HOME

Visa-Affäre: Kampf gegen den Untergang

Am Montag ringt Außenminister Joschka FIscher im Untersuchungsausschuss um sein Amt - und das Überleben von Rot-Grün. In der Visa-Affäre verliert er die Aura des Unantastbaren. Ende eines Idols?

Alle haben das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Manche meinen sogar zu spüren, dass etwas zu Ende geht. Dabei läuft auf den ersten Blick doch alles ganz normal: Der Außenminister der Bundesrepublik Deutschland geht seinen Amtsgeschäften nach. Er empfängt den Außenminister von Argentinien und den von Guinea, und er hält im Konzentrationslager Sachsenhausen eine Rede.

Dann aber steht ein seltsam fahriger, unkonzentrierter Joschka Fischer im Bundestag. Er spricht zum China-Waffenembargo und sagt vergilbte Sätze wie "Meine Damen und Herren, der Europäische Rat hat beschlossen ..." Manchmal machen sie sich in den Reihen der Opposition ein wenig lustig über ihn.

Das hat es früher nie gegeben. Sie haben sich empört, haben ihn beschimpft - aber sie haben ihn nie ausgelacht. Etwas verschiebt sich, auch Fischer scheint es zu spüren.

Nach wildem Leben auf dem Hochplateau seiner Karriere angekommen, war Deutschlands Außenminister in den vergangenen Jahren zum Denkmal geworden. Eine Polit-Ikone der irgendwie anderen Republik: ungezähmt, aber doch machtbewusst. Dass er dazu auch noch mit Messer und Gabel essen konnte, wärmte sogar Konservativen das Herz. Fischer war unantastbar.

Doch seit er als Hauptfigur auftaucht im Skandal um massenhaften Missbrauch von Visa-Dokumenten an den deutschen Botschaften von Kiew, Moskau und anderswo, ist er antastbar geworden.

Warum tat er nichts

gegen die abenteuerlichen Zustände an den deutschen Auslandsvertretungen? War es die Arroganz des Weltpolitikers gegenüber scheinbaren Details? Und warum schritten nicht wenigstens Fischers engste Mitarbeiter ein? Multikulti-Ideologie - oder einfach nur vorauseilender Gehorsam?

Am kommenden Montag wird er sich im Visa-Untersuchungsausschuss mit unangenehmen Fragen auseinander setzen müssen. Es geht um Kriminelle, Schleuser, Schwarzarbeiter. Um Menschenhändler und ukrainische Mädchen. Das Ganze wird im Fernsehen übertragen, live aus dem Ausschuss-Saal im Berliner Parlamentsviertel: High Noon im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, Raum 3.101. Die Opposition wittert ihre Chance: Ohne Fischer wäre Rot-Grün so gut wie tot.

Ohne Fischer - das kann man sich irgendwie nicht vorstellen.

Wir haben seine Belehrungen ertragen und seine Turnschuhe in Hessen. Wir hielten ihn oft für einen Kotzbrocken, haben aber seine Attacken im Bundestag geliebt, und immer nahmen wir irgendwie Anteil - an seinem Dick- und Dünn- und dann wieder Dickwerden, an Liebesdramen und Marathonläufen. Fischer ist kollektive Geschichte. Ohne das beständige Dröhnen seines imposanten Egos ist diese Geschichte nicht vorstellbar. Es bildete so etwas wie das Grundrauschen der Republik - durchbrochen von spitzen Soli.

Das waren dann die besten Momente. Geht es mit ihm zu Ende, dann geht für alle etwas zu Ende.

Doch selbst wenn er die Sache überlebt, ist nicht klar, ob Fischer jemals wieder der Alte sein wird. Vielleicht ist seine Aura schon jetzt für immer verflogen.

Man sieht in diesen Tagen einen älter gewordenen, übergewichtigen Mann. Manchmal schnappt er kurzatmig-schmatzend nach Luft. Auf grünen Parteiveranstaltungen lässt er jetzt gern mal wieder die Krawatte weg. Er wirkt dann fast ein wenig liederlich. So, wie er eigentlich nie wieder aussehen wollte.

Fischer zerfließt geradezu in einer merkwürdigen Wohlbeleibtheit - als weiche jetzt gleichsam die Energie aus seiner politischen Kraftnatur. "Der Außenminister ist auch nur ein Mensch", hat die grüne Verbraucherministerin Renate Künast in diesen Tagen gesagt, um Fischers Fehler in der Visa-Affäre zu erklären. Nach Jahren grüner Überhöhung klingt das komisch, so irdisch: Der Außenminister. Nur ein Mensch.

