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Streifzug durch die Parteizentralen: Was für ein Abend...

"Geil!" - brüllen sie bei der FDP, im Willy-Brandt-Haus der SPD herrscht fassungslose Stille. Die Linken schwanken zwischen Freude und Schadenfreude, in der CDU zischelt ein Präsidiumsmitglied. Streifzug durch das politische Berlin.

Von S. Albers, S. Christ, G. Fahrion, H. P. Schütz

Römische Höfe, Unter den Linden, FDP

Serviert wird Sekt und Penne Mezze mit Tomatensugo. Bernhard Brink und Sky DuMont vertreten sich die Füße, Punkt 18 Uhr die Prognose: "Geil" ist das Wort des Abends, gebrüllt in den kollektiven Jubel, gewispert in die zahlreichen Handys. Die FDP ist die klare Siegerin dieser Wahl. Ihr starkes Ergebnis macht schwarz-gelb möglich. FDP-Spitzenkandidat Guido Westerwelle lässt sich Zeit, viel Zeit mit seinem Auftritt - erst um 19.15 Uhr, nachdem die schwarz-gelbe Option mehrfach durch Hochrechnungen bestätigt ist, stellt sich Westerwelle vor die Mikrophone, begleitet von "Guido, Guido"-Rufen und einem nicht enden wollenden "So sehen Sieger aus, schalalala". Der Besungene bemüht sich um Mäßigung: Man sei bereit, Verantwortung zu übernehmen, sagt Westerwelle mit staatsmännischem Gesicht. Weiter sagt er nicht viel. "Wer Verluste erklären muss, braucht einen langen Atem. Der Sieger kann sich kurz fassen." Und da rufen sie schon wieder "Guido, Guido!"

Konrad Adenauer Haus, CDU

Wie redet man eine Schlappe schön? Indem man sie mit keinem Wort erwähnt und lächelt und lächelt und lächelt. Und vom Podium in der Berliner CDU-Zentrale hinunter zu seinem Publikum strahlt und ruft: "Sie sind glücklich. Ich bin es auch!" Zwei Dutzend Junge-Union-Mitglieder in CDU-T-Shirts jubeln begeistert zurück: "Angie, Angie, Angie." Angela Merkel beschenkt ihren Generalsekretär Ronald Pofalla mit Küsschen links, Küsschen rechts, und sagt: "Wir können richtig ausgelassen feiern heute Abend."

Fünf Meter seitwärts der Kanzlerin steht ein Roland Koch. Und lächelt nicht eine Sekunde. Neben ihm ein Norbert Röttgen, Parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, auch er wagt kein Lächeln. Denn soeben hat der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer aus München übers Fernsehen die Schwesterpartei in Berlin wissen lassen, es gehe nun darum, das "verlorene Vertrauen zurück zu erobern."

Vor vier Jahren hätte die CDU mit ihren 35,2 Prozent die Wahl fast verloren. Nun ist sie bei 33,5 Prozent. "Sie siegt sich von Niederlage zu Niederlage", murmelt ein CDU-Mann aus dem Präsidium. Und schüttelt den Kopf, als die Merkel in die Menge ruft: "Ich möchte die Bundeskanzlerin aller Deutschen sein."

Willy-Brandt-Haus, SPD

Ab 18:01 Uhr ist es still. SPD bei 23,5 Prozent. Das Entsetzen im Willy-Brandt-Haus ist sichtbar: Fassungslos starren die Besucher der SPD-Wahlparty auf die Bildschirme. Und es ist hörbar. Man hört, dass man gar nichts mehr hört. Noch nicht einmal ein Murmeln. Nur die Journalisten zischen sich Zahlen und Einschätzungen zu. Es dauert Minuten, bis sich die Ersten wieder gefangen haben.

