau ist von der konservativen Idee der heiligen bürgerlichen Familie tatsächlich ein paar Kilometer entfernt.

Die Sache mit den Kindern

Doch gemach, gemach: Köhler bastelt nicht nur an ihrer politischen sondern auch an ihrer privaten Zukunft - die, eben weil sie Familienministerin ist, auch eine politische Note hat. Am 13. Februar 2010 will sie in ihrer Heimatstadt Wiesbaden ihren Lebensgefährten Ole Schröder, CDU, heiraten. Die Einladungen zum "schönsten Tag im Leben" waren laut "Bild" bereits verschickt, als Angela Merkel vergangene Woche bei Köhler durchklingelte, um ihr das neue Amt anzutragen. Zur Familienplanung hatte sich die Hessin auch schon geäußert. "Mindestens zwei Kinder" wolle sie, hatte Köhler der "Brigitte" gesteckt. Und wann will sie die bekommen?

Niemand weiß es, aber in ihrem Wiesbadener Umfeld wird schon freudig vorausgedacht, wie das wäre, wenn Köhler als Ministerin schwanger würde. "Wir müssten ihr als Mutter größere Spielräume einräumen", sagt Bernhard Lorenz, Fraktionschef der CDU im Rathaus der Landeshauptstadt und ein alter Freund Köhlers, zu stern.de. "Ansonsten könnten wir uns jede Sonntagsrede über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sparen." Das wäre in der Tat ein interessantes Novum in der Geschichte der Bundesrepublik - und ein PR-Coup der Regierung obendrein: eine junge, strahlend schöne Ministerin mit Baby auf dem Arm, die nicht nur von modernen Frauen redet, sondern dieses Bild öffentlich höchstselbst verkörpert. Die Schlagzeilen in den bunten Medien würden ihr gehören - und weniger dem AC/DC-Fan Guttenberg (zwei Kinder) oder dem in Vietnam geborenen Rösler (zwei Kinder).

"Web 2.0-Ministerin" - aber nicht doch

Während die persönlichen Lebenslinien der Kristina Köhler offen liegen, sind die politischen nicht so einfach zu erkennen. Alle Klischees, die schnell über sie verbreitet wurden - sie sei eine "Web 2.0-Ministerin" oder gar eine "Rechtsextreme", wie im Internet vielfach kolportiert wird - lösen sich bei näherer Betrachtung auf. Köhler hat zwar eine Homepage, eine Facebook-Seite und sie twittert ihren Tagesablauf, aber zwonullig ist ihr Engagement nicht - sie nutzt diese Medien zur klassischen Eigen-PR, der Dialog mit den Nutzern ist unterbelichtet. Auf abgeordnetenwatch.de verweist sie in einer Standardmail darauf, dass sie Fragen nicht öffentlich sondern nur persönlich beantworte. Das war's. Dialog ist schön, ein kontrollierter Dialog noch viel besser - das scheint ihre Devise zu sein.

Den abstrusen Vorwurf, eine "Rechtsextreme" zu sein, trug sich Köhler durch ihre politische Arbeit ein. Als Extremismusbeauftragte der Union wies sie immer wieder darauf hin, dass es nicht nur Rechts- sondern auch Linksextreme gebe, außerdem gefährliche Islamisten. Anlässlich der Krawalle am 1. Mai im Berliner Kreuzberg warnte sie vor "No-go-areas für Demokraten" und brachte damit linke Politiker gegen sich auf. Wie ein Mühlstein hängt ihr auch die Panorama-Sendung um den Hals, die ihre Zuarbeit im ausländerfeindlich getönten Wahlkampf Roland Kochs 2008 schildert. Köhler ging damals mit der These hausieren, es gäbe immer mehr "deutschfeindliche" Übergriffe von Ausländern - was sich statistisch aber nicht nachweisen ließ. Köhlers Verhandlungspartner aus Verbänden, die sich mit politischem Extremismus auseinandersetzen, lächeln heute darüber. Ja, sie sei zur "Zuspitzung" fähig, sagt einer, der sie seit Jahren kennt. Aber sie neige nicht zur Ideologisierung - sie sei vielmehr sachlich, analytisch und immer ein bisschen distanziert.

