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Schröders Memoiren: Die eilige Schrift

Die Hoffnung der Leser, bei den Memoiren von Ex-Kanzler Gerhard Schröder einen lüsternen Blick durchs Schlüsselloch zu werfen, wird nicht erfüllt. Auch sonst gibt's wenig Einblicke, denn die Zwiebel bleibt auf 544 Seiten ungehäutet. Eine Buchbesprechung.

Von Andreas Hoidn-Borchers

Frühjahr 2002, die Umfragen für die SPD und ihren Kanzler sind im Keller, da reist Gerhard Schröder durch Südamerika. Mexiko, Brasilien, Argentinien. Es ist eine gefühlte Abschiedstour. Er will dabei auch ein bisschen Spaß haben. Im Gefolge fliegen auch seine ständigen Skatkumpel, der Malerfürst Markus Lüpertz und Stahlunternehmer Jürgen Großmann mit. Vor dem Abflug von Mexiko-City nach Sao Paolo ergänzt Großmann großzügig die Rotwein-Vorräte, Marke: französisch und sehr teuer. Dann sitzen die drei im Konferenzraum des Regierungs-Airbus, qualmen Zigarren, picheln, spielen Karten. Es folgt: ein nicht eingeplanter Tankstopp im nächtlichen Manaus. Der Generalkonsul erscheint aufgeregt, will dem hohen Überraschungsgast seine Aufwartung machen ­ und wird von diesem an der Flugzeugtür höflich, aber sehr bestimmt abgewiesen: "Sie stören leider beim Skat." Was für eine Geschichte, wow! Ganz, ganz großes Kino! So geht's zu, wenn Kanzler eine Reise tun. Da kann man was erzählen.

Saftige Episoden fehlen

Schade nur, dass die Leser der "Erinnerungen" des sich junggeblieben wähnenden Altkanzlers Schröder, 62, nicht in den Genuss solch saftiger Episoden kommen. Der Autor verweigert seinen Lesern ziemlich konsequent den lüsternen Blick durchs Schlüsselloch. Für den erklärten Nicht-68er ist das Private nicht politisch ­ es sei denn, es geht um Doris. Schröders vierte Ehefrau nimmt in seinem Buch einen deutlich breiteren Raum ein als die meisten Staatenlenker und jeder seiner Minister - vom "eloquenten Vollblutpolitiker" Joschka Fischer dem Größten, der "Übermenschliches leistete", mal abgesehen.

Doris Schröder-Köpf ist alles für Gerhard Schröder: Ruhepol, liebende Mama der Kinder, "wichtigste Verbindung zur Außenwelt", Schöpferin des Unwortes Agenda 2010 für Schröders späten Reformanlauf. Nur, "dass sie sich je in zu treffende Entscheidungen eingemischt hätte, ist eine Legende", schreibt Schröder. Auf Seite 181. Wär ja auch noch schöner, es reicht ja, dass es nach dem BSE-Skandal "ihre Idee" war, den Verbraucherschutz im Landwirtschaftsministerium "stärker zu verankern und die Prioritäten neu zu setzen", wie Schröder auf Seite 289 schreibt. Ja, so ist das Weib dem Manne gut: Hat Ideen, mischt sich aber nie nicht ein.

Vieles wirkt wie nacherzählt

Ansonsten gibt's wenig Einblicke, wie es wirklich so zugeht bei Regentens. Vieles wirkt wie aus dem Zeitungsarchiv nacherzählt, flach und seltsam undramatisch ­- als wäre der Erzähler unbeteiligt gewesen am Geschehen. Auch hier gilt: Schade eigentlich. So ist das Werk viel blutärmer ausgefallen, als die sieben aufregend-turbulenten rot-grünen Jahre es waren, über die der Altkanzler schreibt bzw. seinen Ex-Regierungssprecher Heye schreiben ließ.

Den politischen Raufbold lässt Schröder nur im Rahmen seiner Marketing-Interviews raus; im Buch verkneift er sich Bewertungen und Bemerkungen über seine Nachfolgerin wie über seine ehemaligen Gegner mit Ausnahme der Gewerkschafter Peters (IG Metall, Sozi) und Bsirske (Verdi, Grüne). Aber dass die ihm herzlich verhasst sind, ist nun auch kein Geheimnis.

