Donald Rumsfeld Der Kriegsherr


Keiner streitet so beharrlich für einen Feldzug gegen den Irak wie Donald Rumsfeld. Zur Not zieht der Haudegen aus dem US-Verteidigungsministerium auch allein in die Schlacht gegen Saddam Hussein.

"Der Mensch und die Schildkröte haben vieles gemeinsam", pflegt Donald Rumsfeld gern zu sagen. "Keiner der beiden kommt wirklich vorwärts, ohne den Kopf nach vorn zu strecken." Aus der Nähe betrachtet hat der Boss der gewaltigsten Militärmaschinerie der Welt tatsächlich Ähnlichkeit mit den runzligen Kriechtieren. Tief sind die Falten, die sich vom Mund bis zur Nasenwurzel und quer über den Hals ziehen. Wie ein knittriger Beutel wabbelt er über den blau-weißen Krawattenknoten des 70-Jährigen.

Tatsächlich hält der US-Verteidigungsminister

auch jetzt, am Podium im Bayerischen Hof in München, seinen Kopf nach vorn gestreckt, als wolle er noch einer weiteren seiner Lieblingsmetaphern Ausdruck verleihen: "Leaning forward", sich nach vorn neigen, heißt der Begriff aus dem Kalten Krieg, den amerikanische Soldaten, Spione und auch Donald Rumsfeld gern hervorkramen, wenn sie ihre Bereitschaft zur Aggression unterstreichen wollen; ihren Willen, Risiken einzugehen. Rumsfeld benutzt den Spruch bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Er sagt: "Ich möchte, dass jedermann weiß, wie weit wir nach vorn geneigt sind." Und um jeden Zweifel an seiner Entschlossenheit zum Krieg gegen den Irak auszuräumen, erklärt er: "Gemeinsames Bluffen kann keine Sicherheit für alle bringen."

Das war seine Botschaft bei der Münchner Konferenz für Sicherheitspolitik am vergangenen Wochenende: Finale in seinem Werbefeldzug für das große Bombardement auf das Reich des Bösen, die "letzte diplomatische Phase". Rumsfeld hat keine Angst vor militärischen Abenteuern. Und schon gar keine Angst vor den neuerdings friedensbeseelten Deutschen, die er nur zwei Tage zuvor mit Libyen und Kuba eingereiht hatte in die üblichen Verdächtigen, wenn es um antiamerikanische Umtriebe geht. Für Rumsfeld sind das asoziale Totalverweigerer, die er jetzt trotzdem noch schnell auf Kurs bringen möchte. Sonst kennt er kein Pardon.

Donald Rumsfeld, der oberste Kriegsherr im Pentagon, ist der schillerndste Frontmann im Feldzug gegen den Terror. "Ein Krieg gegen Irak wäre Rumsfelds Werk", schreibt das Nachrichtenmagazin "Time". "Gewinnen oder verlieren, dies wäre Rumsfelds Krieg." Als Verteidigungsminister in Krisenzeiten hat er die Rolle seines Lebens gefunden.

Mit seinen Lageberichten

aus Afghanistan ist er vor einem Jahr eine Art Showstar im amerikanischen Fernsehen geworden. Dem Publikum erläuterte er, dass man den Feind mit Worten nie und nimmer zur Besinnung bringen könne. "Das ist, als ob man einen Alligator füttert in der Hoffnung, er frisst dich als Letzten." Solche Sprüche machten "Rummy", wie ihn Freunde nennen, zum Zuschauermagnet. In der Heimat wurde er vom Gesellschaftsblatt "People" zum "Kabinettsmitglied mit dem meisten Sexappeal" gekürt, die "Washington Post" ernannte ihn zu "Amerikas neuem Rockstar". Daneben darf er sich rühmen, als 43-Jähriger einst jüngster Verteidigungsminister in der Geschichte der USA gewesen zu sein. Heute, mit 70, ist er der älteste, den das Land je hatte. Und der schärfste.

Einst hat Rumsfeld versucht, sich gegen Bush senior als Präsidentschaftskandidat der Republikaner durchzusetzen. "Damals kannte ich ihn als extrem ehrgeizigen Mann", sagt Henry Kissinger. "Heute steckt in ihm eine sehr große Ruhe und die Gewissheit, dass sein Job die absolute Erfüllung ist." Der ehemalige Außenminister der USA zweifelt nicht daran, dass der Verteidigungsminister seinen Krieg bekommen wird: "Keiner der Despoten, mit denen wir es zu tun hatten, war unnachgiebiger als Donald Rumsfeld."

