Mobile Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere
Darstellung auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
HOME

Warum die Angst vor Islamisierung unbegründet ist

Die Demonstranten der rechtspopulistischen Pegida-Bewegung sind wütend, haben Angst vor dem Islam und fürchten eine "Überfremdung" des Abendlandes. Drei Pegida-Forderungen im Faktencheck.

Von Anna-Beeke Gretemeier und Robert Bachofer

  "Mut zur Wahrheit" - fordern Pegida-Demonstranten. Na, dann überprüfen wir doch mal die Thesen.

"Mut zur Wahrheit" - fordern Pegida-Demonstranten. Na, dann überprüfen wir doch mal die Thesen.

Immer mehr Menschen folgen dem Ruf der Anti-Islam-Bewegung "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" (Pegida). In Dresden marschierten diese Woche 15.000 Menschen für das Motto "Gewaltfrei gegen Glaubenskriege". Auch Ableger wie Bogida in Bonn, Legida in Leipzig oder Dügida in Düsseldorf versammelten Demonstranten auf der Straße. Auf Transparenten stehen Slogans wie "Gegen religiösen Fanatismus", "Es reicht dem deutschen Volke" und "Keine Scharia in Europa". Die ebenfalls gesichtete Parole "Mut zur Wahrheit" nehmen wir zum Anlass, um uns die Thesen der Anti-Islam-Bewegung Pegida einmal genauer anzuschauen.

1. Pegida will eine schärfere Asylpolitik

Viele Positionen des 19-Punkte-Plans von Pegida beschäftigen sich mit der Asylpolitik: So fordern sie "die Pflicht zur Integration" ins Grundgesetz aufzunehmen. Was die Demonstranten rund um Lutz Bachmann damit genau meinen, ist noch unbekannt. Die von der CSU vorgeschlagene Deutschpflicht in den eigenen vier Wänden oder das Burka-Verbot, das immer wieder von verschiedenen Parteien ins Gespräch gebracht wird, passen mit Sicherheit gut ins Pegida-Schema.

Viele der Demonstranten in Dresden lamentieren im persönlichen Gespräch, Ausländer würden dem deutschen Staat auf der Tasche liegen. Ein älterer Herr schimpft: "Das sind keine Asylflüchtlinge. Das sind Urlauber auf Rauschgift" und spielt damit auf die landesweit bekannte Lage im Görlitzer Park an.

Die Studie "Sozialstaat profitiert von Zuwanderung" der Bertelsmann-Stiftung beweist das Gegenteil. "Ausländer haben den Sozialstaat 2012 um 22 Milliarden Euro entlastet - 3300 Euro pro Kopf", heißt es dort. Damit haben Ausländer mehr Steuern und Sozialabgaben gezahlt, als sie insgesamt an Sozialleistungen bezogen.

2. Pegida ist gegen Radikalismus, ob religiös oder politisch orientiert

Die mit Macheten und Messern geführten Auseinandersetzungen zwischen Kurden und Salafisten Anfang Oktober in Hamburg und Celle Auslöser für die Gründung von Pegida. Als dann am 10. Oktober auf der Prager Straße in Dresden Kurden gemeinsam mit Antifaschisten gegen den Krieg in Syrien und für Waffenhilfe demonstrierten, versammelte Pegida-Initiator Lutz Bachmann seine Freunde in einem griechischen Restaurant und überlegte, was man tun könne, um "Islamisten und zunehmender Ausländergewalt" gegenüberzutreten.

Der deutsche Verfassungsschutz zählte 2013 mehr als 6000 Salafisten, Tendenz steigend. Circa 30 Prozent davon sind Konvertiten. Die Forderung, die Radikalen abzuschieben, ist demnach nicht haltbar. Deutsche Staatsbürger können nicht des Landes verwiesen werden - auch nicht aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit.

Bis jetzt konnten die Sicherheitsbehörden fast alle geplanten Anschläge radikaler Islamisten auf deutschem Boden verhindern.

Die radikalen Rechten der NSU mordeten hingegen jahrelang unbeschwert, ohne von ihrer Umgebung oder den Behörden enttarnt zu werden. Pure Ironie, dass sich die Initiative Pegida auf eine angebliche Gewaltbereitschaft von Muslimen stützt. Wo doch die rechte Szene in Ostdeutschland für deutlich stärkere Schlagzeilen sorgte. Für einen öffentlichen Aufschrei reichte das in Dresden allerdings nicht.

3. Pegida hat vor einer fortschreitenden Islamisierung Deutschlands Angst

Laut dem World-Factbook der CIA (Stand 2014) sind 3,7 Prozent aller deutschen Bürger Muslime. Wie viele Menschen islamischen Glaubens insgesamt hier leben - samt Flüchtlingen - ist nicht genau bekannt. Auch wenn Statista die Zahl für 2009 mit 4,25 Millionen Muslime angibt, gelten islamische Gemeinden in Deutschland nicht als Körperschaften öffentlichen Rechts und wurden so auch nicht im zuletzt erhobenen Zensus 2011 unter Religionszugehörigkeit erfasst. Gehen wir also aktuell von geschätzten 5,6 Prozent Muslime der deutschen Bevölkerung aus. Vor 25 Jahren waren es laut Statista 3,3 Prozent. Ihr Anteil nimmt also wirklich zu. Allerdings hat er sich in einem Vierteljahrhundert nicht einmal verdoppelt. Von einer Islamisierung des Abendlandes zu sprechen, wäre übertrieben.

Gerade das subjektive Gefühl der Pegida-Anhänger in Dresden lässt sich statistisch nicht stützen: Laut sächsischem Innenministerium beträgt der Anteil der Muslime an der Gesamtbevölkerung nur 0,1 Prozent. 4000 Muslime in ganz Sachsen. Bei 15.000 Demonstranten kommen demnach fast vier Wutbürger auf einen Muslim. Wer sollte also vor wem Angst haben?

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools