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Nach einem Monat Verplappert: Putin-Sprecher nennt zum ersten Mal Nawalny beim Namen

Im Kreml nennt man Alexej Nawalny für gewöhnlich "der Patient" oder "der Bürger" 
Im Kreml nennt man Alexej Nawalny für gewöhnlich "der Patient" oder "der Bürger" 
© Alexander Nemenov / AFP
Der, dessen Namen nicht genannt werden darf: Für den Kreml ist es Alexej Nawalny. Einen Monat lang schaffte es der Sprecher von Wladimir Putin, Dmitri Peskow, den Namen des Oppositionspolitikers nicht in den Mund zu nehmen. Bis jetzt.  

Fast ein ganzer Monat ist seit der Vergiftung von Alexej Nawalny vergangenen. Kaum ein Tag ist seit jenem unglückseligen 20. August vergangen, an dem der Kreml-Sprecher Dmitri Peskow keine Fragen nach dem führenden Kopf der russischen Opposition beantworten musste, während dieser um sein Leben kämpfte. Der Name Alexej Nawalnys kam ihm dabei kein einziges Mal über die Lippen. Im Kreml herrscht offenbar die paranoide Vorstellung, dass schon die bloße Nennung des Namens Alexej Nawalny Unglück bringt. "Der Patient" heißt der Oppositionspolitiker meistens im Kreml-Sprech. "Der Bürger" ist eine andere beliebte Variante. 

Nun hat sich Peskow aber verplappert. In einem Interview mit dem russischen Radiosender "Kommersant FM" nannte er Nawalny zum ersten Mal beim Namen. Einen Auszug aus dem Interview haben wir für Sie übersetzt:

"Kommersant FM": Alexej Nawalny hat dem deutschen Staatsanwalt gesagt, dass er bald nach Russland zurückkehren werde. Freut sich der Kreml darüber?

Peskow: Hören Sie, jeder Bürger der Russischen Föderation kann Russland verlassen und nach Russland zurückkehren.

"Kommersant FM": Ich verstehe, aber dies ist kein gewöhnlicher Fall, er hat bereits viel internationale Aufmerksamkeit erregt. Daher die Frage, ob man sich im Kreml freuen wird. 

Kreml-Sprecher Dmitri Peskow
Kreml-Sprecher Dmitri Peskow
© Sergey Guneev / Picture Alliance

Peskow: Wenn der Bürger der Russischen Föderation seine Gesundheit wiedererlangt, werden sich natürlich alle darüber freuen. Die Rede ist schließlich von einem menschlichen Leben, das von Omsker Ärzten gerettet wurde. Und wenn einige negative Auswirkungen – in Bezug auf den Gesundheitszustand – von Berliner Ärzten beseitigt werden, werden natürlich alle nur glücklich sein.

"Kommersant FM": Aber der Kreml verfolgt diesen Fall?

Peskow: Wie meinen sie das? Verfolgt? 

"Kommersant FM": Ob man die Veränderung des Gesundheitszustands Nawalnys verfolgt.

Peskow: Nein, wir sind leider nicht in der Lage, Änderungen des Zustands Nawalnys zu verfolgen. Wir haben keine solche Möglichkeit.

Auch Putin nennt Alexej Nawalny nicht beim Namen 

Und da war es geschehen. Obwohl sich Peskow ganze Mühe gab, rutscht ihm doch der Name Nawalnys raus. Danach war das Interview im Nu vorbei und ist inzwischen auf der Seite von "Kommersant FM" nicht mehr abrufbar. Bei unabhängigen Medien kann das Interview allerdings noch nachgelesen werden, zum Beispiel bei "Meduza".

In der Vergangenheit waren Peskow und seine Familie mehrfach zum Ziel der Ermittlungen des "Fonds zur Korruptionsbekämpfung" Nawalnys geworden. So führte der Kreml-Kritiker die Luxus-Autos und Immobilien des Sohnes des Putin-Sprechers der Öffentlichkeit vor, der nach eigenen Angaben keiner Beschäftigung nachgeht und nichts anderes zu tun hat, als durch Moskau zu brettern und Strafzettel zu sammeln. 

Auch Peskows oberster Dienstherr, Präsident Wladimir Putin, nennt einen seiner schärfsten Kritiker nie beim Namen. Wie in vielen anderen Fällen, setzt der Kreml auch hier auf die Strategie des Totschweigens. 

ivi

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