
Adolf Eichmann, Organisator der Judentransporte in die Konzentrationslager, kann 1946 nach Argentinien entkommen. Israels Geheimdienst spürt ihn 1960 auf. Er wird in Jerusalem vor Gericht gestellt und zwei Jahre später hingerichtet© DPA
Spektakulär gestaltete der ehemalige KZ-Kommandant Eduard Roschmann seinen Abgang aus dem einstigen Großdeutschland. Der "Schlächter von Riga", der Tausende von Juden auf dem Gewissen hatte, war bis 1947 in seinem Heimatort Graz unerkannt geblieben. Dann schnappte ihn die britische Militärpolizei und wollte ihn ins Kriegsverbrecher-Lager Dachau überführen. Auf der Zugfahrt überzeugte Roschmann seine beiden Bewacher davon, dass er mit heftigem Durchfall zu kämpfen habe. Die gutgläubigen Sergeanten nahmen ihm die Handschellen ab. Dreimal eilte Roschmann zur Toilette. Das dritte Mal - der Zug hatte gerade den Bahnhof von Hallein verlassen - kam er nicht zurück. Roschmann hatte bei den ersten beiden Klobesuchen das Fenster aufgestemmt. Beim letzten kletterte er aus dem Fenster und sprang vom langsam fahrenden Zug in das dichte Schneetreiben einer bitterkalten Winternacht. Auf dem Irrweg ins Tiroler Dorf Nauders erfror er sich die Zehen des rechten Fußes. Doch er war am Ziel.
Nauders war einer der beliebtesten Orte für den illegalen Übertritt nach Italien. Die Bergbewohner kannten die grüne Grenze aus alter Schmuggeltradition und führten gegen Entgelt jedermann hinüber, ohne viel zu fragen. (Neben Nazi-Flüchtlingen betreuten sie auch Juden, die illegal von Italien aus Palästina erreichen wollten.) Zwischen 1945 und 1948 war der Andrang groß. Einer Notiz des US-Außenministeriums zufolge wurde sogar der Alpinist, Schauspieler und Hitler-Sympathisant Luis Trenker von alten Parteigenossen um Führerdienste gebeten.
Einmal in Italien, hieß das Zauberwort für den Weg nach Argentinien "Hudal". Der österreichische Bischof Alois Hudal war Rektor der deutschen Nationalkirche Santa Maria dell' Anima in Rom. 1936 hatte Hudal sein Werk "Die Grundlagen des Nationalsozialismus" verfasst, das er mit der handschriftlichen Widmung "Dem Siegfried deutscher Größe" Adolf Hitler zukommen ließ. Nach dem Ende seines Siegfrieds gab sich Hudal eine neue Aufgabe: "Ich fühlte mich nach 1945 verpflichtet, mein gesamtes wohltätiges Werk hauptsächlich früheren Nationalsozialisten und Faschisten zu widmen, besonders den so genannten Kriegsverbrechern." Mit Erfolg, wie Hudal in seinen Erinnerungen befriedigt notierte: "Ich danke aber dem Herrgott, dass er mir die unverdiente Gnade geschenkt hat, viele Opfer der Nachkriegszeit besucht und getröstet und nicht wenige mit falschen Ausweispapieren ihren Peinigern durch die Flucht in glücklichere Länder entrissen zu haben."
Unter der Regie des Gottesmanns tarnten sich viele Nazi-Flüchtlinge unterwegs mit Mönchskutten und verkrochen sich nach ihrer Ankunft in verschwiegenen Klöstern, bis alles arrangiert war. Überliefert ist die Aussage eines Hudal nahe stehenden Ordensoberhauptes. Der machte Weihnachten 1947 200 Illegalen Mut, die sein Kloster randvoll füllten: "Und Sie können versichert sein, hier findet die Polizei Sie nicht. In Rom lebt man nicht zum ersten Mal in Katakomben."