Überraschende Ruheständlermilde

Aus fast allen Zeilen weht einen eine überraschende Ruheständlermilde an. Irgendwie waren sie doch fast alle schwer in Ordnung, mit denen er zu tun hatte. Der Frank und der Franz, der Vogel ("weder der Oberlehrer noch der Pedant, als der er beschrieben wird") und der Eppler ("seine intellektuelle Kraft und Sensibilität"), der Rau und der Trittin, die Ulla ("hat sich bisher bravorös geschlagen") und sogar die Heidi: "Ihre Kabinettsdisziplin ist untadelig. - Hut ab vor dieser Frau."

Doch es gibt nicht nur einige schöne Stilblüten ("Tuberkulose fraß seine Lunge. Er hatte wenig Freude auf diesem langen, holprigen letzten Weg."), sondern auch sonst etwas zu lachen in diesem Buch. Nur so am Rande: Woher stammt eigentlich die Wendung "Lügen wie gedruckt"?

Die Zwiebel bleibt ungehäutet

Jenseits der deutschen Grenzen schätzt er vor allem den Wladimir ("er braucht keinen Prunk, keine Prachtentfaltung"), aber auch den Jacques, "einen sehr liebenswürdigen Menschen", der immer noch in Hannover anruft und mit Doris und der kleinen Dascha plaudert. Sogar George ist gar kein so Übler, rein menschlich gesehen. Schröder mag nur seinen Regierungsstil 'Helm auf nach Gebet' nicht sonderlich, was man aber verstehen kann. Doch der Schriftsteller Schröder enthüllt und erhellt beim Erinnern wenig, was man nicht schon vom Kanzler Schröder über seinen Zwist mit dem US-Präsidenten gewusst hätte. Die Zwiebel bleibt ungehäutet. Oder die Zeit heilt offenbar doch so manche Wunde.

Sogar zu Ringelpietz-Rudi flossen ihm noch ein paar halbwegs nette Nebensätzchen aus der Feder: "Es hat mich Überwindung gekostet, mich von ihm zu trennen." Nur zu seiner Justizministerin Herta Däubler-Gmelin, die ihm mit ihrem Hitler-Bush-Vergleich 2002 fast die Wiederwahl vermasselt hätte, ist ihm nun gar nichts Positives eingefallen. Sie straft er wie seine Kurzzeit-Verkehrsminister Bodewig und Klimmt mit Nichterwähnung. Seine linken Widersacher aus der Fraktion, Sigrid Skarpelis-Sperk alias Tripel-S oder Ottmar Schreiner, spielen die gleiche Rolle wie der König von Tonga: Sie kommen nicht vor. Jedenfalls nicht namentlich. Eine Rolle spielen sie nur als unbenannte Abgeordnete, "lautstarke Minderheiten in der Fraktion", die ihn letztlich in die Neuwahl und damit in den Altkanzlerstand getrieben haben.

Kein böses Wort über Lafontaine

Vielleicht hat er sich einfach ein bisschen zu wenig Mühe gemacht. Denn was aus diesen "Erinnerungen. Mein Leben in der Politik" ­- wobei er sich weitgehend auf seine Kanzler-Jahre beschränkt -­ hätte werden können, zeigen die sehr gelungenen Passagen über zwei Politiker, die an den eigenen Zweifeln und am fehlenden Mut gescheitert sind - Gebrechen, unter denen der Kollege Schröder in der Regel nicht litt. Man merkt Schröders (oder Heyes) psychologisierendem Sinnen über Edmund Stoiber und, vor allem, über "das Rätsel Oskar Lafontaine" an, dass daran heftig gefeilt wurde. "Bis heute halte ich an meiner Einschätzung fest, nie wieder einen so begabten politischen Menschen kennengelernt zu haben", heißt es über Lafontaine, aber er offenbare "eine unbewusste Scheu, Verantwortung zu übernehmen", die durch das Attentat auf ihn noch verstärkt worden sei. Anders kann Schröder sich nicht erklären, dass Oskar ihm die Kanzlerschaft überlassen habe: "Niemand hätte ihm 1998 eine Kandidatur streitig machen können. Und ich schon gar nicht." Und er verliert kein böses Wort über den Mann, der ihn durch seinen Rundumrücktritt 1999 in die erste große Krise seiner Amtszeit gestürzt hatte: "Es reicht, einen Mitstreiter verloren zu haben."

