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Martin Schulz: Und was wird aus mir?

Martin Schulz wird die SPD im Wahlkampf 2017 führen. Blick auf einen Mann, der sein Leben umkrempelte. Und der nun in Berlin beweisen muss, dass er seinem neuen Leben gewachsen ist.

Martin Schulz

Vielleicht guckt er im Moment ein bisschen zu  oft in den Spiegel: Martin Schulz vor einer Talkshow bei Markus Lanz

Dieses Porträt über Martin Schulz erschien zuerst im stern am 1.12.2016. Sigmar Gabriels aktuelle Ankündigung im stern, nicht als Kanzlerkandidat der SPD antreten zu wollen und vom Parteivorsitz zurückzutreten, überholt Passagen dieses Textes. Dennoch haben wir uns entschieden, ihn noch einmal unverändert zu veröffentlichen. Ein Porträt über Martin Schulz und sein Verhältnis zu Sigmar Gabriel und der SPD.


Zwei Stunden lang durfte er neulich schon mal den Bundeskanzler geben. Martin Schulz saß auf der Bühne des Museums für Kommunikation in jenem weißen Ledersessel, in dem Angela Merkel sitzen sollte. Er war spontan für sie eingesprungen, die Bundeskanzlerin konnte nicht, Obama war zu Besuch. Jetzt hielt Schulz die Dinnerrede bei der "Nacht der Europäischen Wirtschaft" in Berlin. Er bezeichnete sich als "Ersatzkandidat", es klang kokett. Der Präsident des Europaparlaments schlüpfte umstandslos in Merkels Rolle, sprach über das große Ganze, Trump, Europa, den Brexit, die Krisen dieser Welt. Es hörte sich an wie eine Regierungserklärung.

Anschließend fragte ihn der Moderator nach einer anderen Krisenzone, der SPD. Schulz tat so, als liege seine Partei in den Umfragen bei 50 Prozent. "Wir wollen dieses Land führen", sagte er, "und wir werden dieses Land führen." Ungläubiges Staunen im Saal. Das war Schulz herzlich egal. "Die SPD hat die richtigen Männer zur richtigen Zeit", schob er hinterher. "Das sehen Sie ja an mir."

Nein, an mangelndem Selbstbewusstsein leidet dieser Mann nicht. Das hat ihn weit gebracht. Martin Schulz wird in diesen Tagen und Wochen für so ziemlich jedes Amt gehandelt, das in seiner Partei gerade zu vergeben ist oder infrage steht: SPD-Kanzlerkandidat, Außenminister, Parteivorsitzender, Schulz hier, Schulz da, alles wird ihm angetragen, angedichtet, zugetraut. Vor allem er selbst traut sich alles zu. Schulz lässt sich von der Schulz-Euphorie anstecken. An manchen Tagen steigt er in Brüssel als Außenministerkandidat ins Flugzeug und landet in Berlin als Kanzlerkandidat. Er findet nichts dabei, um mehrere Posten gleichzeitig zu kämpfen. Als brauche er ganz dringend einen dieser Jobs, egal welchen. Öffentlich verliert er über seine Ambitionen kein einziges Wort. Er gibt sich harmlos. "Was kann ich denn dafür, dass ich ein so populärer Sozialdemokrat bin!?"

Mit Martin Schulz verhält es sich im Moment so ähnlich wie mit Kim Kardashian: Er ist prominent, weil er prominent ist. Viele Menschen in Deutschland kennen ihn zwar als den Supereuropäer, wissen aber so gut wie nichts von ihm, erst recht nicht, was er mit diesem Land anstellen würde, wenn er – lassen wir den Gedanken mal kurz zu – Kanzler wäre. Das scheint im Trump-Zeitalter ja ein Vorteil zu sein: Weil viele die ewig gleichen Politikergesichter nicht mehr sehen können, ist jeder, der von draußen kommt, eine potenzielle Verheißung.

Dabei ist die wichtigste Frage gar nicht beantwortet: Ist Martin Schulz für die SPD tatsächlich der richtige Mann zur richtigen Zeit?

