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Atomkraft: So steht es um die deutsche Kernenergie

Angesichts hoher Energiekosten und der Sorge vor dem Klimawandel flammt die Diskussion um den geplanten Atomausstieg wieder auf. Aber wie sehen die deutschen Pläne zur Kernkraft aus? Hier finden Sie die Anworten auf die wichtigsten Fragen.

Der Atomausstieg ist beschlossene Sache. Jedenfalls schien dem so. In Zeiten von steigenden Energiepreisen und Klimawandel gerät die Abschaltung aller deutschen Atomkraftwerke bis 2021 jedoch wieder in die Diskussion. Vor allem Deutschlands Partner in der G8-Gruppe, den acht größten Industrienationen, beharren auf die Atomkraft - auch, um den Ausstoß des klimaschädlichen CO2 zu begrenzen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) muss sich als einzige unter den Staats- und Regierungschefs einem klaren Bekenntnis zum Ausbau der Kernenergie widersetzen.

Selbst in der SPD - die immerhin in der letzten Legislaturperiode den Atomausstieg mit ihrem grünen Koalitionspartner durchsetzten - denken Politiker vermehrt darüber nach, die Laufzeiten der Atomkraftwerke zu verlängern - und so den Atomausstieg nach hinten zu verschieben. Einem "Ausstieg aus dem Ausstieg" nach dem Willen der Union widersetzen sie sich jedoch.

Doch wie genau steht es um die Atomkraft in Deutschland? Wie viele AKWs gibt es hierzulande und wann gehen sie vom Netz? Wir geben einen Überblick über die wichtigsten Fragen zur Atomkraft - und deren Antworten.

Karin Spitra mit Reuters/DPA/AP

Wie viele Atomkraftwerke sind am Netz?

Derzeit sind noch 15 Kraftwerke an zwölf Standorten in Westdeutschland in Betrieb. Die meisten Anlagen haben eine Leistung von etwa 1300 bis 1400 Megawatt. Sie erzeugten 2007 insgesamt 133,2 Milliarden Kilowattstunden Strom. Große Zwillingsblöcke gibt es jeweils in Hessen (Biblis), Baden-Württemberg (Philippsburg und Neckarwestheim) sowie in Bayern (Isar und Gundremmingen).

Zurzeit abgeschaltet sind die Kraftwerke Krümmel und Brunsbüttel: Ersteres ist seit einem Transformatorbrand im vergangenen Sommer abgeschaltet. Die Wiederinbetriebnahme hat sich mehrfach wegen weiterer Fehler verzögert. Auch das nahegelegene und ebenfalls von Vattenfall betriebene Atomkraftwerk Brunsbüttel ist nach einer Pannenserie seit Monaten abgeschaltet.

Welche Restlaufzeiten gibt es?

Nach dem Atomkonsens zwischen der rot-grünen Bundesregierung und der Stromindustrie vom Juni 2000 sollen alle Meiler schrittweise bis 2021 abgeschaltet werden. Zunächst sollte Biblis A 2007 vom Netz, der Antrag des Betreibers RWE auf eine Laufzeitverlängerung wurde abgelehnt. Nun soll Biblis A wahrscheinlich 2009 endgültig vom Netz. Auch Neckarwestheim I bei Karlsruhe darf nicht länger laufen: 2009 ist hier Schluss. Als letzte sollen 2020 Isar 2 bei Essenbach und Emsland bei Lingen sowie 2021 schließlich Neckarwestheim 2 folgen. Im Koalitionsvertrag von Union und SPD wurde die Vereinbarung zum Ausstieg weiter festgeschrieben.

Welchen Anteil hat die Atomenergie am Energiemix?

