HOME

Computer in der Schule: Lernt das endlich, Lehrer!

Computer und WLAN für die Schulen. Mit ihrem Digitalpakt will Bildungsministerin Johanna Wanka das digitale Lernen vorantreiben. Eine Umfrage zeigt: Die Bevölkerung erwartet, dass sich etwas tut. Nicht zuletzt von den Lehrern.

Computer in der Schule: Lehrerin blickt auf Schüler, die an Rechnern sitzen

Schüler am Computer: Deutschlands Schulen sollen fit für das digitale Zeitalter gemacht werden. Die Bundesregierung stellt Milliarden Euro für die Ausstattung bereit.

Bildungspolitik ist ein zähes Geschäft. Ländersache. 16 Kultus- oder Bildungsminister oder Senatoren, die sich von niemandem, ganz sicher nicht aus Berlin, in die Suppe spucken lassen wollen. Schon gar nicht in der Schulpolitik. Das macht Veränderungen sehr, sehr langsam. Vor allem im Hinblick auf die Digitalisierung der Schulen ist das fatal.

Smartphones, Tablets und Computer prägen schon heute den Alltag von Schülern, oft von Kindesbeinen an. Sie chatten mit Whatsapp, zocken zu Hause, mobben sich oder stellen ein Filmchen auf Youtube. Computer, das Digitale, ist ihr Alltag. Nur in der Schule passiert noch allzu oft: Nüscht. Oder: Zu wenig. Schon vor über 20 Jahren gab es die Initiative "Schulen ans Netz" der damaligen Bundesregierung und der Telekom. Es gab unzählige Reden und Absichtserklärungen. Natürlich gibt es auch viele engagierte Lehrer, Pioniere, Vorreiter, die versuchen, das Digitale, digitale Lehrmethoden, Verständnis fürs Programmieren und für die Funktionsweise von Computern, ihren Schülern nahezubringen. Jeden Dienstag chatten unter dem Hash-Tag #Edchat sogar rund 80 Pädagogen auf Twitter über aktuelle Entwicklungen. Aber unterm Strich ist der Fortschritt ernüchternd.

Es feht an Hardware und Software

An vielen Schulen fehlen noch immer die Rechner, an vielen Schulen gibt es immer noch kein schnelles Internet. Dazu kommt ein krasses Gefälle zwischen den Ländern. Das alles zeigt schon allein der Länderindikator 2015 der Telekom-Stiftung. Fast noch wichtiger aber: Die Lehrer ziehen bislang nicht mit, wollen nicht, können nicht. Das zeigte schrill die so genannte ICILS-Studie aus dem Jahr 2013, eine internationale Vergleichsstudie. Sie brachte hervor, dass damals nur 34,4 Prozent der deutschen Lehrer Computer regelmäßig im Unterricht nutzten. Gerade ein Drittel! Deutschland war Schlusslicht.

Mittlerweile ist das etwas besser geworden. In besagter Telekom-Studie waren es immerhin schon 47,6 Prozent der Lehrer. Aber das ist immer noch zu wenig. Die Lehrer, die Schlüsselfiguren beim Vermitteln einer neuen Welt, sind noch zu oft digitale Analphabeten. Die ernüchternde Analyse deckt sich auch mit Recherchen des stern in den vergangenen Wochen. Für einen Report über die Schule der Zukunft hat der stern mit Lehrern und Eltern, mit Bildungsforschern und Politikern gesprochen.

Wankas "Digitalpakt" geht in die richtige Richtung

Deutschland, Heimat stolzer Ingenieure und stolzer Maschinenbauer, vermag es offenbar nicht, seine Kinder auf den neuesten Stand der Technik zu bringen. Es ist ein fatales, im Kern politisches, Versäumnis. Denn wer sich in der digitalen Welt nicht auskennt, wer ihre Sprache, ihre Methoden und ihre - im wahrsten Sinne des Wortes – Codes nicht beherrscht, wird nicht mitreden können, wird nicht mitgestalten können. Dabei geht es nicht nur darum, den Facebooks und Googles dieser Welt Paroli zu bieten. Es geht auch nicht nur darum, die Kinder fit für den Arbeitsmarkt zu machen. Das auch. Es geht um: Teilhabe. Die Politik muss die Rahmenbedingungen setzen. Für Lehrer und Schüler.

Vor diesem Hintergrund ist die Initiative von Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU), der Vorschlag eines "Digitalpakts" zwischen Bund und Ländern, der richtige Weg. Wanka schlägt vor, dass der Bund in den nächsten fünf Jahren fünf Milliarden Euro in die rund 40.000 deutschen Schulen pumpt - für Rechner und WLAN. Im Gegenzug sollen die Länder sich dazu verpflichten, für eine angemessene Ausbildung der Lehrer, für eine Fortentwicklung der Pädagogik mit den digitalen Mitteln zu sorgen. Eine Grundgesetzänderung ist, so heißt es aus dem Hause Wankas, dafür nicht nötig. Das heikle Kooperationsverbot wird so also zumindest formal nicht umgangen. Mit diesem Vorschlag macht Wanka dreierlei: Sie versucht, die Federführung beim Thema digitale Bildung zu übernehmen, zu zeigen, dass der Bund gewillt ist, hier einen einheitlichen Rahmen zumindest voranzutreiben. Im Jahr vor der Bundestagswahl ist das auch ein politisches Manöver. Zum zweiten deutet sie aber zurecht darauf hin, dass es mit Hardware alleine nicht getan ist: Die Software, das Wissen und der Wille der Lehrer, das muss auch stimmen.

