Zur mobilen Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere Darstellung
auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
Startseite

Der Mut der Laura Poitras

Sie hatte als Erste Kontakt zu Whistleblower Snowden: Laura Poitras. Nun wird sie mit dem Henri Nannen Preis geehrt. Im stern -Gespräch erzählt sie, wie sie von US-Behörden schikaniert wurde.

  "Wir verletzen unsere obersten Prinzipien": Laura Poitras

"Wir verletzen unsere obersten Prinzipien": Laura Poitras

Frau Poitras, vor eineinhalb Jahren kontaktierte Sie der Whistleblower Edward Snowden in einer verschlüsselten Mail. Am Ende einer längeren Korrespondenz flogen Sie gemeinsam mit dem britischen Journalisten Glenn Greenwald nach Hongkong um Snowdens Material entgegenzunehmen. Was hat sich seitdem für Sie geändert?
Nun, alles hat sich geändert. Mein ganzes Leben.

Als Snowden Sie kontaktierte, lebten Sie bereits in Berlin. Warum haben Sie die USA verlassen?


Ich arbeitete bereits an einem Film über die amerikanischen Geheimdienste. Und ich hatte nicht das Gefühl, dass ich mein Filmmaterial und meine Quellen noch schützen konnte. Ich bin an US-Grenzen schikaniert worden. Immer wieder wurde ich festgesetzt, verhört, meine Computer wurden konfisziert, meine Dateien durchsucht.

Als Amerikanerin haben Sie von Ihrem eigenen Land anderes erwartet?


Natürlich erwartete ich keine "no-fly-lists", auf die man ohne irgendein rechtsstaatliches Verfahren gerät, und ich konnte mir auch nicht vorstellen, über Jahre derart eingeschüchtert zu werden. Es gibt aber sicher Orte auf dieser Welt, an denen eine Arbeit wie meine überhaupt nicht möglich wäre.

Die massenhafte Überwachung ist die Reaktion der US-Politik auf den 11. September. Sie haben die Terroranschläge in New York erlebt.


Es war unglaublich traumatisch. Aber auf der ganzen Welt hat es soviel Anteilnahme und Solidarität wie niemals zuvor gegeben. Wir standen an einem Scheideweg, und es ist tragisch, für welchen Weg mein Land sich entschieden hat. Wir hätten aufstehen und sagen können: Wir werden unsere Prinzipien und unsere Werte nicht aufgeben, um auf diese Attacken zu antworten. Wir hätten ein Vorbild sein können. Stattdessen ist es anders gekommen: Wir sehen Folter, Drohnen-Attacken, Entführungen, wir sehen Guantanamo, Einmärsche in fremde Länder und Massenüberwachungen. Wir verletzen unsere obersten Prinzipien, wir haben uns mehr Feinde geschaffen als wir jemals hatten.

Haben Sie manchmal Angst, dass die ganzen Enthüllungen nichts ändern werden?
Ich wäre das Risiko nicht eingegangen, wenn ich nicht daran glauben würde, dass man etwas bewegen kann. Und Snowden wäre das Risiko auch nicht eingegangen. Ich denke schon, dass es Veränderungen gibt. Nicht alles sieht man gleich und sofort. Politische Veränderungen brauchen ihre Zeit, auch für die Tech-Industrie geht es um viel. Das Thema Datenschutz und Überwachung wird nie mehr verschwinden.

Bereuen Sie manchmal alles?


Nein. Natürlich muss ich für meine Arbeit persönliche Opfer bringen. Aber ich empfinde das auch als großes Privileg. Ich kann mit Leuten zusammenarbeiten, die kreativ sind und unglaublich mutig. Edward Snowden hat mir vertraut, er hat sein Leben riskiert. Mit Glenn Greenwald erlebe ich die intensivste Zusammenarbeit. Ja, es ist fordernd, aber es ist auch das Wichtigste und Bedeutendste, was ich je gemacht habe.

Ihre eigenen Erlebnisse dürften Sie zusätzlich motivieren.


