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G-20-Gipfel in Cannes Auftritt Merkel, Madame Basta!


Referendum in Griechenland wegdiskutiert, Italien unter Kuratel gestellt: Angela Merkel hat auf dem G-20-Gipfel das "Schröder-Gen" in sich entdeckt. Punktet sie damit auch bei den Wählern?
Von Axel Vornbäumen, Cannes

Madame Zögerlich? Nix da. Madame Basta! Wer Angela Merkel in diesen zweieinhalb Krisentagen von Cannes erlebt hat, der hatte phasenweise den Eindruck, sie hätte tief in sich so etwas wie das "Schröder-Gen" entdeckt: Kinders, jetzt ist aber mal Schluss mit lustig. Dem griechischen Ministerpräsidenten Giorgos Papandreou wusch sie in konzertierter Aktion mit Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und IWF-Chefin Christine Lagarde derart den Kopf, dass der am Ende gar nicht mehr wusste, wo oben und unten ist und von seiner Idee abließ, die Griechen über den Euro abstimmen zu lassen. Einmal richtig in Fahrt, bekam am späten Donnerstagabend gleich auch noch Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi das unmissverständliche Signal, dass die Zeiten uneingeschränkter finanzpolitischer Flatterhaftigkeit ein für alle Mal vorbei sind. Italien kommt unter verschärfte Bewachung von IWF und EU. Merkel gefällt das.

Es sind die Zeiten der "bitteren Wahrheiten" angebrochen - und Merkel ist offenkundig entschlossen, sie - am liebsten gemeinsam mit ihrem neuen französischen Alter Ego Sarkozy - auszusprechen. Der wiederum freute sich als Gastgeber in Cannes derart über die neue gemeinsame Tonlage der deutsch-französischen Achse - "positive Elektroschocks" - dass er gefühlt die Hälfte seiner Zeit damit verbrachte, Merkel über den grünen Klee zu loben. Die Kanzlerin wiederum ließ in Cannes sogar US-Präsident Barack Obama ein paar Minuten warten, weil es ihr wichtiger schien sich noch in einer Euro-Staatenrunde sehen zu lassen.

Tun, was Deutsche und Franzosen wollen

Sie hat nun ihr Thema. - die Rettung des Euro. Und sie hat zu einem neuen Sound gefunden, dieses Thema zu verkaufen. Und neuerdings hat sie dabei auch einen Kompass, dessen Nadel nicht mehr leise vor sich hin zittert. Merkel bringt das auf die Formel: "Wir können uns den Euro nicht durch ein Land kaputt machen lassen". Der Subtext dazu ist: Wer, wie das vor sich hin chaotisierende Griechenland, nicht dazu bereit ist, sich "Euro-rettend" zu verhalten, der bleibt gewissermaßen freiwillig auf der Strecke. Finanzminister Wolfgang Schäuble hat dazu süffisant sekundiert: "Die europäische Einigung beruht auf dem Prinzip der Freiwilligkeit". Das tut sie in der Tat. Seit Cannes gilt indes das Credo: Die europäische Einigung beruht auf dem Prinzip, freiwillig das zu tun, was Deutschland und Frankreich vorgeben.

An dieser Vorgehensweise fehlt - Stand Freitag, 4. November - das "Merkelige". Es ist eine Drohkulisse, die die Kanzerin da aufgebaut hat, in tiefer Überzeugung, dass der aufgebotene Druck die unsicheren Mittelmeerkantonisten schon zur Räson bringen wird. Wer in Griechenland zwei und zwei zusammen zählen kann, so das Kalkül der Kanzlerin, der wird schon merken, dass es besser ist, sich für und nicht gegen den Euro zu entscheiden. Und Italien? Andere Lage, andere Instrumente. Aber irgendwie sind die Zeiten angebrochen, wo ein strikteres aus dem Norden Europas gewolltes Finanzregime über die Mittelmeeranrainer kommt.

Respekt, keine Zuneigung

Die "Bild"-Zeitung feierte die Kanzlerin deswegen an diesem Freitag bereits als "Angela Merkules" und attestierte ihr einen "Wahnsinns-Kraftakt". Ob Merkel mit dieser Imagekorrektur allerdings auch nur eine Wählerstimme gewinnt ist fraglich. "Die Leute erkennen an, dass sie fleißig ist, sich engagiert, sich mit den Staatschefs streitet. Das flößt Respekt ein, bringt ihr aber keine Zuneigung", sagt Forsa-Chef Manfred Güllner zu stern.de. Die ständige Wiederkehr hochdramatischer Gipfel - und es muss keiner glauben, dieser in Cannes sei der letzte gewesen - setze auf mittlere Sicht vielmehr Ängste bei den Bürgern frei, die sich eher auf ihren Alltag beziehen: Ist das Geld noch sicher? Können wir die Renten bezahlen? Werden die Löcher in den Straßen geflickt und die Schulen gestrichen? "Weder das Thema Europa noch der Euro waren jemals wahlentscheidend", sagt Güllner. Das gilt übrigens im positiven, eurofreundlichen wie im negativen, eurokritischen Sinn. Güllner verweist auf die mittlerweile vollkommen vergessene D-Mark-Partei. Sie verschwand nach zehn erfolglosen Jahren 2007 einfach in der Versenkung.

Mitarbeit: Lutz Kinkel

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