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Neue Strategie: Netflix muss Serien opfern, um weiter zu wachsen

Die Konkurrenz wird größer für Netflix. Das zwingt den Konzern zum Umdenken: Serien müssen nicht mehr kreativ sein, sondern in erster Linie ein Massenpublikum finden. Diese Strategie fordert nun immer mehr Opfer.

Netflix ändert seine Strategie

Netflix ändert seine Strategie

Picture Alliance

Die Macher von Fernseh-Serien stecken häufig in einem Dilemma: Sie wollen gute, ungewöhnliche Geschichten erzählen, die TV-Sender wiederum wollen nur eine hohe Quote. Und auch wenn das Publikum es nicht wahrhaben möchte, je klassischer eine Serie aufgebaut ist, desto länger bleiben die Zuschauer bei der Stange. Der Einheitsbrei war erfolgreich, Mut wurde im traditionellen Fernsehen dagegen nur selten belohnt.

Dann kam Netflix, und dem Streaming-Pionier schien erstmals der Spagat aus Blockbustern und Arthouse zu gelingen. Für Aufmerksamkeit sorgten Publikums-Hits wie "House of Cards", ungewöhnliche Formate wie "Bojack Horseman" bekamen genügend Zeit, um über Jahre eine kleine, aber treue Fan-Basis aufzubauen. Die Einschaltquoten seien ohnehin nicht so wichtig, betonte Netflix-Manager Ted Sarandos noch vor einigen Jahren. Die Qualität einer Serie ließe sich nicht an Abrufzahlen messen - und Gift für die Kreativität sei der ständige Blick auf die Zahlen obendrein.

Netflix streicht weitere Serien

Doch Netflix ist nicht mehr allein in der Streaming-Welt. Neben Amazon, Sky und Hulu warten am Horizont noch weitere mächtige Gegenspieler, darunter Disney, Apple und HBO, die ebenfalls eigene Streaming-Plattformen starten. Das zwingt Netflix zum Umdenken: Teure Serien, die aber nur von wenigen Liebhabern angesehen werden, kann sich der Konzern nicht mehr leisten. Eines der ersten Opfer war "Sense8", das ambitionierte Projekt der Wachowski-Geschwister ("Matrix"), das quer über den Globus gedreht wurde. Vor wenigen Tagen wurde die Mystery-Serie "The OA" nach nur zwei Staffeln abgesetzt, die Animations-Serie "Tuca & Bertie" wurde ebenfalls gecancelt.

In Hollywood ist nun die Debatte entbrannt, ob Netflix noch ein Hort der Kreativität ist, der auch ungewöhnlichen Formaten eine faire Chance gibt. Wie das US-Technologieportal "The Verge" berichtet, übt etwa Lisa Hanawalt, Showrunnerin von "Tuca & Bertie" und eine der Produzenten von "Bojack Horseman", Kritik am Empfehlungs-Algorithmus von Netflix. Der ist mittlerweile so sehr auf den Mainstream gepolt, dass ihr nicht einmal ihre eigene Serie empfohlen wurde, schreibt Hanawalt auf Twitter. Da die Serie nach nur drei Monaten abgesetzt wurde, habe sie auch nie die Chance erhalten, langfristig ein Publikum zu finden.

Nun kommt es doch auf die Quote an

Der Fall zeigt: Auch im kalifornischen Los Gatos, dem Firmensitz von Netflix, kommt es nun auf die Quote an. Sorgt ein Neustart nicht für genügend Abrufe, wird im Gegensatz zu früher deutlich schneller der Stecker gezogen. Die "Effizienz" stehe nun im Mittelpunkt der Programmplanung, schreibt der gewöhnlich gut informierte "Hollywood Reporter". Das oberste Ziel einer Serie sei nun, neue Abonnenten zu gewinnen – oder wenigstens die bestehenden, womöglich kündigungswilligen bei der Stange zu halten.

Genau das hat man "The OA" offenbar nicht mehr zugetraut. Statt weiteres Geld in eine dritte Staffel zu stecken, konzentriert man sich nun lieber auf ein neues, vielversprechendes Projekt, idealerweise in einem wenig gesättigten Markt. Das heißt im Klartext: Natürlich setzt Netflix weiter auf globale Hits wie "Stranger Things", diese werden aber immer häufiger von lokalen Produktionen flankiert – hierzulande etwa "How to Sell Drugs Online (Fast)".

Kampf um die großen Namen

Streaming-Experte Eric Schiffer sagt gegenüber "The Verge": "Sie spielen das Spiel nun viel konservativer und fokussierter. Ich denke, das ist sehr clever." Er hält auch Netflix‘ jüngsten Coup für einen schlauen Schachzug: Der Konzern konnte das Wettbieten um die "Game of Thrones"-Macher David Benioff und D.B. Weiss für sich entscheiden. Um das Erfolgs-Duo von Pay-TV-Sender HBO loszueisen, nimmt Netflix die Rekordsumme von 200 Millionen US-Dollar in die Hand. "Wir können gar nicht abwarten zu sehen, was ihre Vorstellungskraft unseren Mitgliedern alles bescheren wird“, erklärte Ted Sarandos, der für die Eigenproduktionen bei Netflix verantwortlich ist.

Bekannte Namen seien die sicherste Möglichkeit, neue Zuschauer zu gewinnen, meint auch Streaming-Experte Schiffer. "Es mag mehr kosten, aber das Risiko ist gering, denn sie bringen bereits ein Stammpublikum mit."

Exklusivität und Klasse statt Masse - auf diese Taktik setzt auch Apple: Für seinen angekündigten Streamingdienst "Apple TV+" arbeitet der iPhone-Hersteller unter anderem mit Oprah Winfrey, Steven Spielberg und Jason Momoa zusammen. Ob das Konzept aufgeht, wird sich zeigen. Disney wiederum will der Konkurrenz mit seinen Marvel-Superhelden und zugkräftigen Marken wie "Star Wars" das Wasser abgraben.

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