Parteitag der Demokraten Der Erlöser taumelt nach Denver


Der Parteitag der Demokraten bedeutet Schwerstarbeit für Barack Obama. Jetzt muss er sich und seine Familie als American dream präsentieren. Zugleich muss er den Millionen Neuwählern im Land die große Hoffnungsshow vorführen - denn auf diese Wähler wird es bei den Wahlen ankommen. Vor allem aber muss er zeigen, wofür er steht.
von Katja Gloger, Denver

Man hatte ihn in Badehose gesichtet, elegant bodysurfend hatte sich der Kandidat in die rauschende Brandung vor Hawaii gestürzt. Barack Obama on holiday. Er besuchte seine betagte, kranke Großmutter, und vielleicht konnte er ja auch ein paar Pfund zulegen - wurde doch im konservativen Wall Street Journal schon orakelt, er sei viel zu dünn für die Lasten des hohen Amtes.

Dummerweise hatte sich im fernen Russland Wladimir Putin erdreistet, in Georgien einzumarschieren und eine internationale Krise, vielleicht gar einen neuen Kalten Krieg auszulösen. Einen größeren Gefallen hätte der Russe dem Republikaner John McCain gar nicht tun können. John McCain, kalter Krieger aus echter Überzeugung, hatte schließlich schon immer gewusst, dass man beim Blick in Putins Augen nicht dessen "Seele" erblickt, wie Präsident Bush glaubte, sondern "nur drei Buchstaben. K.G.B." Mit ernstem Gesicht wandte er sich an die Wähler und erklärte mit gut dosierter Trauer in der belegten Stimme: " Heute, meine Freunde, sind wir alle Georgier."

McCain liegt gleichauf mit Obama

Und was war von Barack Obama zu hören? Ein Statement vor den Kameras, wie immer klug und differenziert, in dem in langen Schachtelsätzen von der UN die Rede war und Diplomatie und internationaler Zusammenarbeit - aber der alte Haudegen John McCain riss die Initiative an sich. Zum ersten Mal seit Wochen, vielleicht gar Monaten, war er landesweit präsent, schlagfertig, auf den Punkt. "Obwohl die Marke Republikaner so verseucht ist wie ein sowjetischer Atomreaktor" ätzte der Economist, liegt John McCain, der in dieser Woche 72 wird, in den Meinungsumfragen jetzt gleichauf mit dem Hoffnungs-Wunder Obama. Und auf einmal schmolz auch Obamas bislang größter Vorteil dahin: sein effizienter, bedächtiger Wahlkampf. "No Drama" lautet dessen Devise. Keine Streitereien, keine hitzigen Reaktionen und vor allem - keine falschen Versprechungen. Doch jetzt ist "urgence" gefragt, ein bisschen mehr Dringlichkeit, mehr Emotion. 68 Tage vor der Wahl will man jetzt endlich wissen, wofür der Hoffnungsträger wirklich steht. Man will ein paar dieser soundbites, jener knappen, fernsehtauglichen Botschaften, die man mit dem Kandidaten fest verbindet. Wie zum Beispiel John McCain, als er neulich gefragt wurde, wie er es mit dem Bösen hält. "Ich werde es besiegen" hatte er geantwortet. "Und ich werde Osama bin Laden an die Tore der Hölle jagen."

Obama ist immer noch ein "Anderer"

Höchste Zeit also für die ganz große Obama-Show, für den Parteitag. So ein Parteitag ist ein perfekt choreografiertes Massenspektakel, in dem die 4400 Delegierten als jubelnde Statisten einer Polit-Soap fungieren. Ein Parteitag verspricht vier Tage Dauerpräsenz auf allen Fernsehkanälen, jeden Morgen, jeden Abend zur prime time. Längst hat man einen eigenen Namen für die Botschaften, die verkündet werden: "Infomercials". Eine Mischung aus "Information" und "Commercials", TV-Werbung. Und doch - Denver wird ein historischer Parteitag. Zum ersten Mal in der Geschichte der USA wird eine Partei aller Voraussicht nach einen schwarzen Präsidentschaftskandidaten küren. Einen Mann, der wie kaum ein anderer den amerikanischen Traum verkörpert - und zugleich von Vielen immer noch als ein "Anderer" empfunden wird. "Dieses Anderssein" so die New York Times, "ist seine grösste Schwäche bei den Wählern, die sich bislang noch nicht entschieden haben." Vielleicht ist dieser Barack Obama ja doch nicht massentauglich? Vielleicht ist er doch zu jung, zu schwarz, zu unerfahren, kann den Gefahren der Welt nicht trotzen, selbst wenn er den erfahrenen aussenpolitischen Strippenzieher und Senator Joe Biden zu seinem Vize machen will.

