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US-Zwischenwahlen Moderate Politik im Kapuzenpulli: Wie John Fetterman die Chancen auf einen Sieg der Demokraten im Senat steigert

John Fetterman, Demokrat in Pennsylvania
John Fetterman kandidierte für die Demokraten in Pennsylvania um einen Platz im US-Senat
© Gene J. Puskar / AP / DPA
Pennsylvania galt lange als Hochburg der Demokraten. Mit Trump brach eine rote Welle über den Bundesstaat herein. Hoffnungsträger John Fetterman hat den "Keystone State" nun für die Demokraten zurückerobert – und die Aussichten auf die Mehrheit im Senat verbessert.

Der demokratische Kandidat John Fetterman hat die Hoffnungen und Erwartungen seiner Partei nicht enttäuscht. Bei den Midterms, der landesweit größten Wahl nach den Präsidentschaftswahlen, konnte er den zuletzt von Republikanern besetzten Senatssitz für den Bundesstaat Pennsylvania zurückerobern. Für die Demokraten bedeutet das nicht nur ein Sieg im republikanisch dominierten Rust Belt. Fetterman verteidigt damit auch vorerst die hauchdünne Senatsmehrheit der Demokraten.

Das Rennen in Pennsylvania galt nicht nur als eines der wichtigsten, sondern auch als eines der bizarrsten. Für die Republikaner trat der bekannte Fernsehdoktor Mehmet Oz an. Der Herzchirurg hatte sich die Unterstützung durch Ex-Präsident Donald Trump und damit auch seine Kandidatur durch Schmeicheleien gesichert. Den Wahlkampf nutzte er, um die Gesundheit seines Kontrahenten Fetterman in Frage zu stellen. Der Demokrat hatte im Mai einen Schlaganfall erlitten.

Offenbar standen die Schikanen des Republikaners Fettermans Sieg jedoch nicht im Weg. Nach aktuellem Stand gewann er 50,2 Prozent aller Stimmen in Pennsylvania. Zwar wurde Fetterman in den vergangenen Wochen als Favorit im Wahlkampf gehandelt. Dass er es nun wirklich geschafft hat, haben die Demokraten seinem für die Partei eher unkonventionellen Auftreten zu verdanken.

Mit Tattoos, Blaumann, Glatze und Bart wirkt Fetterman nicht wie die akademische Elite aus New York oder Kalifornien. Er macht Politik mit einfachen Aussagen, die nahe an den Menschen in der gebeutelten Region sind. Damit widerspricht der bisherige Vizegouverneur von Pennsylvania jedem demokratischen Klischee. Unentschlossenen Wähler:innen hat der Mix aus progressiver linker Politik und dem Auftreten eines ehrlichen Arbeiters aber offenbar gefallen.

John Fetterman: The Big ol' Boy from Pennsylvania

Fetterman wuchs in der Mittelschicht von York, Pennsylvania auf. Den Wählerinnen und Wählern war Fetterman bisher hauptsächlich als Bürgermeister des 2000-Seelendorfes Braddock bekannt. Von 2006 bis 2019 setzte er sich wie kaum ein anderer Lokalpolitiker für die Bewohner dieser heruntergekommenen Region ein. Pennsylvania profitierte im 19. und 20. Jahrhundert von der schnellen Industrialisierung in den Vereinigten Staaten. Durch Eisenerz- und Erdölförderungen im Nordosten des Landes entstanden in den Staaten schnell urbane Zentren, der sogenannten Manufacturing Belts.

