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102 Minuten Chaos, Panik, Glück und Tod

Lesen Sie das Protokoll der 102 Minuten zwischen dem Einschlag des ersten Flugzeugs ins World Trade Center und dem Einsturz der Türme. Es wurde aus Berichten Überlebender und Telefonaten rekonstruiert.

Rauchschwaden quellen aus geborstenen Fenstern: Menschen klammern sich außen an das Hochhaus - viele springen in den Tod© Reuters

Um 8.46 Uhr schlägt das erste entführte Flugzeug in das World Trade Center ein, um 10.28 Uhr kollabiert der Nordturm. Der Südturm wird erst 16 Minuten später getroffen, stürzt aber fast eine halbe Stunde eher zusammen. In den 102 Minuten vom Beginn der Attacke bis zum Ende des World Trade Center rennen Menschen um ihr Leben, stürzen in den Tod, flehen um Hilfe, verabschieden sich von ihren Angehörigen mit Worten der Liebe und der Verzweiflung. Mindestens 353 der Eingeschlossenen haben Kontakt zu Verwandten, Freunden oder Geschäftspartnern außerhalb der Türme.

Aus Telefonaten, E-Mails und Nachrichten auf Anrufbeantwortern, aus Aufzeichnungen der Notrufzentrale, Bändern des Funkverkehrs von Feuerwehr und Polizei sowie aus Berichten von 25 Menschen, die aus der Einschlagzone der Flugzeuge flüchten konnten, entstand ein ergreifendes Protokoll von jenen schicksalsschweren Minuten, in denen ein falsch gedrückter Aufzugknopf Leben rettete und ein korrekt befolgter Befehl den Tod bedeuten konnte.

Das Protokoll

"Guten Morgen, Miss Thompson." Die Begrüßung ist so freundlich wie der strahlende Herbstmorgen, als Liz Thompson, Direktorin des Lower Manhattan Kulturrates, zum Frühstück in den 107. Stock des World Trade Center kommt. Das Restaurant "Windows on the World" im Nordturm ist das höchstgelegene der Stadt. Hier ist sie mit Geoffrey Wharton von Silverstein Properties verabredet, der Firma, die kurz zuvor den Pachtvertrag für die Zwillingstürme übernommen hat. Am Nebentisch sitzt Michael Nestor, stellvertretender Generalinspekteur der New Yorker Port Authority, mit einem Kollegen. Die Hafenbehörde ist Eigentümerin des World Trade Center - ihr gehörte das Grundstück, auf dem das etwa 411 Meter hohe Gebäude vor 30 Jahren errichtet wurde. Wie jeden Dienstag ist ein Tisch für sechs Börsenmakler reserviert. Für einen hat Restaurantchefin Doris Eng eine Überraschung: zwei Tickets für "The Producers", den ständig ausverkauften Broadway-Hit des Sommers.

An einem der Fensterplätze mit Blick auf die Freiheitsstatue sitzt Neil D. Levin, Geschäftsführer der Port Authority. Er frühstückt sonst nie hier hoben, doch an diesem Tag erwartet er einen befreundeten Banker. Ein Kellner, Jan Maciejewski, eilt durch den Raum, schenkt Kaffee nach, nimmt Bestellungen auf. Er hat alle Hände voll zu tun. Die meisten seiner 72 Kollegen bedienen eine Etage tiefer, im Ballsaal des Restaurants, bei einer Konferenz der Firma Risk Waters Group. Dort sind gegen 8 Uhr bereits 87 Teilnehmer erschienen, darunter Topmanager der Finanzfirmen Merrill Lynch und UBS Warburg. Manche machen sich bereits über die Lachsschnittchen her.

Ganz unten, im Erdgeschoss, in der Lobby des World Trade Center, wartet Neil Levins Assistent auf den Frühstücksgast seines Chefs. Als der Banker erscheint, steigen sie aus Versehen in den falschen Aufzug. Ein Fehler, der ihnen das Leben rettet. Sie müssen in die Lobby zurückfahren. Oben, im 107. Stock, liest Neil Levin derweil Zeitung. Michael Nestor und sein Kollege von der Port Authority sind neugierig, wen ihr Chef wohl erwartet. Doch sie können nicht länger im Restaurant bleiben, Nestor muss zu einer Konferenz. Sie halten noch die Aufzugstür auf, damit Liz Thompson und Geoffrey Wharton einsteigen können. Sie sind die letzten Menschen, die das Windows on the World lebend verlassen. Es ist 8.44 Uhr.

8.46 Uhr, Nordturm, 91. Stock, American Bureau of Shipping. Noch 102 Minuten bis zum Einsturz

American Airlines Flug 11 schlägt um 8 Uhr, 46 Minuten und 26 Sekunden ein. Die Boeing 767 hat eine Spannweite von knapp 50 Metern und etwa 38.000 Liter Treibstoff an Bord. Der Aufprall erfolgt mit einer Geschwindigkeit von zirka 760 Kilometer pro Stunde. Das Flugzeug zieht eine Schneise der Verwüstung durch die Etagen 94 bis 98 direkt bis in die Büros von Marsh & McLennan. Es zermalmt Stahlsäulen, Wände, Aktenschränke und computerüberladene Schreibtische. Der Treibstoff entzündet sich. Das Fahrwerk schleudert auf der Südseite wieder aus dem Gebäude heraus und landet in der Rector Street - fünf Häuserblocks entfernt. Steve McIntyre sitzt drei Etagen unter der Einschlagzone. In seinem Büro rührt sich nichts. Nicht einmal die Fotos seiner Familie, die er lose ins Regal gestellt hat, zittern. Der Computer läuft weiter, als wäre nichts geschehen. Dann kommt die Erschütterung.

Von der Einschlagstelle aus brandet die mächtige Druckwelle durch den Turm, drei oder vier Sekunden lang schwankt das Gebäude - wie ein Schiff in Seenot. "Nichts wie raus!", schreit Greg Shark, Ingenieur und Architekt beim American Bureau of Shipping, der vor dem Büro McIntyres steht und sich gegen die Druckwelle stemmt. Zusammen mit neun weiteren Kollegen laufen sie zu den Aufzügen und Treppenhäusern im Kern des Turms. Steve McIntyre späht in ein dämmriges, zertrümmertes Treppenhaus, aus dem Rauchschwaden aufsteigen. In dem beißenden Dunkel sieht und hört er niemanden. Das einzige Geräusch kommt vom Wasser der Sprinkleranlagen, das in Kaskaden die Treppen hinabstürzt. Er blickt nach oben. Die Treppe über ihm ist blockiert. Riesige Wandplatten haben sich durch die Explosion gelöst und bilden eine unüberwindbare Sperre zwischen dem 91. und 92. Stock. Später wird sich herausstellen, dass in den 19 Etagen darüber 1344 Menschen eingeschlossen sind. Nicht einer von ihnen wird überleben.

McIntyre sagt nur: "Das schaut nicht gut aus." Er rutscht auf den nassen Trümmern aus und schlittert zwei Stockwerke tiefer. Unverletzt steht er auf und sieht unter sich ein Licht. "Hier lang", ruft er seinen Kollegen zu. Die Flucht aus dem 91. Stockwerk beginnt.

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