HOME

Krawalle in Marseille: Uefa droht Russland und England mit EM-Ausschluss

Sieben Schwerverletzte haben die heftigen Ausschreitungen zwischen englischen und russischen Fans bei der EM 2016 gefordert. Frankreichs Polizei und die Uefa wiesen Vorwürfe zurück, nicht richtig reagiert zu haben. Stattdessen werden die Verbände verwarnt.

Englische Fans werfen in Marseilles Innenstadt mit Flaschen auf das gegnerische Lager aus Russland

Englische Fans werfen in Marseilles Innenstadt mit Flaschen auf das gegnerische Lager aus Russland

Nach den Ausschreitungen von Marseille droht den Fußballverbänden von Russland und England im Wiederholungsfall der Ausschluss von der Europameisterschaft in Frankreich. Beide Verbände wurden verwarnt, teilte das Exekutivkomitee der UEFA am Sonntag mit. 

Grundlage ist Artikel 65 der UEFA-Statuten, nach dem das Exekutivkomitee "nach Recht und Billigkeit" entsprechende Strafen verhängen kann. Die Androhung eines EM-Ausschlusses gab es bereits im Jahr 2000 gegen England nach Ausschreitungen im belgischen Charleroi. Diese mögliche Sanktion ist unabhängig von laufenden Ermittlungen der UEFA-Disziplinarkommission gegen Russland, deren Ergebnis am Dienstag bekannt gegeben soll. 

EM 2016: Brutale Ausschreitungen betrunkener Fans

Am zweiten Tag der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich hatten brutale Ausschreitungen betrunkener Fans in Marseille einen Schatten auf das vierwöchige Turnier geworfen. 35 Menschen wurden bei der Gewalteskalation vor dem Spiel England gegen Russland verletzt, sieben von ihnen schwer. Zehn Beteiligte waren am Sonntag in Polizeigewahrsam, darunter ein Deutscher. "Die Angst hat bei der EM schon gewonnen", titelte Frankreichs Sportzeitung "L'Equipe".

Nach dem Abpfiff des 1:1 stürmten russische Fans in den englischen Block, es kam zu einer weiteren Schlägerei. In der Nacht setzte sich die Gewalt am Alten Hafen von Marseille fort. In Nizza gingen französische Jugendliche und nordirische Fans aufeinander los, auch dort gab es mehrere Verletzte.

Gegenseitig verhöhnt, dann aufeinander eingeprügelt

Die Uefa und die französische Polizei mussten sich gegen Vorwürfe verteidigen, nicht genug zur Trennung der Fangruppen getan zu haben. Paris reagierte mit einer Verstärkung des Sicherheitsaufgebotes für das Spiel Kroatien gegen die Türkei am Sonntag in der französischen Hauptstadt. Für Deutschland stand am Abend das erste EM-Spiel gegen die Ukraine auf dem Programm. Auch der Weltfußballverband Fifa verurteilten die Gewalt, die Uefa leitete ein Disziplinarverfahren gegen Russland ein.

"Was ist verkehrt mit diesen Leuten? Eine absolute Blamage für das Land", brachte der englische Ex-Nationalstürmer Gary Lineker auf Twitter seine Wut über die Hooligans aus seinem Land zum Ausdruck.


Vor der Partie England gegen Russland waren Fangruppen beider Länder nach stundenlangem Alkoholkonsum marodierend durch Marseille gezogen. Sie warfen mit Stühlen und Flaschen und verhöhnten sich gegenseitig, bis sie brutal aufeinander einschlugen, mit Fäusten, Tritten, Stühlen und sogar Eisenstangen. Auch französische Hooligans waren beteiligt.

Englischer Fan die Nacht über in Lebensgefahr

Ein englischer Fan wurde so schwer verletzt, dass er die ganze Nacht in Lebensgefahr schwebte, am Sonntag wurde sein Zustand als stabil bezeichnet. Dem Mann war nach Polizeiangaben mit einer Metallstange auf den Kopf geschlagen worden. Feuerwehrleute versuchten den blutverschmierten Mann wiederzubeleben, bevor er in ein Krankenhaus gebracht wurde.

Ein englischer Fan sagte, etwa hundert Russen hätten "aus dem Nichts heraus" angegriffen. Der 23-jährige Engländer Danny Hart sagte, es sei keine gute Idee gewesen, das Spiel auf 21.00 Uhr anzusetzen: "Bis dahin waren alle völlig besoffen." Etwa 1200 Polizeibeamte waren in der südfranzösischen Hafenstadt im Einsatz und trennten die Schläger nach anderthalb Stunden mit Tränengas und Wasserwerfern.

Sportminister Mutko befürchtet Imageschaden für Russland

Nach der Gewalt im Stadion eröffnete der Europäische Fußballverband Uefa ein Verfahren gegen Russland wegen "rassistischen Verhaltens, Störungen und Zündens von Feuerwerkskörpern". Der russische Sportminister Witali Mutko warf den russischen Fans "unangemessenes Verhalten" vor, "am Schlimmsten" sei der Imageschaden für sein Land, das die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 ausrichtet.

Mutko kritisierte aber auch die französischen Ausrichter der EM: "Solche Spiele müssen angemessen organisiert werden, die Fangruppen müssen getrennt werden", zitierte ihn die Nachrichtenagentur Tass. In Marseille gab es keine Pufferzone und keine effektiven Trennnetze. Zudem war es den Fans gelungen, Knallkörper und Feuerwerk in die Arena zu schmuggeln. Die Uefa räumte Sicherheitslücken ein und kündigte Abhilfe an. 

Sorge vor weiteren Ausschreitungen

Die Fifa verurteilte die "schändlichen Szenen" und machte "idiotische Unruhestifter" verantwortlich. Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, sagte den Zeitungen der Funke-Mediengruppe (Montagausgaben), die Partie England gegen Russland sei "ein Höhepunkt" der Hooligan-Gewalt, "bleibt aber mit Sicherheit kein Einzelfall". Berlin hat den französischen Behörden die Namen von 2500 gewalttätigen Hooligans aus Deutschland übermittelt.


mod / AFP

Wissenscommunity