Ich bin nicht deswegen an dem Thema interessiert, weil ich selber auf der "Watchlist" stehe. Aber wenn man betroffen ist, hat man vielleicht ein anderes Bewusstsein dafür, wohin so etwas führen kann. Wenn sie mit jemandem aus Ostdeutschland sprechen, dann ist es ähnlich. Dem müssen sie das nicht erst erklären. Das gleiche gilt für Aktivisten aus China oder Saudi Arabien. Die wissen, dass es dabei um Leben und Tod gehen kann. Vielleicht hat es die breite Masse noch nicht verstanden, weil man es noch nicht gegen sie verwendet hat.

Anders als Glenn Greenwald scheuen Sie die Öffentlichkeit. Warum?


Glenn Greenwald hat sich schon sehr früh gegen die Überwachung positioniert. Er war bereits zuvor eine öffentliche Person, und er ist natürlich jetzt noch bekannter. Ich habe schon immer unter dem Radar gearbeitet. Das muss ich schützen. Ich brauche sicherlich nicht noch mehr Aufmerksamkeit als ich sie ohnehin schon habe. Ich mag es, dass niemand mich erkennt. Ich mag auf der Straße nicht angehalten werden.

Aber Öffentlichkeit kann manchmal auch hilfreich sein. Erst nachdem Sie mehr als 40 Mal an Flughäfen verhört wurden, haben Sie Greenwald erlaubt, darüber zu berichten. Nachdem er es gemacht hat, wurde das Reisen für Sie wieder erträglicher. Hätten Sie - rückblickend - früher die Öffentlichkeit suchen sollen?


Als ich das erste Mal mitgenommen wurde, habe ich mich zuerst an die amerikanische Bürgerrechtsunion Aclu gewandt. Wir haben Akteneinsicht verlangt. Ich wollte kein öffentliches Verfahren, über das dann alle Bescheid wissen. Wenn etwas einmal öffentlich ist, dann kannst du es nicht mehr einfangen. Selbst wenn du in anderen Ländern arbeitest – sie werden dich googlen, und für die bist Du dann die, die in Amerika unter Beobachtung steht. Und die werden fragen: Oh. Was hat sie denn hier wohl vor?

Schließlich haben Sie einem Artikel doch zugestimmt.
Es gab diesen Vorfall am Flughafen Newark. Sie drohten mir mit Handschellen als ich einen Stift herauszog.

Ihre Anwälte hatten Ihnen geraten die Namen der Beamten und deren Fragen zu notieren.


Ja. Aber sie behaupteten, ich könnte diesen Stift als Waffe verwenden. Es hatte einfach ein Ausmaß angenommen, das extrem bedrohlich und ungeheuerlich war. Sobald ich wieder zu Hause war, schrieb ich Greenwald eine Email. Er rief mich am nächsten Tag an und wollte sofort darüber schreiben. Ich bat um einen Tag Bedenkzeit und er sagte nur: "Nein, nein, nein, wir müssen das jetzt machen'. Normalerweise bin ich diejenige, die andere überzeugen muss, vor die Kamera zu treten. Es war gut, dass Glenn gesagt hat, es sei wichtig und es war gut, dass es eine positive Erfahrung war. Es gab einen Aufschrei. Es gab eine Kampagne von Filmemachern. Sie hatten Briefe geschrieben und sich um meine Sicherheit gesorgt. Die Schikanen sind nicht schlimmer geworden, im Gegenteil, ich wurde nicht mehr aufgehalten.

Bei Snowden war es umgekehrt. Er wollte von Anfang an mit seinem Namen für die Enthüllungen einstehen.


Ich bin während unserer Korrespondenz lange davon ausgegangen, dass er anonym bleibt. Aber er widersprach: "Du wirst ohnehin nicht in der Lage sein, meine Identität zu schützen. Und ich will es auch nicht. Ich will mich erklären, und ich werde mein Gesicht nicht verstecken." Mich hat das echt umgehauen. Er hatte seine Entscheidung bereits getroffen, bevor er mich kontaktierte. Er wusste, dass es eine Untersuchung geben würde und er wolle nicht, dass andere darunter leiden müssen.

Es gibt nun seit fast einem Jahr immer wieder Enthüllungen. Man weiß nie, ob und was als nächstes kommt. Führt diese Salamitaktik nicht dazu, dass die Nachrichten schon gar nicht mehr richtig zur Kenntnis genommen werden?