"Ich war bei den Grünen lange Zeit Mittelstürmer, Linksaußen und Libero in einem", hat er vor Jahren gesagt. Es war immer anstrengend mit ihm. Aber es muss auch wahnsinnig anstrengend gewesen sein, Joschka Fischer zu sein.

Fassungslos verfolgen nun

auch die Genossen im Kanzleramt und in der Fraktionsspitze der SPD die "schleichende Demontage" und den "Souveränitätsverlust" des einstigen Zugpferdes. Fischer gilt jetzt als Risiko - vier Wochen vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen.

Viel zu lange hat er die Affäre unterschätzt. In seinem Umfeld ist zu hören, dass er sich bis vor kurzem "praktisch nie ernsthaft damit beschäftigt hat". Und noch jetzt, in der zähen Aufarbeitung, wenn über "Aktenlage", "Eingangsjahre" und "Reiseversagungsgründe" zu reden ist, bekommt der Skandal aus seiner Perspektive schnell etwas Dürftiges, geradezu Mickriges. Für ihn, den Chefdiplomaten, den Geo-Strategen und Weltenretter, ist es eine Affäre unter seinem Niveau. Daher fällt es ihm so schwer, ein Verhältnis zu ihr zu finden.

Vor Wochen schon drängte ihn SPD-Chef Franz Müntefering zu schneller Aussage vor dem Untersuchungsausschuss: "Joschka, du musst in die Offensive kommen. Nur so wirst du das los."

Ganz allmählich gelingt es Fischer, die Sache mit Pathos aufzuladen und ihr so eine Größenordnung zu geben, an der er sich messen kann. Im Fernsehen erzählt er, wie kurz vor der Wahl 2002 im Auswärtigen Amt die Beamten mit CDU- und FDP-Parteibuch in Vorfreude auf einen Ministerwechsel "schon neue Möbel bestellten". Man sieht dann förmlich die schwarz-gelben Parteisoldaten vor sich, wie sie in einer Palastrevolte das Gebäude am Werderschen Markt entern und sich bis zur Ministeretage vorkämpfen könnten.

Immer wieder hat Fischer persönliche Krisen bewältigt, indem er das Geschehen um seine Figur zu einem Drama von historischer Dimension überhöhte. All das zeigt seine tief sitzenden, fast schon reflexhaften inszenatorischen Bedürfnisse - wie auch eine bewundernswerte Fähigkeit, sich an sich selbst zu berauschen.

Auf dem Höhepunkt der Affäre um seine Straßenkämpfer-Vergangenheit, losgetreten durch ein Bekenntnis im stern ("Ja, ich war militant"), konnte man ihn in einer Lufthansa-Maschine antreffen, deprimiert und wie betäubt von den öffentlichen Schlägen jener Wochen - aber irgendwie schon wieder ganz Fischer: "Das ist der groß angelegte Versuch, mich politisch fertig zu machen."

So findet er auch jetzt wieder zum Kämpfen zurück. Sogar eine Veranstaltung mit SPD-Abgeordneten, auf der er über "Deutschlands Rolle in der Welt" referieren sollte, ließ der Minister vergangene Woche absagen - angeblich, um Visa-Akten zu studieren. Wenn das stimmt, dann erreicht er tatsächlich langsam Betriebstemperatur.

Es ist ein gigantisches Aufbäumen, es geht jetzt auch um Zeit und schiere Kraft. 40 bis 50 Mitarbeiter sichten im Auswärtigen Amt die Aktenbestände. 230 Ordner mit rund 155000 Seiten gingen bereits an den Visa-Untersuchungsausschuss. Fischer kann unmöglich alles selbst lesen, eigens abgestellte "Eingelber" quälen sich daher mit Textmarkern durch die dicken Konvolute und streichen für ihn die wichtigsten Passagen an. "Fischer ist jetzt voll geschäftsfähig in dieser Sache, was er vor acht Wochen noch nicht war", heißt es.

