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Spielerberater: Die Schatten der Stars

Ihr Ruf ist miserabel. Bei jedem Transfer kassieren sie ab. Manchmal Millionen. Doch kein Club kommt an ihnen vorbei - den Spielerberatern. Ein Report über die heimlichen Regenten des Fußballs.

Von Wigbert Löer und Mathias Schneider

Wenn sie auftauchen, läuft keine Kamera. Kaum ein Transfer im bezahlten Fußball, den sie nicht einfädeln. Sie wirken gedämpften Tons in den heimlichen Kontakthöfen des Fußballs: den VIP-Räumen der Arenen nach den Spielen, den Trainingsquartieren fernab des Trubels.

Spielerberater sind mächtig, ja gefürchtet. Die Europäische Union berichtete kürzlich von "missbräuchlichen Praktiken" einiger Agenten, die zu "Korruption, Geldwäsche und Ausbeutung minderjähriger Spieler" geführt hätten. Doch kein Klubmanager darf es sich mit den Souffleuren der Stars verscherzen. Lieber schimpfen sie hinter vorgehaltener Hand über diese "windigen Kerle", die nur vom schnellen Geld angelockt seien.

Ihre Dienstleistung, Fußballprofis zu vermitteln, wird als notwendiges Übel akzeptiert - den Vereinen bleibt auch nichts anderes übrig: Fast jeder Profi begibt sich inzwischen in die Hände eines Agenten, den er für clever hält im Vertragspoker und der über gute Beziehungen zu zahlreichen Vereinen verfügt. Nur so lässt sich schließlich ein lukrativer Transfer anbahnen. Dass ein Klubmanager auf den Berater schimpft, gilt Profis als positives Signal. Sie wissen dann, dass ihre Interessen hart vertreten werden.

Agenten kassieren kräftig mit

Die Agenten des Fußball-Business kassieren allerdings kräftig mit. Allein in der vorigen Saison strichen sie in der Bundesliga für ihre Dienste rund 45 Millionen Euro Provision ein, bezahlt von den Klubs. Während der Winterpause investierten die Vereine fast 50 Millionen Euro in 45 Neuzugänge. In welchem Ausmaß eingekauft und verschachert wird, zeigt das Beispiel Bremen: Von der Meistermannschaft 2004 stehen heute noch drei Spieler im Kader. Bei den meisten der Transfers geht es um ein kleines Vermögen, ein Verein muss dem Agenten rund zehn Prozent des Spieler-Jahresgehalts überweisen, manchmal mehr. Ist ein Spieler ablösefrei zu haben, weil sein Vertrag ausläuft, fließen zudem Handgelder. An die Spieler - und an die Berater.

Die Reise zu den Headhuntern des Fußballs führt zunächst nach Berlin, in das Café Dressler auf dem Kurfürstendamm, wo Jörg Neubauer gelegentlich zu Mittag isst. Man sieht es ihm nicht an, Neubauer beherrscht ein erstklassiges Pokerface, aber er muss ein glücklicher Mann sein. Gerade hat er den Bremer Tim Borowski zum FC Bayern vermittelt, zum größten Klub Deutschlands. Sein Meisterstück gelang ihm, als er Christoph Metzelder zu Real Madrid brachte, dem größten Klub der Welt. "Du musst von den Managern solcher Vereine respektiert werden", sagt er gelassen.

Neubauer, 45 Jahre, war der letzte Pressesprecher des Fußballverbandes der DDR und 1990 dabei, als Leverkusens Manager Reiner Calmund mit dem Ost-Berliner Stürmer Andreas Thom verhandelte. Eine Lehrstunde. Heute strahlt er vor allem Entschiedenheit aus: Ein Jörg Neubauer, so die Botschaft, zweifelt nicht. Seine Worte reiht er zu Hauptsätzen, so kurz und prägnant, dass sie nicht mal von seinem Handy unterbrochen werden, das dauernd klingelt. Das Image seiner Branche? "Ist mir egal." Den Neid der Kollegen? "Spürt man."