Es ist keine "Taktik". Es geht nicht anders. Sie müssen berücksichtigen, dass wir es mit extremen Drohungen und Einschüchterungsversuchen zu tun haben. Allen wurde mit Klagen gedroht. Greenwalds Partner wurde neun Stunden wegen Terrorismusverdachts festgehalten. Festplatten des "Guardian" wurden vom Geheimdienst zerstört. Das alles führt natürlich zu einer verzögerten Berichterstattung. Ja, Snowden hat mich kontaktiert, aber wo ist die Organisation hinter mir? Wo ist meine Rechtsabteilung?

Vielleicht ist die Herausforderung, dieses Material zu bewältigen und zu verantworten, ja auch für zwei Leute ohne Apparat und ohne Rechtsabteilungen zu groß.
Es ist Snowden gewesen, der sich entschieden hat, sich an zwei unabhängige Journalisten zu wenden. Sicher gibt es auch Aspekte, die dagegen sprechen, aber er hat es so entschieden. Wir versuchen Partnerschaften und Infrastruktur aufzubauen. Wir arbeiten mit der "New York Times", der "Washington Post", dem "Guardian", mit dem "Spiegel"... Ich verstehe, dass die Menschen mehr wissen wollen und wir werden dem nachkommen, aber man sollte nicht unterschätzen, was das bedeutet.

Warum haben Sie sich Berlin ausgesucht, um Ihre Arbeit fertigzustellen?


Berlin war ein sicherer Hafen für mich. Die Leute in Berlin sind sehr sensibel, was Überwachung betrifft. Das hängt sicherlich mit der Geschichte dieser Stadt zusammen, mit den Nazis, mit der Stasi. Pressefreiheit ist sehr wichtig, und der Schutz der Privatsphäre wird ernstgenommen. Ich bin aber auch aus künstlerischen Gründen hier. Für Künstler ist Berlin eine großartige Stadt. Es fühlt sich ein bisschen wie das New York der Siebziger an.

Spätestens seit Sie die Snowden-Dokumente in der Hand halten, wissen Sie, dass amerikanische Geheimdienste auch in Berlin aktiv sind.


Mir ist schon klar, dass es auch hier Leute verschiedener Herkunft und Organisationen gibt, die sich für mich und meine Arbeit sehr interessieren.

Interesse ist ein nettes Wort.


Ich kann mich hier frei bewegen. Ich fühle mich nicht bedroht. Ich gehe aber davon aus, dass meine elektronische Kommunikation überwacht wird. Ich bin nicht naiv.

Jacob Appelbaum, einer ihrer Freunde, Internetaktivist und ebenfalls jemand, der mit Edward Snowden in Kontakt war, glaubt, dass sich jemand Zutritt zu seiner Wohnung in Berlin verschafft hat? Haben Sie ähnlich Erfahrungen gemacht?


Nein, bis jetzt hat noch niemand versucht, bei mir einzubrechen. Aber es ist nicht so, dass ich mir darüber keine Sorgen mache.

Ihre Heimat ist New York. Werden Sie irgendwann zurückgehen?


Im Moment mache ich in Berlin noch meinen Film zu Ende und berichte weiter. Aber wenn ich fertig bin und bereit, den Film zu veröffentlichen, dann werde ich sehr wahrscheinlich pendeln, denn ich habe hier nun tiefe Wurzeln. Als ich kürzlich zu einer Preisverleihung in New York war, habe ich was Komisches gespürt: Heimweh nach Berlin.

Frau Poitras, wir danken für das Gespräch.


Ich möchte noch etwas sagen. Heute Abend bekomme ich den Henri-Nannen-Preis für Verdienste um die Pressefreiheit. Ich möchte, dass Sie wissen, wieviel mir dieser Preis bedeutet. Ich musste wegen meiner Arbeit mein Land verlassen und kam als eine Art Flüchtling nach Deutschland. Ich wusste nicht, wie man mich hier aufnehmen würde und wie ich behandelt werden würde. Es ist einfach wunderbar, diese Anerkennung zu erfahren. Deutschland ist für meine Arbeit zur Heimat geworden.

Interview: Frauke Hunfeld und Andrea Rungg
täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools