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14. Juni 2010, 17:26 Uhr

Vier Tore gegen die Angst

Stell dir vor, es ist Krise, und keiner geht hin. Schwacher Euro, flüchtende Politiker, gottlose Katholiken. Revolution? Woher. Es ist Fußball-WM. Von Sophie Albers und Lutz Kinkel

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"Eure Krise interessiert uns nicht": WM-Fans beim Public Viewing© Oliver Killig/DPA

Am Samstagmittag, 12 Uhr, ruft Mustafa Efe in Berlin die Revolution aus. "Proletarier aller Länder vereinigt Euch", brüllt der Gewerkschafter vor dem Roten Rathaus ins Mikrophon. Ein paar tausend Menschen, die meisten schon im Rentenalter, hören mäßig interessiert zu. Sie sind hier, um gegen das Sparpaket zu demonstrieren. Die Linke hatte zu der Demonstration aufgerufen, Verdi, Attac, Sozialbündnisse, die Liste ist lang. "Wir zahlen nicht für Eure Krise" heißt das Motto, es klingt kämpferisch. Vermutlich trifft es die Einstellung der meisten Menschen. Aber sie bleiben zu Hause. Hätten nicht einige Gewissenlose einen Sprengsatz in die Reihen der Polizei geworfen: Diese Demo wäre schnell vergessen.

32 Stunden später. Deutschland gegen Australien, Fußball-WM in Südafrika. Das ZDF vermeldet eine Sensationsquote: 27,91 Millionen Zuschauer. Millionen weitere Fans johlen und trinken beim Public Viewing, junge Frauen haben sich die Deutschlandfahne auf die Wange gepinselt, Männer tragen Nationaltrikots. Das ist eine machtvolle Demonstration. Ihr Motto heißt: "Wir interessieren uns nicht für Eure Krise." Hol' lieber noch ein Bier.

Deutschland im Krisenermattungszustand. In der Lethargie. Noch nie nach dem Zweiten Weltkrieg war die wirtschaftliche Lage so ernst. Noch nie die Politik so hilflos. Aber was nervt wirklich? Die Vuvuzela-Tröten.

Läbbe geht weiter

Es ist ja auch wahr: Die Züge fahren noch. Zu Hause kommt warmes Wasser aus dem Hahn. Die Regale in den Supermärkten sind proppenvoll. Es gibt sogar paradoxe Vorteile der Krise: Weil der Euro schwach ist, kann die exportierende Industrie ihre Waren billiger im Ausland verkaufen. Also steigt die Nachfrage. Also sinkt die Zahl der Arbeitslosen. Geht doch. Läbbe geht weiter. Cheeseburger: 1 Euro. Heute, morgen und übermorgen. Der Alltag suggeriert Sicherheit.

Vielleicht ist die Unsicherheit zu groß. In Staat und Gesellschaft brechen die Konstanten weg. Die Katholische Kirche ist vom Missbrauchsskandal bis ins Mark getroffen. Der Euro kann nur noch mit gigantischen Rettungspaketen am Leben erhalten werden. Der Bundespräsident wirft sein Amt weg wie eine zerschlissene Jeans. Eine Partei wie die FDP stürzt ins Bodenlose. Wer im öffentlichen Raum nach Halt sucht, findet ihn nicht. Es bleibt der Rückzug ins Private, das reizt selbst Politiker. Roland Koch, noch Ministerpräsident in Hessen, gibt alle Ämter auf. Der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" sagte er, er suche einen Job, der ihn emotional weniger belaste. Köhler litt auch. Sie sind dann mal weg.

Schuldenuhr als buddhistische Maschine

Vielleicht ist die Krise auch zu abstrakt. Deutschland hat 1,7 Billionen Euro Schulden. Das ist so unfassbar viel, dass die Schuldenuhr des Steuerzahlerbundes zur buddhistischen Maschine wird. Jede Sekunde kommen 4481 Euro neue Schulden dazu. Das ist nicht mehr bedrohlich, sondern einfach nur absurd. Hat noch jemand den Überblick, in welcher Höhe die Regierung zusätzlich Garantien, Ausfallbürgschaften und Kredite ausgegeben hat? Um Landesbanken zu sanieren, den Euro zu stabilisieren, die Wirtschaft anzukurbeln, Griechenland zu retten und Gottweißwas zu tun? Nein. Deutschland ist wie ein Atomkraftwerk. Es läuft und läuft und läuft, der radioaktive Abfall wird irgendwo verscharrt, und die Angst vor dem GAU ist so unkonkret, dass sie sich verflüchtigt. Es ist das, was der Soziologe Ulrich Beck mit dem Begriff "Risikogesellschaft" umschrieben hat.

