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Horst Seehofer bei Wladimir Putin: Horst around the world - wenn ein Bayer nach Russland reisen darf

Der bayerische Ministerpräsident trifft im Kreml Wladimir Putin zu einem fast zweistündigen Gespräch – und findet sichtlich Gefallen an seiner neuen Rolle als Weltpolitiker. Er freut sich wie ein kleiner Junge über seine neue Nebenaußenpolitik.

Von Tilman Gerwien, Moskau

Im 16:9-Format sind kaum noch beide abzubilden: Der große Horst Seehofer traf Kremlchef Wladimir Putin in Moskau

Im 16:9-Format sind kaum noch beide abzubilden: Der große Horst Seehofer traf Kremlchef Wladimir Putin in Moskau

"Liebe Freunde", sagt Wladimir Putin zu Horst Seehofer und dessen Gefolge. "Was den Handel angeht, rangiert Bayern natürlich auf dem ersten Rang unter den deutschen Bundesländern. Das ist Ihrem Engagement zu verdanken." Horst Seehofer steht im großen Besprechungssaal des Kreml und freut sich, er freut sich sogar sehr. Mintgrüne Wände, schwere Kronleuchter, in den vier Ecken jeweils überdimensionale Bronzestatuen mit verblichenen Zaren, die an einstige russische Pracht und Herrlichkeit erinnern.

Das hier ist ganz großes Welttheater und er, der Ministerpräsident des Freistaates Bayern mittendrin – so soll es sein, besser geht's nicht. Seehofer ist aufgekratzt wie ein kleiner Junge am ersten Schultag. Ein freudiges Glucksen unterbricht immer wieder seine Worte. "Gehen Sie davon aus, dass es uns eine Herzensangelegenheit ist, die Beziehungen in Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur fortzuführen und noch zu vertiefen", erwidert er.

Fast zwei Stunden sprach Horst Seehofer mit dem Kreml-Herrscher. Zwei Geopolitiker unter sich – so jedenfalls dürfte Seehofer es sehen – die im vertraulichen Gedankenaustausch alle Probleme durchgehen, die die Weltlage gerade so zu bieten hat: Ukraine, Syrien, Erdogan und Trump, die Wahlen in den Niederlanden, die globale Migrationsströme. Draußen: fünf Grad, Nieselregen, Europas größte Metropole. 14 Millionen Einwohner, monströse Shopping-Malls, autobahnähnliche Großstadt-Magistralen, dicke Kremlmauern, goldene Zwiebeltürme. Das alles beeindruckt sogar einen bayerischen Ministerpräsidenten, den ansonsten nichts so schnell beeindrucken kann, der aber aus dem dann doch etwas posemuckeligen München angereist kommt und jetzt mal sieht, was das wirklich heißt: Großstadt, Großmacht.

Horst Seehofer kommt mal raus aus Bayern

"Ja, der Freistaat Bayern hat schon einen Rang", stellt Seehofer nach der Begegnung mit Putin zufrieden fest. "Das war wirklich ein sehr intensives Gespräch, wie man es in der Politik wirklich selten erlebt." Ein Termin im Kreml, mit einem der big Player der Weltpolitik – das ist auch für einen wie ihn, der in der Politik schon so gut wie alles erlebt hat, noch einmal ganz großes Kino. Komisch eigentlich, meint Seehofer mit gespieltem Erstaunen am Rande des Besuchs, dass der Freistaat Bayern ein neues Wirtschaftsabkommen bei diesem Besuch nicht etwa mit der Region Moskau abschließe, denn das wäre doch eigentlich die richtige Ebene – sondern gleich mit dem russischen Staat. Bayern und Russland auf Augenhöhe: Das ist aber eigentlich dann doch die angemessen findet er. Mia san halt mia!

