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11. November 2009, 15:11 Uhr

"Kernenergie ist keine Lösung"

Der Erfolgsdruck in Kopenhagen ist groß, meint Vorzeigeunternehmer Michael Otto. stern.de sprach mit ihm über erfolgreichen Klimaschutz, Kernenergie und die Verantwortung der Wirtschaft.

Michael Otto Michael Otto ist Aufsichtsratsvorsitzender des Otto-Konzerns. Von 1981 bis 2007 war er Vorstandsvorsitzender. 1986 erklärte er Umweltschutz zum Unternehmensziel. Otto nahm Pelze, Lacke und Tropenhölzer aus dem Sortiment, startete die Herstellung ökologischer Textilien und verbesserte im Interesse des Klimaschutzes das Transportsystem. 2007 gründete Otto mit anderen Unternehmern die Initiative "2-Grad - Deutsche Unternehmer für den Klimaschutz".

Herr Otto, hat die Wirtschaft das Klimaproblem verstanden?

Die Wirtschaft nimmt sich verstärkt des Klimaproblems an und ergreift immer mehr Maßnahmen! Ich habe zum Beispiel vor zwei Jahren mit einer Reihe von Unternehmern die Initiative "2 Grad - Deutsche Unternehmer für Klimaschutz" gegründet. Wir wollen die Bundesregierung dazu bewegen und sie darin unterstützen, ehrgeizige Klimaziele zu setzen und die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass sie auch erreicht werden können. Hier könnte natürlich noch mehr getan werden, es müsste auch insgesamt noch schneller gehen.

Dabei müssen die Unternehmen mitspielen. Wie bindet man sie noch besser in den Klimaschutz ein?

Es sollten noch ehrgeizigere staatliche Klimavorgaben auf den Weg gebracht werden - möglichst global, mindestens europaweit. Man kann aber auch durch wirtschaftliche Anreize die Entwicklung beschleunigen - etwa durch Forschungsförderung. Der Staat und die Privatwirtschaft könnten bei der Energieforschung noch viel stärker zusammenarbeiten. Und wir sollten auch über steuerliche Anreize für Unternehmen nachdenken.

Die größte unternehmerische Klimainitiative ist derzeit das Projekt Desertec, mit dem Solarstrom für Europa in Nordafrika produziert werden soll. Können wir so das Energieproblem lösen?

Ich finde das Projekt sehr gut. Weil es zeigt, dass die Wirtschaft gemeinsam handeln kann - und erkannt hat, dass wir regenerative Energien brauchen und einen Wandel in unserer Energiepolitik. Ein Fragezeichen würde ich allerdings machen, ob dieses Projekt Nordeuropa sinnvoll mit Energie versorgen kann. Für die Investitionen in die Leitungen muss sehr viel Geld aufgebracht werden. Und es kommt zu Energieverlusten beim Transport des Stroms. Vielleicht sollte man sich in Nordeuropa doch eher darauf konzentrieren, neue und bessere Stromnetze zu installieren und auf eine dezentrale Versorgung mit erneuerbaren Energieträgern hinzuarbeiten. Ein anderes Problem könnte eine zu hohe politische Abhängigkeit von Nordafrika sein, wenn vor allem von dort der Strom geliefert wird. Man sollte sich geografisch breiter aufstellen, um der Gefahr vorzubeugen, politisch erpressbar zu werden.

Inwieweit die EU-Staaten bei solchen Fragen zu gemeinsamen Standpunkten kommen, ist fraglich. Auch jetzt, kurz vor dem Kopenhagener Klima-Gipfel, zeigen sie sich alles andere als einig. Die Vorzeichen sind insgesamt nicht die besten. Wie viel trauen Sie der Staatengemeinschaft zu?