Deutschlands Helden heißen nicht Angela Merkel, Guido Westerwelle, Wolfgang Schäuble oder Sigmar Gabriel. Es gibt ein tief sitzendes Misstrauen gegen Politiker jedweder Couleur, gegen ihre Machtspielchen, ihren Egoismus, ihre Eitelkeit. Diese Kritik spiegelt sich in jenen Helden, die die Menschen selber küren: Philipp Lahm, Lena Meyer-Landrut, Joachim Gauck, Margot Käßmann. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie keine Abkömmlinge der politischen Klasse sind. Sie verströmen das, was die Bürger dort so vermissen: Ehrlichkeit, Charakter, Glaubwürdigkeit. In Lena, das Superküken des Eurovision Songcontest, hat sich die halbe Welt verknallt. Auch hier war die Quote eine Demonstration: In der Spitze schalteten 20,45 Millionen Zuschauer ein. Lenas "Satellite" - das ist einer der lebens- und liebenswerte Orte. Nicht der Bundestag.

Schuld sind die anderen

Die Krise der Politik, der Verfall ihrer Autorität, zeigt sich am deutlichsten bei der FDP. Vor acht Monaten erzielte sie bei der Bundestagswahl 14,7 Prozent. Inzwischen liegt sie in den Umfragen bei 6 Prozent. Guido Westerwelle, als Außenminister eigentlich auf Sympathie abonniert, ist der unbeliebteste Politiker Deutschlands. Diejenigen, die ihn damals gewählt haben, sind inzwischen übergelaufen. Nicht zu anderen Parteien, sondern ins Lager der Unentschlossenen. Es ist, das belegt auch die sinkende Beteiligung bei Wahlen, als würden die Menschen den Parteien den Rücken zudrehen. Der Dauerstreit in der Regierung und deren Ratlosigkeit verstärken nach Beobachtung des Forsa-Chefs Manfred Güllner das Gefühl, die Erde würde sich schon weiterdrehen, die Politik sei eigentlich überflüssig. "Das ist das Schlimmste, was der Politik passieren kann", sagt Güllner.

Schuld sind immer die anderen, und manchmal stimmt das sogar. Denn die nationale Ratlosigkeit ist auch ein Ausdruck der Globalisierung: Wer beispielsweise den Euro retten will, muss sich mit einer Vielzahl supranationaler Gruppen und Institutionen auseinandersetzen, von der Europäischen Union bis hin zu angelsächsischen Spekulanten. Jeder hat seine eigenen Interessen, schnelle Lösungen sind nicht zu erwarten. Und gibt es eine, verdreht sich der beabsichtigte Effekt womöglich ins Gegenteil. Kaum unterwarf sich Spanien einer strengeren Haushaltsdisziplin, um der Schuldenfalle zu entrinnen, kassierte es schlechtere Ratings der Agenturen. Das Sparen könnte ja die Konjunktur beschädigen.

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KOMMENTARE (10 von 33)
 
Onzapintada (16.06.2010, 02:03 Uhr)
Deutsche Elf soll mit Pauken und Trompeten verlieren
Wenn dieses neoliberale Musterland alle Welt wirtschaftlich gegen die Wand spielen will, verdient es keine Sympathien.
Onzapintada (16.06.2010, 01:55 Uhr)
Danke, Nordkorea!
Bei aller Sympathie für Brasilien -
wenn die Mannschaft eines der letzten Laender, die aktiven Widerstand gegen das kapitalistische Unrechtsregime leisten, spielt, dann ist ganz klar, wo die Sympathien aller Arbeitenden und Ausgebeuteten sind!

Danke Nordkorea, fuer diesen Achtungserfolg gegen einen übermächtigen Gegner!

Diese Mannschaft und dieser Staat verdienen unseren Beifall und Unterstützung, mit Rat, Tat und Spenden!
der2groeste (15.06.2010, 20:51 Uhr)
El Dorado
Es gibt immer ein neues ElDorado, wenn man keins finden Kann, macht man sich eins.

