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Kommentar: Spieglein, Spieglein an der Wand ...

... wer ist der beste Genosse im Land? Spätestens seit der Wahl in Berlin ist klar: Klaus Wowereit gehört in die engere Auswahl der SPD-Spitzenleute. Deshalb muss ihn die Partei hegen und pflegen. Er ist die eiserne Reserve fürs Kanzleramt.

Von Florian Güßgen

Ist Deutschland reif für einen SPD-Kanzlerkandidaten Klaus Wowereit? Kurt Beck, der SPD-Chef, hat offenbar Zweifel: Der Sieg war frisch, die Laune gut, und doch formulierte Beck am Sonntagabend klar, deutlich, und unmissverständlich, wo er den Klaus am liebsten sieht: "Die Berliner wollen ihren Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit behalten", lobte Kurt Beck den erfolgreichen Genossen. "Schön haste das gemacht mit der Wahl", sollte das heißen. "Aber aus Berlin kommste her, hier bleibste, und von Höhenflügen in die Bundespolitik lässte am besten die Finger." Die Vertrauten des SPD-Chefs sollen bei diesen Worten über das ganze Gesicht gegrinst haben.

Ob Rot-Rot oder Rot-Grün - es ist immer knapp

Becks Rempeleien lassen sich leicht erklären. Er will einen möglichen Rivalen im Rennen um eine Kanzlerkandidatur klein halten. Und tatsächlich spricht vor allem ein Argument dafür, dass Wowereit, der vermeintliche Berliner Partyprinz, besser daran täte, seine Aspirationen für eine bundespolitische Karriere zu zügeln und sich voll auf seinen neuen alten Job als Regierender Bürgermeister zu konzentrieren: Die Landespolitik wird in den nächsten Jahren seine volle Aufmerksamkeit binden. Einerlei, ob sich die SPD in der Hauptstadt nun mit der Linkspartei oder den Grünen verbündet - die Mehrheit der Koalition im Abgeordnetenhaus wird hauchdünn sein. Bei jedem Gesetz wird er die Autorität des Regierenden einbringen müssen, um alle Abgeordneten bei der Stange zu halten.

Die Personaldecke ist nicht einmal mehr dünn

Und dennoch: Nüchtern betrachtet hat die SPD eigentlich keine andere Wahl, als sich Wowereit warm zu halten. Er ist die eiserne Reserve der Partei, der wirklich Allerletzte, den sie noch als Schwergewicht ins Rennen schicken kann. Er gewinnt Wahlen, von dieser Sorte Politiker hat die SPD nicht mehr viele. Die Personaldecke ist nicht dünn, sie ist nicht existent. Die Enkel Willy Brandts - Schröder und Scharping - sind Geschichte oder, wie Oskar, desertiert. Urenkel wie Sigmar Gabriel oder Ute Vogt fristen ein Dasein als leicht ranzige Hoffnungsträger, bei Wahlen legendär erfolglos; der unverbrauchte Ost-Genosse Matthias Platzeck ist an der Brutalität des Geschäfts zerschellt; der starke Finanzminister Peer Steinbrück ist zwar ein eloquent-kompetener Haudrauf-Typ, aber mit Sicherheit nicht leicht verdaulich fürs Volk.

Bleiben Parteichef Kurt Beck, der pfälzische Wiedergänger Helmut Kohls, der Schweriner Wer-War-Das-Doch-Gleich-Regierungschef Harald Ringstorff - und eben Wowereit. Ringstorff kann man gleich mal streichen, bleiben Beck und der Berliner Genosse. Kippt Beck, was man bei dem sozialdemokratischen Personal-Verschleiß immer gut möglich ist, als Parteichef, bleibt nur Wowereit.

Der Mann hat Mut

Wowereit in die erste Reihe der Bundes-Genossen zu befördern, vielleicht sogar als Kanzlerkandidaten wäre für die Genossen ein Wagnis, aber möglicherweise ein viel versprechendes. Für urban-liberale SPD-Wähler hat er mehr Sex-Appeal als der bisweilen bieder-provinziell wirkende Beck. Er ist schlagfertig und frech, gerne auch mal pampig, und er hat Mut bewiesen - einerlei ob es um sein rot-rotes Bündnis in Berlin ging, seine Sparpolitik oder sein offenes Bekenntnis zur Homosexualität. Am Sonntag etwa zeigte er sich inklusive Freund auf der Bühne des Berliner E-Werks - eine schöne Retourkutsche gegenüber dem unglücklichen CDU-Herausforderer Friedbert Pflüger, der kurz vor der Wahl schmierig die Vorzüge einer First Lady gepriesen hatte. Gerade das Städtische an Wowereit ist es jedoch auch, dass provinziellere Wähler verschrecken könnte.

Gegenwärtig sind das alles nur Hirngespinste. In der SPD-Spitze ist derzeit kein Plätzchen frei für Wowereit. Jenseits aller Bedenken der Genossen in der Parteizentrale sprechen die Quoten- und Proporzsysteme gegen ihn. Ihn aber zu deutlich auf Berlin zu beschränken, wäre ein grober personal-strategischer Fehler der Führung im Willy-Brandt-Haus. Wowereit ist, daran lässt sich nichts deuteln, einer der wenigen, echten Hoffnungsträger der SPD, auch für das Kanzleramt. Die Genossen sollten ihn hegen und pflegen.