Die Intensität, das Überraschende dieses Kapitels vermisst man in vielen Teilen des hurtig hergestellten Buches. Natürlich, zu den Memoiren seines Vorgängers verhalten sich Schröders Einlassungen wie "Die Suche nach der verlorenen Zeit" zu den "Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull": Viel weniger Staub und Weihrauch, viel kürzer und -­ von einigen langatmigen außenpolitischen Exkursen, etwa über "die schwierige Zypern-Frage", abgesehen - für ein Politiker-Buch relativ geschmeidig geschrieben. Gemessen an Genschers gesammeltem Gähnen ist es sogar ein Quell der Lesefreude. Der Hilferuf eines von den ersten angelieferten Textproben entsetzten anonymen Lektors, im Frühsommer von der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" kolportiert, scheint gefruchtet zu haben. Aber im Nachbessern war Schröder schon immer gut.

Einige Enthüllungsfetzen - gut versteckt

Man sollte sich auch vom Umfang der Eiligen Schrift nicht schrecken lassen. 544 Seiten, das klingt nach gewaltig viel Lesestoff. Davon aber sind nur zwei Drittel mit Schröderiaden bedruckt, und das recht schmal und luftig; man kommt da ziemlich fix durch. Das restliche Drittel besteht aus einer Zeitleiste, einem beeindruckenden Register vom 11. September bis Zypries, Brigitte, einer ganzen Latte Bilder von Gerd und dem Rest der Welt (Mama, Doris, George, Jacques, Wladimir) sowie einigen faksimilierten handschriftlichen Manuskriptseiten, an denen vor allem erstaunt, dass Schröder als Schriftsteller offenbar ein Mann des ersten Wurfes ist: Nirgendwo gibt es auch nur die geringste Korrektur. Hut ab vor diesem Mann!

Ein paar Enthüllungensfetzen am Rande gibt es trotzdem. Wie Joschka Fischer sich an die Macht und seinen Posten klammerte, zum Beispiel. Das deutet Schröder (oder Heye?) sehr schön an. So wäre Fischer bereit gewesen, im November 2001 den bei Grünen wie in der SPD heftig umstrittenen Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan auch ohne eigene rot-grüne Mehrheit mit Unterstützung der Opposition vom Bundestag beschließen zu lassen. Schröder entschloss sich dann zwar dazu, die Vertrauensfrage zu stellen, überlegte sogar, "die kraftraubende Überzeugungsarbeit einzustellen und ein negatives Votum" mit dann folgenden Neuwahlen in Kauf zu nehmen, ließ es aber doch bleiben: "Ich konnte und wollte einem äußerst loyalen Joschka Fischer einen solchen Schritt nicht zumuten." Auch voriges Jahr schlug Fischer die Hände überm Kopf zusammen, als Schröder ihn in seine Neuwahlpläne einweihte -­ diesmal allerdings nahm der Kanzler keine Rücksicht mehr auf seinen Außenminister.

Wichtige Themen bleiben Nebensache

Die verlorenen Landtagswahlen, die massenhafte Flucht aus der SPD, das Unverständnis zwischen Kanzler und vielen Genossen dagegen haben das Gewicht von Nebensächlichkeiten. Apropos Nebensache: Welches Gesellschaftsbild Gerhard Schröder hat, wohin er den sieben Jahre von ihm regierten Staat lenken wollte (außer als gleichberechtigten Spieler auf die internationale Bühne), das wissen wir auch nach der Lektüre dieser 544 Seiten noch immer nicht. Schröders Welt erschien vielen immer als 'enormer Wille ohne rechte Vorstellung'. Man hätte sich gerne eines Besseren belehren lassen.

Dabei wollte Schröder doch sich und seine Politik erklären, sein Selbstbild, "das mit der Wahrnehmung mancher journalistischer Wegbegleiter oft wenig gemein" habe. Motto: Ab heute wird zurückgeschrieben. Allerdings fällt auch seine Medienschelte sehr verhalten aus, so sehr es ihn gejuckt haben mag, denen einen mitzugeben, die ihn erst hofiert und dann niedergeschrieben haben. Aber vielleicht ist es ihm schon Genugtuung genug, dass nun Springer und Spiegel vereint für den Vorabdruck seines Buches zahlen müssen.