Die Produktion von 133,2 Milliarden Kilowattstunden Atomstrom im Jahr 2007 entsprach einem Anteil von 22 Prozent der gesamten Stromerzeugung von 597,3 Milliarden Kilowattstunden. Auf den nächsten Plätzen folgen Braunkohle (24), Steinkohle (22) und Erdgas (12). Erneuerbare Energien haben einen Anteil von 14 Prozent, Wind- und Wasserkraft kommen zusammen auf zehn Prozent. Beim Primärenergieverbrauch hatte die Atomenergie laut der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen 2006 nur einen Anteil von 12,6 Prozent. Mineralöl (35,7 Prozent) und Erdgas (22,8) liegen hier deutlich vorn.

Welche Vor- und Nachteile hat die Atomkraft?

Befürworter argumentieren mit der Klimafreundlichkeit. Die deutschen Kraftwerke ersparten demnach den Ausstoß von etwa 150 Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr. Nach Angaben des Deutschen Atomforums ist Atomenergie in Deutschland "auf absehbare Zeit wettbewerbsfähig", da die Kosten der Erzeugung klar unter dem Marktpreis für Strom lägen. Kritiker argumentieren mit Umwelt- und Sicherheitsrisiken sowie der ungelösten Entsorgung des Atommülls. Aus Sicht der Atomkraftgegner ermöglichen vor allem umfangreiche staatliche Subventionen in Form von Steuerbefreiungen, Investitionszuschüssen und Forschungsgeldern den niedrigen Preis des Atomstroms.

Wie funktioniert ein Kernkraftwerk?

Atomkraftwerke nutzen ähnlich wie Kohlekraftwerke die Energie von Wasserdampf, um an Stromgeneratoren gekoppelte Turbinen anzutreiben. Der Reaktor spielt dabei die Rolle des mit Kohle befeuerten Kessels. Die Wärme entsteht durch die Kernspaltung. Es gibt verschiedene Reaktormodelle: Bei Leichtwasserreaktoren werden die Brennstäbe mit Wasser gekühlt. Das bremst die anfangs sehr schnellen Neutronen so weit ab, dass die Kernspaltung ablaufen kann (Moderation). Die Leistung des Reaktors lässt sich mittels so genannter Steuerstäbe regulieren. Beim Anfahren des Reaktors werden die Steuerstäbe langsam aus dem Reaktorkern zurückgezogen, zum Abschalten müssen sie vollständig hineingefahren werden.

Druckwasserreaktor

In Deutschland sind vor allem Druckwasserreaktoren wie Biblis und Brokdorf in Betrieb. Solche Reaktoren haben zwei Kühlkreisläufe (Primär- und Sekundärkreislauf). Im Primärkreislauf ist der Druck so hoch (etwa 150 bar), dass das Wasser auch bei über 300 Grad noch nicht kocht. Dieses superheiße Wasser erhitzt über einen Wärmetauscher das Wasser des Sekundärkreislaufs. Durch ein solches Zwei-Kreissystem wird erreicht, dass die radioaktiven Stoffe aus dem Reaktorkühlwasser auf den ersten Kühlkreislauf beschränkt bleiben und nicht die Turbine und den Kondensator verstrahlen. Das Wasser im Sekundärkreislauf verdampft. Der heiße Dampf wird über eine Turbine geleitet, die mit einen Generator gekoppelt ist. Hier wird der Strom erzeugt. Anschließend wird der Dampf im Kondensator wieder verflüssigt und in den Sekundärkreislauf zurückgeleitet.

Siedewassereaktor

In einem Siedewasserreaktor ist der Kühlkreislauf weniger komplex als in einen Druckwasserreaktor. Siedewasserreaktoren wie Krümmel oder Gundremmingen haben nur einen Kühlkreislauf und arbeiten mit geringerem Druck. Das Kühlwasser verdampft beim Durchfluss durch den Reaktorkern. Der rund 280 Grad heiße Dampf ist radioaktiv, deshalb können Dampfleitungen und Turbine radioaktive Ablagerungen enthalten.

Wie in jedem Kondensationskraftwerk wird in Atomreaktoren nur rund ein Drittel der durch Kernspaltung erzeugten Wärme zur Stromerzeugung genutzt. Der größere Teil der Energie wird als Abwärme in die Umwelt abgegeben.