Höchstpersönlich lässt sich der Chef nahezu jeden Morgen, wenn er um 6.30 Uhr sein Büro im E-Ring des Pentagon betritt, den Aufmarschbefehl für den nächsten Golfkrieg an sein Stehpult bringen. An der Wand hängt als einziger Schmuck eine schwere Bronzeplakette, die er sich einst auf einem Flohmarkt in New Hampshire gekauft hat. Eingraviert ist ein Zitat des ehemaligen US-Präsidenten Theodore Roosevelt, der im Kubakrieg 1898 an der Spitze einer Truppe von Abenteurern eigenhändig einen Spanier erschoss. Sein Motto auf der Plakette darf durchaus auch als Rumsfelds Leitmotiv gelten: "Aggressiv für das Richtige zu kämpfen ist der edelste Sport in den Angelegenheiten der Welt."

Akribisch kontrolliert der Verteidigungsminister

an seinem Pult das umfangreiche Dokument Nr. 177, den Schlachtplan gegen Saddam Hussein. Normalerweise geben sich Minister mit solch genauer Lektüre von Nachschubwegen und Verlegung einzelner Regimenter nicht ab. Aber mit jedem Schritt, den Amerika dem Krieg gegen den Irak näher kommt, fragt Rumsfeld noch genauer, drängt noch öfter auf Klärung, fordert noch mehr Information. Mehr, besser. Und vor allem: schneller.

Ungeduld, sagen die engsten Mitarbeiter, ist eine seiner ausgeprägtesten Eigenschaften. Rumsfeld hasst Verzögerungen jeder Art. "Keiner, der ihn je wirklich erlebt hat, würde ihn einen Kavalier nennen", sagt I. Lewis Libby, der Stabschef von Vizepräsident Dick Cheney. Rumsfeld ist getrieben von der Angst, dass seine Befehle auf der Strecke bleiben könnten, dank irgendwelcher übervorsichtiger Militärs. Immer wieder lässt er seine Generäle alles noch einmal durchexerzieren, Invasionspläne völlig überarbeiten. Der erste Entwurf des Vier-Sterne-Generals Tommy Franks, der den Krieg gegen den Irak von Katar aus befehligen soll, gilt längst nicht mehr. "Franks ist bestenfalls der Zeichner", sagt ein hoher Pentagon-Offizier. "Der Architekt ist Rumsfeld."

Den Grundstein legteder US-Verteidigungsminister schon kurz nach seinem Amtsantritt. Ins Pentagon zurückgekehrt, krempelte er die Führung und die Ausrichtung der amerikanischen Streitkräfte um. Hochmodern, weltweit einsatzbereit, ausgerüstet mit den letzten Entwicklungen der Waffentechnologie sollte die US-Armee sein. Als größte Gegner einer Modernisierung hatte er schnell die Bürokratie im Pentagon ausgemacht. Bereits vor zwei Jahren, ebenfalls auf der Münchener Sicherheitskonferenz, stritt er für einen amerikanischen Raketenabwehrschild: "Wir haben gelernt, dass Schwäche provoziert", sagte der damals.

Mit dem 11. September schien sich alles zu bewahrheiten, was Rumsfeld schon immer vorhergesagt hatte. Im dem Buch "Bush at War" schildert der Journalist Bob Woodward, wie der Minister schon beim ersten Kriegsrat von George W. Bush und seinen engsten Vertrauten in Camp David die Gunst des Augenblickes nutzte. Ihm gelang es, im Kopf des Präsidenten zu verankern, dass ein Krieg gegen den Irak Teil der Terrorbekämpfung sein müsse. Das war nur vier Tage nach den Attentaten auf das World Trade Center und das Pentagon, kurz nach neun, nach dem gemeinsamen Morgengebet.

CIA-Direktor George Tenet hatte an alle Beteiligten ein Dossier verteilt mit dem Titel: "Going to War". Auf jeder Seite des Dokuments war oben links das Konterfei bin Ladens in einem roten Kreis abgedruckt. Der rote Balken über dem Gesicht symbolisierte das Ziel: die Welt von Osama bin Laden zu befreien. Die Ausführungen des CIA-Chefs fanden großen Beifall. Auch den von Rumsfeld. Doch als sein Stellvertreter Paul Wolfowitz umgehend die nicht vollendete Aufgabe im Irak zur Sprache brachte, schob sein Chef nach: Wenn man nur bin Laden als Zielscheibe benutze, beraube sich die USA der Möglichkeit, dem Krieg später einmal einen größeren Rahmen zu verpassen.

