Großes fühlt sich anders an

19. Juni 2013, 18:04 Uhr

"Go to Germany", empfahl John F. Kennedy vor 50 Jahren seinen Nachfolgern im Amt. Sein politischer Enkel Barack Obama ließ sich lange Zeit damit. Seine Rede vor dem Brandenburger Tor war freundlich. Von Katja Gloger, Berlin

Ach, damals in Berlin, als die Welt noch wahre Hoffnungsträger hatte. Damals, als es noch um echte Visionen ging, Freiheit, all das. Damals, im Juni 1963, als John F. Kennedy auf Staatsbesuch in die Bundesrepublik kam und die Deutschen drei Tage lang in kollektive Verzückung versetzte.

"Ich bin ein Berliner". Seine in letzter Sekunde ins Redemanuskript gekrikelten vier Worte machen Geschichte, sie waren das Freiheitsbekenntnis, eine unverbrüchliche Verpflichtung der USA für die Sicherheit der Deutschen (West). Auch, wenn der Realpolitiker Kennedy damit die Machtverhältnisse des Kalten Krieges anerkannte: zwar war Berlin (West) Staatsinteresse der USA. Die Deutschen (Ost) hingegen würden sich mit der Mauer abfinden müssen.

Es war, trotz alledem, der Gipfel der deutsch-amerikanischen Freundschaft, ein Triumphzug, drei Tage wie im Rausch – allein in Berlin warfen die Menschen 20 Tonnen Konfetti und Papierschnitzel entlang Kennedys Wegstrecke. Die dankbaren Deutschen huldigten ihm, und der Präsident war so gerührt, dass er vor seinem Abflug erklärte: Er werde seinem Nachfolger einen versiegelten Brief im Oval Office hinterlassen - einen Brief, zu lesen, wenn die Lage besonders verzweifelt sei. Nur drei Worte stünden in diesem Brief, erklärte John F. Kennedy: "Go to Germany." Wir werden keine besseren Tage erleben als diesen, so lange wir leben, sagte Kennedy dann noch.

Europa hat die Telefonnummer des Kanzleramts

Go to Germany.

50 Jahre später ist sein zunächst als Kennedy des 21. Jahrhunderts gehandelter Nachfolger Barack Obama für insgesamt 25 Stunden auf seinen ersten – und wohl letzten – Staatsbesuch nach Deutschland gekommen. Bislang hatte er ein erstaunliches Desinteresse an den Tag gelegt, war schon achtmal in Europa, bevor er nach Berlin kam. Jetzt war Deutschland dran, alles andere wäre unhöflich gewesen.

Sein Besuch ist eine späte Genugtuung für Angela Merkel, eine Wahlkampfhilfe dazu und ein klares politisches Signal: die USA betrachten Deutschland als unverzichtbare Führungsmacht in Europa, seine eiserne Kanzlerin als Leitpolitikerin des Kontinents. Amerika hofft, dass der "zögerliche Hegemon" Deutschland (so sieht es das britische Magazin "Economist") dieser Führungsrolle endlich gerecht wird. Deutschland soll nun die schwächelnden Verbündeten in der EU führen - so wie früher die USA Deutschland geführt hatten.

Europa? Welche Telefonnummer hat dieses Europa? So kolportierte man in Washington ein wenig hämisch jenen Satz, der angeblich von Henry Kissinger stammt. Diese Frage, immerhin, scheint geklärt.

Der Glaubwürdigkeitskrise begegnen

Europa, seine Kanzlerin, soll also gestützt und unterstützt werden, das ist Obamas Berliner Botschaft: Auch die USA wollen ein starkes Europa als Gegengewicht zu China, der ehrgeizigen Großmacht auf dem Weg zur Supermacht - längst wandert globale Reichtum über Europa hinweg dorthin. Die USA orientieren sich Richtung Pazifik, Obama vollzieht jetzt "the pivot to Asia", die strategische Drehung Richtung Asien. Dazu gehört auch ein pazifisches Freihandelsabkommen, das nun ausgearbeitet werden soll. Europa gehört nicht zu den außenpolitischen Prioritäten der USA; und vielleicht hat es auch damit zu tun, dass Amerika selbst ja immer weniger europäisch wird, seine Einwanderer kommen aus Mittelamerika und Asien.

Und die Deutschen? Ernüchtert, im besten Fall wohlgesonnen kritisch blicken sie auf diesen Präsidenten, entfremdet haben sie sich einmal wieder von Amerika, sind verstört angesichts Obamas harter Linie gegenüber "Whistleblowers" und seinen Lauschangriffen auf die Pressefreiheit. Sie sind empört über Drohnenangriffe und gigantischen globalen Schnüffelprogrammen der US-Geheimdienste, selbst auf G-20 Gipfeln lasen sie live E-Mails der Verhandlungsdelegationen, hackten sich in die Blackberries, hörten Telefonate ab.

Der emotionale Kern des transatlantisches Projektes ist verloren gegangen, so schreibt es Roger Cohen in der "New York Times". Amerika steckt in einer Glaubwürdigkeitskrise, und diesem gefährlichen Defizit muss Obama begegnen.

Als erster US-Präsident auf der Ost-Seite - immerhin

Das also ist die Lage an diesem brütendheißen Mittwoch, es herrschen gefühlt hundert Hitzegrade, keinerlei Schatten, auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor sind 4000 Stühle aufgebaut, zur Rede des Präsidenten muss man eingeladen sein. Über Stunden warten die Gäste, Wasserbecher werden wie Notversorgung durch die Reihen gereicht, die Schüler der John-F.Kennedy School haben Butterbretzel geschmiert. Die Spitzendiplomaten des Auswärtigen Amtes sind gekommen, die Atlantik-Brücke hat gleich 60 der begehrten Tickets ergattert, das Kabinett ist angetreten, auch Peer Steinbrück und Claudia Roth sind da, heute tränenlos. Steinbrück durfte Obama auch noch treffen, 30 Minuten im Gebäude der Commerzbank gleich neben der US-Botschaft. Locker und entspannt war's, heißt es.

"The Brandenburg Gate" also. Er spricht als erster amerikanischer Präsident auf der Ost-Seite. Immerhin eine Premiere heute. Der deutsche Satz? Worte, mit denen Obama hier Geschichte schreibt? Nein, sagen seine Berater im Weißen Haus schon vorher. Nein, diesen Satz werde es nicht geben. Auch Gattin Michelle blieb dem Auftritt fern.

Und doch soll es eine Rede von Kennedy-Format sein, das gebietet allein die Kulisse, die denkbar beste auch für die Kameras der US-Networks. Eine Rede über den "Geist von Berlin", über Frieden und Gerechtigkeit, das ganz Große also. Ein Symbol der Freundschaft mit Deutschland, ja, auch das. Vor allem aber soll diese Rede der erste Teil von Obamas politischem Vermächtnis sein, natürlich arbeiten sie im Weißen Haus längst an seiner "legacy", an dem, was bleiben soll von diesem Präsidenten, seine Spur in der Geschichte unserer Welt.

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