Quelle: Greenpeace

Wie ist die Entsorgung der atomaren Abfälle geregelt?

Der radioaktive Abfall wird derzeit in 18 Zwischenlagern in der Nähe der Atomkraftwerke gelagert. Die Entscheidung über die Einrichtung eines Endlagers stand zunächst offen - im Januar 2008 hat das Land Niedersachsen hat den Umbau des Schachts Konrad zum Atomendlager endgültig zugelassen. Dort sollen schwach- und mittelradioaktive Abfälle gelagert werden. Eine Klage vor dem Bundesverfassungsgericht wurde im März dieses Jahres abgewiesen.

Im Koalitionsvertrag von Union und SPD heißt es dazu: "Wir beabsichtigen, in dieser Legislaturperiode zu einer Lösung zu kommen." Das Ziel ist nach Angaben des Umweltministeriums, bis 2030 ein betriebsbereites Endlager einzurichten. Die Arbeiten am früheren Eisenbergwerk in Salzgitter sind bereits im Gang. Fertig umgerüstet sein soll die Schachtanlage Konrad dem Bundesamt für Strahlenschutz zufolge bis 2013. Die für den Betrieb des Endlagers ebenfalls notwendige atomrechtliche Genehmigung hatten die Behörden schon 2002 erteilt.

Was sind die politischen Positionen zum Atomausstieg?

Union gegen Atomausstieg

Die Union sieht sich durch die Preisexplosion beim Öl in der Forderung bestärkt, die Laufzeiten der Atomkraftwerke zu verlängern und somit den Atomausstieg faktisch aufzukündigen. Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) forderte den "Ausstieg aus dem Ausstiegsbeschluss". Es gehe nicht darum, neue Atommeiler zu bauen. "Aber wer kann sagen, ob das auch noch in zehn Jahren gilt? Eine politische Blauäugigkeit können wir uns nicht leisten."

CSU-Chef Erwin Huber rief die SPD dazu auf, einer Verlängerung der Laufzeit von Atomkraftwerken zuzustimmen. Im Gespräch mit der "Passauer Neuen Presse" appellierte Huber an die Sozialdemokraten, an Klima und Arbeitsplätze gleichzeitig zu denken und "vom verhängnisvollen Irrtum ihrer Zusammenarbeit mit den Grünen Abschied zu nehmen".

RWE-Chef Großmann, dessen Energiekonzern auch Atomkraftwerke betreibt, sagte der "Bild"-Zeitung, alle Welt setze "ganz klar" auf Atomkraft, nur Deutschland verzichte. "Deshalb müssen wir schleunigst umkehren und mit neuen Generationen von Kernkraft vorweg gehen", forderte der Konzernchef. Unterdessen berichtete das "Handelsblatt", dass eine Verlängerung der AKW-Laufzeiten den deutschen Energiekonzernen zweistellige Milliardensummen an zusätzlichen Einnahmen bescheren könnte. Nach Berechnungen der Analysten des Bankhauses Sal. Oppenheim würde eine Laufzeitverlängerung von acht Jahren für RWE einen Wert von gut acht Milliarden Euro bringen, schreibt die Zeitung. Für E.ON würden die Zusatzeinnahmen auf gut zwölf Milliarden Euro geschätzt.

Teil der SPD für Laufzeit-Verlängerung unter Bedingungen

Der SPD-Vordenker Erhard Eppler kann sich eine Verlängerung der Laufzeiten unter Umständen vorstellen - wenn zugleich im Grundgesetz ein Verbot neuer Atommeiler verankert würde. Dieser Ansicht schließt sich Peter Struck, der SPD-Fraktionschef im Bundestag, an. Moderne Kernkraftwerke könnten so länger laufen als im rot-grünen Ausstiegsbeschluss vorgesehen, etwa bis 2030. Zur internationalen Isolation Deutschlands durch seinen Atomausstieg - etwa beim G8-Gipfel - sagte Struck mit Blick auf die ungelöste Atommüll-Entsorgung: "Wir sind verantwortungsvoller als andere."

