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Interview

FPÖ-Politiker Norbert Hofer: "Die AfD ist dort, wo wir einmal waren"

Schon im Mai wäre er fast Bundespräsident geworden. Jetzt hat der österreichische Rechtspopulist Norbert Hofer von der FPÖ bei der Neuwahl gute Chancen, endgültig in die Hofburg einzuziehen. Ein Gespräch in Wien.

Von Sylvia Margret Steinitz und Andreas Petzold

FPÖ-Politiker Norbert Hofer in seinem Büro in Wien

Norbert Hofer in seinem Büro in Wien. Als einer der Favoriten war der FPÖ-Politiker zur Bundespräsidentenwahl angetreten. Bei der - inzwischen für ungültig erklärten - Stichwahl erhielt der 45-Jährige fast die Hälfte der Stimmen. Am 2. Oktober wird die Stichwahl wiederholt.

Herr Hofer, nach Ihrer knappen Niederlage bei der Stichwahl im Mai sagte der Chefphilosoph der AfD, Marc Jongen, in der "Zeit" über das Wahlergebnis in Österreich: "Noch einmal hat das morsche System seine Ressourcen zusammengekratzt, bevor es umso eindrucksvoller einstürzen wird." Das müsste Ihnen gefallen. Wird das "morsche System" am 2. Oktober einstürzen?

Einstürzen wird gar nichts. Wer auch gewinnt, wird sich um gute Zusammenarbeit, besonders mit den Mitgliedsländern der Europäischen Union, bemühen müssen. Ein System ändert sich immer. Es ist notwendig, in der Europäischen Union nachzubessern. Man kann nach dem Brexit nicht sagen: Alles in Ordnung, wir machen so weiter. Aber zusammenbrechen wird nichts.

Gerade hat die AfD in Angela Merkels Heimat die CDU überholt. Schlägt in Europa die Stunde der rechtsgerichteten Parteien?

Das hat nichts mit links oder rechts zu tun, sondern mit Vernunft. Ich gehe davon aus, dass Frau Merkel nach diesem Ergebnis ihre Zuwanderungspolitik überdenken wird. 

Wie eng ist Ihre Verbindung zur AfD nach Deutschland?

Es gibt keine persönliche, aber eine Verbindung meiner Partei zur AfD. Es wird interessant zu sehen, wie sie sich entwickelt. Ich sehe ähnliche Probleme, wie wir sie früher in der FPÖ hatten.

Welche waren das?

Es gab oft Streit, das hat unsere Partei sehr geschwächt. Man muss auch die richtige Linie und den richtigen Ton finden, das ist ein Entwicklungsprozess. Ich glaube, wenn die AfD den richtigen Weg geht, dass für diese Partei dann sehr viel möglich ist. Man muss sehr darauf achten, sich bei politischen Inhalten von Extremen fernzuhalten, aber den Weg, den man wählt, sehr geradlinig zu gehen. Das ist aus meiner Sicht das Wesentliche.

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Das heißt, die AfD hat den richtigen Ton noch nicht gefunden?

Die AfD ist in einer Phase, in der die FPÖ auch einmal war. Mit großen Chancen und Risiken durch das schnelle Wachstum. Man hat sehr gute Wahlergebnisse, muss aber auch die Strukturen dahinter stärken – die Ortsgruppen, die Vorfeldorganisationen, all das muss mit einer Partei mitwachsen, auch das Programm. Ich kann nur empfehlen, in der Programmarbeit auch mit Menschen Gespräche zu führen, die der Partei gar nicht so nahestehen.

Wo sind die inhaltlichen Verbindungen zwischen FPÖ und AfD?

Sicherlich in der Wirtschaftspolitik. Wir haben hier einen eher liberalen Zugang, aber gewisse Bereiche sollen in staatlicher Obhut bleiben. Alles, was mit der Daseinsvorsorge zu tun hat. Wir sind also nicht neo-, sondern wirtschaftsliberal, mit der klaren Einschränkung: Es gibt Bereiche, die muss der Staat machen. Und natürlich in der Zuwanderungspolitik. Wir stellen in Österreich gerade ein großes Umdenken fest, auch in den Regierungsparteien. Vieles, was wir vor einem Jahr vorgeschlagen haben, ist damals massiv abgelehnt worden und wird jetzt von der SPÖ-und-ÖVP-Regierung umgesetzt. Dieses Umdenken ist bei uns, glaube ich, stärker ausgeprägt als in Deutschland.

