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Frische Größen: Willkommen im Klub

Neben vielen alten Bekannten werden künftig ein paar Jüngere als Stammgäste in den Polit-Talkshows sitzen. Der stern stellt sie vor.

Otto Schily braucht keine Brille, der hat ein Gesicht und eine Frisur. Aber was ist mit Ronald Pofalla? Sie wissen schon: Das ist der von der CDU, den man leicht an seiner sehr modischen Brille von den anderen Junge-Union-Gewächsen unterscheiden kann. Er wird bald CDU-Generalsekretär - ein Job, der Kurt Biedenkopf und Heiner Geißler berühmt gemacht hat. Pofalla wird nun auch berühmt, wenn auch vielleicht eher so wie Laurenz Meyer. Aber den haben Sie wahrscheinlich schon vergessen. Dabei gehörte er noch vor einem Jahr zur Talkshow-Population, die uns sonntags nach dem "Tatort" oder donnerstags nach dem "heute-journal" zu Hause heimsuchte.

Jetzt werden im deutschen Polit-TV die Insassen ausgetauscht. Nicht alle. Aber eine ganze Reihe. Kein Hans Eichel mehr, kein Schily mehr, Stoiber und Beckstein nur noch als Special Guests für Nostalgiker. Dafür immer mehr Pofallas. Die können auch Norbert Röttgen heißen. Das ist ein CDU-Aufsteiger, der seine Homepage im neusachlichen Stil der jungen Garde einleitet: "Mit 87 736 Stimmen - das entspricht einem Zuwachs von 3,6 Prozentpunkten - wurde ich erneut zum Abgeordneten des Wahlkreises Rhein-Sieg-Kreis II (WK 99) gewählt." Gefahren für den Nachtschlaf sind nach TV-Runden mit solchen Politikern nicht zu erwarten.

Aber es gibt Hoffnung auch für die Freunde weniger steriler Debatten. Denn unter den Neuen sind viele, die nicht schon bei der Parteijugend das Phrasendreschen gelernt haben. Ursula von der Leyen, die künftige CDU-Familienministerin, ist so eine Seiteneinsteigerin. Annette Schavan, ihre Kollegin aus dem Forschungsressort, klingt auch nach langen Ministerjahren in Baden-Württemberg noch erstaunlich anders als der deutsche Standardfunktionär. Die beiden dürften schon deshalb TV-Dauergäste werden, weil keine Sendung ohne Frau auskommt.

Nicht weiblich, aber wenigstens jung ist Hubertus Heil. Als Andrea Nahles (siehe Interview S. 62) sich anschickte, versehentlich den SPD-Chef zu stürzen, war Heil als Strippenzieher dabei. Ein Experte für eigene und fremde Karrieren. Nun kriegt er selbst den Generalsekretärsjob, was für den Mann an der Seite des künftigen SPD-Chefs Matthias Platzeck (siehe Porträt S. 38) einer Lizenz zur permanenten O-Ton-Produktion gleichkommt. Die hat auch Risiken. Das hat die Baden-Württembergerin Ute Vogt, eine andere aufstrebende Zukunftshoffnung der SPD, gemerkt, als sie sich gleich nach dem Müntefering-Desaster live im "heute-journal" neue Feinde machte, indem sie die Unschuld vom Ländle gab.

Viele der neuen Gesichter

müssen ihre neue Rolle erst finden. Echte Fehltritte sind dabei von Profis wie dem Außenministerkandidaten Frank-Walter Steinmeier nicht zu erwarten. Aber spannend wird es schon sein, wie Schröders alter Kanzleramtschef den Joschka neuen Typs gibt. Er ist der seriöse Herr mit dem schlohweißen Haar, der künftig immer in "Tagesschau" und "heute" auftritt. Oder Wolfgang Tiefensee, der zwar keine Frisur mehr hat, dem dafür aber eine unbeugsame Haltung nachgesagt wird. In der DDR ließ sich der bisherige Leipziger Oberbürgermeister nicht zum Militärdienst pressen, später spielte er ebenso erfolglos wie publikumswirksam Cello, damit Leipzig Olympiastadt werde. Künftig wird er im Kabinett und im Fernsehen für den Aufbau Ost fideln.