Für längere Laufzeiten plädiert auch Ex-SPD-Wirtschaftsminister Wolfgang Clement - und zwar wegen des rasanten Preisanstiegs bei Öl und Gas. "Ich würde eine Korrektur des Atomausstiegsbeschlusses jedenfalls dann für geboten halten, wenn die Versorger zu Vereinbarungen über Sozialtarife für Geringverdiener und die Erforschung und Entwicklung klimafreundlicher Energien bereit wären, an erster Stelle CO2-freie Kraftwerke, Erneuerbare und Wasserstofftechnologien", sagte er der "Süddeutschen Zeitung". Clement sitzt im Aufsichtsrat der RWE-Kraftwerkstochter RWE Power AG.

Der frühere nordrhein-westfälische Ministerpräsident, dessen Positionen in der SPD umstritten sind und der sich gegen einen Parteiausschluss wehren muss, sagte, er befürworte indes keinesfalls den Bau neuer Atomanlagen. SPD und Grüne müssten aber ihre Positionen ändern. Clement hatte sich bereits im Februar vor der Atomlobby gegen die offizielle Parteilinie gestellt, die an dem von Rot-Grün im Jahr 2000 durchgesetzten Atomausstieg festhalten will. Bei wachsendem nationalem und internationalem Energiehunger zeige sich, dass eine sichere Energiepolitik ohne Kohle- und Atomenergie nicht möglich sei, sagte er damals. Vor der hessischen Landtagswahl im Januar hatte er indirekt vor einer Wahl der SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti gewarnt, weil sie statt auf Atom und Kohle auf alternative Energien setzt.

Umwelt-Staatssekretär Michael Müller widersprach seinen SPD-Parteifreunden. Klimaschutz sei kein Argument für die Verlängerung der Laufzeiten. Auch Generalsekretär Hubertus Heil wehrt sich gegen längere Laufzeiten. Er forderte die Union zu einem "klaren Bekenntnis" auf, ob sie ein verfassungsrechtliches Verbot neuer Atommeiler mittragen werde. Wenn sie dies ablehne, zeigten CDU/CSU, dass es ihnen auch um die Errichtung neuer Atommeiler in Deutschland gehe.

Windenergie statt Atomkraft

Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee (SPD) will statt auf Atomkraft auf Windenergie setzen. Er habe den Raumordnungsplan zum Bau von bis zu 30 Offshore-Windparks vor den Küsten der Nord- und Ostsee fertiggestellt, sagte Tiefensee der "Welt am Sonntag". Der Raumordnungsplan sei ein erster Schritt dafür, dass bis zum Jahr 2030 25.000 Megawatt Strom aus der Windenergie kämen.

SPD-Chef Kurt Beck hat im Streit über die Zukunft der Atomkraft die Linie von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel verteidigt. Dieser fordert, alte Meiler früher abzuschalten und moderne Atomkraftwerke dafür länger laufen zu lassen. Die Betreiber ersparten sich dadurch Nachrüstungen und könnten genauso viel Atomstrom erzeugen wie zuvor. Zugleich sinke das Risiko, das von alten Meilern ausgehe. Beck zufolge bedeuteten längere Laufzeiten unter diesen Bedingungen keine Abkehr vom Atomausstieg. Der SPD-Chef betonte, Atomstrom bedeute nicht automatisch billigere Energie, vor allem nicht angesichts der ungeklärten Endlagerung des Atommülls. Die SPD setze auf Energiesparen, auf die Nutzung erneuerbarer Rohstoffe sowie auf moderne Kohle- und Gaskraftwerke, die schadstoffärmer und durch Kraft-Wärme-Kopplung deutlich effizienter seien.

Die Grünen schlugen vor, ältere Atomkraftwerke schneller als geplant vom Netz zu nehmen, indem ihre Laufzeiten auf jüngere Meiler übertragen würden. "Das ist die richtige Antwort", erklärte ihre Vizefraktionschefin im Bundestag, Bärbel Höhn.