Das Schlimme ist nur: Fischer kann sich auf seinen Apparat nicht mehr voll verlassen: Schon länger ist der mächtige Gebäudekomplex am Werderschen Markt in Berlin voll von hässlichen Geschichten über den Minister. Sie handeln von Zurücksetzung und Missachtung, von gebrochenem Stolz und wechselseitiger Verachtung. Dass der Chef das Versagen im Visa-Debakel anfangs aufs niedere Personal an den Botschaften abwälzen wollte, hat das Klima zusätzlich vergiftet.

Fischer, so heißt es, sei vor allem am persönlichen Prestige interessiert: Ein Termin bei Kofi Annan sei ihm hundertmal wichtiger als eine interne Konferenz zur Afrika-Politik. Seine viel gepriesene Humboldt-Rede, in der er wolkige Visionen zur "Finalität Europas" ausbreitete, wird im Amt als "Produkt des deutschen Idealismus" verhöhnt.

Er hat viel erreicht. Er hat die bequeme deutsche "Ohne mich"-Haltung im Kosovo- und im Afghanistan-Krieg durchbrochen, und mitgeholfen, diese Kriege zu beenden. Einem dritten - im Irak - hat er sich verweigert. Aber vom zupackenden, leicht anti-amerikanisch eingefärbten Nationalismus des Kanzlers wird Fischer, der im Denken viel eher der klassischen Gleichgewichtsdiplomatie eines Kohl oder Genscher verhaftet ist, an den Rand gedrängt. Und gegen den missionarischen Furor eines George W. Bush, der im gesamten Nahen Osten Demokratie und Menschenrechte durchsetzen will, wirkt ausgerechnet der von links kommende Visionär Fischer seltsam ratlos.

"Was macht der eigentlich? Wo ist der eigentlich?", fragt CDU-Außenpolitiker Wolfgang Schäuble. "Kein Außenminister in der Geschichte der Bundesrepublik hat so wenig Einfluss auf die deutsche Außenpolitik genommen wie Fischer."

Es ist, als könnte er die neuen Wirklichkeiten nicht mehr benennen, als sei ausgerechnet der Stratege und Vordenker Fischer irgendwie aus der Zeit gefallen. Immer öfter hat man das Gefühl, sein früher so unbändiger Gestaltungswille pendele gleichsam ins Leere.

Langweilt er sich in seinem Amt? Das Bild vom Taxifahrer ohne Abitur, der sich bis auf die holzgetäfelten Flure der großen Diplomatie vorkämpft und dort "bella figura" macht, dieses Bild, das mit seinem exotischen Zauber Fischer für die Deutschen so unwiderstehlich machte - es bekommt Risse. Was nicht nur an ihm liegen muss, sondern möglicherweise auch an der Widerborstigkeit seiner Beamten - Insider schätzen, dass ein Drittel das FDP-Parteibuch in der Tasche trugen, als Fischer das Ressort übernahm.

"Er ist brillant, er ist begabt, aber er hat nie gelernt, Akten zu studieren", sagt Dietrich von Kyaw, bis 1999 ständiger Vertreter Deutschlands bei der EU in Brüssel. "Die Details waren seine Sache nicht. Sprach man ihn darauf an, wurde er sehr schnell ungnädig."

Unvergessen ist in Diplomatenkreisen, wie Fischer zu Zeiten der deutschen Ratspräsidentschaft eine Sitzung der EU-Außenminister leitete und plötzlich nach Bananen verlangte. Unten saßen die Kollegen aus Europa - und oben stopfte sich der Minister aus Deutschland schmatzend die gelben Früchte in den Mund.

Das Respektlose, Rüpelhafte, buchstäblich Unzivilisierte, das den Aufstieg des Frankfurter Straßenkämpfers erst ermöglichte und auch seine Faszination ausmachte - all das war, so scheint es jetzt, über Jahre nur mühsam zurückgedrängt. Als der Mann endlich auf dem Karrieregipfel angekommen war und der enorme Stilisierungsdruck nachließ, den er für den Aufstieg ins Zentrum bürgerlicher Macht gebraucht hatte - da brach der alte Fischer umso jäher wieder hervor.

Und mit diesen Geschichten verkehrt sich auch die Wahrnehmung der Figur Fischer wie rasend ins Gegenteil. Plötzlich wird über der Causa Fischer das alte Grundmisstrauen gegenüber der Generation 68 wieder wach: War für sie am Ende alles doch nur ein Spiel? Ging es gar nicht um politisches Gestalten, sondern nur darum, auch mal oben gewesen zu sein - egal, wie, egal, wofür? Kann man solchen Leuten höchste Staatsämter anvertrauen?