Knapp eine halbe Stunde später brandet plötzlich wieder Jubel auf. Frank-Walter Steinmeier und Franz Müntefering treten ans Rednerpult. Es ist nicht nur ein Klatschen, es ist auch ein Johlen. Doch die euphorisierte Geräuschkulisse will immer noch nicht so ganz zu den Gesichtern passen. Die Hände klatschen und meinen "Bravo"! Aus den Augenpaaren spricht die Frage nach dem Warum für diese Katastrophe. "Verantwortung zu tragen heißt dafür zu sorgen, dass die SPD zu alter Stärke zurückfindet", sagt Steinmeier. "Dazu will ich meinen Beitrag leisten, auch als Oppositionsführer im Bundestag." Schon wieder Jubel. Eine Minute lang. Er klingt trotzig.

Hanns-Seidel-Stiftung, München, CSU

Der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer lässt 600 Gäste warten. Zehn Minuten geht er zur Fuß zur CSU-Partymeile, das braucht er, um Luft zu holen. Das historisch niedrige Ergebnis, noch schlechter als bei der bayerischen Landtagswahl (43,4 Prozent), hat selbst die düstersten Prognosen unterboten. Als Seehofer gegen 19 Uhr eintrifft, gibt es mageren Applaus, nach kurzem Händeschütteln ist er wieder verschwunden, im ersten Stock in einem Büro der Hanns-Seidel-Stiftung, im Kreis seiner Berater.

Aus dem siegesbewussten Macher Seehofer, der seine Partei aus der schwersten Krise nach dem Stoiber-Desaster befreien wollte und Erneuerung an Haupt und Gliedern versprach, wird ein schmallippiger Wahlbeobachter Seehofer, der ein "enttäuschendes" Votum in Bayern einräumen muss. "In Berlin sind wir jetzt die lame duck", sagt ein Mandatsträger. Die CSU werde in der Bundesregierung wohl kaum mehr als zwei Ministerämter beanspruchen können. "Die Merkel macht doch jetzt, was sie will", ärgert sich ein Funktionär.

Die CSU leckt ihre Wunden , die Sektgläser sind vornehmlich mit Wasser gefüllt. Es ist ein Abend der Ernüchterung, das Buffet bereits gegen 20 Uhr abgebaut. Ratlose Mandatsträger wandern durch die Halle mit Stehtischen, auf der vergeblichen Suche nach einer Erklärung. "2009 haben wir um diese Zeit noch den neuen Kanzler Stoiber gefeiert, auch wenn das voreilig war", sagt eine Dame im Dirndl. "Heute gähnen die Gäste".

Versteinerte Mienen allenthalben. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich, dass eine erneute Führungsdebatte unumgänglich werden wird. Seehofer ist, das ist auf der CSU-Wahlparty so ziemlich allen bewusst, seit dem Wahlsonntag angezählt. Man erinnert an seine Attacken auf den bayerischen Koalitionspartner FDP, ein "grober Fehler", ärgert sich so mancher Parteifreund. Auch sei die CSU zu wenig auf die Sorgen der Bauern eingegangen. Hintersassen von Seehofers glücklosem Vorgänger im Parteivorsitzendenamt Erwin Huber konnten sich nicht verkneifen, dass das Landtagswahlergebnis unter Hubers Führung um einiges besser gewesen sei als das Bundestagswahlergebnis unter Seehofer. Das ist die Retourkutsche auf Seehofers Rolle beim Rücktritt Hubers. "Der Seehofer soll als Übergangs-Ministerpräsident durch Bayern fahren und Kühe streicheln", sagte einer. Den Parteivorsitz könne er an Karl-Theodor zu Guttenberg übergeben, den Stimmenkönig dieser Wahl. In Oberfranken holte von Guttenberg 68 Prozent.

Während sich drinnen im Saal die Reihen schnell lichten, brüllt vor dem Eingang ein Christsozialer in sein Handy, wie toll alles in Mannheim gelaufen sei, da habe die CDU die SPD "geschleift". Ein CSU-Präside dreht sich erschrocken um und kommentiert nüchtern: "Ich glaube, wir sollten das nächste Mal genauer hinschauen, wen wir alles einladen".

