HOME

Kim Jong Il: Dr. Seltsam und die Bombe

Er ist der rätselhafteste Diktator der Welt. Während sein Volk Gras und Kiefernnadeln essen muss, lässt sich Nordkoreas Staatschef Kim Jong Il "als größten vom Himmel erschaffenen Menschen" feiern. Ganz Asien zittert, dass er demnächst zur Atombombe greift.

Einmal kam Kim Jong Il aufgelöst von der Jagd nach Hause. Er stürzte ans Telefon und fragte in einer Klinik nach, "ob Mutter und Kind wohlauf" seien. Alle starrten ihn entgeistert an. Der künftige Diktator lebte damals in zweiter Ehe und holte nebenbei zahlreiche Mädchen aus so genannten "Vergnügungsteams" in sein Bett. Dann löste Kim das Rätsel. Er hatte ein trächtiges Reh angeschossen und das verwundete Tier ins nächste Krankenhaus bringen lassen. Die verängstigten Ärzte mussten das frühgeborene Kitz in einen Brutkasten legen.

"Er war unberechenbar"

Auch zu Menschen konnte der heutige Herrscher über Nordkorea freundlich und voller Wärme sein. Als Kims ältester Sohn Jung Nam ein Baby war, trug er ihn abends so lange auf dem Arm, bis der Junge eingeschlief. "Aber wenn Kim wütend war, zitterte jedes Fenster im Haus", erinnert sich Sung Hae Rang. "Er war unberechenbar." Die feingliedrige Frau lebte zwei Jahrzehnte im Haushalt des Tyrannen. Sie ist die Schwester von Kims zweiter Frau Sung Hae Rim. Hinter dem Rücken seines Vaters, des Revolutionärs und Staatsgründers Kim Il Sung, hatte Kim mit der schönen Schauspielerin zusammengelebt. Erst zwang er sie zur Scheidung von ihrem damaligen Mann, dann trieb er sie mit seinen Launen in den Wahnsinn. Vor einem Jahr starb sie in einer Moskauer Psychiatrie. "Kim hat nicht nur meine Schwester auf dem Gewissen", sagt Hae Rang, "sondern auch meinen Sohn."

Ihren Sohn, der in den achtziger Jahren aus Nordkorea geflohen war, erledigten Kims Agenten 1997. Als er in seinem Plattenbau auf den Aufzug wartete, jagten ihm Killer von hinten Kugeln in den Oberkörper. Seine Mutter war ein Jahr zuvor über Genf in den Westen geflohen. Hae Rang versteckt sich in einer schlichten Einzimmerwohnung in Europa und hat Angst, dass Kim auch sie töten lässt. Sie war es, die der Öffentlichkeit das einzige Foto preisgab, das Kim mit Familie und Verwandten zeigt. Kim Il Jong ist so geheimnisumwittert wie kein anderer Staatschef. Lange Jahre verfügte selbst die amerikanische CIA über keine Tonbandaufnahme, um die Stimme des Politikers zu analysieren, der nun nach Kernwaffen greift. Der sich damit brüstet, bereits über 8000 Brennstäbe zu verfügen, genug für fünf oder sechs Atombomben.

"Monster" in militärgrünen Mao-Anzügen

Kim, meist in graue oder militärgrüne Mao-Anzüge gewandet, Lackschuhe an den Füßen, das schüttere Haar über den Hinterkopf toupiert, war immer eine Spekulation oder Übertreibung wert. Südkoreas Geheimdienste verzerrten ihn zu einem Monster, das Jungfrauen-Blut trinkt, um jung zu bleiben. Es gab Berichte, wonach er schon vor Jahren bei einem Unfall gestorben sei und nun ein Doppelgänger seine öffentlichen Auftritte wahrnehme. Die meisten Berichte schildern ihn als abgedrehten Spinner.

Spitzenbeamte im chinesischen Außenministerium jedoch halten Kim für "jemanden, der weiß, was in der Welt vorgeht". Der ehemalige südkoreanische Präsident Kim Dae Jung, der für seine Politik der Annäherung an Nordkorea den Friedensnobelpreis bekam, lobte den kommunistischen Diktator nach einem Gipfeltreffen, er sei weder ein Mann "mit irgendwelchen Defekten", noch fehle es ihm an Sinn für das Gemeinwohl.