Schon damals beschwor er

die Gefahr von Massenvernichtungswaffen im Irak und drängte Bush, dies der Bevölkerung klarzumachen. Rumsfeld empfahl an jenem Samstag eine lang anhaltende Kampagne, vergleichbar einem Wahlkampf, um die öffentliche Unterstützung zu gewährleisten. "Dies hier ist Schach, nicht Dame", sagte er. "Dies ist ein Marathon, kein Sprint." Eineinhalb Jahre später ist Rumsfeld seinem Ziel sehr nahe.

Der Verteidigungsminister war die einzige Führungskraft aus dem engeren Kreis um Bush, die sich am 11. September tatsächlich in einem der angegriffenen Objekte aufhielt. Vielleicht sitzt deswegen bei ihm der Schock der Attentate tiefer als bei den anderen Mitgliedern der Regierung. Vielleicht fühlt er sich auch nur bestätigt in seiner Angst vor einem Angriff auf Amerika, die er ein Leben lang mit sich herumgetragen hat.

Der Nachfahre deutscher Auswanderer

aus Sudweyhe bei Bremen war neun Jahre alt, als die Japaner im Zweiten Weltkrieg ihren vernichtenden Angriff auf Pearl Harbor führten. Jene Tage in einem Vorort von Chicago gelten Donald Rumsfeld, wie er selbst oft gesagt hat, als eines seiner prägendsten Kindheitserlebnisse. Sein Vater, 38 Jahre alt, sperrte damals sein Maklerbüro zu und zog freiwillig als einfacher Soldat fürs Vaterland in den Kampf gegen die Japaner. "Im Zweiten Weltkrieg sind Selbstmordpiloten mit ihren Flugzeugen in unsere Schiffe geflogen. Heute sucht ein neuer Feind weltweite Macht und ist mit unseren eigenen Flugzeugen in Selbstmordabsicht in unsere Wolkenkratzer geflogen", zieht Rumsfeld die Parallele. Der Unterschied zu damals besteht für ihn nur darin, dass er heute zu alt ist, um selbst eine Uniform anzuziehen.

Dabei wirkt sein schlanker Körper noch immer fast so durchtrainiert wie zu den Zeiten, als er an der Elite-Universität Princeton als Ringer Preise einheimste sowie den dritten Platz im Wettbewerb "Body of the Year". Princeton (Motto: "Im Dienste der Nation") ist die am militärischsten ausgerichtete Vorzeige-Hochschule der Vereinigten Staaten. Schon im 19. Jahrhundert schickten reiche Südstaatler ihre Kinder hierher, um sie anschließend im Bürgerkrieg kämpfen zu lassen.

"Dass Rumsfeld in Princeton war, erklärt, warum er heute als Verteidigungsminister der Mann der Stunde ist", sagt der britische Militärhistoriker Sir John Keegan. "Er ist ein Kämpfer. Er schachert nicht, er verhandelt nicht, und sein Denken ist gänzlich dem Prozess gewidmet, wie erfolgreich er jenen Gewalt zufügen kann, die er hasst." Dass Rumsfeld obendrein als Pilot bei der Marine diente, hat für Keegan ebenfalls entscheidend seinen Charakter geprägt. "Marine-Piloten, die auf sich bewegenden Pisten landen müssen, auf Flugzeugträgern, waren seit jeher flexibler als die der Luftwaffe. Sie nehmen generell größere Risiken in Kauf."

Rumsfeld hatte damit fast immer Erfolg. Schon mit 30 saß er als Abgeordneter im amerikanischen Kongress. Die Frisur von damals hat sich kaum geändert. Und auch nicht seine Gesinnung. Er diente allen fünf rechtgläubigen, also republikanischen Präsidenten, die Amerika regierten, seit er in Washington seine Karriere begann. Doch sein erster Griff nach der Macht geschah zum falschen Zeitpunkt. Als Rumsfeld 1975 Verteidigungsminister unter Gerald Ford wurde, galten Leute wie er als das Problem, vor dem Amerika stand, und nicht als die Lösung für eine bessere Zukunft. Der Vietnam-krieg war gerade schmachvoll zu Ende gegangen. Die politische Klasse in Washington litt unter den Folgen des Watergate-Skandals und des blamablen Rücktritts von Präsident Richard M. Nixon, dem Rumsfeld einst treu gedient hatte.