Die AfD-Chefin Frauke Petry hat vorgeschlagen, abgelehnte Asylbewerber auf außereuropäischen Inseln in Lagern unterzubringen. Was halten Sie von diesem Vorschlag?

Etwas Ähnliches hat unser Außenminister Kurz vorgeschlagen. Meine Begeisterung hält sich sehr in Grenzen. Ich glaube, dass das eine Maßnahme ist, die – um es diplomatisch auszudrücken – überzogen ist.

Was schlagen Sie vor?

Dass man die Schengen-Außengrenze kontrolliert und bereits dort feststellt: Wer ist asylberechtigt? Der Begriff des Subsidiärschutzberechtigten und der des Asylwerbers werden ja oft vermischt. Beim Asylwerber muss eine persönliche Verfolgung gegeben sein. Wer als Wirtschaftsflüchtling kommt, kann nur über den Weg der normalen Zuwanderung versuchen, in die EU zu kommen – wenn er etwas gelernt hat, was hier nachgefragt ist.

Das passiert ja in Griechenland.

Zum Teil. Die Schlepper suchen aber immer andere Routen. Man wird neue Wege über Italien finden, es wird auch dort nicht einfach sein, die Außengrenze zu kontrollieren. Man darf nicht durch falsch verstandene Menschlichkeit Signale setzen, um noch mehr Menschen zu motivieren, sich auf den gefährlichen Weg übers Meer zu machen. Mein Vorschlag: Menschen retten und zurückbringen, aber nicht in die Union.


Aber nach EU-Recht müssen Schiffe, die Flüchtlinge unter EU-Hoheitsgewalt aufnehmen, deren Status prüfen. Sie können sie nicht einfach aufsammeln und nach Libyen zurückbringen.

Wir werden beim EU-Recht etwas ändern müssen. Einen anderen Weg sehe ich nicht. Wir brauchen Asylbestimmungen, die praktikabel sind, die menschlich sind, aber auch Rücksicht darauf nehmen, dass nicht jeder asylberechtigt ist. Innerhalb der Europäischen Union gibt es auch unterschiedliche Bedürfnisse, was das Recht auf Asyl anbelangt. Einige Mitgliedsstaaten werden sehr stark frequentiert – Schweden, Deutschland und Österreich. Menschen durchqueren viele sichere Staaten, um dort den Asylantrag zu stellen. Der Grund ist, dass dort die finanzielle Unterstützung groß ist, es gibt eine bessere Unterbringung und so weiter.

Welchen konkreten Vorschlag haben Sie?

Ich bin dafür, bei dieser Unterstützung stärker auf Sachleistungen zu setzen und nicht auf Geld. In Österreich bekommen etwa behinderte Menschen, die in sogenannten Tageswerkstätten arbeiten, ein Taschengeld. Das gilt als vollkommen in Ordnung. Ich bin übrigens nicht der Meinung, dass das Taschengeld ausreichend ist, das sind zum Teil nur 50 Euro im Monat. Aber ich würde es gern im Asylbereich genauso machen: Sachleistungen, die ein Asylwerber benötigt, um hier leben zu können, plus ein Taschengeld für den persönlichen Freiraum.

Die österreichische Regierung hat für Flüchtlinge eine Obergrenze von 37.500 pro Jahr beschlossen. Halten Sie die für zu hoch?

Diese Obergrenze betrifft in Österreich nicht Flüchtlinge, sondern Menschen, die einen Asylantrag stellen. Diese werden in diese Obergrenze mit einbezogen. Ich bin etwas skeptisch, wie man das administrieren soll. Sagt man dann: "So, du bist der 37.501., du darfst nicht über die Grenze."? Mir ist nicht klar, wie die Regierung das umsetzen will.

Wie würden Sie stattdessen vorgehen?

Es bleibt nur der Weg, das grundsätzlich zu lösen, über eine Sicherung der Schengen-Außengrenze. Sonst brauchen wir innerhalb Europas wieder Grenzen, und das kann niemand wollen.

Das Türkei-Abkommen lehnen Sie ab?

Ja, weil es nach meiner Überzeugung nicht funktionieren wird.

Im Augenblick schon.