Hudal schien tief überzeugt, dass auch Deutsche mit trüber Vergangenheit Anspruch auf eine Art Solidarität der Feinde des Kommunismus hätten. Im August 1948 schrieb er einen Brief an Präsident Perón und bat um Visa für 3000 Deutsche und 2000 Österreicher. Keine Flüchtlinge, wie er betonte, sondern Männer, die gegen den Bolschewismus gekämpft hätten. Nur dank deren Opfer sei Europa noch frei.
Jeder, der um ein Visum für Argentinien ansuchte, musste allerdings irgendetwas vorlegen, das nach Ausweis aussah. Am einfachsten war eine neue Identität vom Roten Kreuz zu kriegen. Diese Hilfsorganisation stellte für die Heere von Flüchtlingen, Entwurzelten, Mittellosen, die Nachkriegseuropa überschwemmten, provisorische Pässe aus, ohne groß nachzufragen. Das nutzten die Nazis. Man behauptete, der und der zu sein, benannte Gesinnungsgenossen als Zeugen und ließ sich dann die Richtigkeit der Angaben von Hudal oder einem seiner kirchlichen Mitarbeiter bestätigen. Das reichte. Weil das Verfahren so bedenklich oberflächlich war, erkannten die meisten Staaten den Rotkreuzpass nicht als Grundlage für ein Visum an. Argentinien tat es.
In Peróns Umgebung arbeitete eine ganze Reihe von Antisemiten und Nazi-Freunden. Zum rührigsten Schleuser des Präsidenten in Europa wurde der Deutsch-Argentinier Carlos Fuldner, ehemaliger SS-Mann und zwielichtiger Agent Himmlers in Madrid während der letzten Kriegsmonate. Uki Goñi: "Er arrangierte die sichere Überfahrt nach Argentinien von Kriegsverbrechern ersten Rangs." Darunter Eichmann und Mengele.
Wohl ausgestattet mit falschen Dokumenten, sammelte sich bis 1949 immer mehr "wertvolles Menschtum unseres Volkes", wie Flieger Rudel die geretteten Nazis nannte, am Río de la Plata. Der überwiegende Teil hatte sich in Genua eingeschifft. Dort hatte Perón ein Einwanderungsbüro installiert, das Hudals Passierscheine anstandslos akzeptierte. Hatte der Dampfer erst die Reede verlassen, konnten die Passagiere ihre Zurückhaltung ablegen. Nur einmal gab es eine Panne. Ein paar Dutzend Deutsche unter falschem Passagiernamen stimmten noch im Hafen an Deck das nazistische Engelland-Lied an. Leider erlitt das Schiff einen Maschinenschaden und musste zurückkehren. Von da an kontrollierten die erbosten Carabinieri die Fahrgastlisten etwas gründlicher.
Fliegeroberst Rudel reiste als VIP im Flugzeug über den Atlantik - ihn hatte Perón als seinen Luftwaffenberater angeworben. In Buenos Aires erwarteten den Kriegshelden bereits die Angehörigen der Gruppe Tank. Dieses 60-köpfige Team deutscher Rüstungsingenieure unter der Leitung von Professor Kurt Tank ist das bekannteste Beispiel für die "Techniker" und "Experten", denen Peróns Augenmerk nach dem Krieg offiziell ausschließlich galt.
Flugzeugkonstrukteur Tank, unter dem Namen "Pedro Mathies" 1947 ins Land gekommen, hatte bei Focke-Wulf für Hitler einen Düsenjäger konzipiert. Im argentinischen Córdoba sollte er den Jet vom Reißbrett in den Himmel bringen. Doch vom damals schnellsten Flugzeug der Welt, genannt Pulqi II", wurden nur fünf Prototypen gebaut. Zwei Testpiloten stürzten tödlich ab.
