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13. Juni 2008, 19:04 Uhr

Alle Bürger müssen abstimmen

Die Iren haben den jüngsten EU-Vertrag gekippt. Kein Wunder, denn der Vertrag ist eine komplizierte Bedienungsanleitung, der fast an den EU-Bürgern vorbeigemogelt worden wäre. So kann es nicht weitergehen. Jetzt müssen alle Bürger über die Zukunft der EU abstimmen. An einem Tag. Direkt. Ein Kommentar von Johannes Röhrig

Europa in Bedrängnis: Die Iren haben die Krise der EU noch vertieft© DPA

Non, Nee, No! Frankreich, Holland, Irland. Drei mal durfte die Bevölkerung eines Landes über die Grundpfeiler der Europäischen Union abstimmen, und drei Mal hieß ihre Antwort "Nein". Wo immer man die Menschen nach ihrer Meinung fragt, stößt die EU auf Ablehnung. Das ist eine bittere Lektion. So kann es nicht weitergehen.

Blutleeres Projekt im Brüsseler EU-Sprech

Bislang hatten die Regierungen die Krise der Gemeinschaft mit Tricks und Sonntagsreden beiseite zu wischen versucht. Nachdem 2005 eine Mehrheit von Franzosen und Holländern die damals vorliegende EU-Verfassung abgelehnt hatte, wurde das Projekt in Reformvertrag umgetauft, der nur noch in Irland zur Volksabstimmung kommen musste. Angesichts einer wachsenden Zahl von Mitgliedsländern soll der Vertrag die Entscheidungsfindung in der Union effizienter machen. Das ist nötig, denn es fehlte an geeignetem Rüstzeug, wie 27 Länder in Zukunft miteinander klar kommen können. Der 287 Seiten dicke Reformvertrag geriet allerdings zu einer technischen Bedienungsanleitung, verfasst im Brüsseler Bürokratensprech. Die Blutleere des Vorhabens trägt sicher eine Mitschuld an seinem Scheitern.

Die Quittung für eine scheinheilige Politik in Dublin

Jedoch ist das längst nicht der einzige Grund für das Desaster: Zu denken geben muss, dass ausgerechnet die Iren - ein Volk, das der EU wie kein zweites Prosperität zu verdanken hat - die Reform gekippt haben. Die Regierung in Dublin bekam so die Quittung für eine scheinheilige Politik, in der Erfolge traditionell als Verdienst des jeweiligen Premiers herausstellt werden, Misserfolge aber Brüssel zugeschoben werden. Plötzlich forderte das Establishment EU-Treue von den Bürgern; das musste schief gehen. In den anderen EU-Ländern läuft das genauso. Das weckt bei den Menschen auf Dauer Verdruss und Misstrauen. Mit der Folge, dass die meisten heute reflexartig den Euro haftbar machen, wenn in der Kneipe das Bier teurer wird - und nicht den Wirt oder den Steuer eintreibenden Staat. Die Bürger bekommen das fade Gefühl, der Europapolitik ohnmächtig ausgeliefert zu sein. Die Iren haben diesem Unbehagen Luft gemacht.

