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Ottos Reise an Weihnachten: Heilige Nacht im Urwaldschlamm

26 Jahre lang fuhren die Holtorfs im Geländewagen Otto um die ganze Welt. Oft verbrachten sie Heiligabend auf der sonnigen Südhalbkugel. Doch nicht immer kam Weihnachtsstimmung auf - im Gegenteil.

Von Till Bartels

Dick im Schlamassel: Weihnachten im Regenwald von Guyana.

Dick im Schlamassel: Weihnachten im Regenwald von Guyana.

Den Wunsch von einer weißen Weihnacht hat er längst ausgeträumt. Wer sich wie Gunther Holtorf den Traum einer jahrelangen Weltreise erfüllte, blickt auf Heiligabende zurück, die nichts mit dem Klima in unseren Breitengraden gemeinsam haben. "Das war für uns oft eine vollkommen andere Situation", erinnert sich Gunther, wenn er an seine Aufenthalte in Australien, Südafrika und Südamerika denkt. "Weihnachten bedeutet dort Hochsommer, Hauptreisezeit und Neujahr bei Hitze."

Unter diesen teilweise klimatisch angenehmen Voraussetzungen wollte weihnachtliche Atmosphäre nicht immer aufkommen. Dabei hatte der erste Aufenthalt in Afrika 1988 mit einem Luftsprung kurz vor Weihnachten komfortabel begonnen. Durch Gunthers gute Beziehungen zur Lufthansa, für die er zuvor viele Jahre im Dienst war, beförderte ein Frachtjet Otto nach Kenia. Daher konnten die Holtorfs nach einem schnellen Ortswechsel die Festtage im Angesicht des Kilimandscharo im Amboseli-Nationalpark verbringen.

Entladung von Otto am 18. Dezember 1988: Rechtzeitig zum Fest war Otto mit einer Boeing 707 nach Kenia geflogen worden.

Entladung von Otto am 18. Dezember 1988: Rechtzeitig zum Fest war Otto mit einer Boeing 707 nach Kenia geflogen worden.

Weihnachtsbaum en minature

Bekanntlich folgten der ersten Afrika-Reise weitere Aufenthalte auf diesem Kontinent, aus denen später der Plan einer Weltreise entstand. Ottos Reise endete erst im Spätsommer 2014, als Gunter mit seinem blauen Mercedes-Geländewagen durch das Brandenburger Tor in Berlin rollte - nach mehr als 200 bereisten Ländern und Territorien.

Während der Dezembermonate hatte Christine Holtorf, egal wo auch immer sie gerade unterwegs waren, für ein Minimum an adventlicher Dekoration gesorgt: Ein nur handgroßer Weihnachtsbaum war stets auf dem Armaturenbrett mit Klebeband befestigt, ein kleiner, tannengrüner Talisman aus der Heimat. Aber das war auch schon alles Weihnachtliche.

Drei Probleme auf einmal

In den Folgejahren verbrachten die Holtorfs die Heiligen Abende stets in Afrika, in Kenia oder Tansania und 1994 in Äthiopien, wo sie die ersten westlichen Touristen waren, die mit dem eigenen Auto einreisen durften. "Da hatten wir ein großes Problem", erzählt Gunther. Südlich von der Hauptstadt von Addis Abeba, in dem Stammesgebiete der Mursi, heute bekannt für ihre Kultur der Tellerlippen, hatte er sich den Arm beim Beladen des Autodaches ausgekugelt.

Der Trailer zu "Ottos Reise": Mit dem Mercedes in 26 Jahren um die Welt

Das war noch nicht alles. Außerdem plagte Gunther am linken Fuß ein "vereitertes, handtellergroßes Tropengeschwür" und er litt unter den Folgen einer Malariaerkrankung. Doch "wir hatten Riesenglück, dass wir zu einem Buschhospital im Nordsudan konnten, wo man mir unter unmöglichen Umständen den Arm wieder eingerenkt hat."

Ein Weihnachten später parkten die Holtorfs in Umtata, der Hauptstadt des ehemaligen Homelands Transkei in Südafrika, bevor es nach Südamerika ging und die Weihnachtstage mit Freunden in Argentinien und Uruguay verlebt wurden.