Horst Seehofer ist früher nicht gerade durch besonderes Interesse an außenpolitischen Fragen aufgefallen. Die "FAZ" behauptete kürzlich bissig, seine Fremdsprachenkenntnisse beschränkten sich im Wesentlichen auf das Hochdeutsche. Jetzt aber startet der Mann plötzlich eine schwindelerregende außenpolitische Spät-Offensive. Nach dem Russland-Besuch sollen weitere folgen: Noch im April geht es in die Ukraine, im Mai nach China und weiter nach Großbritannien – Horst around the world.

Fieberhaft bemüht sich die Staatskanzlei in München auch um einen persönlichen Termin mit Donald Trump im Weißen Haus, mit Hilfe eines einflussreichen Hamburger Reeders, der einen guten direkten Draht zum US-Präsidenten hat. Ein Geschmäckle? Kann Seehofer darin nicht erkennen. Der Mann habe schließlich von sich aus seine Hilfe als Türöffner ins Weiße Haus angeboten. Wieso soll er darauf verzichten?

Aber woher kommt die plötzliche Lust am diplomatischen Geschäft? Vorher sei für Außenpolitik halt keine Zeit gewesen, sagt Seehofer, der Streit mit Merkel um die Flüchtlingspolitik habe seine Anwesenheit in der Heimat dringlichst erfordert. Noch im Herbst 2016 hätten sich die Kanzlerin und er schließlich "in der Blüte unseres Konfliktes befunden". Auch wenn beim Thema Obergrenze für Flüchtlinge der Dissens mit Merkel noch immer nicht ausgeräumt ist, jetzt gilt für ihn die Devise: nur noch nach vorne schauen. "Die Rückspiegel sind eingeklappt", beteuert Seehofer. Kein böses Wort also zur Kanzlerin mehr. Denn es sind nur noch sechs Monate bis zur Bundestagswahl.

In die großen Themen einsteigen

In Moskau ist ein Horst Seehofer zu besichtigen, der sein Amt bis zum Bersten ausfüllt. Auch mit einem durchaus nicht immer einfachen Gesprächspartner wie Putin gehe es darum, durch "permanenten Dialog das politisch Gewollte zu erreichen". Das hätte ein richtiger Außenminister nicht schöner ausdrücken können und Seehofer findet an solchen Formulierungen Gefallen, wie auch am Diplomaten-Begriff des Einkapselns: Strittige Grundsatzfrage werden eingekapselt, indem man sich darüber verständigt, dass man eben nicht einigen könne, wie beispielsweise bei der Frage der völkerrechtswidrigen Krim-Annexion durch Russland. Nach dem Einkpaseln könne man dann professionell das ansprechen, was ansteht und lösbar sei.


Seehofer pumpt sich in Moskau geradezu auf mit all den Möglichkeiten, die man so hat als oberster Politiker des Freistaates Bayern; dieses reichen, schönen und einflussreichen Bundeslandes. Auch der Regierende Bürgermeister von Berlin weilte dieser Tage in der russischen Hauptstadt. Aber für Michael Müller reichte es nur zu einem Termin beim Moskauer Oberbürgermeister. Und der arme Mann, Pech kam hinzu, konnte nicht mal von Berlin aus nach Moskau fliegen, weil ein Streik des Bodenpersonals die Berliner Flughäfen (die schon fertig gebauten) lahmgelegt hatte. Er musste nach Dresden ausweichen. Er wolle in Moskau auch erst mal "gar nicht in die großen Themen einsteigen", teilte Müller bescheiden mit.

"Nicht in die großen Themen einsteigen", das käme einem bayerischen Ministerpräsidenten nun überhaupt nicht in den Sinn. Für einen bayerischen Ministerpräsidenten könnten die Themen gar nicht groß genug sein. "Nicht in die großen Themen einsteigen" – das ist so unglaublich, dass sie in Seehofers Delegation nur den Kopf schütteln können.