Der Mann der sechs Sprachen

Bei ihm muss man erst mal kurz ausholen: Ein Sozi aus der Abteilung Attacke, 60 Jahre alt, der Großvater Bergmann, der Vater Polizist, beide Sozialdemokraten, die Mutter Mitbegründerin ihres CDU-Ortsvereins. Er hat kein Abitur, keinen Studienabschluss, spricht Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Niederländisch, Rheinisch, alles fließend, ist gelernter Buchhändler und ehemaliger Bürgermeister seiner kleinen Heimatstadt Würselen. Seit über 30 Jahren mit seiner Inge verheiratet, zwei erwachsene Kinder, Fan des 1. FC Köln, Liebhaber französischer Chansons und italienischer Lebensart. "Wenn ich mich in einer Wüste verirre", sagt er, "dann wünsche ich mir einen Italiener an meiner Seite. Der bequatscht das Kamel so lange, bis es eine Oase findet."

Was aus Martin Schulz wird, welchen Job er in Berlin übernehmen wird, hängt einzig und allein an Sigmar Gabriel. Das macht es zusätzlich kompliziert. Die beiden sind befreundet. Schulz ist einer der ganz wenigen in der SPD-Führung, dem Gabriel traut, dessen Ratschläge er annimmt. Von ihm lässt er sich sogar sagen, dass er manchmal wie ein dickes Kind sei, das mit dem Hintern wieder einreiße, was es vorn aufgebaut habe. Ihre politische Konkurrenz stellt ihre Beziehung auf eine harte Probe.

Schulz, Rompoy, Barroso

Sein bislang größter Moment: Martin Schulz nimmt gemeinsam mit Herman Van Rompuy (l.) und José Manuel Barroso Ende 2012 in Oslo den Friendensnobelpreis für die EU entgegen


"Lass die Medien schreiben, was sie wollen", simste Gabriel Schulz vor ein paar Wochen. "Wir sind und bleiben Freunde. Die können uns alle mal." Inzwischen kann aber auch Schulz Gabriel mal – und andersherum. Im Sommer hatten die beiden vereinbart, dass einer von ihnen die Kanzlerkandidatur übernehmen müsse. Gabriel als Parteichef habe den ersten Zugriff. Bis heute weiß Schulz nicht, ob Gabriel tatsächlich zugreifen will. Vielleicht weiß es Gabriel im Moment selbst noch nicht. Die Ungewissheit zerrt an ihren Nerven. Sie benehmen sich manchmal wie zwei halbstarke Jungs, brüllen sich an und vertragen sich wieder. Schulz hat sich zwischenzeitlich gefragt, ob er den zögerlichen Parteichef herausfordern sollte. Seine Loyalität und Freundschaft zu Gabriel haben ihn davon abgehalten. "Eine Kanzlerkandidatur, die mit einem Putsch beginnt – über der liegt kein Segen", sagte er einem seiner Vertrauten.

Zwischen Politik und Familie: Warum Sigmar Gabriel auf die Kanzlerkandidatur verzichtet

Am vorigen Donnerstag begann Martin Schulz eine neue Epoche. Er erklärte seinen Abschied aus Brüssel, nach 22 Jahren. Europa war für ihn nicht irgendein Job, es war sein Beruf, sein ganzes bisheriges Leben. Er ist in Hehlrath bei Aachen geboren, dort, wo ganz in der Nähe Deutschland, Belgien und die Niederlande aufeinanderstoßen. Als Kind erlebte er, wie seine Verwandten, über die drei Länder verstreut, an der Grenze Schlange stehen mussten, wenn sie sich besuchten. Ihm kaufte man es ab, wenn er die Europäische Union als "größte zivilisatorische Errungenschaft des 20. Jahrhunderts" bezeichnete. Schulz, der all das verkörpert, was viele ablehnen an diesem Europa, die Brüsseler Bürokratie, die Langsamkeit des Apparats, das klebrige Friedenspathos, er überwältigte die Leute einfach mit seiner großen Klappe, weckte sie auf mit seinem Enthusiasmus, berührte sie mit seiner rauen Herzlichkeit, sodass man dachte: Guck an, es gibt auf diesem fernen Planeten namens Brüssel doch Menschen aus Fleisch und Blut. Der kleine Mann mit Halbglatze, Bart und Kampfgesicht hat das schwache Europaparlament als Präsident stark gemacht. Warum verlässt so einer Europa ausgerechnet jetzt, in dessen größter Krise? Weil es für Martin Schulz noch etwas gibt, was mindestens genauso wichtig ist: Martin Schulz nämlich.

