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Berlin³ zur Niedersachsen-Wahl: Eine Landtagswahl ist eine Landtagswahl ist eine Landtagswahl

Fünf Wahlen in acht Monaten - das wäre geschafft. Doch bevor endlich wieder zur Tagesordnung, der eigentlichen Politik, übergegangen werden kann, hier die Risiken und Nebenwirkungen des SPD-Sieges.

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil

Weil! Wahlsieg! Wahnsinn! Nach acht langen, dürren Monaten hat Stephan Weil die SPD endlich zu einem Sieg geführt

So und uff, das hätten wir dann also auch hinter uns. Fünf Wahlen in acht Monaten hat man ja doch nicht so oft. Das Beste, was man darüber sagen kann, ist: Es ist vorbei. Ab morgen, wenn die Wunden notdürftig geleckt sind, können sich alle wieder Wichtigerem zuwenden. Politik machen statt Wahlkampf. Ein Jahr der nahezu permanenten Lähmung ist erst einmal genug. Und damit kurz nach Niedersachsen und zurück.

Wahrscheinlich haben wir hier zu passender Gelegenheit schon mal darauf hingewiesen. Aber es gibt nun mal ein paar schlichte Wahrheiten, die man immer aufs Neue wiederholen muss, auf dass sie sich in den Köpfen festsetzen. Deshalb wollen wir kurz zur Sicherheit noch einmal festhalten: Eine Landtagswahl ist eine Landtagswahl ist eine Landtagswahl.

Die Risiken und Nebenwirkungen der Wahl

Die Wähler sind in der Regel schlau genug. Sie wissen, dass sie bei einer Landtagswahl über – nur so als Beispiel – das Schicksal von Bernd Althusmann entscheiden und nicht über Wohl und Wehe von Angela Merkel. Dass es um den Zustand ihrer Schulen und Straßen geht und nicht um die Homo-Ehe. (Gut, gerade die Niedersachsen haben auch schon mal einen Kanzler halbplebiszitär bei einer Landtagswahl vorweggewählt, aber das war in prähistorischen Zeiten, als die SPD im Bund noch nicht auf dem Weg zur Splittervolkspartei war, und gilt deshalb allenfalls als die berühmte regelbestätigende Ausnahme).

Dennoch setzt nach solch einer Wahl fast naturgesetzmäßig das Gehubere ein über Bedeutung, Risiken und Nebenwirkungen des Ergebnisses für Akteure jenseits der Landesgrenzen. Für die Merkel, den Seehofer und den gerade amtierenden Schulz und all die anderen. Und wer wären wir, dabei nicht mitzuhubern, vor allem wenn der Wahlausgang doch einigermaßen spektakulär ist wie in Niedersachsen. Also los geht's:

Angela Merkel?

Muss jetzt für eine ganze Weile nicht mehr in abgelegenen Gegenden wie Seevetal, Vechta und Stade für Bernd Althusmann trommeln oder wie immer man das bei ihr nennen möchte, sondern kann sich voll auf ihre eigentlichen Aufgaben konzentrieren: die Welt, Europa und Jamaika (in der Reihenfolge). Macht sie auch viel lieber. Ist aber nicht eben leichter geworden durch das beeindruckend miese Abschneiden der CDU in Niedersachsen. Auch nicht durch die Verluste ihrer potenziellen Partner FDP und Grüne. Aber auch nicht so wahnsinnig viel schwerer. Die Stimmung war ohnehin parterre. Jetzt murren sie in der CDU und der CSU eben noch ein bisschen vernehmlicher. Aber da hält es Merkel längst wie ihr Vorgänger als Langzeitkanzler: Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter.

Martin Schulz?

Weiß nach acht langen, dürren Monaten endlich, endlich, wie sich das anfühlt, wenn man keine auf die Mütze kriegt. Weil! Wahlsieg! Wahnsinn! Kriegt er gleich ein bisschen Glanz mit ab. Liegt in der persönlichen Bilanz nur noch 1:4 nach Wahlen gegen die CDU-Vorsitzende zurück. Wird den Rückstand aber nach Lage der Dinge nicht so schnell aufholen. Darf jetzt aber wohl noch zwei Jahre den SPD-Chef geben. Hätte bei einer Niederlage den SPD-Parteitag im Dezember nicht so einfach überstanden. In der SPD gibt es Menschen, die Weils Erfolg deshalb für einen Pyrrhus-Sieg halten – weil er Schulz im Amt hält und die nötige Erneuerung bremsen könnte.