Postbahnhof, Bündnis90/Grüne

Wie soll man sich fühlen? Die Grünen fahren das beste Ergebnis ihrer Geschichte ein und verpassen dennoch klar ihr Wahlziel: Schwarz-Gelb verhindern. Bei der ersten Prognose um 18 Uhr geht ein hundertfacher Schrei der Begeisterung durch den Saal, als das miserable Ergebnis der Union angezeigt wird - als das noch miserablere Ergebnis der SPD folgt, wird es still. Ihre 10,5 Prozent quittieren die Grünen mit zufriedenem Applaus, der jedoch bald verhallt. Jubelrufe gibt es nur bei den Ergebnissen aus Brandenburg: Die Grünen sind drin, die DVU nicht, das freut die Basis.

Auch das grüne Spitzenpersonal mag sich nicht so recht freuen - was nützt das schönste Ergebnis, wenn man keine Chance auf die Macht hat und darüber hinaus weiterhin als kleinste Partei im Bundestag sitzt? Renate Künast und Jürgen Trittin betreten die Bühne, lächeln durch die Zähne, knuffen sich ein wenig, die gute Laune wirkt gestellt. Künasts gratuliert der Partei, dankt den Wahlhelfern, doch der Funke springt nicht so recht über. Erst ihr Wahlkampfschlager lässt das Parteivolk jubeln: "Wir werden darum kämpfen, dass es keine Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke gibt!" Trittin haut in die gleiche Kerbe: "Gegen die Schwarz-Gelben, gegen die Radioaktiven gibt es knallharte Opposition!" Aber wer will schon Opposition sein?

Kulturbrauerei, Linkspartei

Es gibt einen abgesperrten Bereich in der Kulturbrauerei, Backstage sozusagen, die Parteiführung hat sich dort versammelt. Erste Prognose: Jubel über 12 Prozent für die Linke. Jubel über den Niedergang der SPD. Freude, Schadenfreude. Gregor Gysi, Lothar Bisky und Oskar Lafontaine betreten die Bühne. Gysi ist noch völlig überwältigt. Jedenfalls muss er sich selbst überzeugen, dass er "den Abend einfach mal genießen wird." Dann ruft er begeistert: "Wir haben die ganze Gesellschaft durcheinander gebracht!"

Als die Ergebnisse aus Brandenburg kommen, dort holen die Linken fast 30 Prozent, schäumt die Stimmung über. "Die restlichen vier Landtage holen wir auch noch", sagt Gysi, beugt sich grinsend zu Lafontaine rüber und fragt: "Ab wann ist man eigentlich Volkspartei?"

Lafontaine, der Mann, der die SPD wie kein anderer klein gemacht hat, sagt, dass man sich nicht darüber freuen solle, dass die Sozialdemokraten so schlecht abgeschnitten haben. Er braucht sie noch. Zum Regieren. Vielleicht 2013.

Astra Kulturhaus, Piratenpartei

Es dauert und dauert. Um 19 Uhr wird das Ergebnis der Piratenpartei endlich verkündet. Gut zwei Prozent der Stimmen - weniger als erhofft, trotzdem ein Achtungserfolg. Immerhin ist die Partei, die sich für Bürgerrechte, Datenschutz und Freiheit im Internet einsetzt, erst drei Jahren alt. Der Parteivorsitzende Jens Seipenbusch betritt die Bühne des Veranstaltungssaals im Berliner Szene-Viertel Friedrichshain. Er sagt "Ahoj!" und die Piraten jubeln. "Rein rechnerisch haben uns rund eine Millionen Menschen gewählt. Darüber können wir uns sehr freuen." Unter den männlichen Erstwählern habe die Partei sogar 13 Prozent der Stimmen bekommen, sagt Seipenbusch. Und dann will er schon wieder weg. Weil: "Das Wetter ist super, draußen gibt's Würstchen." Ein Vorstandsmitglied hält ihn auf: "Jens, sag noch was Politisches, so einen richtigen Politikersatz, das kannst du doch." Also sagt Seipenbusch eine hohle Phrase. Die Menge antwortet "Yeah!" Es ist noch ein langer Weg für die Piraten.

Mitarbeit: L. Himmelreich, G. Rettner-Halder, J. Schneider