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Apple TV 4 im Test: Ist das wirklich die Zukunft des Fernsehens?

Das neue Apple TV ist "die Zukunft des Fernsehens", behauptet Tim Cook. Es punktet mit drei Neuerungen: einem eigenen App Store, einer besseren Fernbedienung und dem Sprachassistent Siri. Doch reicht das für den Streaming-Thron? Unser Test verrät’s.

Apple TV 4 und Fernbedienung

Der neue Apple TV (4. Generation) mit der überarbeiteten Fernbedienung

Der Krieg ums Wohnzimmer hat längst begonnen: Google will Android auch auf Fernseher bringen, Amazon hat vor wenigen Wochen mit dem Fire TV 2 ein neues Modell seiner Medien-Maschine auf den Markt gebracht. Nun mischt auch Apple wieder mit: Seit Freitag steht das Apple TV der vierten Generation im Handel. Tim Cook kündigte das Gerät vielversprechend als "die Zukunft des Fernsehens" an. Doch wird es diesem Anspruch auch gerecht oder hat Cook den Mund etwas zu voll genommen? Der stern hat das Apple TV 4 getestet.

Apple TV: Das kleine Schwarze

Das neue Apple TV ist ungefähr handtellergroß, mattschwarz und hat abgerundete Ecken. Allerdings ist die Box höher als ihr Vorgänger. Da sie aber nur neben dem Fernseher steht, fällt das nicht störend auf. Leider hat Apple die größere Rückseite nicht genutzt, um mehr Anschlüsse unterzubringen. Ganz im Gegenteil: Das Apple TV 4 hat keinen optischen Digitalausgang mehr. Wer also eine Soundbar oder einen Verstärker nutzt, muss den Ton über das HDMI-Kabel abgreifen. Bei der Ausstattung zeigt sich Apple gewohnt knauserig, das für den Anschluss zwingend nötige HDMI-Kabel ist im Lieferumfang nicht enthalten.

Die Einrichtung der Box ist kinderleicht: Netzstecker in die Steckdose, HDMI-Kabel rein und los geht’s. Wer bereits ein iPhone besitzt, muss das Telefon nur in die Nähe des Apple TV halten, anschließend zieht sich die kleine Box die Einstellungen für das heimische Wlan direkt aus dem Smartphone. Das ist ziemlich cool, so dauert die Einrichtung keine zwei Minuten. Zugangsdaten für Netflix und Co. werden bei der iPhone-Kopplung allerdings nicht übertragen.

Apple TV 3 vs. Apple TV 4
Apple TV Fernbedienung Vergleich

Die neue Fernbedienung (links) neben dem Vorgängermodell aus dem Jahr 2012

Fernbedienung: Ein Controller zum Streicheln

Wirklich gut gefallen hat uns die neue Fernbedienung. Sie liegt toll in der Hand und hat fünf Knöpfe: Menü (gleichzeitig Zurück-Button), Home, Siri, Wiedergabe/Pause und Lauter/Leiser. Statt des Cursor-Rings gibt es an der Oberseite ein Touchfeld, das zugleich auch eine Riesentaste ist. Wischt man mit dem Daumen darüber, kann man durch die Menüs scrollen oder im Film vor- und zurückspulen. Das geht mit etwas Übung erstaunlich leicht und präzise. Solch ein Feature bietet die Konkurrenz nicht.

Ein weiterer Vorteil: Mit den Laut/Leiser-Tasten kann man die Lautstärke des Fernsehers regulieren. Das klingt zunächst einmal profan, beim Fire TV muss man dafür aber stets die Fernbedienung des Fernsehers griffbereit haben.

Am oberen Gehäuserand ist ein Mikrofon eingebaut - dazu später mehr. An der Unterseite gibt es einen Lightning-Anschluss, mit dem die Fernbedienung aufgeladen wird. Eine Ladung soll etwa drei Monate reichen.

In der Fernbedienung steckt außerdem ein Beschleunigungssensor und ein Gyroskop. Damit kann man sie in einigen Apps wie einen Wii-Controller nutzen. Eines der ersten Games, dass sich diese Steuerung zunutze macht, ist "Beat Sports". Darin muss man wie beim Tennis einen Ball hin- und herschlagen. Das funktioniert gut, bietet spielerisch aber letztlich nicht mehr, als die Wii bereits vor knapp zehn Jahren konnte. Witziges Rumgefuchtel eben.