Streit und Versöhnung

Am Morgen des 14. November stürmt er ins Büro von Sigmar Gabriel im Willy-Brandt-Haus. Gabriel müsse ihn sofort zum Außenminister machen. Der SPD-Chef hat kurz zuvor einen Anruf der Kanzlerin erhalten. Merkel hat Gabriel mitgeteilt, dass sie Frank-Walter Steinmeier als Bundespräsident unterstütze. Es ist eine Kapitulation der Kanzlerin. Gabriel erringt einen spektakulären Sieg. Schulz will davon profitieren. Gabriel solle die Gunst der Stunde nutzen, seine Kanzlerkandidatur erklären und ihn, Schulz, als Chef ins Auswärtige Amt schicken.

Gabriel reagiert ungehalten. Hat Schulz die vergangenen Wochen nicht ständig erklärt, sein Platz sei in Brüssel? Hat Schulz mithilfe seines Freundes Jean-Claude Juncker nicht mit allen Tricks daran gearbeitet, trotz anderer Absprachen EU-Parlamentspräsident bleiben zu können? Könne er sich nicht mal fünf Minuten auf einen Job konzentrieren, nicht heute mit der Kanzlerkandidatur kokettieren, morgen mit dem Außenamt und übermorgen wieder mit Brüssel? Türen knallen, die beiden gehen im Streit auseinander.

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Am Tag danach treffen sie sich zu einem klärenden Gespräch im Hotel Adlon. Schulz kommt extra aus Brüssel zurück. Kurze Zeit später ruft Gabriel bei Merkel und CSU-Chef Horst Seehofer an. Wenn ihnen tatsächlich an der Stabilität Europas gelegen sei, könnten sie doch Schulz in Brüssel unterstützen, ihm eine dritte Amtszeit als Parlamentspräsident ermöglichen. Merkel und Seehofer lehnen ab. Nach der Bundespräsidentenpleite können sie nicht noch mal auf einen eigenen konservativen Kandidaten verzichten. Schulz erfährt davon am Mittwoch voriger Woche. Einen Tag später erklärt er seinen Wechsel in die Bundespolitik. Er sagt: "Im kommenden Jahr werde ich den Platz eins der Landesliste Nordrhein-Westfalen meiner Partei für den Bundestag einnehmen." Er sagt nicht: Ich werde mich um den Spitzenplatz bewerben. Er beansprucht ihn. Auch wenn das mit Hannelore Kraft, der Ministerpräsidentin und SPD-Landeschefin, seit Sommer abgesprochen ist, die Wortwahl verärgert einige Genossen in Nordrhein-Westfalen.

Vielleicht ist es ganz gut für Schulz, dass er nach dieser Entscheidung ein paar Tage lang nichts sagen kann. Er liegt mit einer Grippe zu Hause in Würselen im Bett. Sein Handy lässt er vorsichtshalber an.

Martin Schulz ist von einem unbändigen Ehrgeiz getrieben. Viele Jahre machte er sich Sorgen, zu kurz zu kommen. Das hat mit seinem früheren Leben zu tun. Er sagt: "Mit Anfang 20 war ich der durchgeknallteste junge Mann in ganz Deutschland."

Einer, der sich in der Welt verlor und seine Verzweiflung in Alkohol ertränkte. Als Jugendlicher spielte Schulz linker Verteidiger bei Rhenania 05 Würselen. Er war ein Brecher, ein Wühler. Er kannte nichts anderes als Fußball. Nach der elften Klasse flog er vom katholischen Gymnasium, weil er zweimal sitzen geblieben war. Er träumte davon, Fußballprofi zu werden. Doch dann verletzte er sich schwer am linken Knie. Sportinvalide mit 20. Er machte eine Lehre zum Buchhändler, wurde aber das Gefühl nicht los, sein Leben versaut zu haben. Litt darunter, dass seine vier älteren Geschwister erfolgreicher waren, sie hatten Abitur, studierten. Und er? Begann zu trinken.

Im Alter von 24 wollte sich Martin Schulz umbringen

Schulz verlor seine Arbeit, seine Freundin, machte Schulden, ihm drohte die Zwangsräumung seiner Wohnung. In der Nacht vom 26. Juni 1980, da war er 24 Jahre alt, wollte er sich umbringen. Sturzbetrunken rief er seinen Bruder Erwin an. Der ist Arzt und sagte, er rede nur mit ihm, wenn er die Finger vom Alkohol lasse. Von einem Tag auf den anderen hörte er auf zu trinken, unterzog sich einer viermonatigen Therapie. Das rettete ihm das Leben.