"Weder ein inneres noch ein äußeres Geländer bestimmen den Lebensweg der meisten", schreibt Jürgen Leinemann in seinem Buch "Höhenrausch" über die Generation Fischer. Sie sei aufgewachsen in einer "eigentümlichen Art von Selbstbesessenheit, die gesellschaftliche Wirklichkeit nur als Kulisse für die eigene Bedeutung wahrzunehmen gelernt hatte".

Das liest sich wie eine Kurzcharakteristik von Joschka Fischer. Und es sind genau diese Eigenschaften, die nun, im Schlagschatten der Affäre, noch einmal für alle sichtbar werden. Das verstärkt aber nur die Mischgefühle aus Empörung und Melancholie, mit der das Publikum das Drama um seine Person verfolgt.

Möglicherweise war seine "eigentümliche Art von Selbstbesessenheit" der Grund für den nachlässigen Hochmut, mit dem er die skandalösen Zustände an den fernen Botschaften ignorierte - aber war es nicht auch diese Selbstbesessenheit, die sein Leben erst zu einer Art Roadmovie machte, dem die Deutschen über Jahre wie gebannt zuschauten?

Keiner aus der ersten Reihe hat die typisch deutsche Verachtung für alles Politische, die sich eigentlich aus romantischen Gefühlen speisenden, tief sitzenden Ressentiments gegen Parteienkompromiss und Geschäftsordnungshuberei so sehr bedient wie Fischer. Noch im hohen Staatsamt angekommen, umgab er sich mit einer Aura zurückgestauter, jederzeit abrufbarer körperlicher Gewalt. In seinem Flugzeug war, neben aller diplomatischen Nadelstreifenträgerei, immer auch ein Klima von Kneipenschlägerei und Straßenschlacht präsent.

Es konnte passieren, dass Fischer sich bullig vor einem aufbaute und brüllte: "Ihre Bemerkungen sind so was von unqualifiziert. Das ist mir schon öfters bei Ihnen aufgefallen." Im Halbdunkel der Flugzeugkabine blitzten dann seine feinen, goldenen Manschettenknöpfe. Und man hatte das Gefühl, er könne jederzeit zuschlagen.

Das feine Tuch, mit dem er sich kleidete, seine ganze bürgerliche Erscheinung mit Weste und Siegelring - all das wirkte oft wie eine nur flüchtig übergeworfene zivilisatorische Hülle. Er konnte sie jederzeit abwerfen. Darunter kam das Macht-Tier Fischer zum Vorschein: unverstellt, mit all seinen rohen Instinkten und Affekten. Es war immer diese Mischung aus politischem Talent und bulliger körperlicher Präsenz, die ihm seine einzigartige Überredungsmacht verlieh - schon in grünen Anfangstagen.

"Er hatte diesen düsteren Desperado-Charme des Straßenkämpfers", erinnert sich Hubert Kleinert, Grüner der ersten Stunde und langjähriger Wegbegleiter. "Auf den Typus des vergeistigten Intellektuellen und Idealisten, der bei den Grünen dominierte, wirkte das einschüchternd, aber auch faszinierend."

Ganz ähnlich seine Wirkung auf die Deutschen. Fischers Karriere ist voll von Gesten der Herablassung gegenüber dem etablierten Staats- und Parteienbetrieb. Und seine persönliche Biografie, von ihm in Büchern und Interviews unablässig ausgebreitet und zum Heldenepos verdichtet, bezieht ihre Wirkung bezeichnenderweise vor allem aus politikfernen, ja romantischen Kategorien: Einsamkeit und Liebesschmerz, innere Umkehr und Selbstüberwindung durch Diät.

So gesehen war Fischer immer der unpolitischste Politiker in Deutschland, geradezu die Verkörperung des Anti-Politischen, das sich moralisch wie intellektuell über die Niedrigkeiten des Parteien-Alltags erhaben weiß.

Dafür liebten ihn die Deutschen. Umso schlimmer ist es, dass er jetzt, im Skandal, auf eine für alle verstörende Weise als "normaler" Politiker greifbar wird. Einer, der verdrängt und verschweigt. Der gewundene Rechtfertigungen rausdrückt und Fehler erst mal nicht bei sich, sondern bei "meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern" erkennen kann. Einer, der also doch an seinem Sessel klebt - genau so wie die Laurenz Meyers dieser Welt.