Neubauer fehlt die sportliche Kompetenz

Für die Zukunft scheint Neubauer gut aufgestellt, er hat auch die Nachwuchsstars René Adler, Sami Khedira und Ashkan Dejagah in seinem Portfolio. Er selbst späht schon lange nicht mehr nach Talenten. "Dazu", sagt er, "fehlt mir die sportliche Kompetenz." Die besitze sein Scout Adolf Remy, ein 72-jähriger Berliner mit vier Jahrzehnten Erfahrung als Trainer. Ein echtes Talent werde schon mal von 20 Scouts angesprochen, sagt Neubauer, ein Berater müsse dann den Jugendlichen und dessen Eltern überzeugen. Man lernt sich kennen, plaudert, plant. Der Spieler schreibt eine Vollmacht. So beginnt es.

Auch an den Stars zerren die Agenten mitunter. Bei den wenigen Goldeseln unter den Profis können sie schließlich nicht nur an den Transfers, sondern wollen auch am Abschluss von Werbeverträgen verdienen. Schalkes Kevin Kurányi etwa soll ein Jahresgehalt von mehr als vier Millionen Euro verdienen und wirbt noch dazu für Nutella. Um ihn streiten sich derzeit Rogon und IMG, nachdem sein Berater Karlheinz Förster von der einen zur anderen Agentur wechselte.

Was passieren kann, wenn sich ein Spieler im Geflecht zwischen Berater, Familie und Verein verheddert und zum Spielball wird, zeigt sich an Mesut Özil, 19, einem der größten Talente des deutschen Fußballs. Bevor der U21-Nationalspieler von Schalke 04 zu Werder Bremen wechselte, überwarf er sich auf bizarre Weise mit seinem alten Klub. Der Jungprofi unterschrieb nicht den Vertrag, den sein Berater und sein Vater mit Schalkes Manager ausgehandelt hatten. Er selbst hatte an den Gesprächen nicht teilgenommen. Kurz darauf druckte die "Bild"-Zeitung Schalkes Angebot fein aufgeschlüsselt ab. Der Spieler stand als Raffzahn da: als reichte Mesut Özil ein Gehalt von 1,5 Millionen Euro nicht. Beide Seiten beschuldigen sich des Vertrauensbruchs.

Wittmann schuf ein kleines Imperium

Dass Schalke 04 mit diesem Fall in den Verdacht kam, die Interna an die Presse gegeben zu haben, hat seinen Grund. Der Klub erweckt seit geraumer Zeit den Eindruck, sich durch die Rogon GmbH steuern zu lassen. Gleich sieben Stammspieler gehören zur Mandatsliste des Agenturchefs Roger Wittmann - und der steht der "Bild"-Zeitung nahe, sein Schwager Mario Basler etwa ist dort Kolumnist. Der gelernte Spengler Wittmann hat ein kleines Imperium geschaffen: 30 feste und 60 freie Mitarbeiter sind in Europa beschäftigt, in Südamerika nochmals 20 Angestellte.

Rogon gilt als wenig zimperlich, wenn es darum geht, Klienten zu werben. Özils Vater Mustafa berichtete von einem Wittmann- Mitarbeiter namens Kemal, der ihm im September einen Beraterwechsel ans Herz gelegt habe - 50.000 Euro sei Rogon die Übernahme wert. Das Bonbon: Als Wittmann- Spieler werde Özil öfter auflaufen!

Durchweg unrichtig seien diese Behauptungen, schreibt Rogon-Prokurist Christian Rapp. Mesut Özil beharrt auf dieser Darstellung. Firmengründer Wittmann lehnte es ab, den Vorgang gegenüber dem zu kommentieren. Rogon, der heimliche Herrscher auf Schalke? Schon einmal häufte Wittmann ein Machtmonopol bei einem Bundesligisten an, 2001, mit neun Profis und vier Amateuren des 1. FC Kaiserslautern. Dessen Torwart Andreas Reinke klagte damals: "Die Wittmann- Spieler laufen beim Training rum und sagen anderen, sie sollen lieber zu Wittmann gehen, damit sie hier weiter Fußball spielen können." Der Präsident des FCK hieß zu jener Zeit Jürgen Friedrich. Er wirtschaftete den Verein in die Nähe des Ruins, wurde später wegen Steuerhinterziehung verurteilt - und gehört seit Juni 2007 der Geschäftsleitung von Rogon an.

