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Fußball-Bundesliga: Trainerwechsel des Grauens

Michael Oenning kann aufatmen: Dank Michael Skibbe ist er nicht mehr der erfolgloseste Trainer dieser Saison. Herthas grotesker Fehlgriff steht in der jüngeren Bundesligageschichte aber nicht allein. Acht Trainer, die alles nur noch schlimmer gemacht haben.

Kurzes Gastspiel bei Hertha BSC: Michael Skibbe ist nicht mehr Trainer in Berlin

Kurzes Gastspiel bei Hertha BSC: Michael Skibbe ist nicht mehr Trainer in Berlin

Michael Skibbe wird ohne Frage als einer der unglücklichsten Trainer in die Bundesligageschichte eingehen. Nach nur fünf Pflichtspielen wurde der in der Winterpause als Nachfolger von Markus Babbel verpflichtete Coach von der Hertha wieder entlassen - nach fünf Niederlagen und 1:12 Toren.

Als erstes erinnert sich der Hertha-Fan da gewiss an Friedhelm Funkel, den ersten Fehlgriff in der Sportdirektor-Karriere von Michael Preetz. Als Nachfolger von Lucien Favre gewann Funkel nur vier von 27 Bundesligaspielen mit der Hertha und stieg in die 2. Liga ab. Das gleiche Schicksal hätte Hertha in dieser Saison wieder drohen können, und noch ist die Gefahr natürlich auch keineswegs gebannt. Bevor wir wissen, wer als nächstes auf den Schleudersitz neben Herthinho gesetzt wird, erinnern wir uns aber gerne an einige ähnlich gescheiterte Maßnahmen in der Geschichte der Bundesliga.

Christoph Daum, Eintracht Frankfurt, 2011
(7 Spiele: 3 Unentschieden, 4 Niederlagen)

Beginnen müssen wir mit dem Mann, der Michael Skibbe in Frankfurt beerbte. Mit ihm wäre die Eintracht sicher nicht abgestiegen, hatte Skibbe zu seinem Amtsantritt in Berlin gesagt. Die Hertha wohl schon. Frankfurt jedenfalls markierte die erste und bisher einzige Station in der Trainerkarriere von Christoph Daum, an der er voll und ganz scheiterte. Am Saisonende stieg der Club in die 2. Liga ab.

Interessant war der Fehlgriff der Eintracht-Verantwortlichen aber auch deshalb, weil hier mit der jahrelangen Praxis des Clubchefs Heribert Bruchhagen, auch in Krisensituationen am Trainer festzuhalten, gebrochen wurde. Der katastrophale Ausgang dieses Richtungswechsels bestätigte dann auch im Nachhinein das vorherige Mantra. Man darf aber auch nicht übersehen, wie desolat sich die Eintracht zuvor präsentiert hatte. Mit zwei Punkten und einem Tor aus neun Spielen war das Team in die Rückrunde gestartet. Ausgerechnet nach dem Sieg, der diese Horrorserie beendet hatte (2:1 gegen St. Pauli) war Skibbe dann gefeuert worden.

Michael Oenning, Hamburger SV, 2011
(15 Spiele: 2 Siege, 6 Unentschieden, 7 Niederlagen)
 

Eine Woche lang mochten die Verantwortlichen des HSV denken, alles richtig gemacht zu haben. Nach dem 0:6 in München war Armin Veh, der seinen Rücktritt zum Saisonende bereits angekündigt hatte, entlassen worden. Co-Trainer Michael Oenning übernahm zunächst provisorisch - und gewann das folgende Spiel mit 6:2 gegen Köln. Drei Unentschieden und ein 0:3 in Stuttgart später gab der Club Oenning einen neuen Vertrag als Chefcoach für die kommende Saison.

Aber nach saisonübergreifend 13 sieglosen Bundesligaspielen in Folge und Platz 18 in der Tabelle trennte sich der Club wieder von Oenning. Der relative Erfolg, den sowohl die Interimstrainer Rodolfo Cardoso und Frank Arnesen als auch Thorsten Fink inzwischen hatten, spricht dafür, dass zumindest die schnelle Reparatur der vorhergegangenen Fehlentscheidung richtig war.

Andreas Bergmann, Hannover 96, 2009/10
(16 Spiele: 4 Siege, 4 Unentschieden, 8 Niederlagen)

Der Selbstmord von Robert Enke überschattete die Amtszeit des heutigen Bochumers Andreas Bergmann. Vom Nachwuchstrainer im August als Nachfolger des entlassenen Dieter Hecking zum Chefcoach der Bundesligamannschaft befördert, ließ sich Bergmanns Ära zunächst ganz gut an, aber der tragische Tod des Torhüters stürzte die Roten auch in eine sportliche Sinnkrise.

Aus den 12 Spielen nach Enkes Tod holte Hannover nur einen Punkt. Inmitten dieser schwarzen Serie wurde Bergmann wieder entlassen, vier Monate nach seiner Beförderung. Nachfolger Mirko Slomka, heute als Supertrainer gefeiert, verlor übrigens seine ersten sechs Spiele am Stück, bevor ihm der Klassenerhalt doch noch gelang. Vielleicht hätte man auch Skibbe mehr Zeit geben sollen?

Thomas von Heesen, 1. FC Nürnberg, 2008
(20 Spiele: 4 Siege, 8 Unentschieden, 8 Niederlagen)

Neun Monate nach dem Pokalsieg wurde Hans Meyer in Nürnberg entlassen. Der Club lag zu diesem Zeitpunkt auf Platz 16 der Tabelle. Nachfolger wurde Thomas von Heesen, heute in Kapfenberg als Retter engagiert. Unter Von Heesen spielte Nürnberg ziemlich genau so weiter wie unter Meyer - und wurde am Saisonende... 16.

