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Deutschlands WM-Test gegen Polen: Die Bewerbungen blieben aus

Beim 0:0 im Testspiel gegen Polen konnten die jungen Debütanten im deutschen Nationalteam nur bedingt überzeugen. Kevin Volland hat sein WM-Ticket dennoch fast sicher, ein Schalker Trio muss bangen.

Von Nils Kemter

Joachim Löw gehörte zu den wohl wenigen Zuschauern, die sich an diesem Abend gut unterhalten gefühlt hatten. Deutlich hörbare Pfiffe schallten durch die Hamburger Arena, als das Länderspiel zwischen Deutschland und Polen nach 90 torlosen Minuten beendet war. "Mir hat es Spaß gemacht, weil wir wahnsinnig viele Neulinge dabei hatten. Unsere Jungs haben ihre Sache gut gemacht", konstatierte der Bundestrainer trotzig. Mit gleich zwölf Debütanten, acht davon in der Startelf, hatte Löw für einen Rekord gesorgt. Überzeugen konnte das junge Team mit einem Durchschnittsalter von 21,4 Jahren jedoch nicht. Kaum Torchancen hatte sich Deutschland vor nur 37.569 Zuschauern erarbeitet. Die Abstimmung fehlte der Debütanten-Truppe gänzlich, in der Offensiv gelangen Kombinationen nur selten. Gegner Polen, ebenfalls mit einer Reserveelf angetreten, trug wenig zur Partie bei, die 0:0 endete.

Der deutschen Nationalmannschaft fehlten 34 Tage vor ihrer ersten WM-Partie in Brasilien noch sämtliche 13 Akteure des FC Bayern München und Borussia Dortmund, zudem die drei Arsenal-Profis Lukas Podolski, Per Mertesacker und Mesut Özil, sowie Stürmer Miroslav Klose (Lazio Rom), Verteidiger Marcell Jansen (HSV) und die Mittelfeldspieler Sami Khedira (Real Madrid) und André Schürrle (FC Chelsea). Nach dem Pokalfinale zwischen Dortmund und Bayern am kommenden Samstag wird das Gros des Teams dann im zehntägigen Trainingslager in Südtirol ab dem 21. Mai zur Verfügung stehen.

Vier Spieler vor dem frühen WM-Aus

Die komplett neuformierte Elf, die in Hamburg gegen Polen schon einmal für WM-Vorfreude sorgen sollte, wird so wohl nie wieder zusammen spielen. Neben acht Akteuren, die nicht zum vorläufigen 30-Mann-Aufgebot gehören, das Löw bis Mitternacht der Fifa melden musste, sollten sich acht Streichkandidaten für einen Platz beweisen. Bis zum 2. Juni muss der Bundestrainer sieben seiner 30 benannten Profis nach Hause schicken. Nur 23 Spieler werden am 7. Juni im Flieger sitzen, wenn der DFB-Tross gen Brasilien aufbricht. Löw hatte bereits angekündigt, schon bis zum Trainingslager in Südtirol eine Vorauswahl zu treffen und nur 26 Spieler mitnehmen zu wollen. Schon einen Tag nach der Partie gegen Polen sollen die ersten vier Spieler in den Urlaub geschickt werden.

Einzig im Spiel gegen Polen konnten sich die jungen Debütanten deshalb für einen Platz beweisen, bevor erstmals gesiebt wird. Löw bot in Shkodran Mustafi von Sampdoria Genua und dem Freiburger Matthias Ginter ein neues Innenverteidiger-Duo auf. Während mit Mats Hummels (Dortmund), Jerome Boateng (Bayern) und Per Mertesacker (Arsenal) bereits drei der vier Planstellen auf dieser Position vergeben sind, sollten sich Mustafi und Ginter empfehlen, um den erfahreneren Schalker Benedikt Höwedes unter Druck zu setzen. Dieser war erst zum Ende der Bundesliga-Saison nach Verletzungspause zurückgekehrt und kam in Hamburg eine Halbzeit lang zum Einsatz. Mustafi wusste durch lautstarke Kommandos und körperliche Präsenz zumindest in Ansätzen zu gefallen, leistete sich jedoch zu viele Fehler im Spielaufbau. Ginter wirkte etwas stabiler, ohne jedoch gänzlich zu überzeugen und dürfte deshalb genau wie Nebenmann Mustafi zu den ersten Streichkandidaten gehören.