Europa leidet nach wie vor am Demokratiedefizit Einige Politiker forderten schon im Vorfeld des Referendums eine Wiederholung der Prozedur, sollte Irland den EU-Vertrag ablehnen. Die Idee, die Menschen so lange abstimmen zu lassen, bis das gewünschte Ergebnis herauskommt, ist nicht nur krude. Der Gedanke offenbart den eigentlichen Grund für die Krise der EU: ein Defizit an Demokratie. In der Europäischen Union sind die Machtpositionen ungleich verteilt: Bürokratie und Regierungen geben den Ton an; das Parlament sitzt oft am Katzentisch. Viele Entscheidungen werden von den Mitgliedsländern hinter geschlossenen Türen ausgehandelt. Auch bei der Besetzung der Spitzenposten ist das so: ein portugiesischer Kompromisskandidat führt heute die Kommission an, ein Spanier kümmert sich um die Außenpolitik, ein Franzose ist dafür oberster Währungshüter. Alles schön austariert. Für das im Reformvertrag geschaffene neue Amt des Full-Time-Ratspräsidenten läuft sich bereits der luxemburgische Ministerpräsident Jean-Claude Juncker warm. Das darf er, weil aus Berlin und Paris das Signal ertönt, mit dem Konservativen Juncker ganz gut leben zu können. Richtig wäre ein EU-weites Referendum Der Mangel an Demokratie zeigt sich paradoxerweise auch bei dem Referendum in Irland. Weil kein anderes EU-Land seinen Bürgern eine Stimme gab, entscheiden jetzt weniger als zwei Millionen Iren, die zur Wahl gingen, über den Kurs für 500 Millionen Menschen in der Union. Richtig wäre ein EU-weites Referendum zum Reformvertrag gewesen - eine Abstimmung in 27 Ländern am selben Tag. Wenn sich die Regierungen nicht endlich trauen, auch die Menschen mitreden zu lassen, bleibt Europa den meisten weiter fern.

Ein Kommentar von Johannes Röhrig
 
 
KOMMENTARE (10 von 82)
 