Und deswegen soll in Denver vier Tage lang eine alles überragende Botschaft verkündet werden: Barack Obama - eine amerikanische Geschichte, der amerikanische Traum schlechthin. Und den Auftakt dabei macht am Montag Abend Michelle Obama, seine starke, kluge, scharfzüngige, umstrittene Frau.

Obamas Rede soll Footballstadion füllen

Für die historische Rede des Kandidaten soll gleich ein ganzes Footballstadion gefüllt werden. 75000 jubelnde Fans - natürlich ist auch dies eine wunderbare Vorlage für John McCain und seine Kritik am angeblichen Personenkult um Obama. "The One" haben seine Strategen ein freches Video getauft, in dem sie Obama als Superstar neben den Skandalnudeln Paris Hilton und Britney Spears präsentieren, als abgehobenen Erlöser, der zwar College-Studenten und deutsche Naivlinge begeistern kann, aber nicht fit ist fürs Weiße Haus. Pünktlich zum Parteitag gibt es "The One II." Und es braucht nicht viel Phantasie, sich vorzustellen, was nach dem Parteitag kommt.

Obamas Wahlkampfstrategen aber behaupten, sie brauchen die große Kulisse. Denn sie setzen für den 4. November auf "turnout", Wahlbeteiligung. Und dabei wollen sie sich weder auf Hillarys entrechtete Arbeiterinnen noch auf konservative Wechselwähler verlassen. Sie wollen, genau wie George Bush vor vier Jahren, mit möglichst vielen Freiwilligen möglichst viele Wähler an die Urnen treiben - und das vor allem in den Battleground states, in den Bundestaaten, die bei den letzten Wahlen nur hauchdünne republikanische Mehrheiten bekamen. Diesen Freiwilligen - schon wird von sagenhaften vier Millionen gemunkelt - denen liefert Obama am Donnerstag die große Show. Denen liefert er "Obamamania." Zugleich aber muss es Barack Obama in dieser Woche schaffen, die jubelnde Hoffnung auf Wandel mit harter, greifbarer Programmatik zu verbinden. Er muss endlich Lösungen anbieten, ein paar gute Parolen, nicht nur die fein nuancierten Kataloge auf seiner website. Denn welcher Wechselwähler in Wisconcin studiert schon die Rubrik "Themen" auf einer website?

Und dann ist da noch…Hillary

Obama müsse seine Botschaft schärfer fokusieren, mahnt die Washington Post. Denn die Umfragen zeigen: die Menschen glauben zwar, viel über Barack Obama zu wissen. Doch sie wissen nicht, wofür er steht. Bei John McCain ist es genau umgekehrt. Er muss sich endlich als echte Alternative präsentieren. Muss angreifen. Und John McCain als "Bush Three" brandmarken. Als dritte Amtszeit Bush. Und dann wären da noch …. Hillary und Gatte Bill und das unausweichliche Drama. Sie kriegen die Bühne fur zwei Abende. So sollen vor allem die waidwunden Hillary-Wählerinnen beschwichtigt, auf Obamas Seite gezogen werden. Sogar Kritik am "strukturellen Seximus" des Wahlkampfes wurde in die Wahlplattform aufgenommen - ganz so, als ob Hillary nicht Opfer der eigenen Arroganz und des katastrophalen Mismanagements geworden wäre. Und zum ersten Mal seit Jahrzehnten steht mit Hillary Clinton ein zweiter Name auf dem Stimmzettel der Delegierten.

Als ob Hillary noch einmal zeigen wolle, wem diese Kandidatur wirklich gebühre. Als ob sie in Wahrheit auf einen Wahlsieg John McCains spekuliere - und ihre erneute Kandidatur in vier Jahren.

Auf nach Denver. Let the show begin.


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