Es war schon eine große Leistung, dass sich alle Industrienationen und die Schwellenländer im Sommer in Rom auf das Zwei-Grad-Ziel geeinigt haben. Erfreulich ist auch, dass die Industrieländer bis 2050 den CO2-Ausstoß um die Hälfte senken wollen. Und die Amerikaner sind hier dabei, das ist ein wichtiger Schritt nach vorne. Doch er wird nicht reichen. Tatsächlich brauchen wir bis 2050 eine Reduzierung um 90 bis 95 Prozent. Auch unsere Ziele in Europa reichen bei weitem nicht aus, um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen. Wir brauchen bis 2020 dafür eine CO2-Reduktion um mindestens 40 Prozent.

Wie soll das erreicht werden?

In Kopenhagen müssen deutlich höhere Ziele vereinbart werden. Die Staaten wissen, was auf dem Spiel steht, der Druck ist hoch. Deshalb gibt es reale Erfolgschancen. Bei einem Scheitern würden viele Jahre vergehen, bevor man einen neuen Anlauf nehmen kann.

Sie klingen optimistisch. Woher kommt diese Zuversicht?

Das gestiegene gesellschaftliche Bewusstsein für die Gefahren des Klimawandels ist ein guter Nährboden. Auch in der Wirtschaft hat ein Umdenken stattgefunden. Die Bedingungen sind also besser geworden für weitreichende Entscheidungen. Doch auch bei einzelnen Verordnungen und Gesetzen müssen wir strenger werden. Oft ist das Entsetzen in der Wirtschaft groß, aber sind wir doch ehrlich: Wenn man Ingenieuren ehrgeizige Ziele setzt, werden sie sehr kreativ und entwickeln gute Lösungen; die hohen deutschen Klimaschutzvorgaben haben unsere Wirtschaft innovativ gemacht: Das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz ist eine internationale Erfolgsgeschichte geworden. Und die grüne Industrie verzeichnet in Deutschland schon mehr Arbeitsplätze als die Automobilindustrie.

Diese Erkenntnis setzt sich in Europa vielleicht durch. Doch wie können wir die Schwellenländer davon überzeugen, dass der Klimaschutz die Wirtschaft stärkt und nicht schwächt?

Die Schwellenländer sind selbst immer stärker überzeugt von der Notwendigkeit des Klimaschutzes. Wenn ich mit Chinesen spreche, dann erkennen sie die Bedeutung durchaus. Sie haben im eigenen Land mit Klimaproblemen zu kämpfen - sehen etwa, wie große Agrarflächen versteppen und zu Wüsten werden. Dagegen gehen sie mit beachtlichen Maßnahmen vor wie etwa den Planungen für CO2-freie Städte und anderen Projekten. Es geschieht eine Menge - auch in Brasilien. Dort wird zunehmend verstanden, welche Bedeutung die tropischen Wälder im Amazonasgebiet für den Klimaschutz haben.

Sie setzen also vor allem auf Lernprozesse in den Ländern selbst...

Nicht nur! Man wird auch den Schwellenländern Klimaziele setzen müssen. Zwar nicht, dass sie ihren CO2-Ausstoß absolut reduzieren sollen, was ein Ende ihres Wirtschaftswachstums bedeuten würde. Aber eine deutliche Effizienzsteigerung beim Energieverbrauch kann ein sehr sinnvolles Klimaziel sein. Und wir müssen diesen Staaten die modernsten Technologien für Energieeffizienz und die Nutzung alternativer Energien zur Verfügung stellen. Dies kann über Entwicklungshilfe finanziert werden - oder aber die Technologien werden zu einem Vorzugspreis angeboten.

Vor allem ein Land muss die Schwellenländer überzeugen: die USA. Was erwarten Sie von Obama mittelfristig in der Klimapolitik?

Barack Obama ist vollauf gewillt, neue Signale zu setzen. Schon alleine durch die Ernennung von Steven Chu zum Energieminister. Chu ist ein großer Verfechter der CO2-Reduzierung. Auch die Anträge für neue Klimaschutzgesetze, die Obama ins Parlament einbringt, zeigen seinen starken Willen zu Veränderung.

Seite 1: "Kernenergie ist keine Lösung"
Seite 2: Sehen sie in Deutschland einen ähnlich starken Willen?
 
 
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