Die vielen Industriearbeiter:innen dieser Region sorgten jahrzehntelang dafür, dass Staaten wie Pennsylvania, Michigan oder Wisconsin als feste Hochburgen der demokratischen Partei galten. Durch den Strukturwandel und den Niedergang der Stahlindustrie in den 1970er Jahren wurde aus dem Manufacturing Belt dann aber der Rust Belt. Viele Unternehmen gingen pleite, Großstädte verkamen und die Wähler:innen fühlten sich im Stich gelassen. Kein Wunder also, dass Donald Trump mit seinem populistischen Schlachtruf "America First" hier besonders Anklang fand. Der Verlust der sogenannten "blue wall" im Nordosten der USA gilt als entscheidender Faktor für die Wahlniederlage von Hillary Clinton bei den Präsidentschaftswahlen 2016.

Musterbeispiel, um Enttäuschte zurückzugewinnen

Jetzt, nachdem die ersten Wahlergebnisse weitestgehend stehen, zeigt sich: John Fetterman ist ein Musterbeispiel, wie man enttäuschte Wähler:innen langfristig zurückgewinnen könnte. In Kapuzenpullover und kurzer Hose vertritt er progressive, arbeitnehmernahe Positionen und inszeniert sich als einer von ihnen. Er macht Wahlkampf mit der Legalisierung von Cannabis, fordert eine Strafjustizreform, will die Rechte von Gewerkschaften schützen, den Mindestlohn erhöhen und eine gesetzliche Krankenversicherung sowie strengere Waffengesetze durchsetzen. Feuerwaffen gänzlich verbieten will er allerdings nicht. Zudem verteidigt er die Polizei und hat seine abneigende Haltung gegenüber Fracking in den letzten Jahren abgelegt.

Diese moderate Politik scheint bei den Wähler:innen gut anzukommen. Auf seinen Wahlkampfveranstaltungen tummelten sich neben demokratischen Stammwähler:innen, auch viele Menschen, die vor sechs Jahren noch ihr Kreuz bei Donald Trump gemacht hatten.

Selbst ein früherer Skandal kann Fetterman bisher nichts anhaben. Im Januar 2013 nutzte er eine Schusswaffe, um einen schwarzen unbewaffneten Jogger zu inhaftieren. Der Vorwurf des Rassismus wurde laut. Fetterman entschuldigte sich später. Seine Popularität beeinflusste das nicht. Selbst das damalige Opfer Christopher Miyares sagte vor kurzem in einem Interview, dass Fetterman bei den Wahlen im November wohl seine Stimme bekommen würde.

Fettermans Sieg ist ein Teilsieg für die Demokraten

Moderate Wähler:innen, die sich weder als Demokraten noch Republikaner verstehen, konnten sich deutlich mehr mit Fetterman identifizieren als mit der schillernden Fernsehpersönlichkeit Mehmet Oz.

Doch auch nach der Stimmabgabe steht die Wahl in Pennsylvania auf Messers Schneide. Dass die Demokraten in Pennsylvania nun den Sieg für sich verbuchen können, ist wohl vor allem Fetterman und seinem unkonventionellen, ehrlichen Auftreten zu verdanken. Durch seine einfache progressive Message findet er Anschluss bei einer verloren geglaubten Wählergruppe: den Industriearbeiter:innen von Pennsylvania. Zwei Jahre vor den Präsidentschaftswahlen könnte dies die wichtigste Erkenntnis für die strauchelnde Partei sein.

Und trotzdem ist das Rennen um den Senat noch nicht entschieden. Fetterman konnte die Chancen seiner Partei steigern, um die hauchdünne Senatsmehrheit zu verteidigen. Entscheidend sind aber noch die ausstehenden Ergebnisse in Arizona, Georgia, Nevada und Wisconsin. Allerdings kann es noch Tage dauern, bis die Sieger dort feststehen. Im Fall von Georgia könnte bis dahin sogar noch ein Monat vergehen, denn: Erhält keiner der Kandidaten im ersten Wahlgang mehr als 50 Prozent der Stimmen, folgt am 6. Dezember eine Stichwahl.

Quellen: Vox, The New York Times, The Guardian, The Inquirer, Stern, FiveThirtyEight,The Washington Post, lpb Baden-Württemberg, mit Material von AFP und DPA

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