Als das "Dritte Reich" besiegt ist, fürchten Massenmörder wie Holocaust-Organisator Adolf Eichmann um ihr Leben. Mit Hilfe katholischer Geistlicher und alter Kameraden können viele Nazis nach Südamerika entkommen.

Im Visier der Sieger: Nazi-Größen wie Hermann Göring - links mit Sonnenbrille, daneben Hess, Ribbentrop, Keitel, Kaltenbrunner und Rosenberg - werden in Nürnberg vor Gericht gestellt. Am Mikrofon verliest Baldur von Schirach seine Schlusserklärung© AKG
Otto Henninger schwitzte beim Holzfällen im niedersächsischen Dörfchen Eversen und rief "put, put, put", wenn er den Hühnerstall mit Körnerfutter betrat. Außerdem zerbrach er sich den Kopf, wie er dem Henker entgehen könnte. Denn Otto Henninger hieß eigentlich Adolf Eichmann und war mitschuldig am Tod von Millionen Menschen. Nach der Flucht aus einem amerikanischen Gefangenenlager im Januar 1946 hatte er sich unter falschem Namen im ländlichen Niedersachsen verkrochen und dort als Waldarbeiter und Geflügelzüchter verdingt. Noch hielt die Tarnung des kleinen Mannes mit dem langsam schütter werdenden Haar. Doch wie lange?
Im zerstörten Deutschland irrten in der Nachkriegszeit Millionen von Flüchtlingen oder Ausgebombten ohne Ausweise herum, weitere Millionen an Ex-Soldaten drängten sich in Gefangenenlagern. Dieses Chaos gab braunen Tätern eine Atempause. Sie waren schwer zu orten. Ihre Verbrechen waren oft noch nicht aktenkundig. Und Polizei wie Justiz waren überlastet, manchmal als ehemalige Stützen des Hitler-Staats auch nicht bereit, ernsthaft zu ermitteln.
Die Spitzenleute des Nazi-Regimes, die sich nach der Kapitulation im Mai 1945 verstecken wollten, hatten die Sieger allerdings sehr schnell gefasst. Kurz nach Kriegsende verhafteten britische Militärpolizisten an einem Kontrollpunkt bei Bremen Heinrich Himmler, den Reichsführer SS, trotz Augenklappe, abrasiertem Schnurrbart und einem gut gefälschten Pass auf den Namen Heinrich Hitzinger. Hitlers Außenminister Joachim von Ribbentrop fanden sie in einer unauffälligen Hamburger Wohnung im Bett, das er mit einer attraktiven Dame - nicht seiner Ehefrau - teilte.
In einer Berghütte bei Berchtesgaden enttarnten alliierte Fahnder Robert Ley, den Führer der Deutschen Arbeitsfront, der stotternd vorgab, Distelmeyer zu heißen. Der Bergwelt um das Watzmann-Massiv wurde auch Julius Streicher, Herausgeber des Hetzblatts "Der Stürmer", entrissen. Er hatte ebenfalls auf einer Hütte Zuflucht gesucht und sich einen weißen Bart wachsen lassen. Gegenüber einem US-Offizier beteuerte er: "Ich bin Künstler und habe mich nie um Politik gekümmert."
Lange vor Kriegsende hatten die Alliierten im Herbst 1943 mit der "Moskauer Erklärung" deutlich gemacht, nicht nur die Hauptschuldigen der ersten Garnitur zur Rechenschaft ziehen zu wollen, sondern alle Nazi-Kriegsverbrecher. Eichmann, einer der Organisatoren der Judenvernichtung, wusste also: Er musste weg, bevor ihn seine Untaten einholten - "durch eifriges Sparen gelang es mir, die nötigen Gelder für eine Überseereise zusammenzubekommen". Fluchtziel: Argentinien.
Dort regierte der Brigadegeneral Juan Perón. Schon während des Krieges hatte der begabte Demagoge kein Hehl aus seiner Nähe zum Faschismus gemacht. Im März 1945 musste Argentinien zwar auf massiven Druck der USA seine nazifreundliche Neutralität aufgeben und Hitler den Krieg erklären. Doch Perón beschwichtigte die starke - mehrheitlich nationalsozialistisch gesinnte - deutschstämmige Gemeinde im Land: "Schauen Sie, uns bleibt nichts anderes übrig. Aber es handelt sich um eine reine Formalität." Perón hegte nicht nur tiefe Sympathie für verfolgte Nazis. Mit Hilfe deutscher Ingenieure und Wissenschaftler wollte er sein Land zu einem Industriestaat erster Ordnung machen. Von 1946 an schickte er Männer seines Vertrauens nach Europa, die dort die Elite der nationalsozialistischen Rüstungswirtschaft anwerben sollten - und ganz nebenbei gesuchte Kriegsverbrecher in Sicherheit brachten. Etwa 2000 überzeugte Nationalsozialisten setzten sich nach den Untersuchungen des Kölner Historikers und Lateinamerika-Kenners Holger Meding zwischen 1945 und 1949 zu Perón ab. Dabei "bewegt sich die Zahl derer, die weder vor alliierten noch später vor bundesdeutschen Gerichten auf Gnade hoffen konnten und sich auf Dauer verbergen mussten, zwischen 50 und 100".