Aber wir schieben damit ein Problem vor uns her. Die Türkei will drei Millionen Syrer aufnehmen. Diese Menschen bekommen aber kaum Unterstützung, außer dass sie die Staatsbürgerschaft erhalten können. Und dann ziehen sie mit der bis dahin erlangten Visafreiheit in die Europäische Union weiter.

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Wie kommen Sie darauf, zu behaupten, dass die Türkei Millionen syrische Flüchtlinge zu Staatsbürgern machen will?

Das hat ein Regierungschef gesagt.

Welcher war das?

Das darf ich nicht verraten. Es war der Regierungschef eines EU-Mitgliedslandes. Er hat mir in einem Gespräch gesagt, dass er damit rechnet und ich sehen werde, dass es genau so kommen wird.

Das Verhältnis Österreichs zur Türkei ist nicht das beste. Ankara hat zuletzt den Botschafter abgezogen. Ihre Worte tragen nicht gerade zur Entspannung bei.

Ich bin kein Feind der Türkei. Es wird eine Zeit kommen, in der es einen anderen Präsidenten gibt. Aber es ist auch unfair, der Türkei immer etwas in Aussicht zu stellen, was nicht funktionieren kann. Die Türkei ist ein sehr großes Land mit einer anderen Kultur, das bis auf einige Quadratkilometer nicht in Europa liegt. Sie würde auch sehr hohe Ziel-Eins-Zahlungen erhalten, die man erst finanzieren muss. Man sollte sich um eine ehrliche Partnerschaft bemühen und nicht immer von einer möglichen EU-Mitgliedschaft reden. Irgendwann kommt der Tag, an dem man sagen muss: Ihr habt euch sehr bemüht, aber wir wollen euch nicht.

Norbert Hofer

Der Kandidat: Der Ingenieur Hofer, hier beim FPÖ-Sommerfest n Wien, stieg unter seinem Parteichef Heinz-Christian Strache zum dritten Parlamentspräsidenten auf. Seit einem Unfall beim Paragleiten 2003 ist er teilweise gelähmt. Hofer ist in zweiter Ehe verheiratet und hat vier Kinder.

Wenn Sie die Wahl nun gewinnen, haben Sie weit mehr Vollmachten als der deutsche Bundespräsident. Ihr Satz "Sie werden sich noch wundern, was alles gehen wird" hat zu Spekulationen geführt – dass Sie die Regierung entlassen, den Nationalrat auflösen…

Der Satz war einer der kapitalsten Fehler in meinem Wahlkampf. Ich habe das nicht so gemeint, wie es rübergekommen ist, und das hat mir sicher geschadet. Ich kann nur sagen, wenn ich gewinne, werde ich zeigen, dass ich das Amt besonnen ausübe. Dass ich mir jede Entscheidung sehr gut überlege, engsten Kontakt mit der Bundesregierung suche, auch mit dem Parlament und den Landeshauptleuten. Und dass ich sehr verantwortungsvoll mit den Kompetenzen des Bundespräsidenten umgehe.

In einem Interview sagten Sie mit Blick auf den September 2015, als die Flüchtlingswelle von Ungarn über Österreich nach Deutschland lief: "Die Regierung hat das Recht gebrochen, weil sie Hunderttausende Flüchtlinge illegal durchs Land geschleust hat." Sie als Bundespräsident, sagten Sie weiter, hätten die Regierung entlassen.

Das war ein eklatanter Rechtsbruch mit dem Argument, man hätte nicht anders gekonnt – was nicht wahr ist. Unsere Innenministerin hatte schon im Vorfeld vor dieser Entwicklung gewarnt. Als Bundespräsident hätte ich das Gespräch mit der Regierung gesucht und hoffentlich einen Weg der Kontrolle gefunden. Es geht darum, festzustellen, wer das Staatsgebiet durchquert, das ist möglich. Jeder Flughafen fertigt täglich mehr Menschen ab.

Trotzdem wären Sie bereit gewesen, die Regierung zu entlassen. Das lässt doch auf ein autoritäres Amtsverständnis schließen.

Diesen Eindruck möchte ich wirklich nicht erwecken. Ich hätte davor das Gespräch gesucht.

Was hätten Sie im September 2015 an Merkels Stelle gemacht – wissend, dass die Flüchtlinge letzten Endes nach Deutschland wollen?