Natürlich werden auch Münte und Schäuble, Gabriel und Koch, Westerwelle und Wulff weiter auf den Studiohockern sitzen. Aber in ihre ritualisierten Runden mischen sich neue Stimmen. Und vielleicht graben sich durch den Stress markante Falten in das Gesicht von Ronald Pofalla, und er wird doch ein neuer Biedenkopf.

Wolfgang Tiefensee (SPD)

Herkunft: Tiefensee, 50, wurde in Gera geboren. Er wuchs in Leipzig auf, wo sein Vater Kapellmeister war. In der DDR konnte er trotz seiner systemkritischen Haltung eine Ausbildung zum Informatiker und Elektroingenieur machen. Tiefensee hat vier Kinder; von seiner Frau lebt er seit diesem Jahr getrennt.

Karriere:

Nach der Wende engagierte sich Tiefensee in der Leipziger Kommunalpolitik. Seit 1998 ist er Oberbürgermeister. In einer großen Koalition soll er als Verkehrsminister auch für den Aufbau Ost zuständig sein.

Chancen:

Er gilt seit langem als großes Talent mit wenig Ehrgeiz. Frühere Angebote für einen Wechsel nach Berlin hat er ausgeschlagen. Weitere Karrieresprünge unwahrscheinlich.

Ursula von der Leyen (CDU)

Herkunft: Von der Leyen, 47, ist die Tochter von Ernst Albrecht, dem früheren CDUMinisterpräsidenten von Niedersachsen. Sie studierte erst Volkswirtschaft, dann Medizin und war lange Krankenhausärztin. Mit ihrem Mann Heiko, einem Bio-Tech-Unternehmer, hat sie sieben Kinder.

Karriere:

2003 wurde von der Leyen Familienministerin in Niedersachsen. Im Jahr darauf zog sie ins CDU-Präsidium ein. In der großen Koalition soll sie, wie in Niedersachsen, das Familienressort übernehmen.

Chancen:

Sie hat Profil in der Familien- und Gesundheitspolitik bewiesen. Ambitionen auf eine Karriere über ihr Fachgebiet hinaus lässt die Seiteneinsteigerin ohne solide Machtbasis in der CDU nicht erkennen.

Ronald Pofalla (CDU)

Herkunft: Pofalla, 46, kommt aus dem Kreis Kleve am Niederrhein. Seine Mutter starb früh, der Vater arbeitete in einer Holzfabrik. Er studierte erst Sozialpädagogik, später Jura. Pofalla ist zum zweiten Mal verheiratet.

Karriere:

Seit 1990 sitzt der Rechtsanwalt im Bundestag, wo er sich der "Jungen Gruppe" der CDU/CSU-Abgeordneten anschloss. 2002 wurde er Justitiar der Unionsfraktion, zu deren stellvertretendem Vorsitzenden er 2004 aufstieg. Als CDU-Generalsekretär soll er künftig die Parteiarbeit organisieren.

Chancen:

Pofalla ist in der CDU bestens vernetzt. Das Merkel-Lager schätzt ihn, alte Kohl-Freunde schätzen ihn ebenso. Er hat Erfahrungen in der Rechts- und Wirtschaftspolitik. Späterer Wechsel ins Kabinett nicht ausgeschlossen.

Ute Vogt (SPD)

Herkunft: Vogt, 41, ist in Wiesloch im Rhein-Neckar-Kreis aufgewachsen. Die sportliche Tochter eines Buchhalters wurde Messdienerin, studierte Jura und arbeitete anschließend als Rechtsanwältin in Pforzheim.