Apple TV 4 mit Remote

Die neue Fernbedienung des Apple TV, im Hintergrund sieht man die überarbeitete Systemoberfläche mit den großen Kacheln

Apps und Spiele: Eine Wii zum Fernsehen

Da wir schon bei Spielen sind: Die zweite wesentliche Neuerung des Apple TV 4 ist der App Store, der den Fernseher in eine Art riesiges iPhone verwandelt. Apple bietet erstmals eigens für Apple TV programmierte Anwendungen an. Zum Start gibt es vor allem Klassiker, wie etwa Netflix, YouTube und die Mediatheken von Arte und ZDF.

Insgesamt ist die App-Auswahl aber noch ziemlich mau: Populäre TV-Dienste wie Magine und Zattoo sucht man vergebens, auch einige Streaming-Anbieter (Watchever, Sky, Spotify) sind noch nicht an Bord. In den kommenden Wochen wird das Angebot aber weiter wachsen.

Auf die "Prime Instant Video"-App von Amazon muss man vermutlich lange warten, den Amazon-Dienst gibt’s erstmal exklusiv auf dem Fire TV. Über einen Umweg kann man aber auch Amazon-Filme abspielen: Starten Sie die Prime-App auf dem iPhone oder iPad, anschließend können Sie via Airplay das Bild auf das Apple TV übertragen. Bequemer wäre es natürlich, wenn Amazon bald eine eigene App bereitstellen würde.

Bei der Vorstellung im September betonte Apple, dass man das neue Apple TV auch als Konsole etablieren will. Ein schlauer Schachzug: Zwar hat die Kiste nicht einmal halb so viel Dampf unter der Haube wie eine Playstation 4, doch mit der Wii U kann es locker mithalten. Und die Spiele sind deutlich günstiger - im Schnitt werden zwischen fünf und zehn Euro fällig. Bereits auf dem iPad oder iPhone gekaufte Spiele kann man auch kostenlos auf dem Fernseher spielen. Gesteuert wird entweder mit der Fernbedienung oder einem separat erhältlichen Bluetooth-Controller.

Siri: Sprich mit dem Fernseher

Die dritte große Neuerung ist Siri. Der Sprachassistent erleichtert die Suche nach Filmen und Serien. Statt die Titel mühsam einzutippen, hält man die Mikrofon-Taste auf der Fernbedienung gedrückt und spricht los. Das funktioniert in den meisten Fällen gut, egal ob man nach Filmtiteln oder Schauspielern fragt. Sucht man etwa nach "House of Cards", fragt der Apple TV, ob man lieber das britische BBC-Original oder das Remake mit Kevin Spacey laden möchte - und von welchem Anbieter (Netflix oder iTunes). Wirklich bequem! Die Sprachsuche ist allerdings kein Alleinstellungsmerkmal von Apple, auch Google und Amazon verwenden eine Sprachsteuerung.

Das Stöbern durch den Filmkatalog macht viel Spaß. Man kann nach Genre sortieren ("Zeige lustige Komödien"), nach Altersfreigabe ("Zeige Filme ab 18") oder Kinostart ("Zeige die besten Filme aus den Neunzigern"). Ganz Mutige können sich auch die schlechtesten Filme des Jahres (basierend auf verschiedenen Kritiken und Internet-Rankings) anzeigen lassen. Vorschläge von Siri: "Miss Bodyguard", "Kaufhaus Cop 2", "Pixels". Nein danke, das lassen wir lieber.

Filmsuche mit Siri
  Suchbefehl: "Zeige Filme mit Til Schweiger"

Suchbefehl: "Zeige Filme mit Til Schweiger"

Siri erlaubt auch nachträgliche Einschränkungen. Sagt man etwa "Ich habe Lust auf einen James Bond Film", kann man mit "Nur die mit Daniel Craig" die Auswahl weiter eingrenzen. Hat man in einer Szene nicht richtig zugehört, muss man nur "Was hat er gesagt?" fragen, dann spult Siri einige Sekunden zurück und aktiviert Untertitel. Auf Wunsch werden am unteren Bildschirmrand auch zusätzliche Infos wie das Wetter angezeigt. Das alles macht Siri zur bislang besten Sprachsteuerung auf Streaming-Boxen.

Allerdings gibt es gelegentlich Verständnisprobleme, vor allem bei englischen oder komplizierten Namen. Wir haben ein Dutzend Mal nach "Filme mit Elyas M'Barek" gefragt - vergeblich. Manchmal verstand Siri nur "Elias M Barrique", manchmal gar nichts. Oft bekam man den Oliver-Stone-Klassiker "Platoon" aus dem Jahr 1986 angeboten, weil eine der Figuren Sergeant Elias heißt. Knapp daneben. Immerhin: Den Film "Fack Ju Göthe" findet Siri auf Anhieb.