Mal Halbgott, mal charmanter Gastgeber

Meisterhaft versteht es der Filmfan, der mehr als 20 000 Videos besitzt, in immer neue Rollen zu schlüpfen. Er inszeniert sich mal als Halbgott, den die Parteizeitungen "als größten der großen vom Himmel erschaffenen Menschen" preisen, mal gibt er den charmanten Gastgeber, wie 2000, als er die damalige amerikanische Außenministerin Madeleine Albright empfing.

Seit Nordkorea aber im vergangenen Oktober zugab, dass es wieder an seinem Atomprogramm arbeite, graut es den Menschen in Asien vor einem nuklearen Wettrüsten. Drei Tage nach Weihnachten warf Kim die Inspektoren der Internationalen Atombehörde aus dem Land, dann stieg er aus dem Atomwaffensperrvertrag aus. Eine größere Zahl von Atombomben in der Hand von Kim würde womöglich Japan und Südkorea dazu bringen, selbst Kernwaffen zu bauen. Zumal der Herrscher über das letzte radikal-stalinistische Land drohte, Südkorea mit der Hauptstadt Seoul, die anderthalb Minuten von seinen Raketenstellungen entfernt ist, mit einem "Meer aus Feuer" zu überziehen.

Kim, die Sphinx: Er ist ein Terrorist, der mit hoher Wahrscheinlichkeit hinter den Anschlägen auf eine südkoreanische Regierungsdelegation in Burma 1983 und vier Jahre später auf einen südkoreanischen Passagierjet auf dem Flug von Abu Dhabi nach Seoul steckte; mehr als 130 Menschen kamen insgesamt ums Leben. Ein exzentrischer Playboy, der bei einer Party nur in Hose und Unterhemd bekleidet ein Orchester dirigierte, wie die japanische Edelprostituierte Keiko Yoshimura erzählt, die in den achtziger Jahren in Pjöngjang zu Diensten war. Ein Held, der zum Marschall aufstieg, ohne je in der Armee gedient zu haben. Ein Genie, das in nur zwei Jahren sechs Opern komponierte, von denen jede besser ist als die Werke von Mozart und Verdi, wie die staatliche Propagandamaschinerie behauptet.

Der Schwindel begann schon bei Kims Geburt

"Alles Lüge, alles Show", flüsterte Kim bei einem der gewaltigen Jubelaufmärsche einem Getreuen ins Ohr. Der Schwindel begann schon bei Kims Geburt. Als er im Februar 1942 am heiligen Berg Paektu das Licht der Welt erblickte, verkündeten ein doppelter Regenbogen und ein heiliger Stern der Menschheit die Ankunft des Erleuchteten. So lernen es Nordkoreas Schulkinder, so steht es in den offiziellen Kim-Biografien. Jeder soll denken, dass der "Geliebte Führer" auf einer Stufe mit Tangun steht, dem Urvater der Koreaner, welcher der Legende zufolge vor 5000 Jahren das erste Königreich gründete. Kim aber wurde im Osten Sibiriens geboren. Dorthin waren Vater und Mutter geflüchtet, als die Japaner im Zweiten Weltkrieg Nordkorea besetzt hatten. Kim ist unter dem Namen Jura ins Geburtenregister der Stadt Chabarowsk eingetragen.

Seine Mutter starb, als er sieben war. Allein stand Kim fortan im Schatten des übermächtigen Vaters. Der behandelte "ihn wie einen Hund", berichtete James Lilley, der als amerikanischer Botschafter in Südkorea oft Kontakt mit Überläufern aus dem Norden hatte. Kim demonstrierte dennoch stets Gehorsam. Bei einem Staatsbesuch in Moskau, er war 17, half er dem Vater vor aller Augen in die Schuhe. So schaffte er es, die Palastintrigen in Pjöngjang zu überleben und sich gegen den Clan seiner Stiefmutter zu behaupten, die ihren eigenen Spross als Kronprinzen durchsetzen wollte.

"Brutaler und listiger Überlebenskünstler"

1974 wurde Kim Jong Il auf einer geheimen Sitzung des Politbüros zum Nachfolger von Kim Il Sung erkoren. Seit den achtziger Jahren bestimmte er zusammen mit seinem Vater die Geschicke des Landes. "Im politischen Kampf ist er ein brutaler und listiger Überlebenskünstler", weiß Hwang Jang Yop, der damalige Chefideologe des Regimes. 1997 flüchtete Hwang während eines Peking-Besuches in die südkoreanische Botschaft, heute lebt er in Seoul.

