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Europa lockert Flugverbote: Und sie fliegen wieder

In Deutschland sind erste Maschinen mit Sondergenehmigungen unterwegs. Und ab Dienstagfrüh sollen die Flugverbote in Europa gelockert werden. Hat der Aschespuk bald ein Ende?

Nach fünf Tagen Chaos im europäischen Luftverkehr kommt der Flugbetrieb langsam wieder in Gang. Die Lufthansa, Deutschlands größte Fluggesellschaft, kündigte an, ab Montagabend mit einzelnen Ausnahmen alle Langstreckenflüge sowie einige europäische und innerdeutsche Flüge abzuwickeln. Die Flugsicherheitsbehörde Eurocontrol erwartet eine Normalisierung des Luftverkehrs bis Donnerstag, sollte die Aktivität des Asche speienden isländischen Vulkans Eyjafjallajökull weiter abnehmen.

Die Deutsche Flugsicherung (DFS) untersagte vorerst bis Dienstag um 14 Uhr Starts und Landungen an deutschen Flughäfen. Allerdings einigten sich die europäischen Staaten auf ein Verfahren, wonach Airlines Sonderflüge beantragen können. Ziel sei ein "kontrollierter eingeschränkter Betrieb", sagte Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) nach einer Telefonkonferenz mit seinen EU-Kollegen. Die spanische EU-Ratspräsidentschaft teilte mit, dass der europäische Luftraum ab Dienstagmorgen 8 Uhr schrittweise wieder geöffnet werden soll.

Airlines starten Rückholaktion

Der Luftraum soll nur noch dort gesperrt bleiben, wo eine bestimmte Konzentration der Aschewolke überschritten wird. Darauf hätten sich die Verkehrsminister der 27 EU-Staaten geeinigt, sagte EU-Verkehrskommissar Siim Kallas in Brüssel. "Von morgen früh an werden mehr Flugzeuge in der Luft sein." Der Luftraum über Europa wird in drei Zonen eingeteilt: In der ersten gilt ein absolutes Flugverbot, im zweiten können die Mitgliedsstaaten entscheiden, ob sie Flugzeugen das Abheben erlauben, und im dritten Bereich ohne Aschegefahr ist das Fliegen unbegrenzt erlaubt. Entscheidendes Kriterium werden Satellitenbilder und Daten der Aschewolke sein.

Kallas kündigte an, dass die europäische Flugsicherheitsbehörde Eurocontrol bis Dienstag früh 8 Uhr entscheiden wird, wo die Zonen verlaufen und welche Daten dafür ausschlaggebend sind. Aus Sicherheitsgründen sei es möglich, den Flugbetrieb wieder aufzunehmen. "Es wird keinen Kompromiss auf Kosten der Sicherheit geben. Das garantieren unsere Experten bei Eurocontrol und bei unseren nationalen Mitgliedsstaaten, die in dieser Frage eng zusammenarbeiten", sagte der Kommissar.

Air Berlin beförderte bereits 15.000 Passagiere

Die Lufthansa will ihren Flugplan am Dienstag Stück um Stück erweitern. Zuvor hatte das Unternehmen eine Sondererlaubnis für 50 Flüge aus Asien, Nord- und Südamerika erhalten, mit denen am Dienstag 15.000 Passagiere in Frankfurt, München und Düsseldorf zurückerwartet werden. Auch Air Berlin und TUI nahmen den Flugbetrieb zur Rückführung ihrer Passagiere wieder auf. Germanwings und Thomas Cook kündigten erste Flüge für Dienstag an.

Air Berlin, Deutschlands zweitgrößte Airline, beförderte am Montag mithilfe von Sichtflügen insgesamt rund 15.000 Passagiere. "Nach derzeitigem Stand wird Air Berlin bis Mitternacht insgesamt 104 Flüge durchgeführt haben", teilte das Unternehmen mit. Für Dienstag seien "deutlich mehr" Flüge geplant. Die sind auch bitter nötig, denn im Ausland saßen am Montag nach Angaben des Außenministeriums insgesamt etwa 100.000 deutsche Pauschaltouristen fest.

Cockpit kritisiert "unverantwortliche" Sichtflüge

Zunächst beantragten laut Ramsauer zehn Fluggesellschaften Sonderflüge. Diese werden im sogenannten kontrollierten Sichtflug abgewickelt, der eigentlich der Privat- und Sportfliegerei vorbehalten ist. Standard beim Passagier- und Frachtluftverkehr ist das Instrumentenflugverfahren, wo sich die Piloten an den Flugzeuginstrumenten orientieren und die Maschine quasi blind fliegen könnten.

Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) nannte die Sichtflüge "unverantwortlich". "Entweder ist der Luftraum sicher oder er ist es nicht", sagte Cockpit-Sprecher Jörg Handwerg. Offensichtlich wolle die Regierung nicht die Verantwortung für eine Öffnung des aschebelasteten Luftraums übernehmen, sagte der Pilotenvertreter. Es werde wegen des wirtschaftlichen Drucks nach juristischen Wegen gesucht, das Flugverbot zu umgehen. Die Verantwortung für die Sicherheit werde letztlich auf die Kapitäne abgewälzt.