Von ihm hatte man

so was am wenigsten erwartet. Das geht einfach nicht. Das macht die Geschichte zwischen Fischer und den Deutschen zu einer Geschichte von enttäuschter Liebe.

Erst jetzt, da seine Aura verfliegt, wird klar, welch inszenatorischer Kraftakt hinter der eigentlich disparaten Figur Fischer steckt, wie viel Energie erforderlich war, diese eigentümliche Komposition aus Anarcho-Charme und ministerieller Würde über Jahre zusammenzuhalten und zur Ikone zu machen - zum beliebtesten Politiker Deutschlands.

Keiner hat so virtuos die Medien bedient wie er, aber keiner hat auch so brutal versucht, sie zu disziplinieren und für die Ikonenmalerei in Dienst zu nehmen. Wer zu ihm vordrang, konnte was erleben - etwa, wenn er zu raumgreifenden außenpolitischen Analysen anhob, Spannungen im "kaukasischen Krisenbogen" eskalieren ließ, die auf "thermo-nuklear aufgeladene Regionalkonflikte" überspringen und schließlich, gesteigert durch "unabsehbares Eskalationspotenzial", die ganze Zivilisation in einem schaurig-schönen Weltenbrand hinwegfegen.

Das war großes Kino. Aber oft genug wirkt er auch wie paralysierend auf seine Umgebung. Wenn er zu halb-privaten Feiern bei den Grünen auftaucht, dominiert zumeist "ein Gefühl merkwürdiger Leere", erzählt ein Teilnehmer. Man bleibt stundenlang bei mühsam hingeschlepptem, immer wieder banal versickerndem Gerede beisammen. Mitunter starrt Fischer brütend in sich hinein. Die Anwesenden versuchen mit Witzen oder Anekdoten, seine Aufmerksamkeit zu gewinnen - bis alle wieder in einer Mischung aus Respekt und Beklommenheit verstummen.

Sein System fordert immer auch Unterwerfung. Als Journalist erlebte man zuweilen Unfassbares: absterbende Gespräche, sobald er in der Nähe war. Flehende Hundeblicke. Servile Liebedienerei. Und eine fein abgestufte Hack- ordnung unter den Medienbegleitern, abhängig von seinen Gunsterweisen.

Natürlich kann Fischer auch unglaublich charmant sein. Er hat in verregneten Wahlkämpfen seinen Mantel schützend über frierende Korrespondentinnen gelegt. Oder Berichterstatter auf Auslandsreisen zu stundenlangen Essgelagen auf sein Hotelzimmer eingeladen: "Fragen Sie nur, fragen Sie nur, Sie können alles fragen, was Sie wollen ...!"

Aber er hat sie auch gedemütigt und verletzt - am liebsten dann, wenn alle anderen dabei waren, damit es auch jeder mitbekommt. Die Unnachgiebigkeit, ja ätzende Schärfe, mit der sein Verhalten im Visa-Skandal jetzt von den Medien begleitet wird, hat auch etwas zu tun mit diesem Gefühl jahrelangen seelischen Missbrauchs, das er bei Journalisten hinterlassen hat.

Viele haben offene Rechnungen mit ihm - aber alle haben auch Angst vor dem Augenblick, an dem er sie mit grundsoliden Leuten wie Christian Wulff oder Ronald Pofalla alleine lässt.

Rücktritt? An einem Abend vor ein paar Wochen saßen Gerhard Schröder und Fischer im Kanzleramt zusammen. Fischer fragte den Kanzler, ob es nicht besser sei, einfach Schluss zu machen. Aber der Kanzler braucht Fischer. Und Fischer braucht das Amt - sonst wäre er nicht mehr Fischer.

Aber wenn jetzt Woche für Woche neue Details ans Licht kommen? Details, die von Hochmut und Ignoranz erzählen, von Wegdrücken und Vertuschen oder auch einfach nur - von Schludrigkeit? Wäre er dann noch Fischer? Man kann sich das nicht vorstellen, man will sich das nicht vorstellen: die monatelange, quälende Demontage.

Einmal, es ist schon einige Jahre her, hat er gesagt: "Wenn es so weit ist, dann kann ich in meinem Büro innerhalb von einer Stunde meine Sachen packen und verschwinden."

Das hat Stil. Das klingt schon eher nach Fischer.

Tilmann Grewien / print