Auch auf der Weltbühne hält sich Kim für einen meisterhaften Strippenzieher. Gegenüber Vertrauten rühmt er sich, seine alten Verbündeten in Moskau und Peking ebenso gegeneinander auszuspielen wie auch die Gegner Washington und Seoul. Um seinen Forderungen nach internationaler Wirtschaftshilfe und einer amerikanischen Nichtangriffserklärung Nachdruck zu verleihen, ließ er sogar "Taepodong"-Mittelstreckenraketen abfeuern, im August 1998 querte ein Test-Projektil sogar japanisches Hoheitsgebiet. Am stacheldraht- und minenbewehrten 38. Breitengrad, der letzten Grenze des Kalten Krieges, kommt es des öfteren zum Schusswechsel aus Maschinengewehrstellungen. Im vergangenen Jahr versenkte ein nordkoreanisches Kriegsschiff ein Patrouillenboot aus Südkorea. Fünf Matrosen starben.

Schutz durch ein Heer von Leibwächtern

Sein Land und seine Herrschaft will Kim nun mit Atomwaffen schützen. "Das Beispiel Irak hat ihm gezeigt, dass Schurkenstaaten ohne Atomwaffen leichter von Amerika angegriffen werden", sagt der amerikanische Korea-Experte Viktor Cha. Wenn es um seine persönliche Sicherheit geht, vertraut Kim Jong Il einem Heer von Leibwächtern. Sie haben Befehl, auf jeden zu schießen, der sich der "Sonne der Menschheit" verdächtig nähert. Der ehemalige Bodyguard Lee Young Kuk hat beobachtet, wie Fischer niedergeschossen wurden, die unbeabsichtigt in den 16Kilometer-Kordon vor Kims Strandvilla eingedrungen waren. Die Verwandten bekamen einen Kühlschrank, einen Farbfernseher und die Nachricht, dass ihre Männer und Väter "in Erfüllung ihres Dienstes" verunglückt seien.

Ex-Leibwächter Lee hat wegen eines Fluchtversuches vier Jahre im Konzentrationslager Yodok im Nordosten des Landes verbracht.

Der athletische Mann magerte von 94 auf 54 Kilo ab und verlor vier Zähne. Weil er geschlagen wurde, ist er auf dem linken Ohr fast taub, die Sehfähigkeit seines rechten Auges ist eingeschränkt. "Ein 24-jähriger Häftling versuchte zu fliehen, wurde gefasst, an einen Jeep gekettet und zu Tode geschleift", berichtet er. Dann mussten alle Gefangenen an der entstellten Leiche vorbeiparadieren. Später gelang Lee die Flucht aus dem Land. Er arbeitet heute in Seoul.

Kims Gulag

Menschenrechtler schätzen, dass mehr als 150 000 Menschen in Kims Gulag gehalten werden, bis zu 400 000 Insassen sollen in den vergangenen 30 Jahren gestorben sein. Fast jeder der 25 Millionen Nordkoreaner kennt jemanden, der plötzlich abgeholt wurde.

"Ich liebe es, meine Zeit mit dem Volk und den Soldaten zu verbringen", gab sich Kim Jong Il in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Itar-Tass auf einem Staatsbesuch in Russland als Menschenfreund. "Mein Leben ist lebenswert, wenn ich mit ihnen sprechen und ihre Gefühle teilen kann." Kim, der Angst vorm Fliegen hat, legte die 9300 Kilometer nach Moskau in einem Sonderzug mit 21 Waggons zurück, die neben Personal und eingeflogenen Bordeaux-Weinen auch zwei gepanzerte Mercedes-Limousinen geladen hatten. Den Hummer ließ sich Kim in Frischwasser-Tanks liefern.

Privatvermögen von etwa vier Milliarden Dollar

In den neunziger Jahren war der Gewaltherrscher zwei Jahre hintereinander größter Einzelkunde des Cognac-Herstellers Hennessy. Zuletzt bevorzugte er Hennessy Paradise, die Flasche für 630 Dollar. Inzwischen soll er auf Rat seiner Ärzte auf edelste Rotweine umgestiegen sein. 1998 orderte er 200 Mercedes-Limousinen zum Stückpreis von 100 000 Dollar. Der Gesamtpreis entspricht einem Fünftel der damals von den Vereinten Nationen für die hungernde Bevölkerung Nordkoreas versprochene Hilfe. Kims in Schweizer Banken angelegtes Privatvermögen wird auf rund vier Milliarden Dollar taxiert.