Deutsche sehen eher Chancen als Risiken

Wie die Deutschen über das "Lehren, Lernen und Leben in der digitalen Welt" denken, hat Wankas Ministerium das Forschungsinstitut TNS Emnid in einer repräsentativen Umfrage mit dem Titel "ZukunftsMonitor III" mit über 30 Fragen ermitteln lassen. Die Ergebnisse liegen dem stern vor. Demnach hat sich in der Bevölkerung schon längst die Erkenntnis durchgesetzt, dass es ohne digitale Technologien in der Bildung kaum gehen wird. 79 Prozent der Deutschen sagen, dass sie den "verstärkten Einsatz digitaler Technologien in der Bildung" für "unabdingbar" halten, damit "wir für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gewappnet sind." Nur 14 Prozent der 1064 Befragten stimmen dem nicht zu. 72 Prozent der Deutschen sind der Auffassung, dass "digitale Technologien in Zukunft grundsätzlich verändern werden, was wir unter Bildung verstehen." 67 Prozent der Deutschen sagen, sie verbinden mit "digitalen Technologien in der Bildung eher Chancen als Risiken."

Auch dafür, die Technologien endlich in den Bildungsinstitutionen unterzubringen, in Schule und Berufsbildung, gibt es eine breite Zustimmung. 86 Prozent der Deutschen sagen, "ein grundlegendes Verständnis digitaler Technologien muss in Zukunft fester Bestandteil von Schul- und Berufsbildung sein." 68 Prozent der Deutschen glauben auch, dass dadurch, dass im Internet "Faktenwissen jederzeit abrufbar" ist, in Zukunft mehr Freiräume für "Kreativität und praktisches Erfahren" entstehen. Die Erwartungshaltung der Bevölkerung gegenüber Lehrern ist ebenfalls eindeutig. 77 Prozent der Deutschen rechnen damit, dass "digitale Technologien in der Bildung grundlegend verändern werden, was Lehrkräfte in Zukunft können müssen."

Digitalpakt: Sollen Schüler iPads gestellt bekommen

Sollen Schüler iPads gestellt bekommen - wie hier in einer Düsseldorfer Schule - oder müssen sie ihre eigene Geräte mitbringen. Eine der Fragen zur Digitalisierung der Schule.


Dabei gibt es natürlich Skepsis und Sorgen, trotz der Hinwendung zum Digitalen. 62 Prozent der von TNS-Emnid Befragten glauben, dass sich digitale Technologien in der Bildung in Zukunft "negativ auf die Sozialkompetenzen auswirken werden." Und 58 Prozent glauben nicht, dass digitale Technologien in der Bildung "unsere Gesellschaft in Zukunft gerechter machen" werden. Digitalenthusiasten argumentieren, dass gerade die Individualisierung des Unterrichts mit technischen Mitteln, eine Differenzierung über Algorithmen, für größere Chancengerechtigkeit sorgen wird. Auch gegenüber dem Einfluss der Wirtschaft sind die Deutschen misstrauisch. 68 Prozent befürchten, dass "digitale Technologien in der Bildung der Wirtschaft in Zukunft zu viel Einfluss auf Lerninhalte und -prozesse erlauben werden." Damit bestärkt die Umfrage jene Skeptiker, die warnen, es gebe einen profitgetriebenen "Alarmismus", was die Digitalisierung der Schule betreffe.

Computer: Kultusminister wollen Leitlinien beschließen

Aber so oder so. Wie Lehrer digitale Medien in Zukunft genau einsetzen, ob sie in Mathematik mit einer App arbeiten, in Deutsch mit Erklärvideos, ob Schüler alle iPads haben müssen oder können oder ob sie ihre eigenen Geräte mit in die Schule bringen sollen. Das sind alles Fragen, über die diskutiert, gestritten werden kann und muss. Nicht alles, was digital ist, ist zwangsläufig gut und pädagogisch wertvoll. Aber um über die richtige Pädagogik, die richtige Integration von analogem und digitalem Lernen, überhaupt erst streiten zu können, müssen Lehrer und auch Eltern sich erst einmal selbst schlau machen, auf Debattenhöhe bringen. Dazu ist Wankas Vorstoß die richtige Initiative.

Im Dezember will die Kultusministerkonferenz auch noch ein Papier verabschieden, das den Titel "Bildung in der digitalen Welt" trägt. Darin soll nicht nur in "sechs Kompetenzbereichen" festgeschrieben werden, was Schüler künftig können müssen. Es soll auch ein Katalog enthalten sein, der festhält, was Lehrer können sollen, was sie schnell und bald lernen müssen. Der Prozess, in dem die Kultusministerkonferenz dieses Papier entwickelt hat, war bislang schon sehr eindrucksvoll. Im Frühjahr wurde der erste Entwurf ins Netz gestellt. Seither sind über 80 Stellungnahmen eingegangen, die jetzt eingearbeitet werden. Es rührt sich etwas. Und es wird auch Zeit, dass Digitalisierung an deutschen Schulen endlich mehr ist als ein bloßes Lippenbekenntnis.