Zuviel Nähe der Schalker zu Wittmann

Muss Schalkes Manager Müller die Nähe zur Agentur Rogon nicht beunruhigen? "Die Klasse unseres Teams spricht für sich", sagt Müller. "Ich würde auch den nächsten Transfer mit Wittmann machen, wenn der einen Spieler hat, den wir unbedingt haben wollen."

69 Profis führt Rogon derzeit auf seiner Homepage. Aber auch Wittmann erleidet Rückschläge im Kampf um Marktanteile. 2005 verließen ihn drei Mitarbeiter, gründeten die Agentur Extratime und nahmen einen wichtigen Spieler mit: den früheren U21-Kapitän Hanno Balitsch von Hannover 96. Balitsch war ihr Startkapital, andere Spieler kamen hinzu. Heute plant der Geschäftsführer Christoph Leutrum, 39, den nächsten Schritt: Wie jeder Neuling sucht er einen zukünftigen Star, der auch den Berater in eine andere Umlaufbahn schießt. Leutrum nennt Jan Rosenthal, 21, Mittelfeld, ebenfalls Hannover. "Jan ist unser Mann der Zukunft", sagt er, "der ist eine Rakete." Das ist die Rhetorik der Branche: Man muss seine Leute preisen.

Leutrum kommt wie ein älterer Bruder der Spieler daher, Lars-Wilhelm Baumgarten eher wie ein Wirtschaftsboss im Wartestand. Der frühere "Bild"-Journalist ist Mitgründer der Agentur Stars & Friends, die sich mit Partnern in Osteuropa zusammentat. Die Firma bietet eine "Rundum- Versorgung" von Wohnungssuche bis Interview- Training. Das Ziel heißt Expansion. Ein Organigramm sieht für die Zukunft knapp 50 Mitarbeiter und 431 betreute Spieler vor. Stars & Friends umwirbt künftige Klienten mit einer Hochglanzbroschüre. Auf deren Rückseite ist der Champions-League-Pokal abgebildet - zu Hannovers Mike Hanke und Leverkusens Simon Rolfes hat es bislang gereicht. Auch den Transfer von Sturmtalent Martin Fenin von Teplice nach Frankfurt wickelte Baumgarten ab.

Der Spieler muss Vertrauen haben

Regelmäßig versammelt der 36-Jährige seine Talentspäher um sich, wie Anfang Januar im Holiday Inn am Flughafen Hannover. "Überall vor Ort sein und kein Einzelkämpfer", das, sagt Baumgarten, sei die Zukunft. Er ist so etwas wie der Spielertrainer einer Beraterelf, seine Halbzeitpredigt ist noch auf dem Flur vor dem Konferenzraum zu hören. "Da muss dann vom Spieler auch die Unterschrift kommen", ruft Baumgarten. Man könne sich nicht monatelang um einen Jungen bemühen. "Entweder vertraut der uns oder nicht."

Um das Vertrauen ihrer Klienten kämpfen sie alle. Es ist das kostbarste Gut eines Beraters. Nur wenn die Bindungen eng genug sind, werden Versuche feindlicher Übernahmen durch die Kollegen abgeblockt. Schon deshalb steht jeder Berater allzeit bereit: Kein Anruf kommt zu spät, kein Weg ist zu weit, den Spielern zur Hand zu gehen. Christoph Leutrum saß tagelang am Bett des Tschechen Jan Simak, als der mit Depression und Alkoholproblemen in einer Prager Klinik lag.

In Deutschland gibt es derzeit 186 lizenzierte Agenten, von denen sich kaum mehr als 20 einen Großteil des Marktes teilen. Der 23-jährige Bastian Schweinsteiger arbeitet bereits mit dem fünften Agenten zusammen. Einer, von dem er sich getrennt hat, schickt ihm weiterhin Mahnungen, weil der Bayern-Profi seinen Vertrag mit ihm noch nicht gekündigt habe.

