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Stefan Effenberg exklusiv: Lehmann ist ein echter Sportsmann

stern.de-Kolumnist Stefan Effenberg zieht seine persönliche Bundesliga-Hinrundenbilanz: Eine Lanze bricht Effe für Stuttgarts umstrittetenen Torwart Jens Lehmann. Verärgert ist der Ex-Bayern-Kapitän über die ewigen Anfeindungen gegenüber Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp.

Stefan Effenberg

Erfolgreiche Reizfigur und ein prägendes Gesicht der Bundesliga-Geschichte: Stefan Effenberg

Die Bundesliga-Hinrunde neigt sich dem Ende entgegen. Grund genug, sich für mich mal ein bisschen genauer mit den Verlierern und Gewinnern zu befassen.

Hertha BSC Berlin hat mich sehr enttäuscht. Der Verein hat schlimme Fehler gemacht. Die Abgänge von Voronin, Pantelic und Simunic wurden nicht aufgefangen. Unfassbar, was die Herren im Vorstand da verbockt haben. Jetzt steht man mit lächerlichen sechs Punkten ganz unten. Ich bin mir sicher, dass die Berliner absteigen werden. Denken Sie mal: Hertha müsste in der Rückrunde in etwa so viele Punkte holen wie die Bayern in der gesamten Hinrunde gesammelt haben. 30 Zähler. Dann hätten sie mit 36 Punkten vielleicht noch eine Chance auf den Nichtabstieg. Aber wer glaubt schon daran?

Stuttgart und Wolfsburg enttäuschen

Klar, auch Stuttgart ist ein Verlierer dieser Hinrunde. Aber im Gegensatz zur Hertha ist beim VfB die Qualität im Kader vorhanden. Hleb, Kuzmanovic, Pogrebnyak, Cacau - das sind alles gute Spieler. Dumm nur, dass sie es nur selten zeigen. Aber das wird schon. Der neue Trainer Christian Gross wird den VfB Stuttgart mit seiner ruhigen, aber doch auch harten Hand in der Rückrunde ins Mittelfeld führen. Noch ein Wort zu Jens Lehmann: Ich finde es gut, dass er sich für seinen Ausraster bei der Mannschaft entschuldigt hat. Jens ist und bleibt ein Sportsmann, auch wenn das in letzter Zeit in Vergessenheit geraten ist. Ich bin mir eigentlich sicher, dass er seine Karriere mit einer großartigen Rückrunde würdig ausklingen lässt. Es liegt ja nur an ihm. Ein letzter Höhepunkt könnte ein Champions-League-Duell mit seinem Ex-Club Arsenal London sein. Das wünsche ich ihm.

Mein Ex-Club, der VfL Wolfsburg, hat in dieser Bundesliga-Hinserie zwei Gesichter gezeigt. Vor allem die Defensive macht große Sorgen. Da müssen die Wölfe in der Winterpause nachbessern. Ich habe übrigens kein Verständnis dafür, dass Trainer Armin Veh derartig vehement kritisiert wird. Er hat vor der Saison den Deutschen Meister übernommen. Das war und ist der schwierigste Job aller 18 Bundesliga-Trainer. Aber ich vertraue auch Armin Veh. Ich kenne ihn gut und weiß, was für ein akribischer Arbeiter er ist. Was ich besonders an ihm schätze: Er legt immer die Hand schützend über seine Spieler.

Leverkusen und Schalke bereiten Spaß

Kommen wir zur Erfreulicherem: Bayer Leverkusen steht zu Recht ganz oben. Eigentlich hätte der Club noch viel mehr Vorsprung haben müssen, aber zuletzt war die Luft raus. Auch egal. Ich finde es bewundernswert, was Jupp Heynckes aus dieser Mannschaft holt. Er hat das Team voll im Griff - weil er sich verändert hat. Er war ja sowohl in Gladbach als auch in München mein Trainer. Mensch, was war der Jupp damals für ein Knochen. Als 19-jähriger Jungspund habe ich mir mal erlaubt, beim Mannschaftsabend eine Cola zu bestellten. Da ist der ausgerastet und hat mich lautstark gemaßregelt. Heute würde er mir wahrscheinlich ans Herz legen, direkt eine ganze Kiste Cola zu bestellen. Heynckes geht heute auf junge Spieler zu, er kommuniziert, er hat einen Plan. Das ist das Erfolgsrezept von Bayer Leverkusen.

Spaß bereit mir auch der FC Schalke 04. Damit wir uns hier richtig verstehen: Es geht nicht um den Fußball, den die Truppe spielt. Der ist bieder. Aber die Knappen sind mit ihrer Defensivstrategie eben erfolgreich. Das imponiert mir - und das macht sie so gefährlich. Felix Magath ist ein Fuchs, der ist so ausgebufft. Er überrascht seine Spieler mit immer neuen Ideen und kitzelt auch Ungeahntes aus ihnen heraus. Schalke gehört für mich zu den ganz heißen Titelkandidaten - so wie Leverkusen, Bayern München und Werder Bremen auch.

Dietmar Hopp ist ein sozialer Mensch

Weihnachtszeit ist ja immer auch Wunschzeit. Ich wünsche mir für das neue Jahr, dass die Bundesliga weiter so spannend und mitreißend bleibt. Und dann habe ich einen noch etwas abwegigen Wunsch: Ich wünsche mir, dass im neuen Jahr diese Anfeindungen gegenüber Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp aufhören. Es ist unerträglich, dass dem Mann Woche für Woche in den Stadien dieser Republik der blanke Hass entgegenschlägt. Dieser kleine Teil der pöbelnden "Fans" gehört für mich bestraft.

Ich habe Dietmar Hopp kennengelernt. Er ist ein sozialer Mensch, der Altenheime bauen lässt, bodenständig ist und viel für die Region tut. Man müsste ihn deswegen eigentlich viel mehr würdigen. Es steht außer Frage, dass Hoffenheim ohne sein Geld nicht dastehen würde, wo es heute steht. Aber ihn deshalb als Totengräber des deutschen Fußballs zu bezeichnen, ist schwachsinnig. In diesem Zusammenhang muss ich noch ein letztes Wort über Dortmunds Geschäftsführer Watzke loswerden: Watzke hatte Hopp vor ein paar Wochen als "weißen Ritter von Hoffenheim" bezeichnet. Klubs wie Hoffenheim, Wolfsburg und Leverkusen würden bei den TV-Geldern "die Sahne aus dem Thema lutschen, während wir Traditionsklubs die Folklore liefern". Mit genau solchen dusseligen Äußerungen schürt man den Hass. Damit muss endlich Schluss sein.

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