Erste Wirtschaftsregel DES UNENDLICHEN Wachstums
Sawadee (15.06.2010, 18:23 Uhr)
Brot und Spiele
Es ist im Grunde wie im alten Rom.Gebt dem Volk Brot und Spiele und sie bleiben ruhig.Würde es keine WM geben,die für eine gewisse Zeit von diesem politischen Kasperletheater ablenkt,würde der Bürger bestimmt bald auf die Barrikaden klettern.Im Grunde ist doch nicht nur unser Land rettungslos verschuldet,sondern eigentlich ganz Europa.Amerika muß man auch noch hinzunehmen.Wer nur halbwegs rechnen kann,wird sich doch wohl vorstellen können,daß dieser Schuldenberg nie mehr abgebaut werden kann.Da kann die Bundesregierung Sparpakete schnüren,wie sie will.Und solange die Kluft zwischen arm und superreich immer weiter auseinanderdriftet,wird sich die Situation noch mehr verschlimmern.Es ist Hoffnungslos !!!!!!!! Deshalb lasst uns kleinen Bürgern unseren Spaß an den Spielen,damit wir wenigstens eine zeitlang Grund zur Freude haben.Jedenfalls solange,bis Deutschland aus dem Turnier ausgeschieden ist.Aber vielleicht werden wir ja Weltmeister,und dann gibt es doch wieder einen Grund zum jubeln und zum Feiern.Wirtschaftskrise hin oder her.Und noch etwas...:Solange wir in Deutschland keinen Hunger verspüren,nicht frieren müssen,ein Dach über dem Kopf haben,ein warmes Bett zum schlafen haben,sauberes Trinkwasser besitzen,und uns sogar noch den Luxus leisten,eine Fernseher zu besitzen,geht es uns doch garnicht so übel.Fliegt mal nach Asien oder nach Afrika,dann werdet ihr schon sehen,was wirklich Elend und Armut bedeuten.
der2groeste (15.06.2010, 18:21 Uhr)
Europa zaehlt nichts in der Welt
ES gibt 3 Super Power Staaten auf dieser Welt.1 die USA, 2 China, die mit dem US$ die 3 Welt ausbeuten und damit den $ hoch proppen, gegen Gold und Mineralien. Denn sie haben genug davon. In der 3 Welt ist der Euro ein unbekannte Zahlungsmittel. So, es sind keine Spekulanten die den $ trotz Verursacher der Finanzkrise hochgepäppeln, es sind die Gegenwerte, Mineralien, Platinum und Gold ,die damit gekauft werden. 3 Superstaat ist Russland, der mit seinem Gas, Öl und Minerallieferungen die Preise auf dem Europaeischen Markt bestimmt. Europa ist unter Fernerliefen . Übrigens auch der afghanische Krieg hat seinen sind, da sind plötzlich für mehrere 100derte Milliarden abbaubare Mineralien aufgetaucht. Natürlich nicht für Deutschland, sondern für die Amis. Die führen keinen Krieg, ohne das jemand am Ende dafür bezahlt. Nur die dummen Deutschen bezahlen für alles.
Und diese ganzen wirtschaftlichen Zusammenhänge haben Merkel und die Wildsautruppe nie begriffen, oder irgend ein anderer Politiker. Vieleicht Schröder, denn der ist dort angestellt.
hraban (15.06.2010, 15:24 Uhr)
Dazu noch...
?Politik ist die Summe der Mittel, die nötig sind, um zur Macht zu kommen und sich an der Macht zu halten und um von der Macht den nützlichsten Gebrauch zu machen?

Machiavelli, um 1515
hraban (15.06.2010, 15:05 Uhr)
Freunde...
,,,, wenn ich aus meinem Bürofenster rausschaue, sehe ich eine Strasse.

Anstatt rum zu jammern, geht auf selbige. Macht euerem Unmut endlich lautstark und massiv Luft!

Lasst die selbstverliebten Merkels, Westerwelle und Konsorten endlich hören, dass WIR das VOLK sind. Unsere Brüder und Schwestern aus den neuen Bundesländern haben es uns doch vorgemacht!

Was nütztz mir der ganze vorgegaukelte Wohlstand mit vollen Supermarktregalen, wenn ich's mir nicht mehr leisten kann und mit ein paar lumpigen EURO eine vierköpfige Familie durchfüttern muss?

Nach Abzug von Steuern, Miete, Strom, Versicherungen etc. bleibt mir am 2. jedes Monats nur eines übrig - nämlich NIX!
susiwolf (15.06.2010, 14:34 Uhr)
papayu ... (08.34h) ... Entfernungspauschale
Die Schönheit der Philippinen haben es Ihnen angetan ... genießen Sie sie weiter und beobachten die BRD " aus Distanz " ...
Beim nächsten Heimflug allerdings:
Vorsicht vor Neidern, der Sturm pfeift schon um die Ecken.
Papayu (15.06.2010, 08:34 Uhr)
Rentner sein ist schoen,
hab ich jedenfalls geglaubt. Da ich eine Rente etwas ueber 1000 Euro habe, habe ich mich abgesetzt nach den Philippinen. Hier gehoere
ich jetzt der Mittelschicht an, habe ein kleines Haeuschen, einen 15 jaehrigen Toyota und konnte gut leben. Nur darf ich weiterhin Krankenkasse und Altersheim
zahlen, obwohl ich es nie wieder in Anspruch nehme.
Bis Anfang des Jahres ging es gut, doch durch den Verfall des EURO habe ich Euro 175 weniger, das entspricht hier dem
Gehalt eines Abteilungsleiters, umgerechnet ca. 12.000 Peso.
Selbst im billigen SOA wird man ver.....
von Merkel und Co.
Hoert endlich auf,zu produzieren, das Meiste landet doch bei Lebensmitteln auf dem Muell.
smartdoc (15.06.2010, 08:03 Uhr)
Deutschland in der Krise
Und was man noch vergißt, sind die korrupten Strukturen in der Politik. Politiker wollen nichts verbessern, sondern sind in Seilschaften mit der Wirtschaft verbandelt und hoffen auf lukrative Jobs nach der Politik-Karriere.
Oder warum sonst gibt es noch Lobbyisten?
Beispiele für den reibungslosen Übergang in die Wirtschaft gibt es viele.
Leider ist der Mensch sehr ichbezogen und ich habe keinen Lobbyisten bei mir zuhause. Sonst würde ich das nicht schreiben, ich bin nur neidisch.
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