Ich hätte so schnell wie möglich darauf geachtet, dass die Schengen-Außengrenze funktioniert.

Aber Angela Merkel ist quasi über Nacht in diese Situation geraten wie alle anderen Länder auch.

Also, die Nachrichtendienste funktionieren in diesen Ländern. Man hat nicht erst am Vortag erfahren, was hier auf uns zukommt.

Aber Herr Orbán, dem man nun wirklich nicht Flüchtlingsfreundlichkeit nachsagen kann, war ebenfalls unvorbereitet.

Orbán hat dann die Schengen-Außengrenze gesichert und ist dafür sehr kritisiert worden.

Aber zu spät, da waren alle schon da.

Ich sage nicht, dass Merkel diese Leute wieder zurückschicken hätte sollen. Das war eine extrem schwierige Situation. Ich bin nur mit Frau Merkel nicht immer einer Meinung. Ich finde zum Beispiel nicht, dass wir "das schaffen", weil ich nicht weiß, wer "wir" ist und wie wir das schaffen, wenn wir so weitermachen. Aber man kann ja nur aus einer Entwicklung lernen. Und das heißt für mich: Die Außengrenze sichern, so wie es die Verträge vorsehen.

Aber Sie sagen nicht, dass die deutsche Bundeskanzlerin damals einen Fehler gemacht hat?

Der Fehler ist davor passiert, nämlich, nicht darauf vorbereitet zu sein.

Angela Merkel fordert Solidarität in der EU, vor allem von den Visegrad-Staaten Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn, die sich bisher nicht eben kooperativ gezeigt haben.

Ich glaube, wenn sichergestellt ist, dass das Asylverfahren an der Außengrenze durchgeführt wird und nur jene Schutz finden, die Recht auf Asyl haben – da sprechen wir von ganz anderen Zahlen –, ist Solidarität möglich. Ich habe aber Verständnis, wenn Staaten, die nicht so wohlhabend sind wie andere EU-Länder, sich Sorgen machen, solange das nicht funktioniert.

Sie haben in einem Interview im Juni gesagt, dass, wenn die EU Dinge tut, die dem Interesse Österreichs widersprechen, Sie eventuell eine Entscheidung zum Öxit herbeiführen würden.

Das betrifft zwei Punkte. Erstens den Beitritt der Türkei und zweitens neue EU-Verträge, die einen Superstaat schaffen und die Mitgliedsländer entmachten. In diesen Fällen müsste man die Österreicher fragen, ob sie in einer völlig veränderten EU sein wollen. Aber das entscheiden immer die Bürger, und ich grenze das wirklich auf diese zwei Situationen ein.

FPÖ-Anhänger feiern ihren Präsidentschaftskandidaten Norbert Hofer

FPÖ-Anhänger feiern ihren Präsidentschaftskandidaten Norbert Hofer

Sie streben eine Volksabstimmung über die Schengen-Mitgliedschaft an. Das klingt nach Rückabwicklung der EU. Die Personenfreizügigkeit, die mit Schengen zusammenhängt, gehört zu den Grundsäulen der EU. Wie erklären Sie das, wenn Sie gleichzeitig sagen, Sie wollen die EU erhalten?

Auch das ist Ultima Ratio. Wir müssen daran arbeiten, dass Schengen funktioniert. Wenn nicht, dann müssen wir darüber reden, wie wir das anders gestalten. Wir, die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, haben uns selbst das Versprechen gegeben, die Grenzen innerhalb der Union abzubauen, weil ja die Außengrenze gesichert sein wird. Wir haben unser Versprechen an uns selbst gebrochen.

Und wenn die Außengrenzensicherung von Schengen nicht funktioniert ...

… dann ist Schengen gescheitert. Dann bleibt mir nichts anderes übrig, als die eigenen Grenzen zu sichern.

Und das würden Sie dann mittels Volksabstimmung absichern wollen?

Ich wünsche mir das nicht.

Man hat bei Ihnen und der FPÖ den Eindruck, Sie laufen stets mit dem Flaggensatz übers Feld und positionieren sich dort, wo es politisch am erfolgreichsten erscheint. Ihr Parteichef Heinz-Christian Strache wollte vor der Wahl 2013 ein Referendum über den Verbleib in der Eurozone und brachte einen EU-Austritt ins Spiel. Wie soll man Ihnen da folgen?