Köhler beim CSD

In der bereits prallvollen politischen Biografie Köhlers lassen sich denn auch jede Menge Beispiele finden, die darauf hinweisen, dass sie sich auf sehr eigenen Pfaden bewegt. Wie die Grünen auf stern.de-Anfrage bestätigten, mischt Köhler bei der "Pizza-Connection" mit, einem informellen Verbund von grünen und christdemokratischen Jungpolitikern, die schon mal das Zusammensein proben. Als Büroleiter hat die Abgeordnete Köhler Eike Letocha eingestellt - den Berliner Landesvorsitzenden der Lesben und Schwulen in der Union. Beim Christopher Street Day dieses Jahres in Frankfurt wurde Köhler gar auf dem Wagen der homosexuellen Christdemokraten gesichtet, wie der Schwulenblog queer.de stolz berichtet. Homosexuellen-Verbände haben ihr Engagement für gleichgeschlechtliche Partnerschaften längst wohlwollend registriert - und hoffen nun, dass sie auch das Adoptionsrecht für Homosexuelle entscheidend vorantreibt. Nicht zuletzt hat Köhler - zum Unmut ihrer Partei - für eine dringend notwendige Brückenfinanzierung des Neonazi-Aussteiger-Programms Exit gesorgt.

Mit den handelsüblichen politischen links-rechts-Schemata ist Köhler also nicht zu fassen. Sie gehört vielmehr zu einer jungen Politikergeneration, die nur einen Extremismus kennt: Ehrgeiz - und ansonsten pragmatisch handelt. Über die zentralen Fragen eines Politikerlebens sagte sie in einem Interview für das Buch "Angepasst und ausgebrannt" des Autoren Thomas Leif: "Wann geht man offensiv ran, wann telefoniert man rum, wann hält man besser die Klappe, wann geht man nach vorn, wann bleibt man stehen, wie sucht man sich Verbündete, wie stellt man sich dar. Das passt nicht in Algorithmen, dafür entwickelt man ein Feeling. Man muss natürlich eine gewisse soziale Intelligenz haben." Diese Passage zeigt, wie gut ihre Selbstkontrolle ausgeprägt ist - was in Hintergrundgesprächen mit Journalisten durchaus auch mal zu Unsicherheiten führen kann, wenn sie auf ein Thema nicht, wie es sonst ihre Art ist, perfekt vorbereitet ist. Hat sie dieses Backup, ist sie allerdings kaum zu schlagen: Sie verschaffte sich viel Respekt, als sie Ex-Außenminister Frank-Walter Steinmeier, SPD, und Ex-Außenminister Joschka Fischer, Grüne, im BND-Ausschuss "grillte". Von Fischer, der sie herablassend als etwas begriffsstutzige "junge Kollegin" bezeichnete, ließ sich Köhler überhaupt nicht beeindrucken - sondern forderte ihn einfach auf, seine verschwurbelten Äußerungen eben noch mal zu erklären. Steinmeier verlor durch ihre beinharten Nachfragen die Contenance im Ausschuss und wurde laut.

Karriere ohne Koch

Im Interview für "Angepasst und ausgebrannt" schildert Köhler auch, wie sie überhaupt zur Politik kam. Der Vater ein Oberamtsanwalt, die Mutter macht in Immobilien - eigentlich sei sie in einem "unpolitischen" Haushalt aufgewachsen. Aber die deutsche Wiedervereinigung habe ihr Bewunderung für den damaligen Kanzler abgenötigt. "Während in meiner Klasse alle für Pferde schwärmten, habe ich für Helmut Kohl geschwärmt." Schon mit 14 Jahren trat sie in die CDU ein, und dann ging es im Turbotempo weiter: Junge Union, Stadtverordnete in Wiesbaden, Mitglied im hessischen CDU-Vorstand, Einzug in den Bundestag 2002, nun Ministerin.

Roland Koch übrigens, von dem sie sagt, in Hessen gehe ohne ihn gar nichts, kann nicht als ihr Mentor bezeichnet werden. Nach stern.de-Recherchen hat er sie weder explizit gefördert, noch ihr Steine in den Weg gelegt. Als der Hesse Franz-Josef Jung als Arbeitsministers zurücktrat und Ursula von der Leyen sein Amt übernahm, soll sich Koch zunächst dafür ausgesprochen haben, die hessische Umweltministerin Silke Lautenschläger nach Berlin zu spedieren. Aber Lautenschläger lehnte ab. Da Kanzlerin Angela Merkel unbedingt eine Frau wollte, fiel die Wahl schließlich auf Köhler, die zudem den unschlagbaren Vorteil besitzt, sich nach zwei Legislaturperioden im Bundestag schon bestens auf dem Berliner Parkett auszukennen.

Merkel hat auch mal kleiner angefangen

Nun ist Köhler, von der ehemalige Kollegen in der Jungen Union sagen, sie habe "immer was werden wollen", bereits mit 32 Jahren über die Ziellinie gelaufen. Sie als "Küken" oder "Mädchen" zu bezeichnen, hieße, sie sträflich zu unterschätzen. Angela Merkel war auch mal ein "Mädchen", "Kohls Mädchen" nämlich, und es ist allseits bekannt, wo die kinderlose, damals ledige Merkel anfing - als Ministerin für Jugend und Frauen.

Von:

Sven Becker und