Tank und Rudel konnten als umworbene Experten von Anfang an finanziell sorgenfrei in ihrer neuen Heimat leben. Die meisten Nazi-Flüchtlinge aber erhielten keinen Prominenten-Bonus. Einige kamen als Angestellte bei der Firma Capri unter. Das Unternehmen, in der Wasserwirtschaft tätig, hatte Peróns unermüdlicher Einwanderungsagent Carlos Fuldner gegründet. Capri beschäftigte so viele undurchsichtige Deutsche, dass der Name scherzhaft als Abkürzung von "Deutsche Gesellschaft für kürzlich Eingewanderte" galt (Companía alemana para recién inmigrados). Bei Capri arbeitete Eichmann anfangs als Angestellter. Später versuchte er sich mäßig erfolgreich als Textilfacharbeiter und Kaninchenzüchter.
Der SS-Offizier Erich Priebke, der 1944 in Rom an den berüchtigten Geiselerschießungen in den Ardeatinischen Höhlen mitwirkte, verdingte sich erst als Oberkellner im Gebirgsdorf Bariloche und eröffnete dort in der Folge ein gut gehendes Feinkostgeschäft. Spezialität: original deutscher Aufschnitt. KZ-Arzt Mengele reiste als Mechaniker ein. Ein Offizier der deutschen Abwehr war erst als Packer tätig, später rodete er den Urwald. Ein Kampfflieger bekämpfte aus der Luft mit Insektiziden die Heuschreckenplage. Und ein Stabsarzt hatte gar auf Skilehrer umgesattelt. Dieser eher bescheidene Neustart vieler Nazis ist ein wichtiges Indiz dafür, dass hinter ihrem Transfer keine mächtige "Odessa" mit schier unbegrenzten finanziellen Mitteln stand.
Doch wenn sich das Leben der braunen Immigranten auch eher glanzlos gestaltete, entscheidend blieb, sie waren am Leben und in Sicherheit. Bis zum Sturz Peróns im Jahre 1955 musste keiner Verfolgung und Auslieferung befürchten. Priebke, inzwischen 91 und der wohl letzte Überlebende der Nazi-Emigranten, war ursprünglich über Rom als "Otto Pape" eingereist. Lange Jahre wirkte er unter seinem wahren Namen im idyllischen Bariloche als hoch geachteter Vorstand der dortigen deutschen Schule.
Erst 1994 wurde die Justiz eher zufällig auf ihn aufmerksam. Priebke wurde an Italien überstellt und dort wegen der Erschießung von Geiseln zu lebenslänglicher Haft verurteilt, die man aufgrund seines Alters in Hausarrest in einem römischen Konvent umwandelte. Die starke deutsche Gemeinde des Touristenorts am Fuß der Anden protestierte entrüstet gegen die Auslieferung ihres geachteten Mitbürgers.
Noch heute sehen misstrauische Argentinier in Bariloche ein Nazi-Nest. Der im Ort ansässige Journalist Abel Basti behauptet, dass in Bariloche auch heute - natürlich in strikt privatem Rahmen - Hitlers Geburtstag gefeiert wird. Einen Beweis dafür gibt es nicht. Der Touristenort wurde um 1900 von deutschen Einwanderern gegründet. Hier gibt es die Hotels "Tirol" und "Edelweiß", hier bedienen in Restaurants mit alpenländischem Flair die Kellnerinnen im Dirndl. Der "Deutsche Krankenverein" hat sein Schaufenster in den Farben Schwarz-Rot-Gold gestaltet, und im "Deutschen Club" trifft sich heute wie damals die deutsche Gemeinde. Erich Priebkes Sohn wohnt noch immer hier. Über ihn kann man die Handynummer seines Vaters erhalten. "Befehl war damals Befehl", sagt am Telefon der erstaunlich rüstige Priebke noch heute zu seiner Verteidigung. "Mich als Nazi-Verbrecher zu bezeichnen ist lachhaft. Einer meiner besten Freunde war Russe, und an der deutschen Schule in Bariloche haben wir ohne Ansehen der Rasse jüdische Kinder angenommen."
(*Goñi, Uki "Odessa: Die wahre Geschichte. Fluchthilfe für NS-Kriegsverbrecher", erscheint im Dezember 2005, ca. 24 Euro)
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 13/2005