Nur zwei Spieltage nach Beginn der folgenden Zweitligasaison wurde Von Heesen dann in Nürnberg geschasst und durch seinen Co-Trainer Michael Oenning ersetzt. Der stieg mit dem Club dann in die Bundesliga auf, hatte dort allerdings große Probleme und erlebte keine volle Halbserie mit dem FCN.

Jürgen Röber, Borussia Dortmund, 2006/07
(8 Spiele: 2 Siege, 6 Niederlagen)

Als der heutige Bondscoach Bert van Marwijk von Borussia Dortmund zu Weihnachten 2006 gefeuert wurde, lag der Club auf Platz neun der Bundesliga, mit sieben Punkten Vorsprung auf einen Abstiegsplatz. Nachfolger Jürgen Röber gewann das erste Spiel nach der Winterpause mit 3:2 gegen den FC Bayern und schien eine neue Goldene Ära in Dortmund einzuläuten. Von den folgenden sieben Spielen verlor der BVB unter Röber jedoch sechs, und der Club wäre nach dem Bernd Krauss-Debakel sieben Jahre vorher fast zum zweiten Mal durch einen desaströsen Trainerwechsel abgestiegen.

Als Röber im März gefeuert wurde und durch den späteren Retter Thomas Doll ersetzt wurde (ja, Doll hielt sowohl den HSV als auch Borussia Dortmund in der Bundesliga), stand Schwarzgelb nur noch einen Zähler von den Abstiegsplätzen entfernt.

Gerald Vanenburg, 1860 München, 2004
(5 Spiele, 2 Unentschieden, 3 Niederlagen)

Es wäre gemein, den Abstieg der Löwen aus der Bundesliga nur an der Personalie Gerald Vanenburg festzumachen. Schließlich befand sich der TSV 1860 im April 2004 bereits in jeder Hinsicht im freien Fall. Einen Monat zuvor waren Präsident Karl-Heinz Wildmoser und sein Sohn wegen Bestechungsverdachts festgenommen worden. Der neue Präsident Karl Auer war angeblich gar nicht eingeweiht, als Vizepräsident Hans Zehetmair die Entlassung von Trainer Falko Götz in den Medien verkündete. Der Club stand zu diesem Zeitpunkt noch knapp über den Abstiegsrängen.

Nachfolger Vanenburg hatte keinerlei Trainererfahrung und bekam gleich Spiele gegen die Spitzenclubs Bayern und Leverkusen vorgesetzt. Ein 0:3 in Rostock und einen verschossenen Elfmeter von Francis Kioyo in der letzten Spielminute gegen Hertha später war 1860 abgestiegen - ein Jahr, bevor die neue Allianz Arena fertiggestellt war, die mit dafür verantwortlich werden sollte, den Club an den Rand des Abgrunds zu bringen.

Thomas Hörster, Bayer Leverkusen, 2003
(16 Spiele: 4 Siege, 2 Unentschieden, 10 Niederlagen)

Stichwort Freier Fall: Klaus Toppmöller war mit Bayer 04 2002 Vizemeister und Vizepokalsieger geworden und hatte im Champions League-Finale gegen Real Madrid gestanden. Im Februar der folgenden Saison wurde er aber gefeuert, nach einer Heimniederlage gegen Hansa Rostock. Nachfolger Hörster hatte bis dato nur die Regionalligamannschaft von Bayer trainiert und sollte nun gleich in der Champions League antreten und nebenbei den drohenden Abstieg verhindern.

In der Champions League bot Hörster Spieler aus der Reserve auf, um die Startelf für die Bundesliga zu schonen. Dennoch rutschte das Team auf einen Abstiegsplatz, und als Hörster nach einem 1:4 in Hamburg der Presse offenbarte, er glaube selbst nicht mehr an den Klassenerhalt, wurde er zwei Spieltage vor Saisonende gefeuert. Nachfolger Klaus Augenthaler hielt Leverkusen mit zwei Siegen in der Bundesliga...

Bernd Krauss, Borussia Dortmund, 2000
(13 Spiele: kein Sieg, 5 Unentschieden, 8 Niederlagen)

Die Mutter aller Fehlentscheidungen in Sachen kurzfristiger Trainerwechsel. Der Kreis, der sich jetzt in Berlin schloss, wurde 2000 eröffnet, als Michael Skibbe zum ersten Mal in seiner Karriere gefeuert wurde. Zu diesem Zeitpunkt, im Februar, lag der BVB auf Platz sechs der Tabelle. Vier Punkte aus elf Spielen später lag Dortmund noch einen Punkt vor einem Abstiegsplatz, und auch Bernd Krauss musste wieder gehen. Eine Heimniederlage gegen Unterhaching war das Aus für den ehemaligen Gladbacher Erfolgscoach.

Udo Lattek und Matthias Sammer bewahrten Dortmund vor dem Abstieg, im nächsten Jahr wurde Sammer mit dem BVB Dritter, 2002 Meister. Der gebürtige Dortmunder Krauss hingegen hat sich von dieser desolaten Bilanz nie wieder erholt und trainierte statt in der Bundesliga seither in Spanien, Griechenland, Iran, den Emiraten, Niederösterreich und Tunesien. Borussia Dortmund aber sollte nicht sofort aus dieser Zittersaison lernen, was das Beispiel Jürgen Röber später zeigen würde.

Daniel Raecke

sportal.de / sportal

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