Martin Schulz musste lernen, bescheidener zu werden, nicht eifersüchtig auf den Erfolg anderer. Es gelingt ihm bis heute nicht immer. Er leidet darunter, dass er im internationalen Geschäft als große Nummer gilt, Obama, Erdogan und den Papst getroffen hat, viele Staats- und Regierungschefs kennt – in Deutschland jedoch einfach der Martin Schulz geblieben ist, der Sozi aus Brüssel. Diese Kränkung hat ihn anfällig gemacht für die Liebesbekundungen seiner Genossen.

In den vergangenen zwei, drei Jahren lief in der SPD ja keine Party ohne Schulz. Stets war er es, der den Saal rockte, trotz seines Verliererthemas EU. Bei der Europawahl 2014 holte er als Spitzenkandidat für die Partei bemerkenswerte 27,3 Prozent. Viele Genossen begannen, Schulz zu idealisieren. Er habe Haltung, könne einen Kurs durchhalten, auch wenn es mal ungemütlich werde, mobilisiere die eigenen Leute, weil er nicht zaudere und zögere. Die Partei, die stets auf der Suche nach einem Erlöser aus dem Elend ist, erkor Schulz zum Mann ihrer Träume. Er erschien auf einmal als eine Art Supersozi, der alle Qualitäten auf sich vereint: die Popularität Steinmeiers, die rhetorische Klasse Gabriels, die Leutseligkeit Kurt Becks, die Härte Franz Münteferings. Es störte sie nicht, dass er keine Regierungserfahrung besitzt, kein innenpolitisches Programm, keine Erfahrung mit dem harten politischen Klima in Berlin, keine Hausmacht in der SPD.

Die Liebe der SPD zu Martin Schulz ist nur deswegen so gewachsen, weil sie zu Sigmar Gabriel abgekühlt ist. Der war ja auch mal ihr Erlöser.

Heute schneidet Schulz in den Meinungsumfragen stets besser ab als sein Parteichef. In einer aktuellen Forsa-Erhebung für den stern würden sich im Direktvergleich mit der Kanzlerin 27 Prozent für Schulz entscheiden, nur 16 Prozent für Gabriel. Was dabei untergeht: Auch Schulz liegt weit hinter der Kanzlerin. Sie kommt im Vergleich mit ihm auf 49 Prozent. Selbst 35 Prozent der SPD-Anhänger würden Merkel wählen – und nicht Schulz.

In der SPD-Spitze geht Schulz mit seinem überhitzten Eifer einigen inzwischen auf die Nerven. Sie sagen, er komme ihnen vor wie ein Wiedergänger von Heide Simonis. "Und was wird aus mir?", hatte sie einst gefragt, nachdem sie als Ministerpräsidentin spektakulär gescheitert war.

Politik ist sein Exzess

Mitte Oktober stellte Martin Schulz in Berlin die erste Martin-Schulz-Biografie vor. Er tat so, als sei ihm das alles unangenehm: das Buch, der Zirkus um seine Person, die ewigen Fragen zur Kanzlerkandidatur. Außerdem sei das Buch viel zu nett ausgefallen. "So nett bin ich gar nicht." Er erzählte, dass er alle Dinge in seinem Leben, die er exzessiv betrieben hat, von einem auf den anderen Tag beendet habe, das Trinken, das Rauchen. "Ich bin so ein Typ: Wenn ich etwas mache, dann mache ich es konsequent." Heute ist die Politik sein Exzess.

Er hat gute Chancen, Außenminister zu werden. "Er muss sich einfach mal vier Wochen um die SPD drehen, nicht um sich selbst", sagt einer aus der Parteispitze. "Er muss lernen zu dienen."

Martin Schulz hat sich nach vielen Jahren von seinem alten Nokia-Handy getrennt. Seine altmodische Brille hat er gegen eine moderne eckige getauscht. Er hat über zehn Kilo abgenommen. Jetzt muss er in Berlin beweisen, dass er seinem neuen Leben gewachsen ist.

Das Buch, das Schulz in diesem Jahr am meisten beeindruckt hat, ist vom katalanischen Schriftsteller Joan Sales. Es ist einer der großen Romane des 20. Jahrhunderts. Er spielt im spanischen Bürgerkrieg. Sales schreibt davon, wie zerbrechlich die Sehnsucht nach einem erfüllten Leben ist, wie sehr wir nach einem Ruhm streben, der für uns unerreichbar bleibt.

Das Buch heißt "Flüchtiger Glanz".