Weihnachten im Schlammloch

Noch lebhaft in Erinnerung hat Gunther den Weihnachtsabend 1998 in Guyana. Einen Tag zuvor waren er und Christine beim Tachostand von inzwischen 234.758 Kilometern eingereist. Doch bei dem Versuch, den Urwald zu durchqueren, scheiterten sie an den braunen Lehmschlammpisten im Dschungel. "Heiligabend waren wir abgesoffen", erzählt Gunther. Sie kamen mit Otto weder vor noch zurück, der Wagen drohte abzusaufen. "Neben dem Schlammloch haben wir den Klapptisch aufgebaut, eine Kerze angezündet und Spaghetti mit Tomatensoße gekocht." Ein Truck befreite sie später, und erst 2002 gelang ihnen die vollständige Durchquerung von Guyana.

Weihnachten 1998 im Nordosten Südamerikas: Christine versucht den Wagen mit Sandblechen im Urwaldschlamm zu stabiliseren.

Weihnachten 1998 im Nordosten Südamerikas: Christine versucht den Wagen mit Sandblechen im Urwaldschlamm zu stabiliseren.

Weitaus heiterer gestalteten sich die Weihnachtsfeste in den Folgejahren. Zunächst 2001 in den Vereinigten Staaten beim Heißluftballonfestival im Bundesstaat New Mexico und später in Australien. 2002 war Otto gerade im Schiffscontainer aus Neuseeland in Brisbane eingetroffen."Weihnachten ist dort synonym mit Strand", erzäht Gunther im Rückblick. Auch 2003 waren sie Down Under, auf der Sandinsel Frazer Island, nachdem Christine und Gunther 70.000 Kilometer durch den fünften Kontinent zurückgelegt hatten. Wieder wollte in Queensland "null Weihnachtsgefühl" aufkommen, erinnert sich Gunther, "zu viel Sonne, zu wenig Schatten."

Heitere Tage in Nordamerika: bei einem Heißluftballon-Wettbewerb in New Mexico.

Heitere Tage in Nordamerika: bei einem Heißluftballon-Wettbewerb in New Mexico.

Vor welcher Sehenswürdigkeit hat "Otto" eingeparkt?

    Vor welchem historischen Gebäude in den USA steht der blaue Mercedes-Geländewagen?

    Weihnachten neben der Autobahn

    Noch profaner gestaltete sich das christliche Fest 2004: Auf einem Autobahnparkplatz in der Nähe von Marseille bei Regenwetter, denn am ersten Weihnachtstag mussten sie im Hafen die Fähre nach Tunesien erwischen. Nach vielen Monaten durch Nordafrika, Skandinavien und durch viele GUS-Staaten erreichten sie Ende des Jahres Indien, wo sie am Strand von Goa Weihnachten verlebten.

    Dann folgten Aufenthalte um Weihnachten in Indonesien, in der Karibik und 2008 erstmals während ihrer Reisen in Deutschland, leider aus medizinischen Gründen. Christine war an Krebs erkrankt. Nach ihrem Tod, so war es ihr Vermächtnis, befuhr Otto weitere Länder. Gunther reiste mit seinem Sohn Martin 2010 nach Sri Lanka, wo sie Weihnachten in einem Hotel in Colombo feierten.

    Otto steht in der Adventszeit 2013 bei der Mercedes-Niederlassung in München.

    Otto steht in der Adventszeit 2013 bei der Mercedes-Niederlassung in München.

    Kurs Heimat

    2011 stand China im Mittelpunkt, zum Jahresende ging es zu mehreren Südseeinseln, zum Teil ebenfalls mit Martin, der genau am Heiligabend von Tonga zurück nach Deutschland fliegen musste. Und in den folgenden Jahren wird es nach fast allen bereisten Ländern sehr heimatlich: 2012 ist aufgrund einer Hüftoperation Deutschland angesagt.

    Im Jahr 2013 ist Otto schon so berühmt, das er als Teil eines Adventskalenders bei der Mercedes-Niederlassung in München ausgestellt wird.

    2014 wird zu Hause am Chiemsee gefeiert. Denn nach 215 bereisten Ländern und Territorien ist Otto seit Oktober wieder in Deutschland. Zurück von der Fahrt durch Weißrussland sagte Gunther am Brandenburger Tor: "Welcher Ort könnte passender sein für eine Reise, die so viele Grenzen passiert hat, als dieses Tor, dass zu Beginn meiner Reise noch durch Sperranlagen gesichert war."

    Nach 900.000 Kilometern: Ankunft am 8. Oktober 2014 am Brandenburger Tor.

    Nach 900.000 Kilometern: Ankunft am 8. Oktober 2014 am Brandenburger Tor.

    Otto steht jetzt im Mercedes-Benz Museum in Stuttgart und geht in den nächsten beiden Jahren auf Welttournee - und Gunther wird ihn begleiten und Vorträge über Ottos Reise halten.

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