Stars & Friends will Geschäft seriöser machen

Stars & Friends-Mann Baumgarten ist fest entschlossen, das Geschäft seriöser zu machen. Dafür gründete er die Deutsche Fußballspieler-Vermittler-Vereinigung (DFVV). Aber kann die Berufsvertretung auch mit dem Gerücht aufräumen, bei Transfers würden Berater manchen Manager oder Trainer bestechen? Das Prinzip, das Kickback genannt wird: Du kaufst meinen Spieler für deinen Verein und bekommst dafür einen Teil meines Beraterhonorars.

Michael Becker hält die neue Organisation nicht für hilfreich, sondern für "gefährlich". Der Jurist berät DFB-Kapitän Michael Ballack, auch Bernd Schneider, Oliver Neuville und Manuel Friedrich. In seinem Büro in Luxemburg hängen eingerahmt die Trikots seiner Mandanten, ein Papp-Ballack steht da und ein kleiner Homer Simpson. Becker hustet, er ist erkältet, aber das hält ihn nicht davon ab, stundenlang über die Wichtigtuer, Versager und Betrüger der Branche zu reden. Er ist kaum zu stoppen.

54 Jahre ist der Pfälzer alt, seit Kurzem mit einer Französin verheiratet. Er trägt Jeans mit Turnschuhen ohne Schnürsenkel. Sein Motto "mediocrity sucks", "Mittelmäßigkeit ist widerwärtig", hängt am Eingang zu seiner Wohnung. Becker hat den jungen Ballack einst in Kaiserslautern einem Rivalen abspenstig gemacht, finanziell hat er ausgesorgt und muss auf niemanden mehr Rücksicht nehmen. Dem DFVV wird er nie beitreten. "Da wird der Eindruck erweckt, eine lose Gruppe von Leuten ohne Sachkenntnis und rechtliche Legitimation sei qualifiziert, die Interessen der Spieler wahrzunehmen", sagt Becker. Nicht jeder in der Szene mag ihn für so unverblümte Aussagen.

Grauzone am Rande

Becker war früher

Referent beim EU-Rechnungshof, er drängte in den Markt, als die Rechte der Spieler erstarkten - und der Bedarf nach cleverer Beratung wuchs. Das war 1995, seitdem gehören Fußballprofis nicht mehr den Vereinen, sondern sind nach Ablauf ihres Vertrags ablösefrei. Vor einigen Wochen folgte das sogenannte Webster-Urteil des internationalen Sportgerichtshofs Cas. Nun können Akteure sogar vor Ablauf ihrer Verträge ins Ausland wechseln - auch gegen den Willen des Vereins, dem nur eine Entschädigung in Höhe des ausstehenden Gehalts bleibt. Noch mehr Winkelzüge scheinen möglich, die Vertragswerke werden komplizierter.

Dass Klubs meist mit Nichtjuristen die Spielerverträge verhandeln, nennt Holger Hieronymus, Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga, die "normative Kraft des Faktischen". So gehe es nun einmal zu. Man bewege sich "in einer Grauzone am Rande des normalen Geschäftsgebarens". Michael Becker hält dem entgegen: "Rechtsberatung ist in Deutschland den Juristen vorbehalten. Eine erfahrene OP-Schwester darf ja auch keinen Blinddarm rausnehmen."

Wer über Ballack nach Beckers Meinung unlauter berichtet, den attackiert er humorlos, die jugendliche Flapsigkeit ist dann vergessen. Bei den Vereinen agiert er wie ein Spindoctor in der Politik, preist mit blumigen Worten die Qualität seiner Mandanten. Jeder Agent tut das - seine Spieler sind immer die besten.

Becker hat noch ein Motto, das ließ er auf ein T-Shirt drucken und verschicken. Darauf stand "JSHDBDEV", eine Abkürzung: Jeder Spieler hat den Berater, den er verdient.

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