Draxler muss weiter zittern

Im Mittelfeld kämpft ein Schalker Trio um seine Chance. Julian Draxler, der die Mannschaft gegen Polen als Kapitän aufs Feld führte, Max Meyer und Leon Goretzka gehörten allesamt zu Löws Startformation. Draxler, der aufgrund einer schwachen Bundesliga-Rückrunde zum Wackelkandidaten geraten ist, riss das Spiel nach einer schwachen ersten Hälfte im zweiten Durchgang zumindest phasenweise an sich. Echte Argumente konnte der 20-Jährige jedoch nicht sammeln, zumal er bei Ecken und Freistößen kaum für Gefahr sorgen konnte. Der im Winter fast sicher geglaubte WM-Fahrer muss weiter zittern.

Angetan zeigte sich Löw hingegen von Wirbelwind Meyer, der im Mittelfeld vielseitig eingesetzt werden kann. "Ich finde ihn mit seinen 19 Jahren sehr, sehr gut", sagte Löw im ZDF, "er ist ein geradliniger Spieler, der klare Aktionen und eine sehr gute Ballbehandlung hat". Frech suchte Meyer gegen Polen mehrfach den Torabschluss (51./58.), präsentierte sich dribbelstark und lauffreudig. Einzig die Genauigkeit beim letzten Pass fehlte ihm genauso wie der gesamten deutschen Elf.

Sein ebenfalls erst 19-jähriger Teamkollege Goretzka wirkte nervös und dürfte seine ohnehin schon geringen Chancen auf eine WM-Teilnahme nicht erhöht haben. Er musste zur Pause zudem mit einer leichten Oberschenkelzerrung ausgewechselt werden. Der Augsburger André Hahn, ebenfalls im 30er-Kader von Löw, spielte in der zweiten Hälfte anstelle von Goretzka vor, vergab eine Gelegenheit nach 49 Minuten überhastet und wirkte stets nervös. Ein gelungenes Debüt gaben hingegen der Hoffenheimer Sebastian Rudy und Gladbachs Christoph Kramer als Doppel-Sechs im defensiven Mittelfeld. Beide gehören jedoch nicht zum deutschen WM-Kader.

Volland enttäuschte, hat aber gute Chancen

Weil gerade im Mittelfeld ein Überangebot an Weltklasse-Spielern wie Marco Reus, Mario Götze oder Mesut Özil herrscht, wird Löw wohl maximal einen der Jungprofis mit nach Südamerika nehmen. Mit Spannung war jedoch der Auftritt von Stürmer Kevin Volland erwartet worden. Der Hoffenheimer war überraschend anstelle vom Gladbacher Max Kruse nominiert worden. Weil im verletzungsanfälligen Miroslav Klose nur ein weiterer nomineller Angreifer im Aufgebot steht, stehen Vollands Chancen auf einen Trip nach Brasilien gut.

Wenngleich Volland in Hamburg kaum Pluspunkte sammeln konnte: Der 21-Jährige trat nur wenige Male in der Nähe des polnischen Strafraums in Erscheinung, eine echte Torchance hatte er bis zu seiner Auswechslung in der 71. Minute nicht. Löw lobte dennoch, man habe seine Qualitäten sehen können. Volland hat sein WM-Ticket trotz schwachem Aufritt gegen Polen so gut wie sicher.

Mindestens sechs dieser acht Profis werden aber wohl noch aus Löws Mannschaft für die WM gestrichen. Nur vier Plätze sind noch zu vergeben. Der Coach muss zudem noch einen der drei Linksverteidiger nach Hause schicken. Weder Marcel Schmelzer, noch Neuling Erik Durm (beide Dortmund) oder Marcell Jansen waren jedoch in Hamburg dabei.

Für die meisten der zwölf Debütanten beim 0:0 gegen Polen beginnt nun der Sommerurlaub. "Bei der EM 2016 oder WM 2018, da bin ich überzeugt, werden wir den einen oder anderen wiedersehen", tröstete Löw unmittelbar nach der Partie schon einmal. Ihm hatte schließlich gefallen, was er gesehen hatte.

So spielte Deutschland gegen Polen:

Zieler (46. ter Stegen) - Rüdiger (46. Höwedes), Mustafi, Ginter, Sorg (82. Günter) - Kramer, Rudy - Goretzka (46. Hahn), Meyer (76. Arnold, Draxler - Volland (71. Jung).

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