Horst Seehofer?

Hat am allerwenigstens von allen mit der Niedersachsen-Wahl zu kriegen. Eigentlich. Ist aber kollateralgeschädigt. Und zwar kolossal. Bekam vorgeführt, dass die AfD durchaus aus dem Landtag klein werden kann – wenn man sie nicht großquatscht. Ist ein politische Überlebenskämpfer wie Schulz. Im Dramaolett "Die Zwei von der Abdankstelle" übernimmt er nun endgültig die Rolle des ersten Todgeweihten vom sozialdemokratischen Kollegen.

FDP und Grüne?

Kann man ausnahmsweise mal in einem Aufwasch erledigen. Müssen in Berlin mangels anderer Möglichkeiten (SPD) miteinander regieren wollen. Können in Niedersachsen partout nicht miteinander. Müssen wohl auch nicht können wollen. Ist auch besser so. Wer das Wahlergebnis so interpretieren will, kann darin eine Strafe für die Jamaika-Seligkeit in Berlin sehen. Kann. Muss aber nicht. Sind beide vor allem unter die Räder gekommen, weil die niedersächsischen Wähler anders als drei Wochen zuvor im Bund eine echte Wahl hatten zwischen zwei Kandidaten hatten.

Die AfD?

Hach, man soll ja keine Witze mit Namen machen, sonst würde einem zu Armin Paul Hampel und seinen Männern (Frauen gibt's da ja so selten wie im Konklave) schon was einfallen. Sechskommapaarundwas – hätte wirklich schlimmer kommen können. Deshalb stelle mer uns mal ganz stomm und freuen uns still und leise. Muss aber für andere Wahlen in anderen Bundesländern gar nichts heißen. Leider.

Die Linke?

Hat gekriegt, was sie verdient. Wollte nicht gebraucht werden. Wurde auch nicht gebraucht. Könnte bei den Genossen in Berlin zum Nachdenken führen. Könnte. Konjunktiv zwei. Irrealis.

Stephan Weil. Comebacker des Jahres. War eigentlich schon weggetwestet vom Ministerpräsidentenstuhl. Lag vor zwei Monaten aussichtslos zurück. Wie Schulz. Ist aber Weil. Und deshalb auch künftig der einzige Ministerpräsident der SPD eines großen Flächenlandes mit sechs Stimmen im Bundesrat. Wird in der Partei jetzt noch wichtiger. Langsam muss man sich nicht nur seinen Vornamen merken, sondern auch, wie der geschrieben wird. Dauert bestimmt keine 24 Stunden, bis er als die nächste Zukunft der SPD ausgerufen wird. War schließlich auch mal Bürgermeister wie Schulz, sogar ein richtiger.

Bernd Althusmann?

Hatte eine Chance, hat sie aber versemmelt. Wäre von Schröder zur Strafe ins Bundeskabinett berufen worden {Eichel, Klimmt). Hat das Pech, das Merkel nicht Schröder ist.

Elke Twesten?

Kriegt von Martin Schulz einen schönen Strauß Blumen. Ohne sie, ihren Wechsel von den Grünen zur CDU samt vorgezogener Neuwahl und der damit verbundenen Pflicht zum innerparteilichen Frieden hätte der Wahlverlierer den 24. September kaum überstanden. Hätte sich Twesten auch nicht träumen lassen, dass sie nicht nur die Bildung einer Bundesregierung um drei Wochen verzögert, sondern nebenbei auch gleich zwei Sozialdemokraten glücklich macht. Ist sonst nicht so einfach.

Finis. Und wie immer: Ohne Gewähr. Kann natürlich alles auch ganz anders kommen. Und deshalb zum guten Schluss jetzt noch mal alle im Chor: Eine Landtagswahl ist eine Landtagswahl ist eine Landtagswahl. Alles weitere kriegen wir dann im Herbst – wenn die Bayern und die Hessen gewählt haben.