kb26919 (15.06.2008, 20:51 Uhr)
EU Vertrag
Wenn es in allen EU Mitgliedslaendern eine Abstimmung geben wuerde wie in Irland waeren es viel mehr Buerger,die den Vertrag ablehnen.Aber das wissen auch die Politiker,haben die Buerger umgangen
und ueber die Koepfe abgestimmt.Das Wohl der Buerger ist nicht das Ziel dieser Leute.
utospatz (15.06.2008, 20:50 Uhr)
Wenn dies in der BRD
eingeführt würde, bestünde die Gefahr, dass dem Volk klar wäre wie es verarscht wird!
Kinnal (15.06.2008, 02:31 Uhr)
Eliten vs Bürger
Zwei passende Links zum Artikel:
http://www.newropeans-magazine.org/content/view/8003/270/
http://www.mehr-demokratie.de/europa.html
Kinnal
tagora-sagittara (14.06.2008, 22:59 Uhr)
Der Titel des Artikel steht für sich,...
wenn nicht die Bürger aller Länder,... wer dann?? die Politkader der Länder??,... die stehen für Ihre Völker??,.. ich mach mir gleich in die Hose...
Jeder der das Volk fragt,... bekommt einen Antwort, die Politiker gar nicht wollen,... und warum,... weil Politiker mit dem Volk welches sie meinen regieren zu wollen,... aber auch gar nichts gemein haben... daß ist allgemein bekannt!!
horst.pachulke (14.06.2008, 22:41 Uhr)
Die Politik muss sehr wohl die Bedingungen dafür schaffen...
... dass sich die Leute informieren können.
Ferner ist eine Politik, die es nicht für nötig erachtet, die Leute zu informieren - und so zu handeln, dass die Menschen ein ausreichendes Interesse aufbringen, sich über das zu informieren, was um sie herum passiert - ziemlich bescheiden.
Allerdings ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich die Menschen nicht für die herablassende Herrschaft interessieren. Sie können sich ja noch so interessieren; ändern können sie NIX. Das sind denkbar schlechte Voraussetzungen für Interesse. Warum sich für etwas interessieren worüber man sich eh nur aufregt - und wenn man was macht, also politisch aktiv wird, sich den Verfassungsschutz auf den Hals holt? Das ist kein wirklicher Anreiz.
Motte07 (14.06.2008, 21:38 Uhr)
@Necro
OK, OK, die Prozentangabe war leicht spekulativ, das gebe ich gerne zu.
Aber muss mir die Politik den Vertragsinhalt vermitteln? Bin ich nicht auch selber verantwortlich, was um mich rum passiert? Sollte ich mich nicht selber um so wichtige zukunftsweisende Themen kümmern, und mal nachlesen um was es eigentlich geht?
Aber mit der Chipstüte vor den Sportsendern hocken, sich um nix kümmern, und dann irgendwas ankreuzen, nur weil mir es niemand von selber erklärt? Das kann es nicht sein. Dann lassen wir doch lieber die Parlamentarier in Berlin entscheiden, das ist das kleinere Übel.
Ich glaube immer noch an die Verantwortung des Einzelnen, aber anscheind gibts die in Irland genausowenig wie in Deutschland...
PlatonsWelt (14.06.2008, 20:30 Uhr)
Man braucht nicht zu wissen worum es ging.
Es bedarf für einen einfachen Iren keines großen Wissens gegen den Vertrag zu stimmen. Viel zu offensichtlich ist, selbst für einen irischen Whiskytrinker, daß es hier nicht mehr viel mit Demokratie zu tun hat, wenn die Bürde über den Vertrag demokratisch zu entscheiden, einer halben Milliarde EU-Bürger einfach verwehrt bleibt.
Dann muß man einfach schon aus Prinzip dagegen sein. So einfach funktioniert das. Wer das nicht wahrhaben will, der sollte mal einen Kurs in Demokratie an einer VHS belegen, vielleicht kann man dort gewisses sozialistsiches und faschistisches Gedankengut recht angenehm aus einigen hier anwesenden Köpfen entfernen.
feldsalat (14.06.2008, 18:05 Uhr)
@knilch_59
Zitat: "Ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass die Meisten viel zu wenig Ahnung über den Abstimmungsgegenstand haben, um überhaupt wählen gehen zu dürfen."
Eine "Kenntnis-Prüfung" müsste man dann aber auch mit den abstimmenden Parlamentariern durchführen - ehe sie im Parlament über etwas abstimmen dürfen. Es ist bei diversen TV-Intervies zu bestimmten Theman erschreckend, mit wie viel Unwissen in unserem "hohen Haus" so mancher Hinterbänkler gesegnet ist, unbesehen über alles abstimmen darf und trotzdem seine Diäten bezieht ...
Necro (14.06.2008, 12:10 Uhr)
@Motte07
Wenn ich das schon lese : Ich bin davon überzeugt, dass 90% der neinsagenden Iren oder der Forumsteilnehmer hier keine Ahnung haben wogegen Sie eigentlich sind.
Erstmal druecken solche Pauschalaussagen in % ueberhaupt nichts aus.
Ich kann auch sagen 75% aller Mexikaner die ich kenne tragen Sombreros. Wieviele Mexikaner ich kenne ? 4
Mit einem haben Sie aber recht das viele mit Nein gestimmt haben, weil Sie eben nicht wissen was im Vertrag drin steht. Da hier weder die Medien noch die Politik selbst grossartig darueber berichtet haben.
Wenn berichtet wurde dann nur von den ach so vielen Vorteilen. Das aber nebenbei aber dem einen oder anderen hier auch was uebergebraten wird, das wird natuerlich wie ueberall verschwiegen. Wer kauft also schon die Katze im Sack? Wenn so ein Referendum mit Nein ausgeht dann kann ich nur sagen, di Politik hat versagt den Menschen den Vertragsinhalt zu vermitteln oder aber der Inhalt ist schlecht (aber auch das haetten sich die Politiker ja zuzuschreiben)
Schone Gruesse aus Irland
Der Necro
cologne237 (14.06.2008, 11:43 Uhr)
@UThome
Wessen Traum von Europa?
Wir unterstützen jeden "Verein" bei
seinem Weg zum souveränen Staat, werden aber selbst in ein Europa reingepresst.Die Abstimmungen bei unseren Nachbarn zur Verfassung haben es doch gezeigt, dass viele diesen Traum nicht wollen.
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