Die Selbstgewissheit der konservativen weißen Elite mit ihrer Ausbildung an den teuren Universitäten der Ostküste und der festen Überzeugung, im Kalten Krieg auf der Seite der Rechtschaffenen zu stehen, hatte schweren Schaden genommen. Schick waren nicht mehr Führungspersönlichkeiten, die mit großen Worten und großen Gesten die Geschicke des Landes bestimmten - Schlagzeilen machten unerschrockene Reporter, unerbittliche Staatsanwälte, unbequeme Untersuchungs-kommissionen. Der Klüngel der College Boys war vom Club der Kriegsgegner ausmanövriert worden.

Trotzdem gelang es Donald Rumsfeld

, die Rüstungsausgaben nach oben zu treiben. Doch dann zog Jimmy Carter ins Weiße Haus ein, der Südstaaten-Softie, und Rumsfeld wandte sich von der Politik ab. Er stürzte sich in die Privatwirtschaft. In gut 20 Jahren häufte er als Chef von Pharma- und High-Tech-Unternehmen ein immenses Vermögen an, von dem er 6,2 Millionen Dollar in eine wohltätige Stiftung steckte. Nebenher reiste er für den nachfolgenden Präsidenten Ronald Reagan als Sondergesandter in den Irak.

Vermutlich ist dies ein weiterer Grund, warum Rumsfeld als Saddam-Hussein-Hasser gilt. Damals sollte er den noch frischen Diktator auf Amerikakurs einschwören - und das hieß gegen den damaligen Erzfeind der USA, Ayatollah Khomeini, im Nachbarland Iran. Zweimal hat Rumsfeld Saddam Hussein besucht, 1983 und 1984. Er sorgte dafür, dass der Irak von der Liste jener Länder gestrichen wurde, die terroristische Vereinigungen unterstützen. Rumsfeld gilt als Wegbereiter jener Annäherung, die Bagdad damals auch Waffenlieferungen und amerikanische Geheimdienst-Informationen verschafften. Hussein versprach dafür, "kein Unheil in der Welt anzurichten", wie Rumsfeld später der "New York Times" erzählte. Der Rest ist bekannt.

Rumsfeld reagiert gereizt, wenn er auf die damalige Mission angesprochen wird. Diese Niederlage muss für ihn eine der bittersten seines Lebens gewesen sein. "Ich hasse Misserfolge. Das ist bei mir genetisch bedingt", sagt er dazu nur.

Umso mehr möchte er die Scharte

von damals jetzt auswetzen. Undenkbar, er könnte in dieser Situation zu Hause sitzen bei seiner Frau Joyce, die er aus High-School-Tagen kennt und mit der er seit 48 Jahren verheiratet ist. Mit seinen Enkeln spielen. Oder auf seiner Farm in Taos, New Mexico, Rinder züchten, Ski fahren gehen oder sonst irgendwie sein Vermögen verpulvern. Das ist alles nichts für ihn. "Niemand sollte seine Stärke anzweifeln", sagt Militärhistoriker Keegan. "Er scheint ein Mann zu sein, der sich vollkommen der Aufgabe gewidmet hat, diesen Krieg zu gewinnen. Was immer es kostet."

Und wenn es ein ganzer Tag im fensterlosen Konferenzsaal des Bayerischen Hofs in München ist, wo begriffsstutzige deutsche Parlamentarier lästige Frage stellen und vor der Tür 35 000 Menschen gegen seinen Krieg demonstrieren. Rumsfeld geht auf Schmusekurs. "Zu Hause in Chicago hat mein Großvater Deutsch gesprochen, mein Vater hat Deutsch gesprochen und ich versuche ab jetzt auch, Deutsch zu sprechen", sagt er nach der Vorspeise am Abend im Kaisersaal der Residenz. Er steht zusammen mit Edmund Stoiber, reckt seinen Schildkrötenkopf nach vorn, legt die Linke auf die Schulter des bayerischen Ministerpräsidenten und schiebt beim Lächeln seine künstlich anmutende obere Kauleiste nach vorn. Die Finger seiner rechten Hand hält er gespreizt an der rechten Hüfte, genau dort, wo bei Cowboys das Pistolenhalfter hängt.

Im Stimmengewirr geht unter, was Rumsfeld mit Hilfe einer Dolmetscherin Stoiber ins Ohr flüstern lässt. Rumsfeld lacht am lautesten über seinen Spruch, der Bayer lacht leicht gequält mit. Womöglich hat der Amerikaner wieder mal jene Lebensweisheit zum Besten gegeben, die er von Al Capone übernommen hat, der vornehmlich in Rumsfelds Geburtsstadt Chicago sein Unwesen trieb: "Mit einem freundlichen Wort und einem Gewehr kommst du weiter als nur mit einem freundlichen Wort."

Joachim Rienhardt print

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