Dem Vorwurf des Populismus möchte ich widersprechen. Ich möchte kein Populist sein. Sonst würde ich jetzt sagen: Raus aus der Union. Denn es gibt viele Menschen, die das wollen. Ich sage aber: Wir brauchen eine bessere EU. Und zum Euro – wir sind eine Haftungs- und Schuldenunion geworden. Ich halte das für eine gefährliche Entwicklung. Aber es ist wohl nicht der richtige Weg, wenn Österreich aus dem Euro aussteigt.

Herr Strache hat vor drei Jahren gesagt: "Wir müssen über die Rückkehr zu nationalen Währungen diskutieren, ob das nun Schilling oder Nord-Euro heißt." Weiter: "Das gegenwärtige EU-Regime treibt Österreich Richtung Staatskonkurs." Und heute? Begibt Österreich Staatsanleihen zu Negativzinsen. So eine Aussage, die sich dann als völlig falsch herausstellt, das irritiert doch.

Das verstehe ich. Aber noch mal: Ich will nicht aus dem Euro raus, wenngleich ich mir Sorgen mache, ob er weiterhin so funktionieren wird. Es darf kein Denkverbot geben. Man muss sich die Frage stellen, ob für jedes Land der Europäischen Union der Euro die richtige Währung ist. Oder ob es Länder gibt, die eine harte, und andere, die eine weiche Währung benötigen. Darüber soll man auch einmal reden können. Wir müssen versuchen, dieses Projekt stabil und am Leben zu erhalten. Aber nicht um jeden Preis. Es kann ein Moment kommen, in dem man sagt: Der Euro bekommt ein Problem, dann muss man über diese andere Variante sprechen.

Die FPÖ sitzt im Europäischen Parlament in der ENF-Fraktion, gegründet von Marine Le Pen, die Sätze sagt wie "Ich will die EU zerstören". Geert Wilders, ebenfalls in der ENF-Fraktion, sagt: "Wir sind in der Sklaverei gelandet." Das klingt nicht nach konstruktiver Arbeit an einem funktionierenden Europa. Eher wie der Wunsch, die EU von innen aufzulösen.

Le Pen hat eine andere Sicht der Dinge. Sie sagt, die Union ist bereits gescheitert. Ich glaube das nicht, sondern, dass die Union noch viele Chancen hat und auch ein wichtiges Projekt ist. Aber wir sind auch in anderen Dingen anderer Meinung. Wir sind zum Beispiel gegen die Nutzung von Kernkraft für friedliche Zwecke, Le Pen und Wilders sind dafür.

Warum haben Sie denn diese Fraktion gebildet, mit welchem Ziel?

Ohne Fraktion hast du im Europäischen Parlament nur stark eingeschränkte Möglichkeiten. Man sucht nach Gemeinsamkeiten und macht gemeinsame Anträge und Initiativen.

Aber da sitzen FPÖ-Abgeordnete und lassen sich vom europäischen Steuerzahler alimentieren, mit dem Ziel dieser Fraktion, Europa rückabzuwickeln und aus dem Euro auszutreten. Das ist das Hauptziel dieser Fraktion, gesteuert durch Wilders, Le Pen und Vlaams Belang.

Wenn Sie unsere Anträge ansehen, die wir im Europäischen Parlament einbringen, dann sind das keine Anträge, die darauf abzielen, die Europäische Union zu zerstören, im Gegenteil. Aber es gibt im Europäischen Parlament nun einmal unterschiedliche Ansichten. Die einen sagen, der Heilsbringer sei der Zentralstaat, wir müssen das Einstimmigkeitsprinzip wegbekommen, damit wir endlich schneller entscheiden können. Die anderen vertreten das Subsidiaritätsprinzip. Und die Dritten sagen, es funktioniert gar nicht mehr.

Und was sagen Sie?

Ich bin für die Subsidiarität, weil ich glaube, dass das besser funktioniert.

Es irritiert nur, wenn die FPÖ die Position vertritt, die Sie gerade formuliert haben, und gleichzeitig in einer Fraktion sitzt, deren erklärtes Ziel die Abschaffung der EU ist.

Das könnte man auch zur ÖVP sagen, wenn man die Aussagen von Viktor Orbán in Richtung Europäische Union nimmt. Die CDU ist auch mit Orbán in einer Fraktion.