Der "Chef", wie ihn die Entourage ehrfürchtig nennt, macht in der russischen Hauptstadt jedenfalls nicht den Eindruck von Amtsmüdigkeit, im Gegenteil. Bis ein Uhr nachts saß er am Vorabend des Putin-Gesprächs im Hotel Ritz Carlton, nur ein paar hundert Meter vom Roten Platz entfernt, mit Journalisten, Landtagsabgeordneten und Wirtschaftsvertretern zusammen. Er frotzelte aufgekratzt mit Putin-Freund und Amts-Vorvorgänger Edmund Stoiber, der auch mit angereist ist: "Edmund, du musst mir helfen, ohne dich bin ich doch hilflos!", rief Seehofer laut über den Tisch. "Horst, ah geh, so a Schmarrn!", konterte Stoiber.

Russland ist für Bayern ein wichtiger Absatzmarkt

Seehofer genießt sich und seine späten Jahre im Amt. Und er macht nicht den Eindruck, als ob er davon demnächst Abschied nehmen will. Der Mann wird weitermachen, anders als von ihm selbst ursprünglich angekündigt, auch nach der nächsten Landtagswahl 2018, davon sind inzwischen nahezu alle überzeugt, die ihn gut kennen. Hier in Moskau geht es für Seehofer ums Prestige, es geht auch darum, rechtzeitig vor der Bundestagswahl dem Wahlvolk nochmal zu zeigen, was es an der CSU hat und mit ihr so alles bekommt: die ganz große Umlaufbahn, absolute Champions League.

Es geht aber auch um massive ökonomische Interessen. Der Ministerpräsident wird begleitet von einer hochrangigen Wirtschaftsdelegation. Vertreter von Siemens, Volkswagen und Airbus sind dabei, aber auch der Verband der bayerischen Rinderzüchter und der Vorstandvorsitzende der deutschen Hopfenpflanzer. Russland ist für die bayerische Wirtschaft ein wichtiger Absatzmarkt, für landwirtschaftliche Produkte der zweitgrößte weltweit. Die wegen des Ukraine-Konflikts verhängten Sanktionen drücken aufs Geschäft, auch deshalb wirbt Seehofer für ein baldiges Ende der Strafaktionen, die von russischer Seite mit einem Importembargo für landwirtschaftliche Produkte aus der Europäischen Union beantwortet wurde. Seehofer will ein Ende der westlichen Wirtschafts-Sanktionen, so schnell wie möglich. Seit kurzem schiebt er hinterher, dass die Sanktionen natürlich nur schrittweise gelockert werden könnten, und auch nur, wenn Russland seinerseits schrittweise Zugeständnisse im Ukraine-Konflikt macht. Das ist die Merkel-Linie.

In Wahrheit aber hält er die Sanktionen nicht gerade für die höchste Form politischer Weisheit. Er darf sich nur jetzt nicht bei einem Akt der offenen Illoyalität zu Angela Merkel erwischen lassen, denn im Kanzleramt wird sehr aufmerksam und mit durchaus hochgezogenen Augenbrauen registriert, wie Seehofer weltweit seine eigene Nebenaußenpolitik macht. Jetzt fordert er kein Ende der Sanktionen mehr, wie noch vor Monaten in zahlreichen Interviews, sondern nur noch ihre Überwindung, was wirklich eine schöne Wortschöpfung ist. Bedingung sei: "Die Erfüllung des Minsker Abkommens" – also der Abmachungen zwischen Russland und der Ukraine zur Beendigung des bewaffneten Konflikts.

Nebenaußenpolitik? Davon will Seehofer in der russischen Hauptstadt partout nichts wissen. Im Gegenteil, eng stimme er sich mit der Kanzlerin ab und kurz vor dem Aufbruch nach Moskau hat er, noch auf dem Münchner Flughafen, extra mit ihr telefoniert. Merkel trug Seehofer auf, schöne Grüße auszurichten an Wladimir Putin. Unbedingt, er solle das auf keinen Fall vergessen. Sie gab ihm sogar eine Grußbotschaft für den Kreml-Herrscher in russischer Sprache mit auf den Weg. Gern wolle er das so weitergeben, meinte Seehofer zur Kanzlerin. Aber das mit dem Russischen, das sei nun doch ein wenig zu kompliziert. Das könne er sich auf dem Weg nach Moskau unmöglich merken.