Verständlicher Selbstschutz beim Kapitel Kindheit

"Solange ich zurückdenke, musste ich mich mit Dingen befassen, die mir nicht in die Wiege gelegt worden sind", schreibt der Selbstbildhauer Schröder, der sich vom unteren Rand der Gesellschaft, Soziologen nennen das heute "bildungsferne Schichten", nach oben geackert hat. Die Beschreibung seiner Kindheit, der bitteren Armut wie der "ungeheuren Kraft" seiner Mutter, die Erinnerung daran, wie der Fußball an die Bretter des Behelfsheims, in der sie in der Nachkriegszeit hausten, das Heraufbeschwören des Tuberkulose-Hustens seines Stiefvaters -­ dies gehört neben den Oskar-Passagen zu den stärksten, eindringlichstes Kapiteln des Buches. Obwohl Schröder auch hier, aus verständlichem Selbstschutz, nur einen eher kleinen Einblick in das erlebte, aber nicht als solches empfundene Elend gestattet.

"Niemand war da, der mir in der Kindheit den Weg wies. Alles war Versuch und Irrtum unterworfen", schreibt er. "Nicht alle Defizite, die ich bei mir entdeckte, konnte ich aufarbeiten", gesteht Schröder. Und dann folgt ein wunderbarer Schlenker, eine filigrane Abrechnung mit den Großkotzen aus Wirtschaft, Publizistik usw.: "Ich tröste mich damit, dass ich Menschen aus großbürgerlichen Schichten begegnet bin, die in ihrem Sozialverhalten unerträglich waren, ohne dass sie dies als Mangel empfunden hätten." Das war es dann aber auch schon.

Einstieg bei Gasprom verteidigt

"Was war richtig, was war falsch?", fragt sich Schröder. Richtig war, natürlich, die Agenda 2010 ("Die jetzige Regierung kann schon erste Früchte ernten."). Richtig waren die Neuwahlen. Richtig waren aber auch die Ökosteuer und der Atomausstieg, "der gelungene Versuch der Begrenzung enormer Kapitalmacht". Das reibt er den Linken noch mal ordentlich rein: "Dieser laut den Anhängern marxistischer Gesellschaftstheorie nicht oder nur durch Revolution herbeizuführende Fall bedarf noch der Analyse." Richtig waren ferner das Nein zum Irak-Krieg ("Vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, die USA zu ermutigen, den Kriegsschauplatz Irak zu verlassen") wie die Beteiligung am Einsatz in Afghanistan. Richtig war, natürlich, auch seine Entscheidung, kurz nach seiner Abdankung bei Gasprom anzuheuern. Die verteidigt er sogar mit so mächtigem Furor, als säße er wahlabends mit Merkel im TV.

Falsch war, und das ist das eigentlich Überraschende, aber auch eine ganze Menge. "Licht und Schatten halten sich wohl die Waage, wenn ich zurückblicke und eine wahrhaftige Bilanz der ersten Legislaturperiode zu ziehen versuche"; schreibt Schröder. Das ist zwar immer noch beschönigend, für einen (Ex-) Politiker aber ein außergewöhnliches Geständnis. Falsch war auch Eichels Streichliste 2002, wofür Schröder nun nachträglich die Verantwortung übernimmt, das zu strikte Festhalten am Sparkurs und, nicht zuletzt, der viel zu spät begonnene Reformprozess. Man wusste das zwar alles - aber eben noch nicht in jedem Fall von Schröder.

Muss man es lesen? Nö, muss man nicht

So sind diese "Erinnerungen" alles in allem ein sympathischeres, selbstkritischeres, auch aufschlussreicheres Werk geworden als zu befürchten stand. Und man hätte Schröder, anders als Kohl, als grandseignieurhaften, wenig auftrumpfend-selbstgerechten Altkanzler kennen und schätzen lernen können, hätte er es nur bei dem Buch belassen -­ und es nicht mit seinen flankierenden Rambo-Interviews konterkariert. Die hat Heye offenbar nicht redigiert.

Aber muss man es deshalb komplett gelesen haben? Nö, muss man nicht. Das Buch kostet 25 Euro. Es reicht, wenn Sie den neuesten stern kaufen (oder den Spiegel), da steht drin, was man wissen muss. Und den Rest spenden Sie an eine Hilfsorganisation für Kinder. Die haben's nötiger.