Außerhalb von Filmen und Serien ist Siri ziemlich blöd: Sie kann derzeit weder YouTube noch die Mediatheken durchsuchen. Siri unterstützt unverständlicherweise nicht einmal Apple Music. Fragt man nach Musik von Iron Maiden, kommt nur ein großes Sorry. Auch im App Store funktioniert die Sprachsteuerung nicht, hier muss man umständlich den Namen der Apps eintippen. Das wirkt alles noch ziemlich unfertig. Doch Besserung ist in Sicht: Apple-Chef Cook kündigte bereits an, die Siri-Schnittstelle für Entwickler freizugeben. Die Unterstützung für Apple Music soll im Frühjahr 2016 folgen. Vielleicht lernt Siri dann auch sprechen, denn bislang ist sie noch stumm.

Technik: Kein 4K

Das Apple TV ist in der Lage, Full-HD-Videos zu streamen (1920 x 1080 Pixel). Sowohl bei Netflix als auch bei iTunes-Inhalten ist die Bildqualität sehr gut. Das Apple TV 4 ist allerdings auch der einzige Streaming-Player dieser Preisklasse, der kein 4K unterstützt. Für den Großteil der Nutzer dürfte das im Moment verschmerzbar sein, denn nur in den wenigsten Wohnzimmern stehen bereits Ultra-HD-Fernseher. Und einen Unterschied bei der Bildqualität erkennt man ohnehin nur auf Riesen-Bildschirmen jenseits der 55 Zoll. Dennoch: Über kurz oder lang wird sich 4K als Bildstandard durchsetzen - und dann gehört der Apple TV 4 zum alten Eisen. Die Entscheidung ist umso merkwürdiger, wenn man bedenkt, dass das neue iPhone 6s bereits 4K-Filme aufnehmen kann.

Ein Feature, das uns gut gefallen hat: Das Apple TV kann den Ton auch per Bluetooth ausgeben, zum Beispiel an Kopfhörer oder Bluetooth-Boxen. So kann man Filme schauen, ohne den Partner im selben Zimmer zu stören.

Apple TV 4 vs. Apple TV 3

Links der neue Apple TV, rechts das alte Modell

Fazit: Gelungenes, aber teures Comeback

Das Apple TV hatte nach dreieinhalb Jahren eine Frischzellenkur bitter nötig. Mit der neuen Streaming-Box schließt Apple wieder zur Konkurrenz auf, in einigen Bereichen - etwa der Sprachsuche - legt man die Messlatte sogar höher. Im Vergleich zum Vorgänger ist das Apple TV 4 in jeder Hinsicht besser. Die neue Fernbedienung liegt prima in der Hand, die ersten Spiele sind grafisch vielversprechend. Und iPhone- und iPad-Nutzer profitieren von der Airplay-Technologie, mit der sie Bilder und Videos direkt vom Gerät auf den Fernseher streamen können. Außerdem kann man bereits gekaufte Games auch auf dem TV spielen. Für die meisten Kunden, die bereits Produkte aus dem Apple-Universum nutzen, dürfte der Apple TV ein rundes Gesamtpaket sein. Wer aber schon einen Fire TV hat, muss nicht unbedingt wechseln.

Die versprochene Revolution des Fernsehens ist das Gerät aber nicht. Viele Konkurrenten bieten bereits seit anderthalb Jahren ähnliche Funktionen, außerdem gibt es noch einige Baustellen. Zum einen muss die App-Auswahl wachsen, zum anderen ist bei Siri ordentlich Feinschliff nötig. Ein Ersatz zum herkömmlichen Kabelfernsehen ist die Box ebenfalls noch nicht, zudem stößt der fehlende 4K-Support manchem Nutzer sicher sauer auf.

Und dann ist da der Preis. 179 Euro ist sehr viel Geld für eine kleine, schwarze Box, die nur auf dem Sideboard steht. Das Modell mit 64 statt 32 Gigabyte kostet sogar 229 Euro. Das braucht man aber nur, wenn man viel daddelt. Zum Vergleich: Der Fire TV 2 bietet für 99 Euro 4K-Unterstützung, aber keine so gute Sprachsteuerung. Dafür kann man dank Android-System auch Apps wie Kodi installieren, außerdem ist der Streaming-Dienst Prime Instant Video vorinstalliert. Noch günstiger sind der Fire TV Stick und Googles Chromecast. Beide kosten um die 35 Euro - also ein Fünftel des Apple TV - und unterstützen ebenfalls Netflix und Co. Allerdings muss man dafür Abstriche beim Funktionsumfang, der Steuerung und der Geschwindigkeit machen.

ProContra
Hübsches, übersichtliches Menükein 4K
tolle FernbedienungSiri funktioniert nicht in jeder App
App Storeziemlich teuer
umfangreiche Sprachsteuerungkein Amazon Prime Instant Video
sehr schnell
AirPlay

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

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