Aber Orbán ist, was seine Aussagen zur EU angeht, weit weg von Wilders und Le Pen. Und die FPÖ sitzt mit diesen Menschen in einer Fraktion, da fragt man sich natürlich …

… und Le Pen wird sich in Frankreich das Gleiche anhören müssen, wo ihre Unterstützer sagen, wie könnt ihr nur mit der FPÖ in einer Fraktion sein, die will ja gar nicht den Austritt. Das ist eine Arbeitsgemeinschaft, wo man nicht immer mit dem Parteiprogramm ident ist.

Was sagen Sie zu den EU-Sanktionen gegen Russland nach der Annexion der Krim?

Es war richtig, Signale zu setzen, dass die Vorgehensweise nicht korrekt war.

Das ist sehr milde ausgedrückt.

Ich bin sehr diplomatisch.

Die Krim-Annexion war völkerrechtswidrig, würden Sie das unterstreichen?

Es war völkerrechtswidrig. Aber wir haben mit den Sanktionen nichts erreicht. Weder auf russischer noch auf ukrainischer Seite, nur die Wirtschaft hat Schaden genommen und damit die Arbeitnehmer.

Was wäre das für ein Signal gewesen, wenn der Westen auf diese eklatante Völkerrechtsverletzung gar nicht reagiert hätte?

Ein schlechtes. Aber man kommt an einen Punkt, an dem man versuchen soll, das Verhältnis wieder zu normalisieren. Ich bin dafür, wieder eine vernünftige Gesprächsbasis mit Putin zu finden, um aus den Sanktionen rauszukommen.

Sollten Sie zum Bundespräsidenten gewählt werden, sind dann Sie – und nicht mehr Heinz-Christian Strache – der mächtigste Mann der FPÖ?

Nein. Weil ich dann meine FPÖ-Mitgliedschaft zurückgeben würde.

Auf einem Foto aus den 80er Jahren ist Ihr Büroleiter René Schimanek mit führenden österreichischen Neonazis zu sehen. Sie sagten einmal, Sie wollen ihm nicht vorwerfen, was vor 30 Jahren geschehen ist.

Die Justiz hat diesen Fall akribisch geprüft. Gegen René Schimanek wurde nie Anzeige erstattet, sondern gegen seinen Bruder, der auch bestraft wurde. In Österreich gibt es keine Sippenhaft. Ich kenne René Schimanek. Er trägt dieses Gedankengut nicht in sich. Ich habe in vielen Jahren keine einzige Bemerkung von ihm gehört, wo man sagen würde: Das ist aber ordentlich rechts. Ich hätte ihn sonst nicht als Büroleiter eingesetzt.

Dass das als Vorwurf auftaucht in Ihrer politischen Karriere, mussten Sie eigentlich ahnen.

Schimanek hat das selbst angesprochen, als wir darüber geredet haben. Ich habe gesagt: Es gibt in Österreich keine Sippenhaftung. Das ist ein Standpunkt, von dem ich nicht weggehen will. Soll ich ihn bestrafen für das, was sein Bruder gemacht hat?

Aber haben Sie keine Angst, dass das auf Sie abstrahlt?

Nein. Weil jeder, der mich kennt, weiß, dass ich den Nationalsozialismus aus tiefstem Herzen verabscheue. Das war eine Mörderbande, die für Millionen von Toten verantwortlich ist.

Wenn Sie gewählt werden, bleibt Herr Schimanek dann Ihr Büroleiter?

Ich weiß nicht, wer im Fall meines Wahlsiegs welche Funktion innehaben wird, das habe ich noch nicht entschieden.

Vor einigen Jahren haben Sie der NPD-nahen Zeitschrift "Hier und jetzt" ein Interview gegeben, geführt von zwei NPD-Funktionären aus Sachsen. Haben Sie nie darüber nachgedacht, dass Ihnen das auf die Füße fallen könnte?

Ich halte von der NPD gar nichts. Andererseits hatten die gesagt, es ginge nur um Umweltfragen. Da haben wir zugesagt. Ob das klug war? Ich würde es heute nicht mehr machen.

Damals sagten Sie über den Verhaltensforscher Konrad Lorenz, er müsse für jeden Politiker Vorbild und Anstoß für gesellschaftspolitische Überlegungen sein. Lorenz schrieb 1940 von der "Ausmerzung ethisch Minderwertiger".

