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Kommentar

SPD-Kanzlerkandidatur: Sigmar Gabriel sollte den Weg für Martin Schulz frei machen

Diese Nachricht trifft die SPD schon vor dem Wahljahr empfindlich: Hoffnungsträger Martin Schulz rechnet laut "Spiegel" nicht mehr mit seiner Kanzlerkandidatur - wohl aus Rücksicht auf seinen Freund Sigmar Gabriel. Der Parteiboss sollte darauf reagieren. Mit Verzicht.

Sigmar Gabriel hebt die rechte, Martin Schulz die linke Hand - Wer wird SPD-Kanzlerkandidat?

Kommen sich nicht in die Quere: Hoffnungsträger Martin Schulz (re.) gibt Rennen um die SPD-Kanzlerkandidatur wohl auf. Freie Bahn für Sigmar Gabriel?

Als sich im November abzeichnete, dass der scheidende EU-Parlamentspräsident Martin Schulz in die Bundespolitik wechseln werde, machte sich - nicht nur innerhalb der SPD - so etwas wie Hoffnung breit. Schulz, ein anerkannter und erfahrener Europapolitiker, könnte doch gleich den ungeliebten Parteiboss Sigmar Gabriel als Kanzlerkandidaten ablösen. Eine repräsentative stern-Umfrage zeigte sogleich: Schulz könnten sich 54 Prozent der Deutschen gut als Außenminister vorstellen (als Nachfolger für den designierten Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier) und 27 Prozent würden ihn bei einer Direktwahl gar zum Kanzler wählen. Eine Zustimmung, von der SPD-Parteichef Sigmar Gabriel nur träumen kann (er liegt in dieser Kategorie zuletzt bei sehr schmalen 13 Prozent). Seither lag es in der Luft: Ende Januar werde die SPD den "Weltpolitiker aus Würselen" zu ihrem Spitzenkandidaten ernennen.

Wie aus dem Nichts hatten die Sozialdemokraten auf einmal einen Hoffnungsträger. Doch nun scheint aus all dem nichts zu werden. Wie das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" berichtet, geht Martin Schulz davon aus, dass er nicht Kanzlerkandidat werden wird. Vor Weihnachten habe der Noch-EU-Präsident "gegenüber Genossen zu erkennen gegeben, dass er nicht mehr damit rechnet, Spitzenkandidat bei der Bundestagswahl 2017 zu werden", heißt es in dem Bericht. Angeblich habe es in den vergangenen Wochen etliche Versuche gegeben, Schulz dazu zu überreden, seine durchaus vorhandenen Ambitionen öffentlich zu machen und damit einen Mitgliederentscheid über die K-Frage herbeizuführen. Bei einer solchen Urwahl hätte er mutmaßlich beste Chancen, aber, so der "Spiegel" weiter: Schulz scheut offenbar davor zurück, gegen Gabriel anzutreten. Die beiden Politiker sind befreundet.

Martin Schulz: "SPD muss führende Partei im Land sein wollen"

Aus Rücksichtnahme die zweitbeste Lösung wählen? Wenn sich die deutsche Sozialdemokratie derzeit etwas nicht leisten kann, dann das. Die Umfragewerte sind beständig bei 25 Prozent und darunter - inakzeptabel für die einst so große Volkspartei. Gabriel, der als Vorsitzender den ersten Zugriff auf die Kanzlerkandidatur hat, ist sogar noch deutlich unbeliebter als seine Partei - daran änderte auch die hübsche Nachricht nichts, dass der 57-Jährige noch einmal Vater wird. Allein die Aussicht, dass Schulz von Berlin nach Brüssel wechseln würde, erzeugte dagegen schon eine - wenn auch zurückhaltende - Aufbruchstimmung. Ganz zu schweigen von einem aus SPD-Kreisen schon gar nicht mehr gewohnten Selbstbewusstsein. In einem Interview mit der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" antwortete Schulz auf die Frage nach seinem Wahlziel: "Die SPD muss den Anspruch erheben, die führende Partei in diesem Land zu sein."

Das Interview erschien vor elf Tagen. Und nun soll davon nichts bleiben? Ein Sprecher von Schulz ließ am Freitag lediglich verlauten, es werde keine Stellungnahme zu dem "Spiegel"-Bericht geben. "Entschieden wird - wie immer angekündigt - im Januar", betonte der stellvertretende SPD-Vorsitzende Ralf Stegner. Der in Hamburg sehr angesehene, aber stets etwas hanseatisch steif wirkende Erste Bürgermeister Olaf Scholz wäre dann aus bundesweiter Sicht lediglich eine Kompromisslösung. Wenn das stoische Festhalten am angepeilten Datum 29. Januar nicht nur ein Ritual ist, dann bleibt Sigmar Gabriel bis dahin noch die Möglichkeit, seiner Partei einen wirklich großen Dienst zu erweisen - und zugunsten seines Freundes Martin Schulz auf die Kanzlerkandidatur verzichten. Ganz zu schweigen davon, dass eine auch nur leicht erstarkende SPD für die Demokratie im Land nur dienlich sein kann.