Der argentinische Journalist Uki Goñi, der die Fluchthilfe für Nazi-Täter akribisch untersucht hat, hält diese Zahlen für eher niedrig. "Ich allein konnte mindestens 300 Kriegsverbrecher nachweisen." Dabei, so Goñi, seien die Archive der Einwanderungsbehörde in Buenos Aires mehr als lückenhaft. Er ist sich sicher, dass belastendes Material in zwei Wellen, 1955 und 1996, vernichtet wurde, um das Andenken des noch immer populären Perón nicht zu beflecken.
In der Vergangenheit wurde viel über globale Netzwerke alter Nazis geschrieben. Das bekannteste Hilfswerk dieser Art ist seit den 60er Jahren "Odessa", die "Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen". Der jüdische Nazi-Jäger Simon Wiesenthal behauptete die Existenz von "Odessa", allerdings ohne Beweise oder Quellen offen zu legen. Durch den darauf basierenden Thriller "Die Akte Odessa" von Frederick Forsyth wurde das Phantom zur Medien-Realität.
Danach schleuste ein weltweiter SS-Geheimbund "gefährdete Kameraden" aus Europa nach Südamerika sowie in den Nahen Osten und arbeitete gleichzeitig bis in die Gegenwart an den Grundlagen für ein "Viertes Reich". Finanziert worden sei der Geheimbund durch den riesigen Goldschatz, den die Nazis - nachweislich - während des Krieges zusammengeraubt und - völlig hypothetisch - nach Südamerika in Sicherheit gebracht hätten.
Um "Odessa" herum begannen fantastische Geschichten zu wuchern: Martin Bormann, Hitlers Kanzleichef, habe per U-Boot zusammen mit dem Goldschatz Argentinien erreicht und leite von dort die Rettungsoperationen. Nein, Hitler selbst und mit ihm Eva Braun seien unter Wasser entkommen und hätten kosmetisch verändert ihren Lebensabend auf einem Berghof im südargentinischen Patagonien verbracht.
Grundlage dieses U-Boot-Garns ist eine historisch belegte Tatsache. Nach der Kapitulation am 8./9. Mai 1945 setzten sich zwei deutsche U-Boote tatsächlich nach Argentinien ab. Sie erreichten am 10. Juli und 17. August die La-Plata-Mündung. Die Besatzungen hatten nicht in alliierte Kriegsgefangenschaft geraten wollen und es vorgezogen, das wohlgesinnte Argentinien anzusteuern. Trotz eingehender Untersuchungen wurden an Bord keine Spuren von Nazi-Größen oder Nazi-Gold gefunden.
Seriöser Recherche hält der Odessa-Mythos nicht stand. Holger Meding räumt ein, dass im Nachkriegsdeutschland ehemalige SS-Angehörige oder Parteigenossen ihren alten Kameraden punktuell weiterhalfen, wenn sie das Land illegal verlassen wollten. Doch: "Was oftmals als ausgedehnte NS-Fluchthilfeorganisation angesehen wurde, war tatsächlich die Summe von verschiedenen "Hilfslinien", die von Argentinien ausgingen." Derselben Ansicht ist Uki Goñi, dessen Buch "The Real Odessa" in Kürze auf Deutsch erscheint*.
Trotz der dürftigen Quellenlage in den gesäuberten Archiven von Buenos Aires ist zumindest eine direkte Begegnung Peróns mit notorischen Nazi-Kriminellen verbürgt. In Brüssel fand Uki Goñi das unveröffentlichte Tagebuch von Pierre Daye, dem 1946 in Abwesenheit zum Tode verurteilten belgischen Spitzen-Kollaborateur des Hitler-Regimes. Daye traf Perón im Dezember 1947 zusammen mit zwei französischen Nazi-Helfern in der Casa Rosada. Anerkennend notierte der Belgier: "Alle diese Ausländer waren in ihren jeweiligen Ländern zum Tod verurteilt worden. Der Präsident wusste das, und ich bewundere seine unabhängige Meinung und seinen Mut, mit dem er uns im offizellen Regierungspalast empfing."
Bevor sie den Dampfer in die Freiheit besteigen konnten, mussten die Justizflüchtlinge zwei Hürden überwinden. Zum Ersten hatten die Alliierten für Deutschland ein generelles Auswanderungsverbot verhängt. Zum Zweiten verlangte Argentinien für die Einreise "unverdächtige" gültige Papiere. Da es offiziell zu den Siegermächten zählte, konnte die Regierung es sich nicht leisten, gesuchte Nazis unter ihrem wahren Namen ins Land zu lassen.
Eine große Nord-Süd-Wanderung setzte in Europa ein. Denn für Italien und die Schweiz galt das Ausreiseverbot nicht. Gesuchte Kriegsverbrecher wie der KZ-Arzt Josef Mengele - er war als Fritz Hollmann in einem bayerischen Dorf untergetaucht - machten sich in Richtung Alpen auf. Dazu kamen Nazis vom Schlag des Euthanasie-Experten Gerhard Bohne, der unbehelligt als Jurist in Düsseldorf praktizierte, aber fürchten musste, seine Verantwortung für die Tötung von über 60 000 Menschen werde irgendwann aktenkundig. Und verbitterte Hitler-Fans wie Oberst Hans-Ulrich Rudel, dem kein Prozess drohte. Der legendäre Kampfflieger wollte dem "Sumpf eines völlig seelenlosen, platten, zynischen Materialismus", für den er das besetzte Nachkriegsdeutschland hielt, entrinnen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 13/2005