Zu einer Geburtstagsfeier ließ der Feinschmecker fünf Tonnen Obst und Meeresgetier aus Thailand einfliegen, darunter lebende Schildkröten. Sein Volk aber darbt. Mehrere hunderttausend Koreaner sind in den Jahren 1998 und 1999 an Hunger und Entkräftung gestorben. "Wir mussten uns mit so genannter Ersatznahrung durchschleppen, einem Brei aus Gräsern, Laub, Kiefernadeln, Kürbiskernen und Maispulver", berichtet eine Überläuferin dem stern. Die Lage hat sich leicht gebessert, dennoch ist Nordkorea weit davon entfernt, sich selbst versorgen zu können.

Mohnanbau und Drogenhandel in staatlicher Hand

Auf seiner Russland-Reise plauderte Kim Jong Il leutselig mit Wiktor Popow, dem Eisenbahnchef für den fernen Osten. Als der Russe über das Drogenproblem in Sibirien klagte, sagte Kim: "Wenn Sie nordkoreanische Dealer festnehmen, können Sie die sofort erschießen. Wir haben genug Menschen." In Nordkorea sind Mohnanbau und Drogenhandel in staatlicher Hand. In den vergangenen 25 Jahren flogen mehr als 20 nordkoreanische Diplomaten, Agenten und Geschäftsleute als Drogenkuriere auf, einige im Oktober 1998 auch in Deutschland. Unter Tokios Junkies gilt Heroin aus Nordkorea als das Feinste vom Feinen. Im April dieses Jahres brachte die australische Küstenwache ein Schiff mit 50 Kilo Heroin im Wert von 80 Millionen Dollar auf. Es gehörte der Arbeiterpartei Nordkoreas, der von Kim Jong Il geführten Staatspartei.

Nordkorea sei "ein kriminelles Syndikat mit Atomwaffen", sagt der amerikanische Senator Peter Fitzgerald. Im Zentrum der Hauptstadt Pjöngjang, in einem rechteckigen, sechsstöckigen Gebäude, liegt das Büro 39 des Zentralkomitees der Arbeiterpartei. Die Abteilung dient der Devisenbeschaffung. Geld wird mit seltenen Pilzen und Ginseng verdient, aber auch mit Autoschmuggel, gefälschten Banknoten, Drogenhandel sowie dem Export von Raketentechnik nach Pakistan, Ägypten, Libyen, Jemen und in den Iran. Das bringe Kim jährlich mehr als 100 Millionen Dollar ein, vermutet Marcus Noland vom Institut für Internationale Wirtschaft in Washington.

Bush beleidigte Kim als "Pygmäen"

Kim Dong Hun, ein Überläufer, der zeitweilig im Auftrag des Büros 39 mit der japanischen Mafia Geschäfte machte, meint: "Wer Kim Jong Il fertigmachen will, muss nur die Geschäfte des Büros 39 unterbinden." Ähnlich sehen es die Washingtoner Hardliner um Vizepräsident Dick Cheney und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Die Bush-Krieger allerdings haben selbst zum Atomkonflikt auf der koreanischen Halbinsel beigetragen: George W. Bush beleidigte Kim als "Pygmäen", den er verabscheue. Zuvor hatte Kim Ansätze einer Annäherungspolitik erkennen lassen. Als Bush Nordkorea in seine "Achse des Bösen" einreihte, herrschte wieder Eiszeit. Scheitern die Verhandlungen mit Nordkorea, die in dieser Woche in Peking beginnen, wollen die Falken in Washington das Land mit einer Blockade isolieren, bei der zwar Nahrungsmittel rein-, aber keine Drogen, Falschgeld und Raketenteile mehr rauskommen.

Schon jetzt liegt die Wirtschaft Nordkoreas darnieder. Seit dem Zerfall der Sowjetunion hängt das Land vor allem am Tropf Chinas, das mehr als die Hälfte der 1, 5 Millionen Tonnen Weizen zur Verfügung stellt, die Pjöngjang jährlich importieren muss. Trotz der Krise schreckt Kim Jong Il vor Reformen zurück. "Er ist fest entschlossen, an seiner absoluten Macht festzuhalten", sagt sein ehemaliger Chefideologe Hwang, der ranghöchste Überläufer. Nur wenige glauben deshalb daran, dass sich Nordkorea ähnlich wie China in der Zeit nach Mao von innen heraus und friedlich verändern kann. Viele hingegen fürchten, dass Kims Ende eines Tages auch die Nachbarländer mit in den Abgrund reißt, womöglich in einen nuklearen.

Matthias Schepp / print