Die VC prüft nach Handwergs Worten eine Empfehlung an ihre Mitglieder, die Flüge abzulehnen. Da aber eine behördliche Ausnahmegenehmigung vorliege, könne dies möglicherweise arbeitsrechtliche Konsequenzen haben. Laut Betriebshandbuch der Lufthansa sei Sichtflug nicht erlaubt.

Airlines pumpen offenbar den Staat an

Die Fluggesellschaften und die Wirtschaft klagten am Montag weiter über Milliardenverluste durch die Flugausfälle. Nach Berechnung des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) entgehen den heimischen Unternehmen täglich rund eine Milliarde Euro an Umsatz. Die Airlines verlieren nach Angaben der Internationalen Luftfahrtvereinigung IATA täglich mindestens 150 Millionen Euro. Hinzu kämen Ausgaben für die Entschädigung von Passagieren und für die Verlegung leerer Flugzeuge.

Bundesregierung und Industrie vereinbarten, eine Arbeitsgruppe einzusetzen, um den wirtschaftlichen Schaden möglichst gering zu halten. Die EU-Kommission will staatliche Finanzspritzen für die betroffenen Unternehmen erleichtern. "Wir sind bereit, ähnlich zu reagieren wie nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001", sagte Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia. Nach einem Bericht der Zeitung "Die Welt" sollen die führenden deutschen Fluggesellschaften und Reisekonzerne bereits inoffiziell um staatliche Hilfe bei der Bundesregierung angefragt haben.

Die Angriffe aus der Wirtschaft wegen der Sperrung des Luftraums über Deutschland wies das Verkehrsministerium erneut entschieden zurück. "So lange nicht auszuschließen ist, dass hier ein Risiko für Mensch und Leben besteht, so lange muss Sicherheit vorgehen", sagte Ramsauers Sprecher. Fluggesellschaften wie Lufthansa und Air Berlin hatten kritisiert, die mit Millionenverlusten verbundenen Flugverbote seien nur unzureichend begründet. Sie basierten bislang lediglich auf Daten eines Computermodells in Großbritannien. Zudem fehle es an eigenen Messungen.

Mehr eigene Daten soll jetzt ein Forschungsflug bringen. Das Flugzeug Falcon 20 E startete am Nachmittag von Oberpfaffenhofen bei München zur Untersuchung der Aschewolke. Die mit einer Art Laser-Radar (Lidar) ausgerüstete Maschine war zunächst Richtung Leipzig geflogen, von dort über Hamburg an die niederländische Grenze und dann über Stuttgart zurück nach Oberpfaffenhofen. Mit dem Laser sollte die Dichte und Ausbreitung der Ascheteilchen festgestellt werden. An den Tragflächen der Maschine sind zudem sogenannte Partikelzähler montiert. Erste Messergebnisse sollen am Dienstag vorliegen. Von den Daten hängt ab, wann der deutsche Luftraum wieder vollständig für den Flugverkehr geöffnet wird.

Forscher der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich bestätigten unterdessen nach Messungen mit Wetterballons, Lasern und Messflugzeugen, dass die Aschewolke über Europa tatsächlich Vulkanaerosole enthält. "Wir konnten in einer Höhe zwischen vier und fünf Kilometern eine besonders hohen Anteil an Vulkanaerosolen feststellen", sagte ETH-Professor Thomas Peter. Sie gelten als gefährlich für Flugzeuge, da sie in der Hitze der Triebwerke schmelzen und zu Glasablagerungen führen können. So hatte die Vulkanasche am Wochenende einen Nato-Kampfjet bei einem Testflug über Europa beschädigt. Die Maschine landete am Wochenende mit Glas im Triebwerk.

Vulkan stößt weniger Asche aus

Auch in Skandinavien, wo der Luftraum vergangenen Donnerstag zuerst gesperrt worden war, nahmen erste Flughäfen wieder den Betrieb auf. Auf dem Balkan, in Österreich, Tschechien und Rumänien starteten und landeten ebenfalls wieder Maschinen. Großbritannien, Frankreich und Belgien kündigten eine schrittweise Öffnung ihres Luftraumes ab Dienstagmorgen an. Unterdessen mussten allerdings erstmals in Nordamerika Flüge wegen der Aschewolke gestrichen werden: In der ostkanadischen Provinz Neufundland vielen neun Inlandsflüge aus.

Aus Island kommen unterdessen hoffnungsvolle Nachrichten: Der Vulkan am Eyjafjalla-Gletscher stößt zunehmend weniger Asche und dafür mehr Lava aus, wie ein Sprecher des Meteorologischen Institutes in Reykjavik mitteilte. Ein Überwachungsflug per Hubschrauber habe bestätigt, dass die für den Flugverkehr in Europa gefährliche Wolke mit Vulkanasche über dem Gletscher nur noch eine Höhe zwischen 500 Metern und zwei Kilometern erreiche. Experten warnten allerdings vor voreiligen Schlüssen für den Flugverkehr, weil sich auch wieder neue Krater auf dem Eyjafjallajökull mit wieder stärkerem Ascheausstoß bilden könnten. Nichtsdestotrotz erwartet Eurocontrol eine Normalisierung des Flugbetriebs bis Donnerstag, sollte die Aktivität des Vulkans weiter abnehmen.

AFP/DPA/APN/Reuters / DPA / Reuters

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