Man kann nicht alles teilen, wovon Lorenz überzeugt war. Aber ihn ganz wegschieben, als hätte er überhaupt nichts geleistet, darf man auch nicht.

Aber zu sagen, er sei ein Vorbild für gesellschaftspolitische Überlegungen, wie Sie das getan haben, da kommt man natürlich ins Grübeln.

Wie gesagt: Ich würde das heute nicht mehr machen.

Sie sind Ehrenmitglied in einer Pennälerverbindung. Mehrere Ihrer Mitarbeiter sind Burschenschafter. Was fasziniert Sie an deren Welt?

Es stimmt, dass wir bei unseren jungen Leuten viele Burschenschafter haben, aber ich stelle nicht bewusst Burschenschafter an. Ich bin nur Ehrenmitglied einer Verbindung in meiner Heimatgemeinde Pinkafeld, und das erst seit Kurzem. Ich glaube, dass man da auch viel hineingeheimnist. Da gibt es genauso viele Verschwörungstheorien wie bei den Freimaurern. Wenn man dann einmal dabei ist, merkt man, da ist gar nichts dahinter. Ich weiß schon, wenn man diese Welt nicht kennt, dann ist das eigenartig. Dabei ist es wie überall: Es gibt bei den Burschenschaftern irrsinnig nette Menschen und solche, zu denen will man weniger Kontakt haben.

Aber den Burschenschaften gemein soll sein, dass sie Österreich als Nation für einen Irrtum der Geschichte halten.

Diese Ansicht teile ich nicht.

Das heißt, Sie finden, Österreich als Nation ist gelungen?

Österreich ist für mich eine Nation, ja.

Haben Sie in Ihrem Freundeskreis auch Muslime?

Ja! Der beste ist der Amin. Meine Tochter hat ganz viele Freunde aus dem Ausland. Und einer hat zu mir neulich gesagt: "Die ganze Familie wählt Sie." Meine Nachbarn sind aus Serbien, ein bissel weiter wohnen Muslime, vier Häuser weiter wird eine chinesische Familie einziehen. Es ist viel los bei uns in Pinkafeld.

Sie wären vor Jahren um ein Haar nach Amerika ausgewandert.

Ja, das war haarscharf.

Wie gefällt Ihnen das Amerika von heute?

Ich hatte früher in den USA öfter zu tun, als Flugzeugtechniker für die Lauda Air. Amerika hat sich verändert. Ich habe den Eindruck, dass die Infrastruktur sehr gelitten hat und dass es dem Land allgemein nicht so gut geht wie vor 20 Jahren.

Glauben Sie, dass es unter Trump besser würde?

Nein. (lacht)

Sie hatten im Jahr 2003 einen Unfall, Sie sind mit dem Paragleiter abgestürzt. Dabei haben Sie eine teilweise Querschnittlähmung erlitten. Inwiefern hat Sie das verändert?

Es ist nicht so, dass man ein viel besserer Mensch wird. Die Schwächen und Fehler, die man vorher hatte, sind immer noch da. Aber man regt sich weniger über Dinge auf. Man hat viel Zeit zum Nachdenken. Zuerst liegst du Wochen lang nur auf dem Rücken, die Festplatte wird wieder auf null gestellt.

Sie werden in sozialen Medien oft unter der Gürtellinie angegriffen. Ein Beispiel: "Wie soll jemand das Land führen, wenn er nicht mal mit beiden Beinen am Boden stehen kann?" Tut Ihnen so etwas weh?

Nein. Das tut mir nicht weh. Ich wäre nur gekränkt, wenn das jemand sagen würde, den ich persönlich kenne.

Was tut Ihnen denn weh?

Die Nazi-Vorwürfe.

Aber Sie haben dafür ein paar Ansatzpunkte geliefert.

Das wird mir immer wieder unterstellt. Ich kann nur zeigen und beweisen, dass ich nicht so bin.

Wenn jetzt ein Zauberer vor Ihnen stünde und sagte: "Ich gebe dir deine Gesundheit zurück. Du wirst wieder laufen und Sport treiben können. Im Tausch dafür will ich deine politische Karriere." Wofür würden Sie sich entscheiden?

Für das Laufen.

Das Interview ist übernommen aus dem aktuellen stern