HOME

USA-Reise der Kanzlerin: Angela Merkel, down to earth

Was tun, wenn zu Hause die Hütte brennt, aber Barack Obama zu einer Nuklear-Konferenz ruft? Kanzlerin Merkel packte ihren eigenen kleinen Anti-Atom-Vorschlag ein und flog hin. stern-Redakteur Andreas Hoidn-Borchers begleitete sie.

Das Schöne am Job einer Bundeskanzlerin ist: Man reist immer ziemlich komfortabel. Vielleicht nicht ganz in der Privatmaschinen-Preisklasse von Steve Jobs und Dietmar Hopp, aber doch weit besser als der große Rest: Rundum betreut, gute Hotels (okay, auch für manchmal verdammt wenige Stunden Schlaf), die Straßen werden gesperrt und am Flughafen muss man nie Schlange stehen.

Das weniger Angenehme ist: Manchmal muss man auch zu Terminen reisen, die einem eigentlich eher piepe sind. Das ist dann wie bei der Goldenen Hochzeit von Erbonkel Willy. Die kann man auch nicht so einfach schwänzen. Allenfalls um den Preis, in ewige Ungnade zu fallen. Bei Onkel Willy und dem Rest der Familie.

Das G40-plus-Treffen

Anfang dieser Woche war so ein Termin für Angela Merkel: US-Präsident Barack Obama hatte zum Gipfel nach Washington geladen, um über die weltweite Bedrohung durch Atomwaffen und atomwaffenfähiges Material in der Hand von Terroristen oder terroristischen Staaten zu diskutieren, wenige Tage nach seinen erfolgreich abgeschlossenen Abrüstungsverhandlungen mit Russland. Eine ziemlich ungewöhnliche Konferenz, sozusagen ein G40-plus-Treffen, mit fast einer halben Hundertschaft Staats- und Regierungschefs von allen Kontinenten – der Lula aus Brasilien kam, Herr Hu aus China, der russische Präsident Medwedew, der Saudi, der Silvio und der Nicolas, sogar der pakistanische Premierminister. Fast die komplette Familie eben, ein paar schwarze Schafe inklusive. Fernbleiben unmöglich.

Man tut Angela Merkel sicher nicht unrecht, wenn man behauptet, dass sie momentan Besseres zu tun hätte zu Hause. Natürlich hatte die Kanzlerin nie ernsthaft erwogen, nicht nach Washington zu fliegen; nur sicher irgendwann einmal innerlich schwer geseufzt: Muss das denn jetzt auch noch sein! Sicher, die nukleare Abrüstung ist wichtig oder, wie sie es sagen würde: von zentraler Bedeutung. Aber im Grunde genommen steht das Thema bei ihr auf der Tagesordnung ungefähr an der Stelle, wo für Obama der Kampf gegen die drohende Klimakatastrophe rangiert: Muss man sich sicher auch mal drum kümmern. Irgendwann.

Ein Vorschlag, uckermärkisch bodennah

Aber Angela Merkel wäre nicht die praktisch orientierte Politikerin, die sie ist, hätte sie dem vertrackten Termin nicht doch etwas abgewinnen können. Also packte der Amerika-Fan kurzerhand noch einen Ausflug an die Westküste dran. Schließlich war sie schon kurz nach der Wende an den Pazifik gereist, um auf das weite Meer und in die Freiheit zu schauen. Nun kann sie dem Trip sogar einen (wirtschafts-)politischen Anstrich geben: Man müsse, sagt sie, sich als Europa viel stärker um die Technologieregion im amerikanischen Westen kümmern; fast so sehr wie um die Golfstaaten. Nur so könne man verhindern, dass sich Kalifornien und Co. endgültig nur auf China, Asien und das geografisch viel näher liegende aufstrebende Brasilien konzentrieren. Also kümmert sie sich schon mal ein bisschen, mit Besuchen bei Gouvernor Schwarzenegger, einem Warner-Filmstudio, bei SAP und Bayer Health Care.

Das ist das eine. Und weil man ja nicht ganz ohne Geschenk zur Familienfete bzw. ohne irgendeine Idee zu einer solchen Konferenz reisen kann, hat die Hardcore-Pragmatikerin aus der Nichtnuklearmacht Deutschland das gemacht, was ihr am meisten liegt: einen Vorschlag, der ziemlich down to earth ist. Uckermärckisch bodennah. Auf den im großen Gewoole der Staatsmänner wohl am ehesten eine naturwissenschaftlich geprägte Frau kommt. Er lautet, auf einen ziemlich einfachen Nenner gebracht: Es reicht nicht, sich nur um die großen Probleme zu kümmern, um die Atomwaffen und das hoch angereicherte spaltbare Material, aus dem Terroristen und/oder Islamisten eine fette schmutzige Bombe bauen könnten. Man muss sich auch um den Kleinkram kümmern, das andere gefährliche Zeug, mit dem irgendwelche Schurken aus der Kategorie asymmetrische Bedroher zwar nicht ganz so viel Schaden anrichten können, dafür aber umso leichter rankommen können. Leicht strahlendes Material, das in Kliniken oder der Landwirtschaft eingesetzt wird. Auch das soll künftig besser kontrolliert werden, vorrangig von der IAEO, der Internationalen Atomaufsichtsbehörde. Abends erzählte ein Experte davon, wie 1987 in Brasilien mal aus einer Klinik Cäsium-verstrahltes Gerät gestohlen wurde und rund 200 Menschen verstrahlt wurden, einige sogar ums Leben kamen. Wenn man Merkel dabei erlebt, weiß man: Das ist ein Beispiel, mit dem sie etwas anfangen kann. Etwas ganz Reales.

Und nun: Schwarzenegger

Deutschland, erzählte die Kanzlerin hinterher in dem ihr eigen unterkühlten Stolz, habe das Augenmerk der Gipfelteilnehmer "eher auf das Praktische gelenkt". Da hatte sich ihre anfängliche Unlust dann schon in eine Art gebremste Begeisterung für das Thema nukleare Sicherheit gesteigert. "Wir müssen das sehr, sehr ernst nehmen. Wir reden nicht über etwas Virtuelles, sondern bereiten die Welt auf eine reale Gefahr vor und ziehen Grenzen ein." Ein bisschen große Welt-Politik darf dann schon sein, wenn zu Hause nur FDP, Steuern und Griechenland warten.

Manchmal bietet so ein Goldene-Hochzeit-Ausflug dann eben doch eine ganz nette Abwechslung. Und dann ging es ab nach Kalifornien zu Schwarzenegger, wo die Kanzlerin am späten Abend landete.