Karriere:

Sie ging früh zu den Jusos und kam 1994 in den Bundestag. Fünf Jahre später wurde sie Vorsitzende der badenwürttembergischen SPD, für die sie 2006 zum zweiten Mal als Spitzenkandidatin bei einer Landtagswahl antritt. Sie war in der letzten Bundesregierung Innen-Staatssekretärin und ist stellvertretende SPD-Vorsitzende.

Chancen:

Vogt gilt als ehrgeizig und kampfstark. Viel hängt für sie vom Abschneiden bei der Landtagswahl am 26. März ab.

Hubertus Heil (SPD)

Herkunft: Heil, 33, kommt aus Hildesheim und hat in Potsdam Politik studiert. Nebenbei arbeitete er für die SPD im brandenburgischen Landtag, bevor er mit nur 25 Jahren Berufspolitiker wurde.

Karriere:

Seit sieben Jahren ist er Bundestagsabgeordneter. Mit anderen Jungen in der SPD-Fraktion gründete er die Gruppe der "Netzwerker", zu deren Sprechern er gehört. Auf dem Parteitag Mitte November soll er zum Generalsekretär gewählt werden.

Chancen:

Heil gilt als ebenso pragmatisch wie taktisch geschickt. Er hat das Vertrauen des künftigen SPD-Chefs Platzeck, den er aus Potsdam kennt - und als 33-Jähriger viel Zeit. Für seine Zukunft gilt: Alles ist möglich.

Frank-Walter Steinmeier (SPD)

Herkunft: Steinmeier, 49, kommt aus Detmold in Ostwestfalen. Nach der Bundeswehr studierte er Jura; Promotion über "Polizeiliche Traditionsreste in den Randzonen sozialer Sicherung". Er ist verheiratet und hat eine Tochter.

Karriere:

Steinmeier kam als Referent in die Niedersächsische Staatskanzlei, zu deren Leiter er 1996 aufstieg. Zwei Jahre später wechselte er mit Gerhard Schröder ins Kanzleramt. Dort war er der wichtigste Organisator der rot-grünen Regierung. Jetzt soll er Außenminister werden.

Chancen:

Er gilt als ebenso effizient wie loyal. Aber ihm fehlt eine Hausmacht in der SPD. Hat den Karrieregipfel erreicht.

Norbert Röttgen (CDU)

Herkunft Röttgen, 40, kommt aus Meckenheim bei Bonn und hat Jura studiert. Er arbeitet seit 1993 als Rechtsanwalt. Mit seiner Frau Ebba, auch sie ist Juristin, hat er drei Kinder.

Karriere:

Seit 1994 sitzt Röttgen im Bundestag. In der Unionsfraktion stieg er Anfang des Jahres zum Ersten Parlamentarischen Geschäftsführer auf. Auch künftig soll er die Fraktionsarbeit organisieren.

Chancen:

Er galt lange als Favorit für den Posten des Kanzleramtsministers unter Angela Merkel. Auch wenn er jetzt doch nicht ins Kabinett wechselt, scheint der Sprung in ein Ministeramt bei nächster Gelegenheit wahrscheinlich - auch weil in der Regierung kein einziger Vertreter seines mächtigen CDU-Landesverbandes Nordrhein-Westfalen sitzt.

Annette Schavan (CDU)

Herkunft: Schavan, 50, stammt aus Jüchen im Rheinland. Sie hat Philosophie und katholische Theologie studiert und anschließend beim Studienförderwerk Cusanus gearbeitet, das sie als erste Frau leitete.

Karriere:

1995 wurde Schavan Kultusministerin in Baden-Württemberg. Erfolglos bewarb sie sich dieses Jahr um die Nachfolge von Ministerpräsident Erwin Teufel. Die CDU wählte sie 1998 zu einer ihrer stellvertretenden Vorsitzenden. Im neuen Bundeskabinett soll sie Forschungsministerin werden.

Chancen:

Sie gilt als eine der wenigen Vertrauten von Angela Merkel; dazu als klug und gebildet. Der politische Erfolg könnte durch Vorbehalte in der CDU gegen Frauen ohne Familie erschwert werden.

Stefan Schmitz / print